Liebe Leserinnen und Leser,

während im ägyptischen Badeort Scharm el-Scheich Delegierte und Politikerinnen aus aller Welt in diesen Stunden um eine Abschlusserklärung zur verlängerten 27. Weltklimakonferenz ringen, die nicht wie eine Kapitulation aussieht, plätschern sanft die Wellen eines wunderschönen und ganz besonderen Meeres an seine Strände. Denn im Roten Meer leben Geschöpfe mit Superkräften: Seine bunten Korallen haben dem Ort an der „Bucht des Scheichs“ nicht nur binnen weniger Jahrzehnte einen rasanten Aufstieg vom 100-Einwohner-Fischerdorf zum weltbekannten Tauch- und Vergnügungszentrum ermöglicht. Sie sind auch erstaunlich gut dafür gewappnet, dem Klimawandel zu trotzen. Den Abgesandten der Staaten im klimatisierten Konferenzzentrum in der Wüste muss ihre natürliche Widerstandskraft märchenhaft erscheinen.

Forschende haben herausgefunden, dass die Korallen im Golf von Akaba, an dessen südlichem Ende Scharm el-Scheich liegt, mit viel höheren Temperaturen zurechtkommen als ihre Verwandten im Rest der Welt. Während die sensiblen Blumentiere in den meisten Meeresregionen absterben, sobald das Wasser über einen längeren Zeitraum ein bis zwei Grad Celsius wärmer ist als zuvor, kommen die Korallen von Akaba noch mit sechs Grad Erwärmung gut zurecht. Es ist ein beneidenswerter Vorsprung bei der „Klimaanpassung“, das Rote Meer könnte einmal zum Refugium der Artenvielfalt werden. Ein Beispiel, das Schule machen kann?

Früher war mehr Klimaschutz

Konferenzbeobachter berichten, dass sich die Schwerpunkte in Scharm el-Scheich gegenüber früheren Konferenzen deutlich verschoben haben. Angesichts zunehmend katastrophaler Extremwetterereignisse, die immer zweifelsfreier dem menschengemachten Klimawandel zugeordnet werden können, fordern die ärmeren Länder von den Verursacherstaaten nun vehement finanzielle Unterstützung zur Bewältigung der „Schäden und Verluste“. Eine Einigung über entsprechende Ausgleichszahlungen gilt als Knackpunkt der Konferenz. Auch die Frage, wer Anpassungsmaßnahmen finanzieren soll, spielt eine immer größere Rolle – Gelder etwa für den Bau von Deichen oder Bewässerungssystemen zum Schutz vor Überflutungen, Hitzewellen und Dürren. Das sind alles legitime und überlebenswichtige Forderungen, doch Klimaschutzorganisationen fürchten, dass in ihrem Schatten eine zentrale Frage ins Hintertreffen gerät: Wie die Welt nämlich bei der Reduktion der Treibhausgasemissionen endlich auf Kurs kommen soll. Angesichts der Abermilliarden, die Konzerne derzeit in die Erschließung neuer Öl- und Gasfelder, den Bau von Flüssiggasterminals und andere fossile Infrastruktur stecken, erscheint das Erreichen des Klimaziels von Paris, die Erderhitzung auf 1,5 Grad zu begrenzen, inzwischen trotz technischer Machbarkeit als politisch nahezu unerreichbar.

Ist es also vernünftig, vermehrt auf Anpassung zu setzen? Der Spiegel brachte diese Idee im Vorfeld der COP27 auf den Punkt, indem er den Kölner Dom auf seinem Titel nach 36 Jahren erneut unter Wasser setzte, diesmal durch hohe Betonmauern vor den Fluten geschützt. Fachleuten ist längst klar, dass beides dringend notwendig ist – Klimaschutz und Klimaanpassung. Es gibt jedoch noch immer die fatale Tendenz, das Potenzial der Letzteren zu überschätzen.

So überraschte der ZDF-Moderator Markus Lanz vor wenigen Tagen die Aktivistin Carla Rochel von der „Letzten Generation“ mit den Sätzen: „Sie sitzen hier mit 20, Sie müssten optimistisch sein. Sie müssten Zutrauen haben in die Fähigkeiten von Menschen. Sie müssten Zutrauen haben in die Fähigkeit zur Anpassung. Die ganze Menschheitsgeschichte ist eine Geschichte der Anpassung. Uns als Spezies hat erfolgreich gemacht, dass wir uns angepasst haben, immer wieder.“ Als Rochel erwiderte, „wir können uns nicht an ein so schnell veränderndes Klima anpassen“, fragte Lanz: „Warum?“

Drinnen bleiben reicht nicht

Ja, warum? Laut einem aktuellen Bericht des Roten Kreuzes und der Vereinten Nationen droht etwa die Zahl tödlicher Hitzewellen im Lauf des Jahrhunderts so stark zuzunehmen, dass weite Teile des Planeten praktisch unbewohnbar werden. Es gebe „klare Grenzen bei Hitze und Luftfeuchtigkeit, oberhalb derer Menschen nicht überleben können.“ Ein Drittel der Weltbevölkerung wäre aber bei gescheitertem Klimaschutz in der zweiten Hälfte des Jahrhunderts Temperaturen ausgesetzt, wie sie heute in der Sahara herrschen. Wie kann man sich an solche Extrembedingungen anpassen? Indem man überall klimatisierte Gebäude baut wie in Scharm el-Scheich und Katar – und einfach nicht mehr rausgeht?

Wird die 1,5-Grad-Erwärmungsschwelle gerissen, drohen überdies mehrere sogenannte Kippelemente des Erdsystems ausgelöst zu werden. Unter anderem wird es mit jedem Zehntelgrad Erwärmung wahrscheinlicher, dass das Abschmelzen des grönländischen und des westantarktischen Eisschildes unumkehrbar wird. Der Inselstaat Tuvalu, dessen analoger Untergang praktisch besiegelt ist, bereitet nun seinen Umzug in Mark Zuckerbergs „Metaverse“ vor, um zumindest virtuell fortzubestehen. Auch das könnte man als pragmatische Form der Klimaanpassung bezeichnen.

Da erscheint es vielleicht doch angebracht, die Notlage des Planeten Erde anzuerkennen – und die CO2-Emissionen fortan ohne Tabus und mit allen erdenklichen Mitteln zu reduzieren. In Deutschland wäre zum Beispiel ein generelles Tempolimit auf den Autobahnen leicht machbar – das bisher praktizierte CO2-intensive Rasen ist im Zeichen der Klimakrise meines Erachtens als „nicht angepasste Geschwindigkeit“ zu werten. Dennoch schien Markus Lanz, der so stark auf die menschliche Anpassungsfähigkeit vertraut, in der TV-Diskussion ernsthaft verblüfft, als Carla Rochel ein Tempolimit als ersten Schritt forderte.

Die Korallen im Golf von Akaba haben ihre Hitzeresistenz übrigens erworben, als ihre Larven nach der letzten Eiszeit durch die schmale Meeresstraße einwanderten, die das Rote Meer über den Golf von Aden mit dem Indischen Ozean verbindet. In der Meerenge ist das Wasser extrem warm und salzhaltig – die Passage ins Rote Meer haben immer nur die widerstandsfähigsten überlebt, deren Hitzeresilienz sich bis heute erhalten hat. Natürliche Selektion nennt man das. Sie ging mit milliardenfachem Tod einher.

Hoffen wir, dass uns das Abschlussdokument von Scharm el-Scheich doch noch positiv überrascht – und kommen Sie, kleidungsmäßig gut angepasst, gut durch dieses winterliche Wochenende!

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Wolfgang Hassenstein
Redakteur

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