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Kein Schiff wird kommen

Greenpeace Magazin Ausgabe 3.18

Kein Schiff wird kommen

Text: Dirk Gieselmann Foto: Roman Pawlowski

Das Bremer Seemannsheim, für Matrosen 164 Jahre lang ein Zuhause in der Fremde, hat dicht gemacht. Dabei wird es immer noch gebraucht. Die Geschichte eines bitteren Endes

An einem späten Januarabend, als die Kräne im Hafen stillstehen, die Weser heimlich aufhört zu fließen und sich die Dunkelheit über Bremen gelegt hat wie ein Mantel des Schweigens, tönt das zweite Klavierkonzert von Sergei Rachmaninow durch das Seemannsheim, vom Ende des Korridors im ersten Stock her.
Eine Leuchtröhre flackert tickend, an, aus, an, aus.
Ist noch jemand hier, an diesem geisterhaften Ort?
Woher kommt nur die Musik?
Eine der letzten Nächte in der Geschichte dieses Hauses ist angebrochen. Das Bremer Seemannsheim, vor 164 Jahren von dem Gottesmann Johann Hinrich Wichern gegründet, schließt Ende März für immer seine Pforten.

Es sei dazu gebaut, so hieß es in der ersten Satzung, „um dem ehrenwerten Stand der Seeleute, wenn sie nach einer beschwerlichen Fahrt glücklich zurückgekehrt sind, eine angenehme und ruhige Zuflucht während ihres Aufenthaltes an Land zu gewähren“. Doch diese Fahrt, sie nimmt nun kein Ende mehr, kennt kaum noch eine glückliche Rückkehr oder einen Aufenthalt an Land.

Die Umschlagleistung der Häfen von Bremen-Stadt, nicht zu verwechseln mit Bremerhaven, liegt mit gut zwölf Millionen Tonnen pro Jahr auf dem gleichen Niveau wie 1990, die Zahl der Anläufe hat sich seither jedoch auf etwa 1300 halbiert. Speziell die Hochseeschiffe, die mit Öl, Gas, Schütt- und Stückgut die Weser hinauffahren, sind größer geworden, und ihre Liegezeit ist auf einen Bruchteil geschrumpft. Die Reedereien haben in den großen Jahren der Globalisierung nach dem Zusammenbruch des Ostblocks Überkapazitäten geschaffen, durch die sie spätestens seit der Finanzkrise 2008 unter Dauerdruck stehen.

Auch deshalb wird heute Ladung in nur sechs bis acht Stunden gelöscht und neue aufgenommen, auch deshalb geht sie dann direkt weiter, die schier endlose Fahrt.

Die Mannschaftsstärken aber sind annähernd gleich geblieben. Die einfachen Seeleute schuften beinah rund um die Uhr. Sie kommen oft für Monate nicht von Bord, Gefangene ihrer Heuer. Weit dringen sie ins Land vor, fünfzig Kilometer flussaufwärts bis nach Bremen, aber sie betreten es nicht mehr. Es ist, als wäre die Hafenstadt in ihre Einzelteile zerfallen, in Hafen und Stadt, zwischen denen es keine Brücke mehr gibt.

Und so sind auch die Übernachtungseinnahmen des im Zentrum gelegenen Seemannsheims seit zwanzig Jahren stetig gesunken, ins Bodenlose. Die 26.000 Euro, die der Bund im Jahr beisteuert, reichen so wenig hin wie die Spendengelder von privaten Unterstützern, um den Betrieb noch aufrechtzuerhalten. Das Licht, das seit 1854 leuchtet für die Einsamen, hat schon vor Jahren zu flackern begonnen, an, aus, an. Ab April wird es dunkel sein im Haus Jippen 1, in der kurzen Straße, die einmal benannt wurde nach dem niederdeutschen Wort für Freudensprung.

In dieser Januarnacht hat sich jemand ausgedacht, zum Abschied Rachmaninow ertönen zu lassen, das zweite Klavierkonzert, Werk eines depressiven Romantikers. Von oben her, durchs Treppenhaus, erklingen die acht Akkorde des Anfangs, ferne Glockenschläge, die von den nackten Wänden widerhallen und aus den Kammern, die sich aufreihen wie leere Grüfte.

Wer ist da?
Ist da noch wer?

„Früher“, sagt Holger Winter in seinem Büro im Erdgeschoss, „da war der Jippen jeden Abend schwarz von Matrosen.“ Sie kamen auf eine warme Suppe und ein paar Bier, ein bisschen Seemannsgarn und eine Mütze Schlaf in einem Bett, das nicht schwankt. Oft warteten sie hier tagelang auf die nächste Fahrt, die nächste Heuer, das Seemannsheim war ihr Zuhause in der Fremde. Auch Holger Winter, einst Bordmaschinist, war hier zu Gast. „Wir erzählten uns Geschichten aus der großen, weiten Welt, tranken und lachten, es ging hoch her. Das war die goldene Zeit“, sagt er.

Winter fuhr 1962, ein abenteuerlustiger Bursche von 19 Jahren, zum ersten Mal zur See, damals, als die Mühsal und die Verheißung dieses Berufs verschmolzen zum Bild vom Matrosen, der tiefere Gefühle hat als die, die an Land bleiben. Der größeres Heimweh empfindet, aber auch größeres Fernweh, der sein Mädchen und das Meer gleichermaßen liebt, der bleiben will und doch immer nur fort von hier. Tausende Lieder künden davon. Sie alle wurden im Seemannsheim gesungen, damals.

La Paloma, ohé!
Einmal muss es vorbei sein.
Nur Erinn'rung an Stunden der Liebe
bleibt noch an Land zurück.
Seemanns Braut ist die See
und nur ihr kann er treu sein.
Wenn der Sturmwind sein Lied singt,
dann winkt mir der großen Freiheit Glück.

„Aber jetzt“, sagt Winter. Er reibt sich mit der rechten Hand übers Gesicht, an der er seit einem Unfall nur noch vier Finger hat, was ihm die Verwegenheit eines alten Walfängers verleiht. „Aber jetzt ist es vorbei. Niemand kommt mehr. Traurig ist das.“

Dabei würde er sie sogar abholen, sie befreien aus ihren schwimmenden Gefängnissen. Seit er im Ruhestand ist, arbeitet der 75-Jährige ehrenamtlich für den Bremer Seemannsmission e.V., der das Heim trägt. Zweimal in der Woche fährt er von Anleger zu Anleger, in einem klapprigen Kleinbus. Er hat die Schiffsnachrichten studiert, die der Meldedienst ihm zuschickt, die Hanoi liegt seit dem Nachmittag in Bremen vor Anker, die Irma und die Balticborg, mit Seeleuten an Bord, die, wie Winter ahnt, seit Monaten keinen Fuß mehr an Land gesetzt haben. Er will sie einladen ins Seemannsheim, auf ein Gespräch nur, eine Partie Billard, ein Bier oder zwei, für eine Stunde vielleicht.

„Die müssen mal runter vom Schiff“, sagt er. „Sonst werden die noch bekloppt.“

Im Zeitalter der Industrialisierung, schreibt der Historiker Jürgen Osterhammel in seinem Buch „Die Verwandlung der Welt – Eine Geschichte des 19. Jahrhunderts“, habe es drei Arten der Hölle auf Erden gegeben, die Schlachthöfe, die Kohleminen und die Mannschaftsdecks von Schiffen. Letztere mögen heute klimatisiert sein, doch sie sind oftmals noch immer die Hölle. Eine Hölle der Einsamkeit, des Heimwehs, der Monotonie, Enge und grenzenlosen Erschöpfung. Viele Seeleute, vor allem die aus Osteuropa und Südostasien, sind die einzigen Ernährer ganzer Großfamilien, Kinder und sogar Enkel sind angewiesen auf das Geld, das sie nach Hause überweisen, etwa tausend Dollar verdient ein Matrose der unteren Mannschaftsdienstgrade im Monat. Sozial- und Rentensysteme gibt es in ihren Ländern so gut wie nie.

Ein Vertrag mit einer Reederei läuft über ein Dreivierteljahr, danach ist ein Vierteljahr Erholung vorgesehen. Doch das Ersparte reicht nicht für einen Urlaub daheim. Meist geht die Hölle gleich danach von vorn los, bei einer anderen Reederei, unter neuer Flagge, mit einer fremden Mannschaft. Es ist ein Leben in Kajüten, die Zellen gleichen, weit weg von daheim, den Stimmen der Kinder beim Spielen, einem Baum vorm Haus, einer festen Bank. Von allem, was einem dabei hilft, zu wissen, wo man hingehört.

Holger Winter befürchtet, dass die Männer der Balticborg, eines Stückgutfrachters unter niederländischer Flagge, der an diesem Abend am Schuppen 24 vor Anker liegt, keine Zeit für einen Landgang haben, vielleicht haben sie noch nicht einmal eine Berechtigung, deutschen Boden zu betreten. Die Antiterrormaßnahmen, mit denen die Freizügigkeit in den Häfen nach dem 11. September 2001 deutlich eingeschränkt wurde, treffen auch die, die sich bloß die Beine vertreten möchten. Winter hat ihnen internationale Zeitungen mitgebracht, russische, ukrainische und philippinische, gedruckte Funksprüche von jenseits des Meeres. Er hat auch SIM-Karten dabei für die Anrufe in der Heimat und ein paar Broschüren vom Seemannsheim, nur für den Fall.

„How are you“, sagt Winter.

„I’m fine“, sagt Alberto, der philippinische Bootsmann. Er lächelt, als trüge er eine Maske der Tapferkeit. „I’m fine, thank you.“

Alberto ist seit einem halben Jahr ohne Unterbrechung auf der Balticborg, hat Weihnachten auf See verbracht und seinen vierzigsten Geburtstag. Er kennt alle europäischen Großhäfen, Antwerpen, Rotterdam, Hamburg, aber nicht die Städte selbst. In Bremen war er bestimmt schon fünfzigmal, immer nur zum Be- und Entladen. Vom Seemannsheim hat er gehört, das muss ein guter Ort sein, sagt er, da kann man Billard spielen und ein Bier trinken oder zwei. Und Mister Winter ist ein guter Mann, ein Seefahrer wie er. Aber schon heute Abend sticht die Balticborg wieder in See, in Richtung Bilbao, mit neuer Ladung, keine Zeit, keine Zeit, die Reederei macht Druck.

„Heimweh ist das Schlimmste“, sagt Alberto. Er vermisst seine Frau und die drei Söhne, der jüngste ist fünf Jahre alt. In der Messe der Balticborg gibt es eine Karaokemaschine, am liebsten singt er dort ein Lied von Queen. Es heißt „Too much love will kill you“.

I’m just the pieces of the man I used to be.
Too many bitter tears are raining down on me.
I’m far away from home
and I’ve been facing this alone
for much too long.

Holger Winter kehrt allein zurück zum Seemannsheim in seinem klapprigen Bus, trinkt noch einen Kaffee im Büro und füllt das Fahrtenbuch aus. „Leerfahrt“, schreibt er hin, mal wieder.

Man muss allerdings kein Schiff betreten, um den Strukturwandel der Seefahrt zu betrachten, er bricht sich auch an Land Bahn. Von den zwölf hauptamtlichen Mitarbeitern, die am Empfang des Seemansheims tätig waren, in der Verwaltung oder als Putzkräfte, haben zehn im Dezember vom Betreiber ihre Kündigung erhalten. Und auch Jutta Bartling hat einen Einschnitt hinter sich. Ihre Stelle als Seemannspastorin ist von der Landeskirche auf ein Viertel zusammengekürzt worden, sie hat eine neue Gemeinde am Stadtrand und muss nun wieder Taufen und Abendmahle abhalten. „Dabei“, sagt sie, noch in ihrem alten Büro im Seemannsheim, „weiß ich gar nicht mehr so recht, wie das geht.“ Dann lacht sie schallend, ganz resolute Ostwestfälin, als wollte sie unbedingt verhindern, dass ihr die Tränen kommen.

Auf den Schiffen spielen die Sakramente keine Rolle. Neun Jahre lang hatte die Seemannspastorin es dort mit einer Gemeinde zu tun, die sich täglich neu zusammensetzte. Manchen traf sie nur für wenige Minuten und danach nie wieder. „Aber wir haben uns getroffen“, sagt sie, „und das ist das Wichtige für diese Männer. Ein neues Gesicht zu sehen, eine neue Stimme zu hören nach Monaten auf See, einmal gefragt zu werden, wie es ihnen geht.“

Diese Seelsorge wird sie nun mit ihrer Viertelstelle weiter betreiben, so gut es eben geht, unterstützt von Holger Winter und einer Handvoll anderer Ehrenamtlicher, doch ohne ein Gemeindehaus – das Seemannsheim wird verkauft.

Michael Klee, gelernter Hotelfachmann und seit 1985 Portier des Heims, hatte mit seinen Kollegen noch versucht, Geld in die Kasse zu holen, sie vermieteten Zimmer an Touristen, doch damit war das Finanzamt nicht einverstanden, ein gemeinnütziger Verein darf keine Zusatzgeschäfte betreiben. Nun verwaltet Klee die Leere. Missmutig schiebt er die Computermaus über den Schreibtisch in seinem Glaskasten. Er hat Nachtdienst und wartet auf Gäste, die nicht kommen werden. Es tue ihm in der Seele weh, sagt er und blickt hinüber in den großen Aufenthaltsraum, in dem ein älterer Herr im Sessel vor dem Fernseher sitzt wie der einzige Zuschauer in einem Kino. Es geht auf Mitternacht zu.

„Den Erich wird es hart treffen, glaube ich“, sagt Klee.

Er meint den ehemaligen Bordelektriker Erich Wickboldt, den alle immer noch Blitz nennen. Er kommt seit Jahren jeden Abend ins Seemannsheim, trinkt ein Bier zu viel und erzählt von früher, Geschichten, die wahr sind oder auch nicht, wenn ihm jemand zuhört oder auch nicht. An der Wand hängen Bilder, die er gemalt und dem Heim geschenkt hat, mystische Motive von Schiffen in Sturmfluten. Eines zeigt die leere See.

„Was soll denn nun werden?“, fragt er Michael Klee, der sich zu ihm gesetzt hat, und schaut ihn an, als erwarte er darauf eine plötzlich doch noch hilfreiche Antwort, eine neue Perspektive, eine Adresse, zu der er sich stattdessen begeben könnte. Erich Wickboldt trägt einen Troyer, den Schlupfpullover eines Seemanns. Er sieht aus, als hätte er eine sehr lange Heuer hinter sich und wollte sich nun endlich ausruhen.

„Ich weiß es doch auch nicht“, sagt Klee und saugt an seiner elektronischen Zigarette.

„Was soll das heißen“, sagt Wickboldt. „Du weißt doch sonst immer alles.“

„Diesmal nicht“, sagt Klee.

„Das war’s dann wohl“, sagt Wickboldt.

Der kleine Kiosk in der Ecke des Aufenthaltsraums, in dem es Schokolade zu kaufen gibt, Zahnbürsten, Kartenspiele und Getränke, liegt verwaist da, ein Museum des Mindesten. An der Wand wartet eine Gitarre auf die Lieder von damals. Und aus dem ersten Stock tönt immer noch leise, als wollte jemand alles noch schmerzhafter machen, Rachmaninows Klavierkonzert.

Wer hört hier diese Musik? Vorbei am Glaskasten, die Treppe hinauf, im langen Korridor wird sie lauter. Wer wohnt hier noch? Ist da jemand?

Auf Höhe der vierten oder fünften Tür, der Hälfte des Korridors, setzen die Geigen ein, die schwermütige Melodie in c-Moll erklingt nun, als würde sie sich selbst spielen, aus dem Glück und Unglück der unbekannten Seeleute heraus, die noch gespeichert sind in den Wänden und den Kammern.

Aus einer von ihnen haben Sanitäter erst neulich einen alten Matrosen getragen, der hier seinen Ruhestand verbrachte. Er hatte Schilddrüsenkrebs, sie brachten ihn ins Hospiz, dort lebte er noch genau einen Tag. Ein anderer, ein noch recht junger Ukrainer, der nur für eine Nacht da war, nahm sich hier das Leben. Am Morgen hätte er wieder an Bord eines Schiffes gehen müssen.

An der drittletzten Türe soll man besser nicht klopfen, hat die Seemannspastorin geraten, dort haust ein greiser Bootsmann, der schon so lange mit niemandem mehr gesprochen hat, dass er sich vielleicht zu Tode erschrecken könnte. Für ihn sucht sie einen Platz in einem Altenheim, bislang ohne Erfolg.

Er ist es nicht, der Rachmaninow hört. Hinter der letzten Tür wohnt noch ein anderer, der letzte Seemann Bremens, wenn man so will. Das Licht flackert, an, aus, an, aus.

„Ich bin ein Geist, der durch eine fremde Welt irrt“, sagte Rachmaninow. „Ich erkenne die alte Welt nicht mehr und noch nicht die neue.“

Es ist Franco Parpaiola, der diese Tür öffnet. Ein Mann wie eine Meeresschildkröte, groß, breit und schwer, mit einer Stimme, die von weit herkommt, aus der Tiefe der See und der Zeit.

„Kommen Sie herein“, sagt er. „Mögen Sie Rachmaninow? Ich liebe Rachmaninow.“

Jede Nacht sitzt er in seiner Kammer und hört klassische Musik, sehr laut, denn sein Gehör hat gelitten in all den Jahren als Schiffsingenieur, und schreibt seine Erinnerungen auf, Geschichten aus einer Welt, die es nicht mehr gibt oder nie gegeben hat.

„Ich war immer auf dem Meer“, sagt Parpaiola. „Ich bin es heute noch.“

1964 kam er aus dem Friaul nach Cuxhaven und ließ sich zum Ingenieur ausbilden, er war, sagt er, der erste Italiener mit einem deutschen Offizierspatent. Vier Jahrzehnte stand er unter Deck, in den Maschinenräumen riesiger Tanker. 2003 musterte er ab und blieb in Bremen, seinem Heimathafen, in Italien kannte er niemanden mehr nach so langer Zeit in der Fremde. Das Seemannsheim ist seither sein Zuhause.

350 Euro zahlt er für die zehn Quadratmeter, die Hälfte seiner Rente. Sein Essen kocht er auf einem Campingherd, meistens gibt es Spiegelei und Bratkartoffeln. „Ich könnte mir eine größere Wohnung leisten und ein bisschen mehr Komfort“, sagt er, „aber ich will hierbleiben, bis zum Schluss. Das ist mein letztes Schiff.“

Seine Kammer gleicht einer Kajüte, eng und stickig, beim einzigen Fenster sind die Ritzen mit Dichtungsband abgeklebt. Das Bett hat er am Kopfende aufgebockt. An Bord der Tanker lag er nie ganz waagerecht, wegen der Neigung des Rumpfes, sagt er, er braucht das Kojengefühl noch heute zum Einschlafen.

Auch für Franco Parpaiola sucht die Seemannspastorin eine neue Bleibe, in die er umsteigen könnte wie auf ein Rettungsboot. Er ist jetzt 78 Jahre alt, geht an Krücken, kürzlich musste ein Tumor aus seiner Wade geschnitten werden.
„Ich gebe bald den Löffel ab“, sagt Franco Parpaiola. „Dann ist sie endgültig vorbei, die christliche Seefahrt.“

Die Oboe spielt das berühmte Thema des zweiten Satzes, als er die Tür seiner Kammer hinter sich schließt. Der Korridor sieht nun noch länger aus als zuvor. Das Licht flackert, an, aus, an, aus.

Unten, im Aufenthaltsraum, wohin Rachmaninow nur leise dringt, sitzt Erich Wickboldt, genannt Blitz, im Ledersessel vor dem Fernseher. Es ist eine der letzten Nächte in der Geschichte dieses Hauses. Die Kräne in den Bremischen Häfen stehen still, die Weser hat heimlich aufgehört zu fließen, die Dunkelheit hat sich über die Stadt gelegt wie ein Mantel des Schweigens. Und Blitz ist eingeschlafen.