Liebe Leserinnen und Leser,

was sagt Ihnen der Begriff „Konvexringnägel“? Die werden, lese ich, für die Herstellung von Europaletten verwendet, sind jedoch derzeit schwer und nur zu exorbitant gestiegenen Preisen zu bekommen. Kabelbäume, Sonnenblumenöl, Getreide, Dünger, Damenbinden, Windeln, FFP2-Masken, Metalle, Seltene Erden, Schnittholz, Baumaterialien und Glasbehälter von der Weinflasche bis zur Medikamentenverpackung: nur ein paar der Güter, die knapp sind oder es zu werden drohen.

Das hat viel mit dem Krieg in der Ukraine zu tun, weil Rohstoffe oder Vorprodukte von dort wie aus Russland und Belarus wegfallen, aber auch mit Lieferproblemen wegen der Lockdowns in China und einem seit Längerem bestehenden Mangel an Transportcontainern. Willkommen auf der Nachtseite des Welthandels – meine Kollegin Nora Kusche hat letzte Woche die Anfälligkeit der globalen Lieferketten und die damit verbundenen ethischen und moralischen Probleme beschrieben.

Nun wird es sicher zu verschmerzen sein, wenn in Westeuropa das Sonnenblumenöl für die Herstellung von Salzletten oder Schokoriegeln fehlt oder es mal bei der Auslieferung von Autos hapert. Ausfälle bei den Getreideernten hingegen bedeuten für viele Länder Hunger und Unterernährung. Der Krieg verschärft dabei das bereits bestehende Elend.

Katastrophale Auswirkungen hat er auch auf die Umwelt. Zerstörte Fabriken und Wohngebäude, brennende Treibstoffdepots oder Fahrzeuge setzen Schwermetalle, Feinstaub und Ruß frei. Wer im Kriegsgebiet ausharrt, läuft Gefahr, Asbest und andere Chemikalien einzuatmen, auch die verwendete Munition enthält Schadstoffe. Landminen verseuchen den Boden. Das Grundwasser wird von toxischen Substanzen kontaminiert.

So ist es seit Längerem im Donbass, wo das Wasser aus alten Kohleminen nicht mehr abgepumpt wird und Gifte wie Quecksilber und Arsen in die Tiefe sickern. Das umkämpfte und nun von russischen Truppen eingeschlossene Asow-Stahlwerk in Mariupol, schon zu Friedenszeiten ein großer Luftverschmutzer, wurde bereits im März stark beschädigt, wobei giftige Schwermetalle freigesetzt wurden.

Solche Kollateralschäden verschwinden mit einem Friedensschluss nicht einfach. Irakische Kinder erkranken noch immer infolge der Strahlenbelastung durch die Uranmunition aus panzerbrechenden Waffen der Alliierten während der Kriege 1991 und 2003. Wodurch übrigens nicht nur die Zivilbevölkerung, sondern auch Angehörige der Streitkräfte geschädigt wurden. In etwa 64 Ländern der Welt liegen gefährliche Minenfelder, seit Kurzem auch in der Ukraine.

In Frankreich gibt es Krater aus dem Ersten Weltkrieg, in denen bis heute buchstäblich kein Gras mehr wächst. Vielleicht haben Sie auch schon selbst erlebt, dass in Ihrer Nähe Blindgänger aus dem Zweiten Weltkrieg entschärft werden mussten, immer wieder werden ganze Straßenzüge evakuiert. Hier bei uns in der Nähe des Hamburger Hafens ist der Kampfmittelräumdienst des Öfteren im Einsatz. Manchmal detoniert so eine Fliegerbombe auch von allein, wie etwa 2019 auf einem Feld in Hessen, wo glücklicherweise niemand zu Schaden kam.

Stets werden in Kriegen mit voller Absicht auch Kultur und Geschichte angegriffen und zerstört, Museen, Bibliotheken, Kulturdenkmäler und Gedenkstätten wie beispielsweise Babyn Jar auf dem Stadtgebiet von Kiew. In vielen ukrainischen Städten versucht man, Kunstschätze in Sicherheit zu bringen, digital und analog.

All diese Gordischen Knoten durchzuhauen, geflochten aus ökonomischen und energiepolitischen Abhängigkeiten, Nationalismus, Repression, Lügen, Gekränktheit und blinder Vernichtungswut – das schafft kein einzelner Mensch, auch kein einzelnes Land, nur alle zusammen, indem sie Fäden aus dem Knoten zupfen und anfangen, ihn aufzudröseln. Ein mühsames Unterfangen, aber haben wir eine Wahl?

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Unterschrift

Kerstin Eitner
Redakteurin

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