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Greenpeace Magazin Ausgabe 5.17

„Kein Lehrbuch kann mir sagen, welche Baumarten dem Klimawandel trotzen“

In den Wäldern des Alpenvorlandes klaffen kahle Narben. Einst wuchsen hier gewaltige Fichten, heute rafft der Klimawandel sie dahin. Den Förster Karl Einwanger, 57, stellt das vor eine schwierige Herausforderung. Seit 400 Jahren lebt seine Familie im Dorf Otterfing südlich von München von der Holzwirtschaft – vorwiegend vom Fichtenholz. Nun liegt es an ihm, den Wald zu retten. Nur wie?

Als ich vor dreißig Jahren als junger Förster durch die Wälder streifte, ragten überall uralte Fichten in den Himmel – scheinbar unverwüstlich und erhaben. Gigantische Bäume, neben denen ich mir winzig vorkam. Ehrfürchtig dachte ich: Diese Fichten stehen hier schon so lange – sie lassen sich von nichts aus der Ruhe bringen. Doch wie sich herausstellte, irrte ich mich.

Heute sind viele der alten Fichten tot. Sie konnten dem Klimawandel nicht standhalten. Die letzten Sommer waren heiß und trocken, die Fichte aber mag es kühl und feucht. Die Bäume bekommen nicht mehr genug Wasser aus dem Boden und trocknen aus. Dadurch reißen Stürme sie schnell nieder. Für den Borkenkäfer sind sie ein leichtes Opfer – die Schädlinge nisten am liebsten in geschwächten Bäumen. In den Wäldern ringsum sieht es deshalb immer schlimmer aus. Wo die Fichten früher Stamm an Stamm wuchsen, haben sich allein in den letzten zwei Jahren bis zu sieben Hektar große Löcher gebildet. Eine Fichte nach der anderen muss gefällt und abtransportiert werden. Traurig ist, dass es nicht nur die alten Bäume trifft. Selbst vierzigjährige Fichten, die kräftig und stabil sein müssten, sterben ab. Eine dramatische Entwicklung. Ich befürchte, dass dieser Baum bald aus meinem rund 17.000 Hektar großen Forstrevier verschwunden sein wird.

Die Natur zwingt uns zum Umdenken. Über Jahrhunderte wurden hier fast ausschließlich Fichten angepflanzt. Mit ihrem Holz lässt sich das beste Geschäft machen. Meine Familie lebt seit gut 400 Jahren, in 18. Generation, von der Forstwirtschaft. Unser Wald besteht zu neunzig Prozent aus Fichten. Doch das hat keine Zukunft mehr. Alternativen müssen her, und zwar schnell.

Für mich als Förster bedeutet das großen Stress. Ich muss die Löcher im Wald zügig wieder auffüllen. Nur mit welchen Bäumen? Kein Lehrbuch der Welt kann mir sagen, welche Baumarten dem Klimawandel trotzen. Ich pflanze deshalb möglichst viele verschiedene Bäume – kleine Eichen, Buchen und Hainbuchen, die mit Wärme besser zurechtkommen – und hoffe, dass einige davon überleben. Gelegentlich versuche ich es mit Douglasien oder Roteichen. Sie sind in Nordamerika zuhause und stecken Hitze und Trockenheit leichter weg.

Ich bin nicht der Einzige, der jetzt auf Mischwald umstellen will. Schon vor zwei Jahren hatten die bayerischen Forstwirte bei den Fichten Wachstumseinbußen von bis zu fünfzig Prozent. Alle suchen händeringend nach einem Ausweg. Diesen Frühling etwa gab es Engpässe für junge Eichen. Sie gelten als wärmeliebend und können über 200 Jahre alt werden. Erwärmt sich das Klima noch weiter, werden aber selbst Eichen nicht mithalten können.

Aufgezeichnet von Julia Huber