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Greenpeace Magazin Ausgabe 2.06

Ist es in Ordnung, in den Skiurlaub zu fahren?

Leo Hickmans Ratgeber für ein gutes Leben

Wenn die Schweizer anfangen, sich über etwas Sorgen zu machen, sollte man aufhorchen. Laut Berichten des vergangenen Jahrzehnts aus dem Alpenraum ist die ökologisch sensible Bergwelt auf einer gefährlichen Schussfahrt. Und ganz offensichtlich ist unsere Liebe zum Wintersport daran mitschuldig — sei es durch den Bau von Straßen und Liften, die Luftverschmutzung durch den Verkehr, die Erosion auf den Skipisten.

Eine von der UN finanzierte Studie von Geographen der Universität Zürich prophezeit, dass aufgrund des Klimawandels — der natürlich nicht allein den Alpenbesuchern und Skifahrern anzulasten ist — bis zu 70 Prozent der Schweizer Gletscher binnen einer Generation verschwunden sein werden. In Ländern, in denen die Gletscher weniger hoch liegen, wird deren Rückzug noch dramatischer ausfallen. Die Forscher schätzen, dass insgesamt zwischen 37 und 56 Prozent aller Skipisten in den Alpen aufgegeben werden müssen. Skifahrer berichten seit Jahren anekdotisch darüber, wie sich die Bedingungen verschlechtern. Mancher spricht in diesem Gebiet sogar schon von einer drohenden „Post-Schnee-Ära“.

Das hat natürlich gewaltige ökonomische Auswirkungen. Hundert Millionen Besucher sind alljährlich bei den 13 Millionen Bewohnern des Alpenraums zu Gast — ein Zehntel des weltweiten Tourismusgeschäfts wird hier gemacht. Doch anstatt eine Strategie zum Schutz der verbliebenen Schneegebiete auszuarbeiten, haben sich viele Alpengemeinden voller Elan darauf gestürzt, das möglicherweise letzte Stück vom Kuchen des Wintersportgeschäftes zu ergattern. Es ist wieder mal das alte Lied: Arbeitsplätze gegen Umwelt. Dreimal dürfen Sie raten, wer gewinnt.

Eine gemeinsame Studie des Schweizer Heimatschutzes und der Schweizer Stiftung für Landschaftsschutz und -pflege kam zu dem Ergebnis, dass im Oberen Engadin jedes Jahr 400 neue Ferienhäuser gebaut werden. Viele stehen einen großen Teil des Jahres leer. Die Bettenzahl hat sich in dem Gebiet zwischen 1970 und 2000 verdreifacht.

Der Schweizerische Nationalfonds hat sich besorgt darüber geäußert, dass der Freizeitverkehr 60 Prozent aller mit dem Auto zurückgelegten Kilometer im Alpenraum ausmacht; die erwartete Zunahme des Flugverkehrs um 250 Prozent bis 2020 wird für ein Drittel aller CO2-Emissionen in der Region verantwortlich sein. Von diesem Zuwachs geht allerhand auf das Konto von Wintersportlern. Allein die Billigfluglinie EasyJet bietet an jedem Sonnabend im Januar 20 Flüge von London nach Genf an.

Die Bemühungen, das Problem in den Griff zu bekommen, scheinen bestenfalls Stückwerk zu sein. So sind einige Schweizer Banken mittlerweile nicht mehr willens, die Erschließung weiterer Skigebiete zu finanzieren. Der Bau neuer Skiorte ist in der Schweiz und in Deutschland verboten. Aber über pan-
alpine Abkommen hat es viel Gezänk gegeben. 1991 haben Deutschland, Frankreich, Italien, Liechtenstein, Österreich, die Schweiz und die Europäische Union die Alpenschutzkonvention unterzeichnet. Deren Ziel war, eine einvernehmliche Lösung über den Schutz und die nachhaltige Entwicklung der Region zu finden. Oder in den Worten der Internationalen Alpenschutzkommission 2005: Wie sich die Bremse ziehen ließe im kommerziell am stärksten ausgebeuteten Gebirge der Welt.

Doch bislang haben nur Liechtenstein, Deutschland, Österreich, Slowenien (ein neues Mitgliedsland) und seit 2005 auch Frankreich alle neun Protokolle ratifiziert — die Schweiz, Italien und die EU bislang noch kein einziges. Es sieht ganz so aus, als bliebe es dem Einzelnen überlassen, die Disziplin und Zurückhaltung an den Tag zu legen, die für den Schutz von Bergregionen nötig sind, ob in den Alpen oder anderswo.

Abgesehen von der Entscheidung, den Wintersport ganz und gar aufzugeben (was schon sehr bald die einzige Lösung sein könnte), gibt es eine andere Alternative: Orte und Transportmittel sollten sorgfältig ausgesucht werden. Sind Car-Sharing oder die Nutzung öffentlicher Transportmittel möglich? Können Sie den Zug nehmen anstatt zu fliegen? Erkundigen Sie sich nach der Umweltpolitik eines Ortes: Gibt man dem Berg „Ruhetage“? Werden die Pistenraupen mit Bio-Treibstoff betrieben? Sind Aktivitäten abseits der Pisten stark begrenzt? Haben die Chalets Solarpaneele? Was passiert mit dem Abwasser?

Um Spaß zu garantieren, verlassen sich viele Orte heute auf Kunstschnee oder verlegen Pisten in höhere Lagen. Doch den Angaben eines US-Skiortes zufolge, verbrauchen die Schneekanonen bei ihrem Einsatz so viel Strom wie alle 15.000 Einwohner zusammen. Und der Höhenrausch bedeutet ein weiteres Vordringen in schützenswerte Naturräume. Zu den schlimmsten Freveln, die ein Wintertourist überhaupt begehen kann, gehört die Suche nach unberührtem Pulverschnee — dabei fällt einem sofort Heli-Ski ein. Ganz entscheidend ist es, auf den markierten Pisten zu bleiben und sich so zu verhalten, als sei es ein großes Privileg, in einer solch ursprünglichen, doch im Verschwinden begriffenen Umgebung zu Gast sein zu dürfen.

Übersetzung: Kerstin Eitner