Liebe Leserinnen und Leser,

haben Sie schon einmal von der Dunkelflaute gehört? Dieses Wort taucht immer dann auf, wenn die Tage – so wie jetzt – kurz und düster sind und kaum ein Lüftchen weht. Die Sonne steht tief, wenn sie überhaupt durch die Wolkendecke bricht, und es ist so windstill, dass der Schneeregen senkrecht auf den Boden fällt. Solaranlagen und Windräder erzeugen an solchen Tagen – oder im Extremfall, der alle paar Jahre auftritt, in solchen Wochen – kaum Strom.

Kein Problem, heißt es nun von der Leag, einem der großen Braunkohleverstromer unseres Vertrauens. „Da sind wir drauf vorbereitet“, lässt sich Unternehmenssprecher Thoralf Schirmer von der „Lausitzer Rundschau“ zitieren. Nach eigenen Angaben laufen die Kraftwerksblöcke mit voller Auslastung, und auch die Tagebaue befänden sich nach vorübergehenden Schneeproblemen wieder im Hochbetrieb. So würden Stromausfälle verhindert, die bei einer Versorgung nur durch erneuerbare Energien unweigerlich drohten. So räche sich nun mal die Energiewende, schreibt die Welt am Sonntag. Es herrsche in der Öffentlichkeit „noch der Glaube an die Omnipotenz erneuerbarer Energien vor“, verbreitet von einem „linksökologischen Mainstream“ und den naiven Forderungen der „Fridays-for-Future-Kinder“.

Verschwiegen wird dabei gern, dass Deutschland zu den größten Stromexporteuren Europas gehört und die deutschen Stromnetze oft so stark überlastet sind, dass sogar Wind- und Solaranlagen abgeregelt werden müssen – mit riesigen Entschädigungszahlungen für deren Betreiber. So entstanden 2020 laut Spiegel bis zu 1,3 Milliarden Euro Kosten, die die Verbraucher tragen müssen. Die Lösung wären der seit Langem verzögerte Netzausbau und neue Speicher, um die Infrastruktur endlich für die CO2-freie Stromerzeugung flexibel zu machen.

Übrigens ist unbestritten, dass die Wind- und Solarstromerzeugung stark schwankt und dass es noch eine Weile zu Engpässen kommen wird, die mit atomfossiler Energie überbrückt werden müssen. Selbst führende Köpfe aus der Ökostrombranche warnen inzwischen vor der drohenden Stromlücke, etwa Carsten Körnig, der Chef des Bundesverbandes der Solarwirtschaft. Hundert Milliarden Kilowattstunden könnten infolge der anstehenden Kraftwerksabschaltungen allein im Jahr 2023 fehlen, ein Fünftel des dann herrschenden deutschen Strombedarfs, rechnet das Bonner Institut EUPD Research vor.

Volker Quaschning, Professor an der Hochschule für Technik und Wirtschaft Berlin, bezeichnete die „Dunkelflaute“ im vergangenen Jahr als Unwort, das bloß Ängste schüre. Auch auf die Gefahr hin, sich zu wiederholen, gebe es angesichts der Klimakrise keine andere Alternative: Kohlekraftwerke abschalten, Windkraft verfünffachen, Fotovoltaik verzehnfachen, Speichermöglichkeiten vertausendfachen. Technisch sei das durchaus möglich. Das Problem sei aber, so Quaschning, der viel zu schleppende Ausbau der Alternativen. So sieht das auch Carsten Körnig: Er fordert, auf die Warnungen aus der Wissenschaft zu hören und beim Erneuerbare-Energien-Gesetz (EEG) nachzubessern. Denn dessen siebte Reform, die mit dem neuen Jahr in Kraft getreten ist, macht die Situation nicht einfacher: So wie es momentan aussieht, wird das Ziel, bis zum Ende des Jahrzehnts 65 Prozent des Strombedarfs aus Erneuerbaren zu decken, nicht erreicht. Und darin besteht der Skandal.

So bleibt von der ganzen so vorhersehbaren wie ermüdenden Debatte, die mal wieder nicht das eigentliche Problem benennt, nur dieses doch eigentlich schöne, fast poetische Wort: Dunkelflaute. Vielleicht lässt sich ja damit was anfangen, denn: Beschreibt es nicht auch wunderbar treffend das Lebensgefühl der Stunde, in diesen pandemischen Zeiten? Das soziale und kulturelle Leben im Lockdown heruntergefahren, Spaziergänge im Schneeregen, der Sommer noch lange hin, eine Kanzlerin, die mit den Worten „es bleibt hart bis Ostern“ um noch mehr Geduld bittet. Und vielleicht kann das Wort ja sogar Hoffnung stiften, schließlich geht jede Flaute einmal vorbei.

Kommen Sie gesund durch diese Dunkelflaute!

Unterschrift Kerstin Eigner

Jahresabo inkl. Prämie ab

35,50 €

Die Welt besser machen!

Wie, steht im Greenpeace Magazin.

Jetzt Abonnieren