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Greenpeace Magazin Ausgabe 1.14

Kann man in Utopia Urlaub machen?

Text: Andrea Hösch

Sobald Sascha auftaucht, stürmt die kleine Farida den langen Flur entlang auf sie zu. In den Armen der großen Freundin fühlt sich das Mädchen mit dem Tüllrock wohl. Auch Faridas Eltern freuen sich über Saschas Besuch, ihnen ist aber auch etwas bang. Denn Sascha hat einen braunen DIN-A5-Umschlag aus dem Briefkasten gezogen. „Post mit dem offiziellen Stempel der Stadt Augsburg mag ich überhaupt nicht“, sagt die 19-Jährige mit den Rastalocken, „oft sind da Abschiebebescheide drin.“ Heute zum Glück nicht.

Eigentlich wollte Sascha nach ihrem Abitur in die Welt hinausziehen. Doch noch bevor sie ihren Rucksack packen konnte, begegnete ihr die Welt zu Hause – im „Grandhotel Cosmopolis“. Ein Klick auf Facebook wirbelte ihre Pläne gründlich durcheinander: „Russisch-Übersetzer für Flüchtlinge aus Tschetschenien gesucht“, las sie dort. Weil die gebürtige Kasachin die Sprache als Kind gelernt hat und nach den vielen Abi-Partys gerne wieder etwas Sinnvolles tun wollte, meldete sich Sascha im Grandhotel. „Seither bin ich fast jeden Tag hier, die Menschen sind mir ans Herz gewachsen“, sagt die junge Frau.

Im Springergässchen 5 im Augsburger Domviertel wagen knapp zwei Dutzend Menschen ein soziales Experiment, das bundesweit einzigartig ist: Unter einem Dach wohnen Flüchtlinge, Künstler und Hotelgäste zusammen. „Wir wollen zeigen, dass es ein Miteinander von unterschiedlichen Kulturen und gesellschaftlichen Gruppen geben kann“, sagt Sebastian Kochs, einer der Mitinitiatoren des Projekts. Im Café in der Lobby des Grandhotels erklärt Sebastian, den hier alle nur Basti nennen, wie die Idee geboren wurde: „Als wir von Plänen erfahren haben, in dem leer stehenden Altenheim der Diakonie Asylbewerber unterzubringen, nutzten wir die Gunst der Stunde und erarbeiteten ein Modell. Flüchtlinge sollten integriert statt abgeschottet werden, Künstler sollten bezahlbare Ateliers und ‚normale‘ Hotelgäste Einblick in ihnen fremde Welten bekommen.“ Bis es so weit war, mussten die Hoteliers jede Menge Hindernisse und Vorbehalte überwinden. „Ohne unseren Glauben an diese Utopie gäbe es das Grandhotel nicht“, sagt Basti, der auf viele Nachahmer hofft – schließlich gebe es auch in anderen Städten Flüchtlinge und Leerstand.

Zwei Jahre und rund 100.000 freiwillige Arbeitsstunden später wurde die Vision – ohne direkte staatliche Förderung – Wirklichkeit: Im Juli öffnete das Grandhotel seine Pforten für Asylsuchende, im Oktober für Hotelgäste. Seitdem übernachten Touristen und Geschäftsreisende Tür an Tür mit rund 60 Flüchtlingen. Die meisten stammen aus Tschetschenien, Afghanistan und Mazedonien, rund die Hälfte sind Kinder. „Die Kleinen sind ein Geschenk“, sagt Basti, „die sausen im ganzen Haus und im Garten umher und machen es allen leicht, miteinander in Kontakt zu kommen.“

Auf den Fluren erklingt Klaviermusik. Essenspakete für die Flüchtlinge werden geliefert. Nachbarn kommen, um sich das Projekt anzuschauen. Eine Mazedonierin bringt selbstgebackenen Kuchen ins Café. „Viele der Bewohner wirkten anfangs sehr eingeschüchtert und geknickt. Es ist schön mitzuerleben, dass sie alle langsam aufblühen und auch gerne mal mit anpacken“, erzählt Max Birkl. Er gehört zur Gruppe der Künstler, die sich im Grandhotel ein Atelier eingerichtet haben. Von ihm stammen die bunten Riesenvögel im Treppenaufgang des 60er-Jahre-Baus.

Unter den ersten Bewohnern im Grandhotel war auch Faridas Familie. „Im Vergleich zu Tschetschenien ist das hier das Paradies“, sagt Mutter Dagmara strahlend, „hier werden wir freundlich und zuvorkommend behandelt.“ Vater Junus geht an Krücken. Er will nicht erzählen, warum. Doch Sascha, die die Familie oft auf den stundenlangen Gängen zu Behörden oder Ärzten begleitet, kennt seine Geschichte: Er wurde gefoltert und kam mit gebrochenem Sprunggelenk in Deutschland an. Eine Operation wurde von den Behörden abgelehnt, da die Familie das Land ja sowieso bald wieder verlassen müsse. So viel Menschenverachtung erschütterte Sascha. Zusammen mit ihren Mitstreitern setzte sie deshalb alle Hebel in Bewegung, um den Eingriff zu ermöglichen. Mit Erfolg: Junus’ Fuß ist operiert, in gut einem Jahr wird er wieder ohne Krücken laufen können. Allerdings weiß niemand, wo er und seine Familie dann sein werden.

Gemäß dem Dublin-II-Abkommen werden Asylsuchende ohne Einzelfallprüfung dorthin abgeschoben, wo sie erstmals europäischen Boden betreten haben. Im Falle der Tschetschenen ist das in der Regel Polen. „Wir wissen aber aus vielen Berichten, dass sie dort diskriminiert, angefeindet und eingesperrt werden“, sagt Sascha. Viele der Schutzsuchenden seien traumatisiert, sie abzuschieben sei unmenschlich.

„Wir werden für jeden Einzelnen unserer Bewohner kämpfen“, erklärt Georg Heber, einer der Cosmopolis-Mitbegründer. Er ist überzeugt, dass es dem Grandhotel-Team mit der Unterstützung der rund 500 ehrenamtlichen Helfer gelingen kann, für alle ein Bleiberecht zu erwirken. Die Fotografien in der Lobby bestärken ihn: Sie zeigen verlassene Grenzposten in Europa. Auch Georg will Grenzen einreißen – die in unseren Köpfen.

Zum Beispiel mit einer Performance im städtischen Theater: Umgeben von einem großen Drahtkäfig tafeln am Abend im Foyer Hotelbetreiber zusammen mit Künstlern und Flüchtlingen. Im großen Saal wird „Intolleranza 1960“ aufgeführt – ein Stück über Gastarbeiter und Fremdenfeindlichkeit. In der Pause beäugen die Theaterbesucher das Dinner hinter Gittern. Beim Publikumsgespräch nach der Vorstellung öffnet sich die Absperrung. Einzelne trauen sich, am Tisch Platz zu nehmen. „Immerhin“, sagt Georg, „noch schöner wär’s, wenn die Leute den Bauzaun einfach wegtragen würden.“ Lauritz Bahnemann, ein Kinderarzt, der sich schon lange im Grandhotel engagiert, sagt: „Ich komme ursprünglich aus Berlin und schäme mich für die Anfeindungen, denen die Flüchtlinge in Hellersdorf ausgesetzt sind. Und ich bin sehr froh, dass wir in Augsburg anders mit unseren Gästen umgehen.“ Dafür erntet er Beifall – auf beiden Seiten des Zauns.

DAS HOTEL

Die Diakonie Augsburg unterstützte als Eigentümerin des Grandhotels Cosmopolis den Umbau mit 300.000 Euro. Den Trakt, in dem 60 Flüchtlinge leben, hat die Regierung von Schwaben an gemietet. Den Hotelgästen stehen zwölf von Künstlern gestaltete Doppelzimmer mit Gemeinschaftsbad und zehn Hostelzimmer mit Stockbetten zur Verfügung. Fixe Preise gibt es nicht, für Übernachtung, Kaffee oder Bier zahlt jeder, so viel er möchte oder kann. Außerdem verteilen sich 13 Ateliers und Werkräume über das Haus. Regelmäßig laden die Grandhoteliers zu Konzerten, Aufführungen, Workshops und Führungen ein.
grandhotel-cosmopolis.org