Liebe Leserinnen und Leser,

Araminta „Minty“ Ross kam irgendwann zwischen 1820 und 1825 – ihr genaues Geburtsjahr kannte sie selbst nicht – als eines von neun Kindern der Sklavin Harriet Green und des Sklaven Ben Ross in Maryland zur Welt, einem Staat an der Ostküste der USA. Ihre Großmutter mütterlicherseits war auf einem Sklavenschiff aus Afrika gekommen, möglicherweise aus dem heutigen Ghana.

Im Alter von fünf oder sechs Jahren wurde das Mädchen an andere Sklavenhalter vermietet, wo sie oft aus nichtigem Anlass die Peitsche zu spüren bekam. Die Narben blieben ihr ein Leben lang. Einige Jahre später zertrümmerte ihr ein Aufseher fast den Schädel, als sie ihm bei einer Auseinandersetzung mit einem anderen Sklaven in die Quere kam. Zwei Tage ließ man sie einfach bewusstlos liegen, dann musste sie wieder aufs Feld. Wohl als Folge der Verletzung bekam sie Halluzinationen und wirre Träume, manchmal wurde sie ohnmächtig – für sie ein Zeichen Gottes.

Um 1844 heiratete Araminta den freien Schwarzen John Tubman und änderte ihren Vornamen in Harriet. Als sie nach dem Tod ihres Besitzers in den Süden verkauft werden sollte, auf eine Baumwollplantage fern der Familie, floh sie mit zwei ihrer Brüder. Doch die beiden befielen Zweifel, und so kehrten alle drei noch einmal um. Kurz darauf floh Harriet erneut, diesmal allein. Mit Unterstützung der Underground Railroad, eines Netzwerks aus freien und versklavten Schwarzen und weißen Abolitionisten, darunter viele Quäker, schlug sie sich nach Philadelphia durch.

Zwei Jahre später ging sie nach Maryland zurück, um einer Nichte und deren Kindern bei der Flucht zu helfen. Ein riskantes Unterfangen, denn überall waren bewaffnete Sklavenjäger unterwegs. Doch es klappte. Noch viele Male unternahm Harriet die gefährliche Reise. Ihrem Mut verdankte sie den Beinamen „Moses“ nach dem biblischen Propheten, der das Volk Israel aus Ägypten in die Freiheit führte. „Ich war für acht Jahre Schaffnerin der Underground Railroad“, sagte sie einmal über sich selbst, „und ich kann von mir behaupten, was nur wenige andere Schaffner sagen können – ich habe meinen Zug nie entgleisen lassen und ich habe niemals einen meiner Passagiere verloren.“

Im Amerikanischen Bürgerkrieg unterstützte Harriet Tubman die Nordstaatenarmee, rekrutierte geflohene Sklaven als Soldaten, war als Kundschafterin in den Sümpfen von South Carolina unterwegs oder pflegte Kranke und Verletzte. Nach dem Bürgerkrieg kümmerte sie sich in ihrem Haus in Auburn im Bundesstaat New York um ihre Familie und andere Bedürftige. 1869 heiratete sie noch einmal; ihr verstorbener erster Ehemann hatte ohnehin längst eine andere Frau gehabt. Später setzte Harriet sich aktiv für Frauenrechte ein. Erst 1899 erkannte man ihr, die sich zeitlebens mit Gelegenheitsarbeiten und Unterstützung von Sympathisanten über Wasser gehalten hatte und oft verschuldet war, eine staatliche Veteranenrente zu.

Am 10. März 1913 starb Harriet Tubman. Sie wurde mit militärischen Ehren bestattet und genießt in den USA Heldinnenstatus. Schulen sind nach ihr benannt, ein Venuskrater und ein Asteroid; ein Schiff wurde auf ihren Namen getauft, eine Briefmarke mit ihrem Porträt gedruckt. Es gibt Biografien, Kinderbücher und Romane über sie, eine Mini-Fernsehserie und seit 2019 den Hollywoodfilm „Harriet“. 2016 entschieden US-Bürgerinnen und -Bürger, Harriet Tubman solle auf der neuen 20-Dollar-Note zu sehen sein. Dann aber gelangte einer ins Präsidentenamt, der das als „reine politische Korrektheit“ abtat. So prangt nach wie vor das Konterfei des früheren US-Präsidenten und Sklavenhalters Andrew Jackson auf der Banknote.

Noch, denn Präsident Joe Biden ließ seine Sprecherin schon kurz nach Amtsantritt verkünden, das werde sich nun bald ändern. Als zweite Frau nach Martha Washington, der Ehefrau des ersten US-Präsidenten George Washington, und als erste afroamerikanische Frau wird Harriet Tubman den Geldschein zieren: Botin aus einer vergangenen Zeit, da Menschen als Zahlungsmittel dienten, und die uns daran erinnert, dass wir auf dem Weg zur vollständigen Gleichstellung aller Geschlechter, egal welcher Hautfarbe, allenfalls einen Teilabschnitt der ganzen Strecke geschafft haben.

Unterschrift Kerstin Eigner

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