Greenpeace Magazin Ausgabe 6.98

Jenseits von Afrika

Havanna, Genf, Seoul – um die Welt vor Raubbau und Naturzerstörung zu bewahren, eilt Klaus Töpfer als neuer Umweltchef der Vereinten Nationen um den Globus. Der Erfolg seiner Behörde mit Sitz in der kenianischen Hauptstadt Nairobi steht und fällt mit seinem Einsatz — und der ist ungewöhnlich groß.

Töpfer ist wieder da. Soeben leicht verspätet eingeflogen aus Lissabon, nach Besuchen in Peking, Schanghai, Bangkok und Berlin, wo er im Lauf von zehn Tagen Dutzende Politikerhände geschüttelt und jede Menge Katastrophen diskutiert hat. The boss is back, und alle wollen etwas von ihm, müssen schnell wollen, denn wenn Töpfer nach Nairobi kommt, ist das nur eine Zwischenlandung für Tage. Seit Monaten befindet er sich im Dauertransit. Deshalb scharren seine Mitarbeiter ungeduldig mit Kugelschreibern auf Terminplänen und Wiedervorlagen.

Er sitzt an der Stirnseite des schweren Konferenztisches in seinem hellbraun getäfelten Büro bei UNEP, dem United Nations Environment Programme. Ein paar Minuten scheint er nach der Fahrt vom Flughafen jenseits von Gut und Böse, die Augen so schmal wie sein Wortschatz. Zwei Pressesprecher und sein Bürochef sind zum Rapport angetreten: Wer regiert heute morgen in Rußland, was treibt Clinton und wo? Wie steht der Dow Jones, wie der Rubel? Wo brennt der Urwald, welche Medien zitieren UNEP-Chef Töpfer zu den Überschwemmungen in China und zur Flutkatastrophe in Bangladesch? Anschließend bestellt er eine Rede für eine Umweltkonferenz in Rotterdam, präzisiert UNEP-Erklärungen zum „Jahr der Meere“, berichtet von seiner China-Reise, diskutiert Personalien. Plötzlich ist er hellwach, sitzt noch immer im Sessel und hetzt in Gedanken schon wieder um den Globus.

Vor acht Monaten hat Töpfer den vielleicht schwierigsten Job bei den Vereinten Nationen übernommen. Er soll das Umweltprogramm UNEP und das Stadtentwicklungszentrum Habitat auf Vordermann bringen, Organisationen, die vor allem von der Erinnerung an bessere Zeiten leben, an den Erdgipfel von Rio de Janeiro 1992 oder die Konferenz Habitat II in Istanbul 1996. Damals herrschte Aufbruchsstimmung, Zuversicht, daß Industrie- und Entwicklungsländer die Umweltzerstörung und das Wuchern der Megastädte gemeinsam stoppen können.

Inzwischen aber diktiert der globale Markt die Tagesordnung praktisch allein. Weltweite Konkurrenz und politisch nicht mehr kontrollierbares Kapital jagen Börsenkurse in schwindelnde Höhen und stürzen selbst starke Volkswirtschaften in die Krise, machen die Reichen reicher und die Armen ärmer. Zugleich tobt der Furor eines von der Menschheit mitverursachten Klimawandels um die Erde; El Niño vernichtet Siedlungen, Ernten und Urwälder, raubt vor allem den Menschen in den Entwicklungsländern Existenzgrundlage und Zukunftshoffnung.

Grenzenlos viel Arbeit für UNEP und Habitat, aber die Mitgliedsstaaten sind skeptisch, ob ihre Beiträge in Zeiten leerer Kassen noch lohnen. Entscheidungsgewalt haben Töpfer und seine Behörden nicht. Sie können nur Anstöße geben, Informationen sammeln, Wissenschaftler einladen und auf die Kraft ihrer guten Argumente hoffen. Wenn es Töpfer nicht fertigbringt, seine Organisationen zu gefragten Ratgebern zu machen, dann wird ihnen der Geldhahn weiter zugedreht.

Töpfer geht erstmal zur Mittagspause. Ein kurzer Spaziergang über den UN-Campus in Nairobis Stadtteil Gigiri, ein Garten Eden von einem Quadratkilometer liebevoll begrünter Fläche im Norden der Stadt. Im Restaurant eine matschige Mussaka und eine Flasche Bier. Er grüßt und scherzt, winkt Mitarbeiter heran, bis alle Plätze am Tisch besetzt sind. Beim Essen erzählt er von seiner Asienreise, freut sich, daß die chinesische Regierung, der er technische Hilfe angeboten hat, menschliche Mitverantwortung für die Jangtse-Flut eingeräumt hat. „Bis vor kurzem undenkbar“, meint er und schenkt seinem Gegenüber aus seiner Flasche nach. Auch der Besuch beim König von Thailand hat ihm gefallen. Sein UNEP-Repräsentant in Bangkok, der ihn zur Audienz begleitete, rutschte in Ehrfurcht auf Knien zum Stuhl des Königs. „Leider undenkbar bei UNEP“, grinst Töpfer.

Nach dem Essen geht er mit schweren Beinen zur nächsten Besprechung. „Das ist der Tiefpunkt des Tages, wenn man nachts durchgeflogen ist.“ Er zeigt auf einen grasbewachsenen Hügel inmitten der Anlage. „Da werden wir eine Gedenkstätte für die Bombenopfer an der amerikanischen Botschaft bauen.“ Ein Terroranschlag islamischer Irrer im Zentrum von Nairobi tötete Anfang August mehr als 200 Menschen, die meisten von ihnen Kenianer. Er habe keine Angst vor Terroristen, sagt Töpfer. Ein unbewaffneter Leibwächter begleitet ihn in Nairobi, sein Dienstmercedes ist ungepanzert, und die vorgeschriebene Sicherheitstechnik in seiner Wohnung in der Stadt erinnere ihn an ein Gefängnis.

„Das Problem mit der Sicherheit liegt ganz woanders“, sagt er. „Meine Sekretärin kann abends nicht länger als halb acht bleiben, weil sie sonst vielleicht nicht mehr unversehrt nach Hause kommt.“ In den UNEP-Büros erzählen sie Geschichten von Überfällen, Vergewaltigungen, Entführungen. Mancher seiner Mitarbeiter wurde selbst bedroht, die Wohnung ausgeraubt. Ein Blick in die Morgenzeitung „Nation“ erinnerte Töpfer daran, „wo ich gerade gelandet bin“. Ein tausendköpfiger Lynchmob hat in einem kenianischen Dorf zehn Menschen bei lebendigem Leib verbrannt, man verdächtigte sie der Hexerei. „Wie soll ich die besten Wissenschaftler, die besten UN-Experten nach Nairobi kriegen? Wer kommt unter solchen Bedingungen aus Europa oder den USA freiwillig hierher?“

Töpfer muß UNEP und Habitat aus eigener Kraft erneuern, mit wenig Geld und viel Diplomatie. Sein nächster Termin führt ihn zu Habitat. Im Bürohaus gegenüber das gleiche Chefbüro mit dem gleichen Türschild wie bei UNEP: „Executive Director Klaus Töpfer“. Das Büro wirkt unbenutzt, und das will Töpfer an diesem Nachmittag ändern. Am Tisch sitzen ein langjähriger deutscher Abteilungsleiter und ein norwegischer Diplomat, für ein dreiviertel Jahr ausgeliehen von der norwegischen Regierung. Bei der Ausarbeitung der Strukturreform für UNEP und Habitat hat er Töpfer effizient zugearbeitet. Der Chef eröffnet der Minirunde, daß der Norweger von nun an sein „Alter ego“ sei, bis auf weiteres alle Entscheidungen bei Habitat in seinem Namen treffe.

Das Gesicht des deutschen Abteilungsleiters wird ob der neuen Entwicklung röter, als es schon war. Er hat keinen guten Tag erwischt. Töpfer vermißt eine Briefvorlage. „Das ist doch schon eineinhalb Wochen her“, sagt er freundlich. Der Deutsche rötet abermals nach. Zehn Tage und keine Briefvorlage. Zehn Tage, in denen der Chef 50.000 Kilometer um die Erde geflogen ist, um UNEP und Habitat nach vorn zu bringen. Töpfer registriert, daß der Seitenhieb gewirkt hat. „So machen wir das hier mit unseren deutschen Mitarbeitern“, sagt er später. Damit das häßliche Wort Seilschaft gar nicht erst aufkommt.

Einige Altgediente murren, aus Töpfers Reformpapier könne man alles und nichts herauslesen. Töpfer will das UNEP-Profil mit wenigen Kernthemen und effektiverer Arbeit schärfen: Dialog mit der Industrie, Technologietransfer in die Entwicklungsländer, Strategien gegen den Wassermangel, die Entwicklung Afrikas, des ärmsten Kontinents. UNEP soll wieder die führende Stimme im Umweltschutz werden. Und Habitat soll mit Rat und Tat dafür kämpfen, daß die Stadt der Zukunft nicht in Gewalt, Krankheit und Müll versinkt.

Töpfers wichtigstes Werkzeug ist sein internationales Renommee, die Erfolgsaussichten seiner Mission sind höchst unsicher. Er hat keine Macht, sein Einfluß steht und fällt mit seiner Glaubwürdigkeit als unparteiischer Beobachter der globalen Umweltlage. Er muß die Weltöffentlichkeit über Umweltsünden aufklären, ohne Regierungen und Konzerne zu verprellen, denn deren politische und finanzielle Unterstützung braucht er. Wenn er etwa Lobbyarbeit für ein internationales Verbot nicht abbaubarer, organischer Chemikalien macht, „dann sitzt die Industrie mit im Boot, denn gegen die Industrie läuft gar nichts“. Töpfer hat Ziele, aber keine Illusionen: „Wenn wir es nicht schaffen, die verdammte Armut in den Entwicklungsländern zu verringern, werden wir keinen Erfolg haben.“ Daß auch der überbordende Konsum der Industriestaaten der Umwelt schadet, behält Töpfer diplomatisch für sich. Diese Botschaft würden Bonn, London oder Washington nicht gerne hören.

Nairobi ist die einzige UN-Zentrale in einem Entwicklungsland, eine Insel weitab der globalen Machtzentren, umgeben von wachsender Armut, Gewalt, Korruption. „Wir müssen mit einer Stimme sprechen“, sagt er über die Ämterhäufung, die er selbst wollte, „sonst wären unsere Chancen für eine erfolgreiche Reform viel geringer.“ Seine Mitarbeiter wissen das, und sie wirken glücklich, daß sie ihren Töpfer haben, trotz seiner häufigen Abwesenheit und einem schweren deutschen Akzent in der englischen Aussprache. „Er ist ein starker Chef, er führt“, sagt die Pressechefin von Habitat, „allerdings hat man bei den Vereinten Nationen nicht viel Spielraum für persönliche Entscheidungen. Man braucht Geduld. Töpfer lernt gerade dazu.“ Sein Stellvertreter, ein pakistanischer Diplomat mit langer Erfahrung in der internationalen Umweltdiplomatie, hält Töpfer für „die beste Wahl. Kein Politiker aus dem Norden genießt bei den Ländern des Südens so viel Vertrauen.“ Ein kenianischer Büroarbeiter sagt: „Töpfer ist ein guter Chef. Er vergißt nie die kleinen Leute.“

Die Großen vergißt er auch nicht. Nach der Videokonferenz mit den UN-Zentralen in New York und Genf ruft er am Abend seine Sekretärin und seinen Assistenten zu sich. Der Reiseplan muß aktualisiert werden. Auf dem Programm für September stehen Genf, Rotterdam, Bonn, Potsdam, Hannover, Saarbrücken, Nairobi, Berlin, Cambridge, Havanna, Mexiko City, New York, Genf, Paris, Seoul, Tokio. Immer per Linienflug und Anstehen am Flughafen. Konferenzen, Besuche in Regionalbüros, Fernsehauftritte, Vorträge. Und eine Nacht bei seiner Frau im Saarland.

Warum tut sich ein 60jähriger diesen Job an, weitab von Freunden und Familie? Warum verläßt der renommierte Bundesbauminister die Regierung, um ein Himmelfahrtskommando ohne Macht zu übernehmen? Wieso läßt sich der Baumeister des Berliner Regierungsviertels in Kenias verrottende Metropole berufen? Das alles für monatlich 10.000 Dollar netto, ein Trinkgeld, gemessen am Arbeitspensum und am Wert der riesigen Aufgabe.

Abends gegen halb zehn bringen ihn sein Chauffeur und der Sicherheitsmann in ein Restaurant. Eine Pizza, zwei Bier. Vom Nachbartisch grüßt die Skatrunde der deutschen Botschaft. Sein geliebter Skat. Töpfer wurde in der Runde lange nicht mehr gesichtet. Warum? Das viele Warum. Da versteckt er sich erstmal hinter dem Wörtchen „man“: „Man kriegt so eine Chance nur einmal im Leben“, sagt er, „man kann so eine Berufung nicht ablehnen“, oder: „Es ist phantastisch, wenn man wieder Umweltpolitik machen kann.“

Klaus Töpfer ist ein mutiger „Man“. Er mischt sich ein und reibt sich dabei auf, will als „ökologisch denkender Ökonom“ mithelfen, die ruinöse Dynamik der Weltwirtschaft zu zügeln, mit Kompromissen statt radikaler Lösungen. „Schlaue Konzepte für Nachhaltigkeit kann jeder schreiben, vor allem, wenn er in einem Industrieland sitzt“, sagt er. „Aber wer bohrt dann das dicke Brett und überzeugt die Regierungen, diese Ideen auch umzusetzen?“

Beim letzten Schluck Bier kurz vor Mitternacht sind seine Augen wieder so schmal wie morgens. Am nächsten Tag stehen Besuche von Botschaftern auf dem Programm, Filmaufnahmen, eine Pressekonferenz, Sitzungen, etliche Telefonate. Der Mercedes fährt vor, Töpfer steigt auf den Rücksitz und verschwindet in der Nacht von Nairobi. Mit den Gedanken irgendwo im Niemandsland zwischen Gut und Böse, irgendwo jenseits von Afrika.

Von OLAF PREUSS
Fotos: GERALD HÄNEL

Von Bonn nach Nairobi

Klaus Töpfer (60) war von 1987 bis 1994 Bundesumweltminister, von 1994 bis Januar 1998 Bundesbauminister und Beauftragter für den Umzug der Bundesregierung von Bonn nach Berlin. CDU-Mitglied Töpfer ist verheiratet und hat drei erwachsene Kinder. Seit Februar leitet er das UN-Umwelt-programm UNEP und den UN-Standort Nairobi, seit Juli auch das Stadtentwicklungszentrum Habitat. Er ist der ranghöchste Deutsche bei den Vereinten Nationen. Internationales Renommee erwarb er vor allem bei der Vorbereitung des Erdgipfels 1992 in Rio de Janeiro und der Stadtentwicklungskonferenz Habitat II 1996 in Istanbul.

Leben vom Müll der anderen

Nairobi franst allmählich aus, die Straße geht in eine Schlaglochpiste über, beiderseits stehen primitive Häuser und Wellblechhütten. In den Korogocho-Slums am Stadtrand leben angeblich mehr als 100.000 Menschen, genaue Zahlen kennt niemand. Habitat schätzt, daß 60 Prozent der Ein-wohner Nairobis in Slums hausen. Eine Rauchsäule zieht in den Himmel, schwelender Müll von der Dandora-Deponie, einer der größten Nairobis. Neben den Müllbergen leben die Mitglieder des „Mukuru Recycling Projects“, einer Kommune mit 155 Menschen. Sie sammeln, trennen und verkaufen den Müll. Auf einem abgezäunten Gelände jenseits der Deponie bauen die Gemeindemitglieder Gemüse an, in Sichtweite eines dümpelnden, völlig vergifteten Flusses. Neben den Beeten kompostieren sie organische Abfälle, den Kompost nutzen sie teils selbst, teils wird er verkauft. Wasser gibt es nur aus einer Leitung. Unter einem Dach pressen zwei Arbeiter aus eingeweichtem Altpapier mit einem Holzgestell Briketts, die als Brennstoff an Schulen verkauft werden. Ein katholischer Priester gründete das Projekt 1990, Habitat unterstützt die Gemeinde seit 1995. „Weniger als 15 Prozent des Mülls in Nairobi werden von der Stadtverwaltung gesammelt“, sagt Graham Alabaster, der bei Habitat lokale Müllprojekte in verschiedenen Ländern betreut. „Diese Leute übernehmen also eine wichtige öffentliche Aufgabe, und sie haben die Chance, eigenes Geld zu verdienen.“ Habitat vermittelt zwischen der Stadtverwaltung, privaten Recycling-Unternehmen und den Müllsammlern, hilft bei der Suche nach lokalen Märkten für Papier, Glas, Plastik oder Kompost. „Ganz ohne Unterstützung würde es nicht funktionieren“, sagt Alabaster, „die Zwischenhändler versuchen, die Preise zu drücken und die Müllsammler über den Tisch zu ziehen.“ Viele Schritte sind nötig, um das Projekt zu entwickeln. Alabaster ist mit dem Ergebnis zufrieden: „Die Leute können stolz auf das sein, was sie mit ihrer Arbeit und Kreativität leisten. Das ist das Wichtigste.“

Für gesunde Städte

Das Stadtentwicklungszentrum UNCHS der Vereinten Nationen, besser bekannt als Habitat, wurde 1978 gegründet. Hauptaufgaben sind die Hilfe bei der Schaffung von Wohnraum und sozialen Diensten vor allem in Entwicklungsländern, die Stärkung lokaler Verwaltungen, die ökologisch nachhaltige Entwicklung von Städten sowie Katastrophenhilfe. Das Zentrum unterhält derzeit mehr als 200 Projekte in mehr als 80 Ländern. Habitat berät Stadtverwaltungen bei der Erarbeitung politischer und wirtschaft-licher Strategien und hilft bei deren Finanzierung. 1996/97 arbeitete die Organisation mit einem Etat von rund 100 Millionen Dollar.

Grünes Weltgewissen

Das United Nations Environment Programme (UNEP) wurde 1972 ins Leben gerufen, um die Belange des Umweltschutzes bei den Vereinten Nationen zu vertreten, wissenschaftliche Daten zu erheben und Regierungen zu beraten. UNEP bereitete verschiedene multi-nationale Umweltkonventionen wie das CITES-Abkommen zum Schutz bedrohter Arten oder das Montrealer Abkommen zum Schutz der Ozonschicht vor, verwaltet deren Sekretariate in verschiedenen Städten der Welt und begleitet die Umsetzung der Abkommen. Weltweit arbeiten 589 Mitarbeiter für UNEP, davon 318 in Nairobi. Das Budget für 1998/99 umfaßt nur 75 Millionen Dollar.