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Kiwis in Ibbenbüren

Greenpeace Magazin Ausgabe 6.17

Kiwis in Ibbenbüren

Text: Dirk Gieselmann Foto: Julia Sellmann

Dr. Eckart John war früher Klimawandelskeptiker. Bis er endlich all die Bücher las, die seine Kinder ihm geschenkt hatten. Die Geschichte eines späten Erwachens

Was Hänschen nicht lernt, lernt Hans nimmermehr: Diese Spruchweisheit ist eine verniedlichende Umschreibung für die Tendenz, dass wir mit fortschreitendem Alter immer weniger bereit sind, uns fortzubilden. Ansichten und Meinungen, ja ganze Weltbilder verhärten sich in uns, wir werden starrsinnig.

Im Angesicht dessen tut jedes Gegenbeispiel gut. Eines finden wir in Ibbenbüren, einer Mittelstadt bei Osnabrück. Dort, wo es abseits des Sturms der Welt noch recht windstill ist in den gemütlichen Eigenheimen, die gebaut sind, als wäre die Geschichte an ihr Ende gelangt und als bliebe das jetzt alles so, für immer. Einer der Anwohner ist Dr. Eckart John, 74 Jahre alt, pensionierter Allgemeinmediziner und ein Mann, dessen Geist im Alter nicht starrer geworden ist. Sondern flexibler.

John war einmal Klimawandelskeptiker. Es könne schon sein, meinte er, dass sich der Planet erwärme, aber das sei ein Phänomen, das, erdgeschichtlich betrachtet, immer wieder auftrete. Kaltzeiten und Warmzeiten wechselten einander ab wie Ebbe und Flut, kein Grund zur Besorgnis also. Inzwischen aber warnt er seine Mitbürger vor den klimatischen Folgen ihres Lebenswandels – in seinem Buch, das den dräuenden Titel „Wir werden einmal gewesen sein“ trägt, auf Vorträgen und Symposien. Er ist der Hans, der begriffen hat, was das Hänschen nicht glauben wollte.

Dabei war schon der kleine Eckart ein Junge, der gern widersprach. Einer, der, wie er sagt, „erst mal gar nichts geglaubt hat“. So wollte er seiner Mutter einfach nicht abkaufen, dass der Spinat, den sie ihm vorsetzte, besonders viel Eisen enthalte. „Glaub ich nicht“, sprach er und schob den Teller von sich. Und seine Zweifel waren ja, wie man heute weiß, durchaus angebracht: 1982 wurde festgestellt, dass der Eisengehalt aufgrund eines Kommafehlers zehnmal zu hoch angegeben worden war.

Mit der Einstellung, nichts zu glauben, was glaubwürdig erscheint, hätte John heute gute Chancen, Teil einer dubiosen Subkultur zu sein: einer von zahllosen Verschwörungstheoretikern, die notorisch den wissenschaftlichen Erkenntnisstand anzweifeln, die meinen, dass eine verlogene Elite die Menschheit hinters Licht führe, und die sich selbst für Aufklärer halten. Doch er fing nicht an, von Chemtrails zu faseln, er setzte sich auch keinen Aluhut auf, es kam anders: Dr. Eckart John lernte dazu. Er lernte, das Glaubwürdige vom Unglaublichen zu unterscheiden.

Draußen vor dem Haus zieht ein Mähroboter stoisch seine Bahnen wie ein außerirdisches Schaf, er verwandelt den Rasen in einen grünen Teppich, auf dem man ein großes Fußballendspiel veranstalten könnte. Der ganze Garten ist so ordentlich, als hätte John alle Pflanzen darin nach Farben sortiert. Er hat, seit er vor 14 Jahren seine Praxis schloss, viel Zeit für die Gartenarbeit und auch für das Nachdenken über die großen Zusammenhänge. Sein Gewächshaus, sagt er, sei jetzt sein Arbeitszimmer. Dort züchtet er auch Kiwis. Südfrüchte in Ibbenbüren. „Vielleicht“, sagt John, „ist das schon ein Zeichen für den Klimawandel.“

Das Thema beschäftigt ihn nun schon fast so lange wie die Sache mit dem Spinat. Es wurde ihm erstmals Anfang der Sechziger vorgesetzt, da hatte er gerade angefangen, in Münster Medizin zu studieren. Ein kritischer Geist, der keine Behauptung akzeptierte, solange sie nicht wissenschaftlich bewiesen war.

Eine neue Eiszeit stehe bevor, hieß es damals, verursacht von den Menschen. So hatten etwa Klimatologen von der Universität Wisconsin vorausgesagt, dass durch den rasant anwachsenden Luftverkehr ein breiter Streifen zwischen Europa und Amerika mit einer Cirrus-Wolkenschicht bedeckt werde, was zum Absinken der mittleren Temperatur um vier Grad führe. „Glaub ich nicht“, sprach Eckart John. Es möge zwar sein, dass es kühler werde, doch die Menschen, insistierte er, seien dafür nicht verantwortlich, jedenfalls gelte zunächst einmal die Unschuldsvermutung.

Es wurde dann auch wirklich nicht kälter. Und zwanzig Jahre nach der Eiszeitprognose warnten Wissenschaftler vor einer Erderwärmung. Das Nachrichtenmagazin Der Spiegel prophezeite 1986 „Die Klimakatastrophe“ und zeigte auf seiner Titelseite einen in den Fluten untergehenden Kölner Dom. Auch diesmal wurden die Menschen als Mitverursacher ausgemacht, auch diesmal widersprach Dr. John: Die Messstationen seien doch mehrheitlich in der Peripherie von Metropolen aufgestellt und längst von den wachsenden Städten geschluckt worden. Und in Wohngebieten sei es nun mal wärmer als auf freier Fläche. Und auch der angeblich steigende CO2-Gehalt in der Atmosphäre beruhe auf einem Messfehler: Die Sensoren stünden oftmals an den Kratern aktiver Vulkane, etwa auf dem Kilauea auf Hawaii. Und überhaupt: Es könne ja sein, dass die Erde sich erwärme, aber wenn, dann doch aus sich selbst heraus. Die Wissenschaft und vor allem die Medien sollten, meinte John, doch bitte aufhören, den Menschen ein schlechtes Gewissen zu machen.

Sein Bücherregal erzählt noch heute von der Reiselust der Wirtschaftswunderkinder, von ihrer Neugier auf die weite Welt: Bildbände über ferne Länder stehen dort in langen Reihen, Ozeanien, Peru, Zentralafrika, die sibirische Tundra. Davor sind Souvenirs drapiert, vor allem kleine Nashornskulpturen haben es John offenbar angetan. Das ganze Ensemble wirkt wie ein Schaukasten, in dem man die Welt als Paradies betrachten kann, durch das nur ab und an ein westlicher Tourist stapft, auf der Suche nach Ursprünglichkeit.

Doch dann gibt es da noch ein paar Regalfächer, in denen stehen Bücher wie Hoimar von Ditfurths „So lasst uns denn ein Apfelbäumchen pflanzen“, Herbert Gruhls „Ein Planet wird geplündert“ oder Armin Rellers „Wir konsumieren uns zu Tode“, lauter Warnschriften und Menetekel. Sie sind wie ein Spalt in der heilen Welt, durch den die Glut und der Wahnsinn des drohenden Untergangs dringen.

„Das sind meine Nachdenkbücher“, sagt John. „Meine Kinder haben sie mir geschenkt, all die Jahre über. Lies das mal, Papa, haben sie gesagt, denk mal drüber nach.“ Doch erst, nachdem er 2003 in den Ruhestand ging, habe er Zeit für diese Klassiker gehabt. Er lernte dazu, suchte weitere Quellen, las, dass die wärmsten zehn Jahre seit Beginn der Temperaturmessungen fast alle im neuen Jahrtausend aufgetreten sind, dass der CO2-Gehalt in der Atmosphäre von 280 auf mehr als 400 Millionstel (ppm) gestiegen und dass das Meer messbar saurer geworden ist. Dass der Klimawandel unzweifelhaft stattfindet. Und dass Sonnenflecken oder geologische Prozesse allein ihn nicht erklären können. „Je mehr ich las“, sagt John, „desto klarer wurde mir: Wir zerstören unseren Planeten.“

Auf dem Sofa in Johns Wohnzimmer liegt ein großes Kissen, auf das ein Foto seiner drei Enkelkinder gedruckt ist. „Sie tun mir leid“, sagt er. „Denn sie werden mit den Konsequenzen dessen zu kämpfen haben, was wir, ihre Großeltern, verursacht haben.“ Er redet nun im Flüsterton. Seine Frau höre so etwas nicht gern.

Umso lauter ist er hingegen auf den Veranstaltungen, mit denen er versucht, den Menschen die Augen zu öffnen. Das sei nicht immer leicht, sagt er. „Die Grundhaltung ist: Wenn es ganz schlimm kommt, wird uns schon was einfallen. Dabei wird übersehen, dass bislang alle Hochkulturen untergegangen sind, weil sie zu spät auf Herausforderungen reagiert haben.“

Mit einem Mal weht er doch durch Ibbenbüren, der Sturm der Welt. Mit einem Mal ist vorstellbar, dass all die Eigenheime untergehen wie die Bauwerke der Assyrer. „Aber ich resigniere nicht“, sagt John. „Ich war ja schließlich Arzt, und ein Arzt darf niemals resignieren. Es hat nie was gebracht, den Leuten das Rauchen einfach zu verbieten. Ich musste ihnen erklären, warum sie damit sich und anderen großen Schaden zufügen, schonungslos und drastisch. So müssen wir auch in der Klimapolitik vorgehen: Es braucht eine neue Volkspädagogik. Wir dürfen den Leuten nicht einfach ihre Dieselautos wegnehmen oder ihr Billigschnitzel, wir müssen ihnen geduldig erklären, warum sie sich und anderen damit schaden. Das geht nicht von heute auf morgen, das ist ein Generationenprojekt. Aber irgendwer muss es ja anpacken. Wenn nicht wir, wer dann?“

Wenn nicht wir, wer dann: Das ist kein sehr typischer Appell für einen 74-Jährigen. Erst recht nicht für einen, der mal ein Klimawandelskeptiker war. Doch er macht Hoffnung, dass die Menschen in der Lage sind, dazuzulernen. Auch dann, wenn man es ihnen längst nicht mehr zutraut.