Liebe Leserinnen und Leser,

Sie kennen vielleicht die Filmkomödie „Und täglich grüßt das Murmeltier“ aus dem Jahr 1993. Darin spielt Bill Murray den TV-Wetteransager Phil Connors, einen arroganten Griesgram, der aus dem Kaff Punxsutawney im US-Bundesstaat Pennsylvania über den „Groundhog Day“, den Murmeltiertag, berichten soll und dort in einer Zeitschleife festhängt.

Ort und Tag gibt es wirklich. Man begeht ihn – auch andernorts – am 2. Februar. Unter großer öffentlicher Anteilnahme wird ein Murmeltier zum ersten Mal nach dem Winterschlaf aus seinem Bau gelockt, um Aufschluss über den weiteren Verlauf des Winterwetters zu geben. Einer alten Bauernregel zufolge wird der Winter noch sechs Wochen dauern, wenn das Tier „seinen Schatten sieht“, wenn also die Sonne scheint. Im Film erlebt Murray/Connors den 2. Februar immer wieder, was aber außer ihm niemand bemerkt. Der Tag beginnt immer damit, dass sein Radiowecker „I Got You Babe“ dudelt, einen alten Hit von Sonny & Cher.

Bot nicht dieses seltsame Jahr 2020 reichlich Zeitschleifenmomente? Das Corona-Virus bescherte uns diese erstmals ab März. Alles geschlossen oder abgesagt, Schulen, Kindergärten, Läden, Kneipen, Restaurants, Kinos, Museen, Messen, Veranstaltungen, Fußballspiele, Konzerte. Grenzen wurden dichtgemacht, Firmen schlossen, viele Menschen arbeiteten ab sofort im Homeoffice, wenn irgend möglich. Schließlich konnte man ja auch die Kinder nicht einfach sich selbst überlassen, und so bekamen Eltern neben ihrem Erst- noch einen Zweitjob als Lehrerin oder Erzieher. Am nächsten Tag dasselbe, und am übernächsten, und am überübernächsten…

Dann kam der Sommer, die erste Infektionswelle ebbte ab, und auf Café- und Restaurantterrassen, in Parks, auf Straßen und Plätzen und in den überfüllten heimischen Urlaubsregionen herrschte sorgloses Treiben. Leute fanden es lustig, sich in Bars als „Donald Duck“ zu registrieren, Open-Air-Trinkgelage oder große Hochzeiten zu feiern. Endlich frei!

Von wegen. Jetzt ist alles wieder wie gehabt, bloß mit schlechtem Wetter. Auf das Weihnachtsoratorium – Fest der Familie! Lockerungen ante portas! Hochamt des Konsums! Kauft, was die Brieftasche hergibt! Aber immer schön die AHA-Regeln beachten und querlüften! –, folgte der Winterblues. Wer sich nun murmeltierartig verkriechen möchte: Bitte sehr, aber nur mit Personen aus einem Haushalt.

Weitere Zeitschleifen bescherte uns die US-Wahl. Fehlte gerade noch, dass man morgens von Sonny & Cher geweckt worden wäre. Erst wurde also gewählt und dann gezählt. Sie zählten und zählten, die im Wahllokal abgegebenen wie die Briefwahlstimmen, und dann zählten sie noch mal, weil der amtierende Präsident die Ergebnisse anzweifelte und Twittergewitter losließ. Eine Ewigkeit stand das Zwischenergebnis wie einbetoniert bei 254 zu 216 für den Herausforderer, nichts bewegte sich außer dem CNN-Zahlenvirtuosen John King, der auf seiner magischen Wand Bundesstaaten herumschob, Wahlbezirke umkringelte und zwischendurch Bemerkungen einflocht wie: Nein, der Präsident könne nicht anordnen, dass die Auszählung gestoppt werde, man sei ja nicht in Belarus.

Im Film verändert der Stinkstiefel Phil Connors sich fast unmerklich, und so war es auch hier. Eines Tages kletterte die Zahl der eroberten Wahlleutestimmen für den demokratischen Kandidaten Joe Biden über die kritische Schwelle von 270, und das war es oder wäre es gewesen, hätte nicht der Amtierende die Weise „Joe, du hast die Wahl gestohlen, gib sie wieder her“ angestimmt, die er in verschiedenen Tonarten und Lautstärken bis heute singt. Diverse Gerichte von Bundesstaaten mochten nicht mit einstimmen, auch dem Supreme Court gefiel die Melodie nicht, und an diesem Montag, dem 14. Dezember, haben die Wahlleute des Electoral College ihre Stimmen übermittelt: 306 zu 232 für Biden, kein knapper Sieg. Wenn auch der Kongress am 6. Januar dieses Ergebnis verkündet, woran niemand ernsthaft zweifelt, wird am 20. Januar die Amtseinführung stattfinden. Abspann!

Aber mit Ausruhen nach dem Happy End wird es nichts. Denn die neue US-Regierung wird alle Hände voll zu tun haben, Beschlüsse und Gesetze der alten rückgängig zu machen, darunter die Kündigung des Klimapakts von Paris, neue auf den Weg zu bringen und reichlich zerschlagenes Porzellan im In- und Ausland wieder zu kitten. Viel Glück dabei, die Welt braucht es.

Neuer Film, alte Ungewissheit. Was kommt? Mit Sicherheit erst mal der kürzeste Tag des Jahres am 21. Dezember, dann wird es langsam wieder länger hell. Impfungen. Ein böllerfreies Silvester. Ein neuer CDU-Vorsitzender. Ein paar Landtagswahlen und eine Bundestagswahl. Ein Kanzler (oder doch eine Kanzlerin?), der oder die nicht Angela Merkel heißt. Ein hoffentlich ergebnisreicher Klimagipfel. Und irgendwann, wir können selbst zumindest als Komparsen mitwirken, ein Ende der Pandemie. Vorerst bleiben weiterhin gefragt in allen Lebenslagen: Haltung und heitere Gelassenheit.

In diesem Sinne wünsche ich uns allen ein gutes Jahr 2021.

Unterschrift Kerstin Eigner

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