Guten Abend,

es war eine ungewöhnliche Todesanzeige, die mir am 12. Februar 1993 ins Auge fiel: ein Davidstern, darunter die Zeile „Jeder Ermordete hat einen Namen“. Es folgte eine Liste mit Namens- und Altersangaben. 23 jüdische Menschen, am 12. Februar 1943 von Hamburg nach Auschwitz deportiert und ermordet. Bei einem der Namen blieb ich hängen. Ein Kind, Irene Starke, 5 Jahre und 11 Monate. Ich schnitt die Anzeige der Deutsch-Israelischen Gesellschaft aus und bewahrte sie auf.

Das Internet, 1993 noch fern, konnte später mit ein paar dürren Informationen dienen, vornehmlich über Irenes Vater Martin Starke. Er kam mit einem anderen Transport nach Auschwitz und überlebte Zwangsarbeit, Hunger, Kälte, Misshandlungen, Bombardierungen und Todesmärsche. Kurz nach seiner Ankunft hatte er erfahren müssen, dass Irene und ihre Mutter Ruth vom Transport aus direkt für die Gaskammer selektiert worden waren. Die Schwestern Vera und Sulamith, fünfzehn und achtzehn Jahre alt, seien zu Fuß ins Frauenlager Birkenau gegangen. Starkes Nachforschungen liefen ins Leere. Auch die beiden älteren Töchter waren ermordet worden.

Irene hatte einen Halbbruder, denn ihr Vater hatte in Hamburg eine Geliebte gehabt, Käthe Goldschmidt. Ihr gemeinsamer Sohn überlebte den Krieg in München, als „arisches“ Waisenkind getarnt. Auch Käthe Goldschmidt verließ lebend das Ghetto Theresienstadt. 1950 heiratete sie Martin Starke. Der Sohn, Pit Goldschmidt, war dabei, als die damalige Hamburger Kultursenatorin Karin von Welck am 24. Juli 2009 den 20.000. Stolperstein enthüllte – es war der für Irene. Die Stolpersteine für sie, ihre Mutter und die beiden Schwestern wurden vor dem Haus am Grindelhof 43 verlegt, wo die Familie früher gewohnt hatte. Das sogenannte Grindelviertel war einmal das Zentrum der jüdischen Gemeinden in der Stadt gewesen; 25.000 Menschen gehörten 1933 dazu.

Ganz zufällig stieß ich auf einen weiteren Ort, an dem man Irene und ihre Familie findet. Hin und wieder unternehme ich Erkundungstouren in die Hafencity, um nachzusehen, was wieder an Neuem dazugekommen ist auf der Großbaustelle: Häuser, Boulevards, Treppen, auf denen man auch sitzen und aufs Wasser schauen kann, die Hafencity Universität, Spielplätze, Parks – und in einem davon, dem Lohsepark, gibt es seit drei Jahren das „denk.mal Hannoverscher Bahnhof“.

Durch die sogenannte Fuge, einen schluchtartigen Einschnitt ins Gelände, der vom ehemaligen Bahnhofsvorplatz entlang dem historischen Gleisverlauf bis zu den Überbleibseln des Bahnsteigs 2 führt, erreicht man die eigentliche Gedenkstätte. Tafeln mit Namen von über 8.000 Juden, Sinti und Roma, zwischen 1941 und 1945 aus ganz Norddeutschland nach Belzec, Lodz/„Littmannstadt“, Minsk, Riga, Auschwitz und Theresienstadt deportiert. Und dann fand ich den bekannten Namen: Irene Antoinette Starke, geboren am 14. Februar 1937. Zwei Tage vor ihrem sechsten Geburtstag war sie hier in den Zug gestiegen. Heute wäre sie also 83 Jahre alt geworden.

Scharen von Historikern mögen bis ins Letzte erforschen, wie es dazu kommen kann, dass Menschen anderer Religion, Herkunft oder Hautfarbe ausgegrenzt, gehasst, verfolgt und umgebracht werden, selbst Kinder – für mich wird hinter allen rationalen Erklärungen immer ein un(be)greifbarer Kern bleiben. Damit aber Vogelschisser und Schlussstricher nicht die Oberhand bekommen, müssen wir uns erinnern. Oder es zumindest versuchen. Vielleicht mithilfe von Überlebenden, Zeitzeugen, die vom Holocaust erzählen oder davon, was „weiter leben“ bedeutet. So lautet der Titel eines überaus lesenswerten Buches von Ruth Klüger, die gegen alle Wahrscheinlichkeit als Jugendliche Auschwitz überlebte.

Im Hamburger Grindelviertel leben übrigens heute wieder etwa 4.000 Juden. Es gibt ein jüdisches Café und eine jüdische Schule (streng bewacht, was leider nötig ist). Und erst vor zwei Tagen hat die Hamburger Bürgerschaft beschlossen, dass die einst größte Synagoge Nordeuropas wiederaufgebaut werden soll, die von den Nazis zerstörte Synagoge am Bornplatz.

Irene und ich

Kerstin Eitner
Redakteurin

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