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Greenpeace Magazin Ausgabe 4.10

Keine Warnung für den Zappelphilipp

Text: Jens Lubbadeh

Farbstoffe in Süßigkeiten stehen im Verdacht, das Zappelphilipp-Syndrom (ADHS) bei Kindern auszulösen. Ab Juli müssen Hersteller auf Verpackungen Hinweise drucken, wenn diese die umstrittenen Farbstoffe 
enthalten. Verbraucherschützern reicht das nicht

Ob Bonbons, Weingummi oder Limonade – Kinder mögen’s gerne bunt. Manche Farbstoffe in Süßigkeiten allerdings stehen unter Verdacht, gesundheitsgefährdend zu sein. Am 20. Juli tritt eine EU-Verordnung in Kraft, die vorschreibt, dass Produkte mit bestimmten Farbstoffen künftig folgenden Warnhinweis enthalten müssen: „Kann Aktivität und Aufmerksamkeit von Kindern beeinträchtigen.“ Betroffen sind die Farbstoffe Sunsetgelb (E 110), Carmoisin (E 122), Allurarot (E 129), Tartrazin (E 102), Cochenillerot (E 124) und Chinolingelb (E 104).

Seit Jahren schon haben Wissenschaftler davor gewarnt, dass Lebensmittelfarbstoffe an der Entstehung des Aufmerksamkeitsdefizit-Hyperaktivitäts-Syndroms (ADHS) bei Kindern mitschuldig sein könnten. Etwa 7,5 Prozent aller Sechs- bis Zwölfjährigen leiden darunter. Im Jahr 2007 erschien im renommierten Fachmagazin „Lancet“ eine Studie, die im Auftrag der britischen Lebensmittelaufsichtsbehörde „Food Standards Agency“ (FSA) durchgeführt worden war. Die Wissenschaftler hatten insgesamt 270 Kindern im Alter von drei und acht Jahren mehrere Wochen lang wechselweise zwei unterschiedlich konzentrierte Gemische aus den sechs Farbstoffen sowie dem Konservierungsstoff Natriumbenzoat 
(E 211) zu trinken gegeben. Bei einigen Kindern maßen sie anschließend vermehrt hyperaktives Verhalten. Für die Wissenschaftler ein Beleg, dass der Konsum der Farbstoffe bei Kindern das sogenannte Zappelphilipp-Syndrom hervorrufen kann. Die britische FSA sah sich alarmiert und rief die Lebensmittelhersteller auf, freiwillig bis Ende 2009 auf die umstrittenen Farbstoffe zu verzichten. Und die EU beschloss daraufhin die verpflichtenden Warnhinweise. Allerdings war die Studie unter Wissenschaftlern umstritten, da sie teilweise widersprüchliche Ergebnisse enthielt. Die europäische Behörde für Lebensmittelsicherheit -(EFSA) sah 2008 in einer wissenschaftlichen Bewertung „keinen Nachweis eines Kausalzusammenhanges zwischen den einzelnen Farbstoffen und möglichen Auswirkungen auf das menschliche Verhalten“. Das Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR) teilt diese Auffassung. Aufgrund dieser Bewertung hält auch das Bundesministerium für Ernährung, Landwirtschaft und Verbraucherschutz (BMELV) die Kennzeichnung „für den Schutz der Verbraucher ausreichend“.

Doch wo soll der Hinweis aufgedruckt werden? „Das schreibt die Verordnung nicht vor“, sagt Frédéric Vincent, Sprecher von John Dalli, dem EU-Kommissar für Gesundheit und Verbraucherschutz. „Er muss bei der Liste der Inhaltsstoffe mit aufgeführt werden“, sagt Vincent. Weiterhin muss der Hinweis „leicht verständlich und an gut sichtbarer Stelle deutlich les-bar und unverwischbar angebracht sein“, sagt BMELV-Sprecher Robert Schaller.

Verbraucherschützer sind enttäuscht: „Wir halten den Warnhinweis im Kleingedruckten für nicht ausreichend“, sagt Andrea Schauff von der Verbraucherzentrale Hessen. Sie fordert: „Diese Farbstoffe müssen aus Lebensmitteln verbannt werden.“ Die Verbraucherschützerin befürchtet, dass viele Kinder, die sich ihre Süßigkeiten selbst kaufen, den schlecht lesbaren Hinweis gar nicht bemerken werden. Dem widerspricht Vincent: „Wir gehen davon aus, dass auch Kinder den Hinweis lesen und verstehen können.“ Zudem 
liege es in der Verantwortung der Eltern, die Inhaltsstoffe der Produkte für ihre Kinder zu prüfen.

Martin Rücker von Foodwatch sieht die neue Verordnung pragmatisch: „Wir hätten uns natürlich ein Verbot der Farbstoffe gewünscht. Dennoch ist der Warnhinweis besser als nichts.“ Seiner Meinung nach sollte die EU schon bei Verdacht auf gesundheitsschädliche Effekte Zusatzstoffe verbannen. „Und die meisten Zusatzstoffe sind verzichtbar.“

Manche Hersteller sind einsichtig und verzichten schon jetzt freiwillig auf die umstrittenen Farbstoffe. So auch Haribo. Auf der Webseite des Gummibärchenherstellers ist zu lesen: „Derzeit arbeiten wir an einer Umstellung, sodass bis zum Stichtag keine warnhinweispflichtigen künstlichen Farbstoffe mehr eingesetzt werden.“

Links
www.codecheck.info
Große Lebensmitteldatenbank, in der man auch gezielt nach Produkten mit bestimmten E-Nummern suchen kann.

www.verbraucher.de
Auf der Seite der Verbraucherzentrale Hessen steht unter „Ernährung“ – „Azofarbstoffe“ eine Liste 
von Kinderlebensmitteln mit den kritischen Farbstoffen