Liebe Leserinnen und Leser,

falls Sie Kinder haben, kennen Sie vielleicht das Gefühl: Sobald die Kleinen und irgendwann Nicht-mehr-ganz-so-Kleinen sprechen können, sind Sie verloren. Wenn sich aus dem traulichen Gebrabbel irgendwann Worte formen und schließlich richtige Argumente, hören Sie, wie viele gute Gründe es etwa dafür gibt, Zimmer nicht aufzuräumen, Hausaufgaben nicht zu machen und auch sonst eher das Gegenteil von dem zu tun, was man mal verabredet hatte. Das Perfide daran ist: Sobald die Kleinen anfangen, so richtig schlau zu erklären, warum ihr Zimmer auch dieses Wochenende noch aussehen muss wie eine mikrobiologische Versuchsstation, auf der zwischen Wäschebergen und Essensresten die Entstehung neuer Lebensformen erprobt wird, lieben Sie Ihre Kinder noch ein bisschen mehr. Warum auch immer.

An diese offenbar unvermeidliche Elternerfahrung muss ich denken, wann immer Robert Habeck, Cem Özdemir, Mona Neubaur oder Annalena Baerbock gerade irgendwo auftauchen, um wortreich zu erklären, warum jetzt wieder mehr Kohlekraftwerke ans Netz gehen müssen, Schweine, Hühner oder Rinder weiter in der „Nutztier“haltung gequält werden dürfen, warum Aufrüstung den Frieden bringt oder das Dorf Lützerath jetzt eben doch weggebaggert werden soll, um dort lieber Braunkohle abzubauen statt Menschen leben zu lassen. Und ebenso wenig, wie es keinen Grund gibt, nach einer Woche einen angekrusteten Teller mit Spaghettiresten nicht doch mal in die Küche zu bringen, sollte spätestens in diesem Sommer der Klimakatastrophen klar sein, dass eigentlich ab sofort nicht ein Gramm mehr Kohle aus der Erde gekratzt werden darf. Doch unserer Liebe zur Verkündung der unfrohen Botschaft tut das keinen Abbruch. Noch immer gilt in Deutschland das ungeschriebene Gesetz, dass grüne Politiker und Politikerinnen in genau dem Moment ihre höchsten Zustimmungswerte erreichen, wenn sie aufhören, grün zu sein. Diese Beobachtung ist so wahr wie fies, weil zum Dilemma grüner Politik in der Regierungsverantwortung nun mal gehört, erst einmal die Versäumnisse der Vergangenheit ausbaden zu müssen. Dass man auf einen wie dem Ex-Wirtschaftsminister Peter Altmaier, der sich dem Ausbau erneuerbarer Energien stets mannhaft entgegen gestemmt hatte, eher sauer sein sollte als auf Robert Habeck, dem jetzt zur Energieunabhängigkeit die Windkraft- und Solaranlagen fehlen, versteht sich. Und doch ist der Effekt tückisch: Wenn es den großen Beifall immer nur dann gibt, weil man das Gegenteil von dem tut, was man zu wollen vorgibt, lässt man das Richtige vielleicht irgendwann ganz.

Die großen Unbekannten

Kennen Sie Darren Woods? Michael Wirth? Amin H. Nasser? Patrick Pouyanné vielleicht, oder José Mauro Ferreira Coelho? Nein, bei diesen Herren handelt es sich nicht, wie man vielleicht vermuten könnte, um die aktuelle Einkaufsliste des englischen Fußballmeisters Manchester City für die kommende Saison und, ja, ich musste die Herren auch erst mal googeln. Als Chefs von ExxonMobile, Saudi Aramco, Chevron, TotalEnergies und Petronas gehören die Genannten zu den ganz Großen in der Öl- und Gasindustrie. Dass die wenigsten Menschen ihre Namen kennen dürften, ist bezeichnend für den aktuellen Stand der Klimakrise. Denn offenbar scheint sich niemand darüber Gedanken zu machen, wie man ihre Profiteure und Verursacher zur Verantwortung zieht. Vor einigen Wochen erschien im britischen Guardian das Ergebnis einer aufwendigen Recherche. Die beteiligten Journalistinnen und Journalisten wollten herausfinden, wie es um die Zukunft der fossilen Industrie steht, die gerade die einträglichsten Zeiten ihrer Geschichte erlebt. Besonders im Gedächtnis geblieben ist mir eine Zahl: 103 Millionen Dollar geben die zwölf größten Unternehmen der Branche dafür aus, neue Öl- und Gasvorkommen zu erschließen. NEUE Vorkommen. Am Tag. Und zwar jeden einzelnen Tag bis zum Ende dieses Jahrzehnts. So geplant und vorangetrieben von Darren Woods, Michael Wirth und Co.

Man muss das mal kurz auf sich wirken lassen. Während die Lombardei vertrocknet, Brandenburgs Wälder brennen, Abertausende in Indien oder Pakistan den Hitzetod sterben und anderswo Menschen verhungern, weil ihren ausgedörrten Feldern nichts mehr abzutrotzen ist, pumpen die Hauptverursacher der Klimakrise jeden Tag über hundert Millionen Dollar in die weitere Eskalation dieser Krise. Steuerlich absetzbar natürlich, ungestraft sowieso, und von der Öffentlichkeit so unbeachtet wie die Bottroper Stadtmeisterschaften im Minigolf.

Die Macht der Schwielen

Sollten Sie nach Namen suchen, die Sie nicht wütend machen, sondern Ihnen einen kleinen Moment lang die Hoffnung geben, dass die Welt nicht so bleiben muss, wie sie gerade ist, empfehle ich Ihnen, sich Francia Márquez zu merken. Am vergangenen Wochenende wählte Kolumbien, dieses an historischen Konflikten und wunderbaren Menschen gleichermaßen reiche Land, mit Gustavo Petro erstmals einen linken Präsidenten und mit Francia Márquez eine bemerkenswerte Frau zu seiner Stellvertreterin. Man muss kein Anhänger der kolumbianischen Linken sein, um ihrer Lebensgeschichte Respekt zu zollen. Bereits als Dreizehnjährige kämpfte sie erfolgreich gegen das ökologisch verheerende Staudammprojekt eines spanischen Konzerns, das ihr Heimatdorf La Toma vernichtet hätte. Mit 16 wurde sie schwanger, schuftete in Goldminen und als Hausangestellte, um ihren Sohn durchzubringen, sparte verbissen und schaffte es schließlich, zum Jurastudium in Cali zugelassen zu werden. Seither kämpft sie sowohl mit juristischen Mitteln als auch als Aktivistin gegen Umweltzerstörung und die Unterdrückung der afrokolumbianischen Community, der sie entstammt. Sie werde die Vertreterin der Menschen „mit Schwielen an den Händen“ sein, versprach die charismatische Vizepräsidentin bei der Feier ihres Wahlsiegs und sagte den fossilen Energiekonzernen und Minenbauunternehmen den Kampf an, die Millionen in den Wahlkampf der Konkurrenz gepumpt hatten. Noch immer warten mindestens 20 Milliarden Barrel kolumbianisches Erdöl auf ihre Erschließung, ein Riesengeschäft, das sich die Weltvernichtungsindustrie nur ungern wird verderben lassen.

Es ist ein ungleicher Kampf zwischen Macht, Rücksichtslosigkeit, Korruption und ökologischer Vernunft – in Kolumbien wie überall auf der Welt. Und vielleicht wird auch Francia Márquez nur eine weitere Fußnote in der Geschichte der an Niederlagen leider nicht gerade armen globalen Umweltbewegung bleiben. Aber im Gegensatz zu den Supermanagern aus der fossilen Industrie und ihren willfährigen Helfern in der Politik hat Márquez verstanden, wie die Lage wirklich ist. „Die Erde“, erklärte sie schon vor Jahren in einem Interview, „die Erde hält das nicht mehr aus.“

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Fred Grimm
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