Ging es ums Sparen, waren die Zeiten einmal einfacher: Man parkte sein Geld auf dem Sparbuch, zahlte regelmäßig in eine Lebens-, Renten- oder Bausparversicherung ein oder ein Häuschen ab. All das machen die traditionell aktienscheuen Deutschen überwiegend noch immer. Nur: Es lohnt sich kaum noch. Oft reichen die Zinsen nicht einmal mehr aus, um die Inflation auszugleichen. Und Negativzinsen drohen sogar schon privaten Sparkonten. Darum investieren immer mehr Menschen in Aktien – und das häufig in Form von Indexanlagen, sogenannte Exchange Traded Funds (ETF). In den Jahren 2007 bis Ende 2019 stieg das darin verwaltete Vermögen in Deutschland fast um das Achtfache, von zwanzig Milliarden auf 152 Milliarden Euro. Weltweit stecken rund 6,2 Billionen Dollar in diesen Anlagen, oft das Geld von Kleinanlegern, die damit ihre Altersvorsorge sichern wollen.

ETF-Portfolios bilden einen sogenannten Indexwert ab, etwa den des Deutschen Aktienindexes (DAX). Wer zum Beispiel darin investiert, spekuliert darauf, dass Kurseinbrüche einzelner DAX-Konzerne durch die Erfolge der anderen ausgeglichen werden – langfristige Wertsteigerung und Risikominderung durch Streuung, so die Idee. Beworben wird dieses Modell unter anderem von einem gewissen Friedrich Merz (“Fünf Euro am Tag reichen, um reich zu werden.”), ehemaliger deutscher Aufsichtsratsvorsitzender der weltgrößten Investmentgesellschaft Blackrock.

Zufälligerweise ist Blackrock auch einer der größten ETF-Anbieter. In dessen ETF-Produktlinie „iShares“ sind bislang 2,8 Billionen Dollar angelegt, ein gigantischer Marktanteil von vierzig Prozent.

Das Thema Nachhaltigkeit wird Anlegern dabei immer wichtiger. Allein im Jahr 2020 flossen rund 347 Milliarden Dollar in Fonds mit der Einstufung ESG (Environmental Social Governance), darunter auch ETFs, etwa doppelt so viel wie im Jahr davor. Und schon 2018 kündigte die EU-Kommission an, den Finanzmarkt zu reformieren: Unternehmen sollen transparenter über ihre Geschäftspraktiken berichten und Finanzprodukte an verbindlichen ökologischen Standards gemessen werden, eine Richtlinie dazu tritt frühestens 2022 in Kraft. Immerhin müssen Banken und Fondsgesellschaften ab dem 10. März offenlegen, wie nachhaltig ihre Produkte sind – die EU-Kommission sieht dazu 32 verpflichtende Indikatoren vor, zum Beispiel zu Treibhausgasen, Energieeffizienz, Artenvielfalt, Wasser, Abfall und Menschenrechten. Oft fehlen dazu aber Daten und klare Definitionen. Aus diesem Grund blieb es bisher meist bei grünen Labels auf eher braungrünen Finanzprodukten.

Der Gesamtanteil dieser häufig als „verantwortungsvoll“ bezeichneten Anlagen am Fondsmarkt liegt bis dato gerade mal im einstelligen Prozentbereich – aber er wächst mit dem Klima- und Umweltbewusstsein der Menschen. Blackrock möchte diese klimafreundlichen Anleger ansprechen und übt schon seit Jahren Druck auf Firmen aus. Nun ermahnt Chef Larry Fink in seinem aktuellen offenen Brief die CEOs der Unternehmen, an denen Blackrock Anteile hat, einen Plan zum nachhaltigen Wirtschaften vorzulegen – denn das Klimarisiko sei auch ein Investmentrisiko: „Wir fordern Sie auf darzulegen, wie Sie diesen Plan in Ihre langfristige Geschäftsstrategie einbinden und wie Ihr Aufsichtsrat die Einhaltung überprüfen wird“, schreibt Fink.

Expertinnen wie Katrin Ganswindt von der Umwelt- und Menschenrechtsorganisation „Urgewald“ kritisieren jedoch, dass eine solche Offenlegung von Klimarisiken noch längst nicht den konsequenten Ausschluss aus Investmentportfolios bedeute. Blackrock selbst wolle, so Larry Fink, die Emissionen seiner Investments bis 2050 auf “netto null” senken. Was das genau bedeuten und wie es erreicht werden soll, bleibt allerdings etwas undurchsichtig, findet auch das weltweite NGO-Netzwerk „BlackRock‘s Big Problem“, das die Aussagen des Briefs genau unter die Lupe genommen hat und zu dem Schluss kommt, dass es eher um Risikomanagement gehe als um das konsequente Aufhalten der Erderhitzung. Dafür spreche schon allein, dass Blackrock nicht die 1,5 Grad anpeilt, sondern nur „deutlich unter zwei Grad“ bleiben will – und so im Zweifel gewaltige Klimakatastrophen ausblendet. Was den Geschäftsleuten wohl nicht bewusst ist: Dass schon wenige Zehntel Grad mehr die ökologischen Grundlagen für jegliche Rendite zunichtemachen können.

Laut Werbung sollen nun vor allem Privatanleger mit den iShares ganz leicht grüne Portfolios zusammenstellen können, also in Unternehmen investieren, die zum Beispiel erneuerbare Energien vorantreiben, fair produzieren oder CO2-neutrale Technologien entwickeln. Sieht so eine grüne Finanzwende aus?

„Es ist durchaus zu würdigen, dass ein Riese wie Blackrock die eigene Rolle anerkennt und Fortschritte verspricht“, sagt Divestment-Experte Mathias von Gemmingen von der ehrenamtlichen Initiative Fossil Free Berlin, die unter anderem die Aktiengeschäfte des deutschen Staates durchleuchtet. „Aber durch wohlklingende Ankündigungen kann man das Klima nicht retten, nur durch Handeln – und das erfolgt zu wenig und zu langsam.“ Um das festzustellen, genügt ein Blick in die angeblich nachhaltigeren iShares-Portfolios, die ganze drei Prozent der gesamten iShares ausmachen. Darunter fällt zum Beispiel der iShares MSCI World SRI UCITS ETF, laut SRI-Label (Socially Responsible Investment) ein ökologisch ausgerichteter Fonds, der immerhin unter anderem auf Kraftwerkskohle, Ölsand und Atomwaffen verzichtet. Dennoch findet sich im Portfolio die deutsche Firma Siemens, die sich weigert, aus ihrem Kohlegeschäft auszusteigen, zum Beispiel Technik für eine neue Kohlemine in Australien beisteuert und Gasturbinen für ein Kraftwerk des französischen Ölkonzerns Total in Mosambik baut (und dafür schon vom größten privaten Vermögensverwalter Norwegens ausgeschlossen wurde). Ähnlich verhält es sich beim als nachhaltig beworbenen iShares MSCI USA ESG Screened UCITS ETF, der Anteile des US-Ölkonzerns Exxon enthält. Wie kann das sein?

„Das Hauptproblem ist, dass Larry Fink seine Ziele für BlackRock nachhaltig nennt, aber viele Hintertüren offenlässt“, erklärt von Gemmingen. Oft seien dann vielleicht Kohleminen ausgeschlossen, aber nicht die Infrastruktur dahinter, inklusive Kraftwerke. Oder ein Unternehmen wie Siemens, das auch Windräder baut, stellt sich so divers auf, dass das fossile Geschäftsfeld unter einem Schwellenwert bleibt – und so rutschen mitunter Firmen ins Portfolio, die ihre fossilen Sektoren sogar noch erweitern.

Für von Gemmingen ist das inakzeptabel: „Jede zusätzliche fossile Infrastruktur, die im 21. Jahrhundert noch ergänzt wird, ist automatisch gegen das Pariser Klimaabkommen gerichtet.“ Und sei damit alles andere als nachhaltig, selbst bei großzügiger Auslegung des Begriffs. Die Konsequenz: „Unternehmen mit Kohle-, Öl- und Gas-Geschäft müssen raus aus den Portfolios.“ Und dies könne Blackrock als Branchengigant mit 8,7 Billionen Dollar Investorengeld, das sie auch über ihre Marke iShares einsammeln, viel stärker vorantreiben. „Investoren behaupten ja gerne, dass sie nur mit den harten, messbaren Fakten rechnen. Sie schauen aber auch auf die Konkurrenz und reagieren auf deren Bewegungen – ein Dominoeffekt. So gesehen hätte Blackrock da enormen Einfluss“, sagt von Gemmingen.

Wie viele der von Blackrock verwalteten Investitionsgelder allein im Kohlegeschäft stecken, offenbart ein gemeinsamer Report von Urgewald und der NGO Reclaim Finance: 85 Milliarden Blackrock-Dollar sind in den klimaschädlichen Rohstoff investiert, davon 24 Milliarden Dollar in Unternehmen, die fossile Expansionpläne hegen, etwa der japanische Maschinen- und Elektronikkonzernverbund Sumitomo und das koreanische Energieunternehmen Kepco. Trotz des Briefes von Larry Fink. Und die schon 2020 versprochenen strengeren Richtlinien von Blackrock schließen laut Urgewald nur 17 Prozent der weltweiten Kohleindustrie aus – und ignorieren den CO2-intensivsten Teil, die Kraftwerke. Außerdem gelten die neuen Richtlinien von Blackrock nur für die aktiven, also von Managern verwalteten Investments, die nur ein Drittel des Geschäfts ausmachen. Die traditionell passiven, bloß einen Index abbildenden ETFs sind davon ausgenommen.

Großartig bewegen können Besitzer dieser ETFs übrigens nichts bei den Unternehmen, in die sie investieren. Anders als reguläre Aktionäre haben sie kein eigenes Stimmrecht bei Aktionärsversammlungen. So können sie also auch einen Konzern nicht dazu anregen, aus fossilen Geschäften auszusteigen. Das versuchen zum Beispiel die aktivistischen Aktionäre von Engine No. 1, die 0,02 Prozent Anteile von Exxon halten und so den Konzern zum Umsteuern zwingen wollen – was in etwa so sei, als würde eine Mücke versuchen, einen Elefanten zu reiten, wie der Spiegel schreibt. 

Es gäbe da allerdings ein Unternehmen, das als zweitgrößter Exxon-Investor die Zügel mit in der Hand hält und viel bewegen könnte: Blackrock.

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