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Kein Sand am Meer

Greenpeace Magazin Ausgabe 2.18

Kein Sand am Meer

Text: David Owen Foto: Sim Chi Yin

Sand, ausgerechnet jenes Material, das sprichwörtlich für Überfluss steht, wird knapp. Eine explodierende Nachfrage hat den vermeintlichen Allerweltsrohstoff zur kostbaren, global gehandelten Ware gemacht – mit oft schwerwiegenden Folgen für Mensch und Umwelt

Das Finale der Beachvolleyball World Tour findet im September 2016 in Toronto statt, auf einem Parkplatz am Ufer des Ontariosees. In der Nähe gibt es einen breiten öffentlichen Strand, aber nur an wenigen Stränden der Welt erfüllt der Sand die strengen Anforderungen der Fédération Internationale de Volleyball, weshalb der Sponsor des Turniers ein provisorisches Stadion errichten und 1360 Tonnen von einem Steinbruch zweieinhalb Stunden weiter nördlich heranschaffen ließ. Für den Transport waren 35 Sattelschlepper nötig.

Todd Knapton, der den Aufbau überwacht, ist der Vizepräsident von Hutcheson Sand & Mixes aus Huntsville, Ontario, der Firma, die den Sand liefert. Der Mann in den Fünfzigern, bekleidet mit einem weißen Helm, einem neongelbgrünen T-Shirt, dunkelgrauen Shorts und Stiefeln mit Stahlkappen, geht auf zwei Aufwärmplätze zu, die von Weitem aussehen wie überdimensionale Backformen mit hellem Brownieteig. „Du willst die Spieler bis zu den Knöcheln einsinken stehen“, sagt er und demonstriert das, indem er einen Fuß in den Sand steckt. „Ob Regen oder Sonnenschein, heiß oder kalt, es sollte so sein, als würde ein Kind mit dem Fahrrad durch Murmeln fahren.“

Normaler Strandsand ist in der Regel zu fest für Volleyball: Wenn Spieler darin eintauchen, brechen sie sich die Finger, zerren sich die Kniesehne oder erleiden andere Aufprallverletzungen. Knapton hat an der Entwicklung der Sandspezifikationen für den Sport mitgearbeitet, nachdem sich kanadische Spieler über die Volleyballfelder bei den Olympischen Spielen 1996 in Atlanta beschwert hatten. „Zuerst war es Versuch und Irrtum“, erzählt er. „Aber wir haben eine verbesserte Rezeptur entwickelt, und jetzt haben wir in allen Ländern auf fünf Kontinenten ein einheitliches Material.“ Die Spezifikationen regeln Form, Größe und Härte der Sandkörner und verbieten Schlick, Lehm, Erde und andere feine Partikel, die nicht nur an schwitzenden Spielern kleben bleiben, sondern auch Hohlräume zwischen größeren Körnern füllen und die Spielfläche fester machen. Das Ergebnis ist Sand, der Flüssigkeit so gut ablaufen lässt, dass man damit unmöglich Sandburgen bauen könnte. „Letzte Nacht gab es zwei Regenschauer, aber diese Felder sind bespielbar“, so Knapton. „Man könnte einen Feuerwehrschlauch auf diesen Sand richten und würde ihn niemals überschwemmen.“

Beachvolleyball-Promoter auf der ganzen Welt müssen eine ein Kilo schwere Sandprobe an Knapton schicken und sie genehmigen lassen. In seinem Büro hat er inzwischen Hunderte solcher Proben. Hutcheson liefert keinen Sand ins Ausland, aber Knapton und seine Kollegen legen oft Spielfelder in anderen Ländern an, nachdem sie irgendwo eine Sandquelle aufgetan haben. Auf der Unterseite seines Helms hat er mit schwarzem Edding Namen und Daten großer Events festgehalten, an denen sie beteiligt waren, darunter die Olympischen Spiele in Sydney, Athen, Peking und London. Die größte Herausforderung der jüngsten Zeit waren die ersten Europaspiele 2015 in Baku, Aserbaidschan. Baku hat Strände – die Stadt liegt auf einer Halbinsel an der Westküste des Kaspischen Meeres –, aber der Sand eignet sich kaum zum Sonnenbaden, geschweige denn für Volleyball. Knaptons Team durchkämmte die Region und fand eine große Lagerstätte mit der idealen Mischung von Partikelgrößen in einer in Familienbesitz befindlichen Mine in den Nur-Bergen in der Südtürkei, knapp 1300 Kilometer westlich von Baku.

Die Mine liegt in Schussweite der syrischen Grenze. Knapton hatte geplant, den Sand durch Zentralsyrien zu transportieren, durch den Irak, um Armenien herum und vom Nordwesten her nach Aserbaidschan, in zwei Konvois von jeweils über 250 Lkws. Aber die Geopolitik funkte dazwischen. „Man kann diese Grenzen nur zu bestimmten Tageszeiten passieren, und der IS hat die Jungs nervös gemacht“, sagt Knapton. „Zum Schluss haben wir uns gesagt: ‚Na gut, mit einem Krieg wären wir zurechtgekommen.‘“ Stattdessen luden sie den Sand in große Kunststoffsäcke, die anderthalb Tonnen fassten, transportierten ihn Richtung Westen nach Iskenderun und hievten ihn auf Schiffe: „Wir haben fünf Reisen mit fünf verschiedenen Schiffen gemacht. Die Route führte übers Mittelmeer, die Ägäis hinauf, durch den Bosporus und über das Schwarze Meer nach Sotschi.“ Von dort brachten sie den Sand mit dem Zug durch Russland und Georgien, um Armenien herum und quer durch Aserbaidschan. „Der Exodus aus Syrien war zu der Zeit in vollem Gange, und wir sahen Menschen, die um ihr Leben marschierten“, erinnert sich Knapton. „Aber das waren die ersten Europaspiele aller Zeiten, also musste alles stimmen.“

Sand bedeckt einen so großen Teil der Erdoberfläche, dass es nach einem Extremfall klingt, ihn über Grenzen zu transportieren – selbst wenn sie nicht umkämpft sind. Doch bereits 2014 veröffentlichte UNEP, das Umweltprogramm der Vereinten Nationen, eine Studie mit dem Titel „Sand, seltener als man denkt“, die zu dem Schluss kam, dass der Abbau von Sand und Kies „das natürliche Erneuerungstempo erheblich übersteigt“ und dass „die abgebaute Menge exponentiell wächst, vor allem als Folge des raschen Wirtschaftswachstums in Asien“.

Pascal Peduzzi, Wissenschaftler aus der Schweiz und Chef der UNEP-Abteilung GRID, der die Daten über globale Ressourcen sammelt, sagte der BBC im Mai 2016, die rasante Entwicklung Chinas in den vier Jahren zuvor habe mehr Sand verbraucht als die USA im gesamten letzten Jahrhundert. In Indien ist kommerziell nutzbarer Sand heute so selten, dass die Märkte dafür von „Sandmafias“ dominiert werden – kriminellen Unternehmen, die illegal aus Flüssen und anderen Quellen entnommenes Material verkaufen und manchmal sogar Morde begehen, um sich ihre Sandvorkommen zu sichern.

Geologen definieren Sand nicht nach Zusammensetzung, sondern nach Größe, mit Körnern zwischen 0,0625 und zwei Millimeter Durchmesser. Knapp unter Sand auf der Größenskala liegt Schlick, knapp darüber Kies. Meist besteht Sand hauptsächlich aus Quarz, der häufigsten Silikatform, aber es gibt auch andere Arten. An Meeresstränden enthält er für gewöhnlich einen hohen Anteil an Muschelschalen und zunehmend auch sich zersetzenden Plastikmüll; der berühmte schwarze Sand auf Hawaii besteht aus verwitterten Fragmenten vulkanischen Glases, der Dünensand am White Sands National Monument in New Mexico überwiegend aus Gips.

Sand entsteht fast immer infolge des allmählichen Zerfalls größerer Gesteinsbrocken, durch die Einwirkung von Eis, Wasser, Wind und Zeit, doch, so schreibt der Geologe Michael Welland in seinem Buch „Sand: The Never-Ending Story“: Viele dieser größeren Gesteinsbrocken bildeten sich wiederum durch das Zusammenwachsen erodierter Stücke anderer Gesteine, und „vielleicht die Hälfte aller Sandkörner haben sechs Zyklen in der Mühle hinter sich, herausgelöst, begraben, freigelegt und wieder herausgelöst“.

Sand wird auch nach seiner Form klassifiziert, je nachdem, ob die Körner rechteckig bis scharfwinklig oder nahezu rund und glatt sind. Wüstensand ist fast immer stark abgerundet, weil starke Winde die Körner so heftig zusammenstoßen lassen, dass scharfe Ecken abbrechen. Flusssand ist eckiger. William H. Langer, ein Geologe und freiberuflicher Berater, sagt: „In einem fließenden Gewässer ist jedes Korn von einem hauchdünnen Wasserfilm umhüllt. Wenn die Körner zusammenstoßen, reicht die Energie aus, um sie zerbrechen, nicht aber, um sie aneinanderreiben zu lassen.“ Bei Ablagerungen von Gletschern und Eisflächen hängt die Form der Körner teilweise davon ab, wie weit der Sand transportiert wurde und über welche Oberflächen. Der Sand in der Hutcheson-Sandgrube ist „kantengerundet“: Die Körner haben gebrochene Oberflächen, aber die scharfen Ecken sind teilweise abgeschliffen. Sind sie nur ein klein wenig glatter, ist der Sand „abgerundet“.

Gesteinskörnung, wie die nach Wasser am zweitmeisten genutzte natürliche Ressource der Welt auch heißt, ist Hauptbestandteil von Beton (achtzig Prozent) und Asphalt (vierundneunzig Prozent) und bildet auch das wichtigste Fundament unter Beton und Asphalt beim Bau von Straßen, Gebäuden, Parkplätzen, Start- und Landebahnen und vielen anderen Strukturen. Ein Bericht des American Geological Institute kam 2004 zu dem Schluss, dass mehr als hundert Tonnen Sand, Kies und zerstoßene Steine erforderlich sind, um Fundament, Keller, Garage und Zufahrt eines typisch amerikanischen Hauses zu bauen, und mehr als zweihundert Tonnen, wenn man den Teil der Straße mitrechnet, die daran vorbeiführt. Für ein gut anderthalb Kilometer langes Teilstück einer einzigen Spur einer amerikanischen Fernstraße braucht man 38.000 Tonnen.

Den dramatischsten Zuwachs beim Verbrauch von Gesteinskörnungen verzeichnen jene Teile der Welt, wo Straßenbauer versuchen, mit Autokäufern Schritt zu halten. Chinesische Funktionäre hoffen nach eigener Aussage, dass bis 2030 gut 265.000 Straßenkilometer fertiggebaut sind – ein nationales Netz, das gut fünfmal so lang ist wie das gesamte deutsche Fernstraßensystem.

Fensterscheiben, Weingläser und die Bildschirme von Mobiltelefonen werden aus geschmolzenem Sand gemacht. Sand wird als Filter in Wasseraufbereitungs- und Kläranlagen sowie in Schwimmbädern genutzt. Bei Öl- und Gasbohrungen werden große Mengen von hartem, rundem Sand in aufgesprengte Gesteinsformationen gespritzt, um die Spalten offenzuhalten, so als schöbe man einen Fuß in die Tür. Lokomotiven werfen beim Abbremsen eckigen Sand auf die Gleise vor ihren Rädern, um die Reibung zu verbessern.

Australien und Indien sind Hauptexporteure von Granatsand, der zerstoßen wird, um ein abrasives Material zum Sandstrahlen und für Wasserstrahlschneidmaschinen zu gewinnen. Gießereien nutzen Sand, um Gussformen für Eisenbolzen, Gullydeckel, Motorblöcke und andere gusseiserne Objekte herzustellen. Ob Flugzeug- oder Raketenteile, künstliche Hüftgelenke oder Glasplatten – für die Herstellung all dieser Dinge wird Sand benötigt.

Bei einigen Anwendungen kann natürliche Gesteinskörnung durch recyceltes Material ersetzt oder ergänzt werden, aber die Möglichkeiten sind begrenzt. Und Bemühungen, den Verbrauch zu reduzieren, werden durch die Tatsache erschwert, dass neben vielen umweltschädlichen auch ökologisch wünschenswerte Produkte und Aktivitäten stark von Gesteinskörnung abhängen: Solarpaneele werden aus Silikat und Silikon hergestellt, Windturbinen mithilfe von Gießereisand, und auch autonome Elektrofahrzeuge brauchen Straßen und Autobahnen.

Einen außergewöhnlich hohen Bedarf an Sand hat auch Dubai, im vergangenen Jahrzehnt eine der am schnellsten wachsenden Städte der Welt. Bedauerlich für Bauunternehmer und Projektentwickler des Emirats ist bis heute, dass Wüstensand zum Bauen und für nahezu jegliche Nutzung durch den Menschen ungeeignet ist. Die Körner sind an der Oberfläche nicht brüchig genug für Beton und Asphalt, und sie sind zu klein und rund für Wasserfiltersysteme. Der hochverdichtete Beton für den Burj Khalifa, das höchste Gebäude der Welt, wurde mit importiertem Sand aus Australien gebaut. Dem Sandexperten William Langer zufolge sehen sich andere Wüstenstaaten ähnlichen Engpässen gegenüber. „Mauretanien versucht, mit der Welt Schritt zu halten“, sagt er. „Sie haben überall Sand, aber der ist nicht mal für den Straßenbau zu gebrauchen.“

In Dubai haben reiche Leute aus aller Welt zeitweise so absurd hohe Preise für den Grund und Boden gezahlt, dass die Regierung entschied, mehr davon zu erschaffen. Aus den Fenstern der Hotels in den Wolkenkratzern der Stadt sind riesige Landgewinnungsprojekte vor der Küste zu sehen, darunter Palm Jumeirah und The World, zwei künstliche Archipele im Persischen Golf. So viel Neuland zu erschaffen, erforderte enorme Ladungen abgebauten Gesteins aus den gesamten Emiraten, dazu Hunderte Millionen Tonnen Sand, die ausländische Unternehmen vom Grund des Golfs baggerten und zu Haufen auftürmten. Einem Bericht der Vereinten Nationen zufolge verbrauchte das Abbaggern „Dubais gesamte marine Sandressourcen“ und verursachte darüber hinaus beträchtliche ökologische Schäden. Baggerarbeiten am Meeresboden stellen das unterseeische Äquivalent erstickender Sandstürme dar, töten Organismen, zerstören Korallenriffe und andere Habitate und ändern die Strömungsmuster. 2011 sagte ein britischer Wissenschaftler, der die Projekte in Dubai untersucht hatte, der Zeitschrift „Nature“: „Bei allen ökologischen Aspekten zeigen die Kurven nach unten.“

Auch andernorts werden Meeresufer mit Sand neu modelliert. Hurrikan Sandy, der zerstörerischste Seesturm, der je über den Nordosten der USA hinweggefegt ist, erreichte die US-Küste am 29. Oktober 2012 in der Nähe von Brigantine, New Jersey, einer Stadt auf einer Düneninsel nördlich von Atlantic City. Zwei Jahre nach Sandy konnte man beschädigte Häuser sehen, die auf erhöhte Fundamente aus Betonblöcken gehoben worden waren in der Hoffnung, sie so vor der nächsten Sturmflut zu schützen. Manche Häuser warteten immer noch darauf, an die Reihe zu kommen, die entsprechenden Firmen waren ausgebucht. Ein Haus sah aus wie ein Puppenhaus, weil eine Außenwand fehlte und man direkt ins Innere blickte.

Die Düneninsel, auf der Brigantine liegt, gehört zu einer teilweise unterbrochenen Kette von schmalen, veränderlichen Sandanhäufungen, die sich in der Nähe großer Teile der Golfküste und fast die ganze Ostküste der USA hinauf erstrecken. Robert S. Young, Professor für Geologie an der Western Carolina University in North Carolina, erklärt: „Als Menschen das Land zu besiedeln begannen, baute niemand auf den Düneninseln. Sie waren zu stürmisch und keine guten Orte zum Leben.“ Heute aber sind viele von ihnen dicht bebaut.

Im Oktober 2016 ist ein Team der größten Sandabbaufirma der USA, der Great Lakes Dredge & Dock Company, vor Long Beach Island, einer eng bebauten Düneninsel an der Küste von New Jersey oberhalb von Brigantine, mit Baggerarbeiten beschäftigt. Die Insel ist gut dreißig Kilometer lang und an den meisten Stellen nicht breiter als zwei oder drei Häuserblocks. Die Great-Lakes-Leute arbeiten an einem Strand in Harvey Cedars, einem Städtchen nahe dem Nordende der Insel. Zwei Baggerschiffe mit rotem Rumpf ankern vor der Küste – eines in Bundesgewässern, knapp fünf Kilometer weit draußen, das andere viel näher am Strand. Das weiter entfernte Schiff saugt Sand vom Meeresboden in ungefähr 15 Metern Tiefe, und wenn sein Laderaum voll ist, tauscht es den Platz mit dem anderen Schiff, das seine eigene Ladung in ein unter Wasser liegendes Stahlrohr gepumpt hat, das am Strand mündet. Als sich das Schiff weiter draußen füllt, sinkt es allmählich tiefer und gerät außer Sicht, während das Schiff in der Nähe sich beim Entleeren langsam hebt.

Ein Dutzend Schweinswale schwimmt zwischen dem nahen Schiff und dem Ufer vorbei. Am Strand quillt ein dunkler Strom aus Sand und Seewasser aus der Öffnung des Rohres und durch ein käfigartiges Sieb. Dessen Funktion besteht unter anderem darin, nicht explodierte überzählige Munition herauszufiltern, die das US-Militär nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs im Meer versenkt hatte. Dutzende Möwen waten im Schlamm umher und picken Essbares heraus. Arbeiter mit Bulldozern und Frontladern formen den herausgepumpten Sand zur Verlängerung einer Düne, von der aus sich die Bauarbeiten gut beobachten lassen. Diese Düne, die mehr als sechs Meter über dem Meer aufragt, gleicht eher einem Deich als einer natürlichen Strandlandschaft. Sie ist annähernd trapezförmig im Querschnitt – ein langer, ununterbrochener Sandlaib, der sich fast über die ganze Länge der Insel zieht, mit Reihen von Dünengrasbüschelchen in immer gleichen Abständen oben auf den fertigen Abschnitten, wie Follikel bei Haartransplantationen.

Robert Young sagt: „Stürme sind für Düneninseln im Naturzustand kein Problem. Denken Sie an die unbebauten Teile von Fire Island, der langgestreckten Sandinsel vor Long Island. Niemand spricht dort von Stranderosion, weil der Strand bei Stürmen nicht verschwindet – er bewegt sich nur landeinwärts. Ein Sturm nimmt Sand von der Vorderseite und wirbelt ihn obendrauf oder quer hinüber, und die Insel wächst auf der Rückseite. Düneninseln sind dynamische Systeme, und tatsächlich brauchen sie Stürme, weil die auf den Inseln heimischen Pflanzen und Tiere daran angepasst sind.“

Die Probleme fangen an, wenn Menschen veränderliche Landformen als permanenten Besitz betrachten. Der Bau von Häusern und die Erschaffung künstlicher Dünen zu deren Schutz sind Eingriffe, die sich gegenseitig verstärken, weil die Häuser die Dünen notwendig machen und die Dünen den Hausbau rational erscheinen lassen. Genau wie in Dubai leidet der Meeresboden. Das Abbaggern von Sand offshore wird oft als „Tagebau unter Wasser“ beschrieben. Es tötet Organismen, die auf dem Meeresboden leben oder fressen, darunter Meeresschildkröten, und es wirbelt Wolken feiner Partikel auf, an denen Fische ersticken, weil ihre Kiemen verstopfen. Young zufolge sind die genauen Auswirkungen größtenteils noch unbekannt und unerforscht, weil es schwierig ist, die Stellen zu überwachen, von denen Sand genommen wird. „Sie liegen in fünf Kilometern Entfernung unter Wasser“, so Young. „Man kann nicht einfach einmal pro Woche Doktoranden da rausschicken, um nachzuschauen, wie die Dinge laufen.“ Allerdings lässt sich leicht feststellen, dass die Baggerarbeiten Auswirkungen haben müssen: All die schlemmenden Möwen haben sich nicht versammelt, um Sand zu fressen.

Am Abend ist die Crew von Great Lakes noch immer im Einsatz, ein Stück weiter die Küste hinauf, und arbeitet unter Flutlicht. Die Bagger der Firma laufen rund um die Uhr, sieben Tage die Woche, das ganze Jahr; ihr Betrieb ist teuer, und es ist unwirtschaftlich, sie nutzlos herumstehen zu lassen. Es ist ein Job mit offenem Ende, denn die künstliche Düne wird nicht von Dauer sein: Sie soll hohe Wellen neutralisieren, indem sie sich von ihnen zerstören lässt. Das Armeekorps rechnet damit, das ganze System von einem Ende bis zum anderen in Zyklen von vier bis sechs Jahren neu zu bauen.

Die Baggerschiffe sind weiter südlich in Delaware eingeplant, sobald der Einsatz auf Long Beach Island abgeschlossen ist, und sollen sich dann wieder die Küste hochbewegen. Und dann wieder und wieder – bis entweder das Geld alle oder der Meeresspiegel so stark angestiegen ist, dass ihn Sand nicht mehr aufhalten kann.

Sim Chi Yin
Die aus Singapur stammende Sim Chi Yin (geb. 1978) ist eine vielfach ausgezeichnete Dokumentarfotografin, deren Arbeiten sich um Geschichte, Erinnerung, Konflikte und Migration drehen. In ihren aufwendig produzierten Fotoserien verbindet sie oft umfassende Forschung und intimes Geschichtenerzählen. Die hier erstmals gezeigten Fotos stammen aus ihrem aktuellen Langzeitprojekt „Sand“.