Liebe Leserinnen und Leser,

hat Sie die konstituierende Sitzung des deutschen Bundestages in dieser Woche auch so an den ersten Tag nach den großen Ferien erinnert? Besser noch: An den ersten Tag an der weiterführenden Schule, nachdem man vorher in der Grundschule Lesen, Schreiben, zu wenig Rechnen und zu viel Stillsitzen gelernt hat? Im Reichstag herrschte jedenfalls vergleichbar großes Gewimmel. Man blickte in viele neue, teils erfreulich junge Gesichter. Mit ein bisschen Fantasie entdeckte man Streberinnen, Klassenclowns, zukünftige Leiter der Theater-AG und mögliche Bundessiegerinnen bei „Jugend forscht“. Und über allen Köpfen schwebten die wichtigen Fragen: Wo finde ich eigentlich was? Wer werden meine Lehrer und Lehrerinnen? Und wohl auch: Ist das jetzt wirklich schon der „Ernst des Lebens“?

Nach einer von Union und SPD komplett versemmelten Wahlrechtsreform ging es im Reichstagsgebäude diesmal so gedrängt zu wie in viel zu vielen deutschen Klassenzimmern. Tatsächlich zeigt der Blick auf die berufliche Herkunft der Gewählten, dass auch im Parlament auf je 33 Abgeordnete ein Lehrer oder eine Lehrerin kommen – genau wie an unseren überfüllten Schulen. Und ebenso wie dort nerven auch hier die Unangenehmen, neben denen niemand sitzen mag – diese Rolle spielen im Bundestag die Abgeordneten der AfD.

Sogar einen stets muffeligen, trotzdem allseits respektierten Schuldirektor gibt es. Der durfte zu seinem Abschied noch einmal eine lange Rede halten, aus der die frisch entreichelte Bild gleich mal eine „Abrechnung“ machte. Es war wie immer bei einer der „großen“ Reden von Wolfgang Schäuble. Die Aura eines Mannes, der alles gesehen und noch mehr durchlitten hat, überdeckt manche inhaltliche Fragwürdigkeit. Seine leicht larmoyante Mahnung an die Klimaschutzbewegung, doch bitte ihre Ziele nicht „absolut zu setzen“ und lieber geduldig auf die „demokratischen Prinzipien“ zu vertrauen, wirkte etwas altväterlich, bedenkt man, wie offenkundig unzureichend sich die bisherigen politischen Verfahren im Kampf gegen die Klimakrise gezeigt haben. Wobei das noch vornehm ausgedrückt ist: Denn wie vor ein paar Tagen herauskam, gehört Deutschland als einziges größeres EU-Land neben Malta, Irland, Finnland, Bulgarien und Zypern zu den Staaten, die auch 2020 ihre fest zugesagten Klimaschutzziele verfehlt haben und dafür Strafzahlungen leisten müssen. Hätten Bundesregierung und Bundestag ihren Job vernünftig erledigt, bräuchte es eine Klimaschutzbewegung wie Fridays for Future hierzulande gar nicht. Und wenn es um das „Überleben der Menschheit geht, wie das selbst EU-Kommissionschefin Ursula von der Leyen diese Woche nannte, fragt man sich, ob es überhaupt ein weniger „absolutes“ politisches Ziel geben kann als die radikale Senkung der Treibhausgasemissionen. Das Misstrauen gegenüber ihrem politischen Krisenmanagement haben sich Wolfgang Schäuble & Co. jedenfalls selbst zuzuschreiben.

Als der gebürtige Freiburger vor 49 Jahren erstmals in den Bundestag gewählt wurde, lag der Anteil klimaschädlicher CO2-Anteile in der Atmosphäre bei 327 ppm („Parts per million“: Teile pro Million). Im Pandemiejahr 2020 wurde mit 414 ppm der nächste neue Rekord erreicht. Wenn auf der am Wochenende im schottischen Glasgow beginnenden Weltklimakonferenz Zeugnisse an die politisch verantwortlichen Staatsmänner und -frauen verteilt werden würden, müsste es dafür eigentlich Fünfen und Sechsen hageln. Im Idealfall wird es beim Klimagipfel zwar keine Zeugnisse, aber wenigstens so etwas wie „Lernentwicklungsgespräche“ geben. Darin müssten die Schülerinnen und Schüler begründen, warum es mit den Leistungen im Hauptfach Klimakrisenbekämpfung auch im vergangenen Jahr nicht recht geklappt hat und wie sie es in naher Zukunft besser machen wollen. Schriftlich und verbindlich. Anders gesagt: Hefte raus, Klassenarbeit! Schließlich könnten die großen Ferien beim Klimaschutz jetzt ruhig auch mal zu Ende gehen. 

Ich wünsche Ihnen eine spannende Woche!

Unterschrift Kerstin Eigner

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