Liebe Leserinnen und Leser,

Unsere Kollegin Kerstin Eitner, die Ihnen sonst an dieser Stelle die Woche auf unnachahmliche Weise zusammenfasst, lässt Sie alle grüßen. Wir werden sie noch ein wenig vertreten müssen, aber sie hofft, sich bald wieder bei Ihnen melden zu können.

Wenn zukünftige Generationen – die hoffentlich glücklich in einer emissionsarmen Welt mit großer Artenvielfalt, sauberer Luft, genügend Wasser und Nahrung für alle leben dürfen – auf die großen Einschnitte ihrer Vergangenheit zurückblicken, könnte dieser Woche eine ganz besondere Bedeutung zukommen. Sie haben sicher davon gehört oder gelesen, ein Gericht im niederländischen Den Haag verdonnerte den britisch-niederländischen Ölkonzern Shell dazu, seine Emissionen gegenüber dem Jahr 2019 bis 2030 um 45 Prozent zu reduzieren und so im Kampf gegen die Klimakrise endlich seinen längst überfälligen Beitrag zu leisten. Immerhin ist Shell jährlich für neun Mal so viel CO2-Emissionen verantwortlich wie die Niederlande selbst.

Der hinter dem Urteilsspruch steckende Gedanke entspricht einem ganz simplen Rechtsverständnis, das bisweilen aus dem Blick zu geraten scheint: Warum soll man eigentlich einfach so – ungestraft – die Welt zerstören und die Gesundheit von Menschen, Pflanzen und Tieren ruinieren dürfen? Und warum sollten dabei Unternehmen für sich ganz andere Rechte in Anspruch nehmen dürfen als wir?

Umweltschützer in aller Welt reagierten euphorisch auf das Urteil, das durch eine Sammelklage von über 17.000 Bürgerinnen und Bürgern sowie Organisationen wie Greenpeace erwirkt worden war. Bereits 2015 hatte das gleiche Gericht den niederländischen Staat dazu verurteilt, die postulierten Klimaschutzziele auch endlich in konkretes Handeln zu übersetzen, ähnlich wie vor wenigen Wochen das Bundesverfassungsgericht die unsrige Regierung. Und es ist mehr als wahrscheinlich, dass bald noch mehr Unternehmen und Regierungen mit umweltzerstörerischer Praxis auf der Anklagebank landen werden. Bereits jetzt laufen Verfahren in Ländern wie Frankreich, Brasilien oder Peru, wo der Kleinbauer Saúl Luciano Lliuya den deutschen RWE-Konzern verklagt hat.

Geschichte wird geschrieben, wenn aus großen Worten plötzlich Taten folgen. Die Erklärung der Menschenrechte mit ihrer universell gültigen Idee der Würde und Gleichberechtigung oder das Grundgesetz, das das Recht auf körperliche Unversehrtheit und auf die sozialen Verpflichtungen des Eigentums festschreibt – vieles davon kam einem doch längst nur noch wie eine Phrase vor, die man an staatlichen Feiertagen oder bei Vereidigungen im Munde führte. Um dann ganz schnell zu vergessen, dass die damit verbundenen Rechte und Pflichten auch Konsequenzen haben. Nun öffnet sich plötzlich ein kleines Fenster der Möglichkeiten, nicht nur jene Konzerne in die Verantwortung zu zwingen, die mit der Klimakatastrophe ihr Geld verdienen, sondern womöglich die ganze selbstmörderische Logik der ungebremsten Wachstumsideologie in Frage zu stellen. Gewinne ohne Rücksicht auf Verluste dürfen eben genau das nicht mehr sein: Gewinne.

Vielleicht wird diese Woche jene sein, welche die zynische Gewissheit mancher Unternehmen und Regierungen durchbricht, elementare Gesetze zum Wert des Lebens und der Natur seien nicht viel mehr als unverbindliche Verabredungen. Wenn am Wochenende hoffentlich der Sommer in unser Leben zurückkehrt, kann man sich ja mal für ein paar sonnige Stunden eine Welt zurecht träumen, in der man so einen Schurken wie den weißrussischen Diktator Alexander Lukaschenko aus einem Flugzeug holt und ins Gefängnis wirft, in der eine wunderbare Sängerin wie die Hamburgerin Zoe Wees für Deutschland beim Eurovision Song Contest antritt (statt, nunja) und in der sich manche Politiker über die erneut wachsende Lohnlücke zwischen Männern und Frauen auch nur einen Bruchteil so heftig erregen wie über die Gendersprache – wie auch immer man selbst zu dem Thema stehen mag.

In diesem Sinne wünsche ich Ihnen ein verträumtes Wochenende mit neu entfachtem Glauben in die Kraft des Rechts.

Unterschrift Kerstin Eigner

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