Liebe Leserinnen und Leser,

Platanus acerifolia, Ahornblättrige Platane, heißt der Baum vor unserem Wohnzimmerfenster – besser gesagt, vor den insgesamt drei Fenstern des Eckzimmers, die er mit seinem Geäst bei einem Kronendurchmesser von 15 Metern recht locker ausfüllt. Das entnehme ich dem Hamburger Baumkataster. Es verrät mir auch, dass der Baum 1965 gepflanzt wurde und mittlerweile einen Stammumfang von 187 Zentimetern aufweist. Seine Kollegen gegenüber, jenseits der Kreuzung und an anderen Stellen der Straße haben ähnlich ausladende Maße.

Von der Höhe steht da nichts, aber sie sind den vierstöckigen Wohnhäusern fast über den Kopf gewachsen. Ein Foto von 1980 zeigt die Platane vor unserem Haus als dünnes Bäumchen, das gerade mal bis zu den Fenstern im ersten Stock reicht. Es wuchs und wurde dicker, und wenn im Mai die Blätter herauskommen, hat man das Gefühl, im Gewächshaus zu sitzen. Alles im grünen Bereich, und ich muss gestehen: Die verschatteten Sommermonate, wenn man früh das Licht einschalten musste, habe ich der Platane früher ein bisschen übelgenommen, was sie nicht weiter störte. Was kann sie dafür, dass wir Nord- und Nordostfenster haben und uns freuen, wenn ab und zu Licht hereinfällt?

Aber es kamen Sommer, in denen die Temperatur tage- oder sogar wochenlang ziemlich weit über 30 Grad lag und eher auf 40 Grad zuging, sogar in Hamburg. Im Platanenzimmer waren wir plötzlich froh, dass es dort wenigstens ein bisschen kühler war als zum Beispiel in der Küche – Fenster nach Westen, da ist es irgendwann trotz heruntergezogener Jalousien kaum noch auszuhalten. Die Südfenster der Wohnungen auf der anderen Straßenseite blieben sommers durchgehend verdunkelt, wer keine Gardinen oder Rollos hatte, hängte Decken oder Laken davor und entfernte sie erst im Herbst wieder.

Im Sommer 2018 begannen die Platanen in unserer Straße, sich seltsam zu benehmen. Zuerst hörte man das Rauschen des Windes, dann klang es, als würfe jemand unablässig mit Schwung etwas auf Straßen und Gehwege. So war es auch: Die Bäume wehrten sich gegen Hitze- und Trockenstress, indem sie Rinde abwarfen. Schon bald erfuhr man, dass es damit seine Richtigkeit hatte. Eine von vielen schlauen Baumstrategien, schlag nach beim Förster Peter Wohlleben. Für die Gäste des Eiscafés, die unter dem schattigen Blätterdach saßen, wurde es allerdings schwierig. Man hat ja ungern Rinde oder andere Pflanzenteile in der Kaffeetasse oder auf dem Eisbecher.

Wobei selbst Überlebenskünstler unter den Stadtbäumen in Zeiten des Klimawandels an ihre Grenzen stoßen. Der Extremsommer 2003 setzte vielen von ihnen schwer zu, der Esche, der Linde, dem Ahorn, auch der Platane, obwohl diese Art aus Südeuropa stammt. Außer unter Hitze und Wassermangel leiden sie auch unter Baumschädlingen, die sich bei hohen Temperaturen sehr wohlfühlen. Davon abgesehen gibt es rund ums Jahr Widrigkeiten, mit denen so ein Stadtgewächs irgendwie fertigwerden muss – Versiegelung und Verdichtung des Bodens, Autoabgase, Hundeurin, Streugut…

Was wird aus ihnen? Wie geht es dir, Platane? Sie schweigt, wenn ich mich nach ihrem Befinden erkundige. Theoretisch kann sie hundert bis dreihundert Jahre alt werden und ist systemrelevant. „Ein hundertjähriger Baum, etwa 20 Meter hoch, 12 Meter Kronendurchmesser, verarbeitet an einem Sonnentag 18 Kilogramm Kohlendioxid“, heißt es in einer Meldung der Hamburger Umweltbehörde.

Stadtplanerinnen und Klimaexperten pfeifen es schon lange von den immer heißer werdenden Dächern: Wir brauchen mehr Grün in den Städten, vielerorts wird mit klimaresistenteren Arten experimentiert wie Zwergesche, Rebona-Ulme, dem Japanischen Schnurbaum, der Türkischen Eiche. Wer weiß, vielleicht werden wir in Zukunft in „Schwammstädten“ leben, wo Regenwasser nicht in der Kanalisation landet, sondern auf speziellen Flächen versickern darf. Das würde nicht nur Überflutungen durch Starkregen eindämmen, sondern auch durch Verdunstung das Stadtklima verbessern und den Bäumen helfen.

Vorerst halten wir uns an Platanus acerifolia und wünschen ihr alles Gute.

Unterschrift Kerstin Eigner

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