Liebe Leserinnen und Leser,

seine Worte waren deutlich. Wohl selten hat ein Bundespräsident einen so direkten Appell an eine bestimmte Gruppe von Bürgerinnen und Bürgern gerichtet wie Frank-Walther Steinmeier an diesem Montag an die Umgeimpften. Der Schlossherr hatte zum „Forum Bellevue“ geladen, wollte – wie es eigentlich sein Job ist – abseits der Tagespolitik die Demokratie im Krisenmodus erörtern. Das Thema: „Was kann der Staat? Lektionen aus der Pandemie“. Doch dann konnte das Staatsoberhaupt nicht umhin, sich an die 15 Millionen Menschen in Deutschland zu wenden, die sich impfen lassen könnten, es aber nicht tun. „Was muss eigentlich noch geschehen, um Sie zu überzeugen?“, fragte Steinmeier. „Ich bitte sie noch einmal: Lassen Sie sich impfen! Es geht um Ihre Gesundheit und es geht um die Zukunft unseres Landes.“

Soweit die Botschaft des Präsidenten: Frage ausnahmsweise mal nicht, was dein Land für dich tun kann – frage, was du für dein Land tun kannst. Oder so ähnlich. Ob das Impfskeptikerinnen, Zauderinnen oder Verweigerern mehr als das Heben einer Augenbraue entlockte? Ich bezweifle es. Auch ich kenne Menschen, die aus eigenem Entschluss und gegen rationalen Rat, ungeimpft sind. Und Sie kennen solche Personen vermutlich auch. Denn sie sind zwar eine Minderheit, aber eine große. Und viele meinen es sicherlich gar nicht böse. Sie nehmen vielleicht nur an, sich nicht impfen zu lassen, sei ein privater Entschluss wie jeder andere auch.

Eine Mutter aus meinem Umfeld etwa erwähnt ihren Impfstatus ganz unbekümmert. Sie sagt zum Beispiel: „Ich kann mit meinem Kind nicht schwimmen gehen, ich bin ja nicht geimpft.“ Womöglich wird sie bald mit ihrem Kind ohne negativen Test nicht einmal mehr Bus fahren dürfen. Sie scheint das gelassen zu sehen. Warum nur empfinde ich jedes Mal leisen Groll, wenn sie am Spielplatzrand auf das Thema kommt? Wo bleibt meine Toleranz? Ist es denn nicht ihr gutes Recht, sich (noch) nicht impfen zu lassen? Doch, das ist es natürlich. Und ganz sicher sieht sie sich nicht als Teil einer Tyrannei der Ungeimpften. Und doch finde ich ganz persönlich diese Entscheidung falsch. Denn sie hat ungewollte Folgen.

Im zweiten Winter der Pandemie sind die Corona-Inzidenzen so hoch wie nie zuvor. Letzte Woche mehr als 50.000 tägliche Neuinfektionen, diese Woche mehr als 65.000, die Rekorde fallen. Bereits jetzt ist klar, dass in den nächsten Wochen Tausende Menschen an und mit der Deltavariante sterben werden. RKI-Chef Lothar Wieler hat das am Mittwoch noch deutlicher als der Bundespräsident klar gemacht. „Diesen Menschen ist nicht mehr zu helfen, sie sind bereits infiziert“, sagte er. Es herrsche eine „Notlage in unserem Land“. Er kritisierte die Politik, die sich allen Warnungen im Sommer und Herbst zum Trotz nun erneut „vom Ausmaß der steigenden Zahlen überrascht“ zeigt. Aber der Grund der Krise ist nicht nur mathematisches Unverständnis in Regierungen. Es ist nicht nur die nun zum falschesten aller Zeitpunkte auslaufende „epidemische Lage von nationaler Tragweite“. Der Grund sind auch wir. Wir Bürgerinnen und Bürger, wir hätten uns impfen lassen können, um diese Notlage zu verhindern. Wir alle.

Ich habe mich in letzter Zeit oft gefragt, wo eigentlich persönliche Freiheit endet und eine moralische Pflicht zur Solidarität beginnt. Habe ich die Freiheit, andere wissentlich in Gefahr zu bringen? Habe ich die Freiheit zu riskieren, dass ich verwundbare Personen anstecke. Oder anderen ein Intensivbett wegnehme? Es geht nicht ja nur um Personen, die sich aus medizinischen Gründen nicht impfen lassen können. Auch für Unfallopfer, Schlaganfall-, Herz- und Krebspatienten wird der Platz auf den Intensivstationen in diesem Winter wieder knapp.

Nein, anders als Marius Müller-Westerhagen einst sang, ist Freiheit nicht die einzige, die zählt. Und wenn Sie bis hierher gelesen haben, fragen Sie sich vermutlich, warum ich Ihnen all das erzähle in einem Newsletter, in dem es um die Umwelt geht. Genau deswegen: Weil wir Einzelnen uns – allem Individualismus und aller historisch hart erkämpften persönlichen Freiheit zum Trotz – niemals werden entkoppeln können: nicht von unserer Umwelt, nicht von der Gesellschaft und den Menschen um uns herum. Es ist ein Irrtum zu glauben, irgendjemand existiere autonom und treffe alle Entscheidungen nur für sich selbst.

Der englische Poet John Donne schrieb 1624 die berühmten Zeilen: „Niemand ist eine Insel, in sich ganz; jeder Mensch ist ein Stück des Kontinents, ein Teil des Festlandes.“ Und weiter heißt es in dem Gedicht: „Jedes Menschen Tod ist mein Verlust, denn ich bin Teil der Menschheit; und darum verlange nie zu wissen, wem die Stunde schlägt; sie schlägt dir selbst.“ Natürlich ist diese Feststellung nicht frei von Pathos. Aber das ändert nichts an ihrem wahren Kern: Wir sind aufeinander angewiesen. Es herrscht kein reiner Darwinismus da draußen. Kooperation ist ein Erfolgsgeheimnis der Evolution.

John Donne selbst lebte auf jener Insel, auf der am vergangenen Sonntag die Klimakonferenz von Glasgow zu Ende gegangen ist, die eine Notlage von noch viel größerer Tragweite zum Thema hatte. Je nach Lebensalter und gesellschaftlicher Position wurden die Ergebnisse dieser 26. Conference of the Parties als „Betrug an allen jungen Menschen“ (Luisa Neubauer) bezeichnet oder für den „unumkehrbaren“ Kohleausstieg (Svenja Schulze) gelobt. Die Wahrheit liegt – wie meist – dazwischen, schreibt meine Kollegin Nora Kusche.

Mir persönlich gab es allerdings zu denken, dass der australische Senator Matthew Canavan die Ergebnisse der Konferenz als „großartig“ und als „grünes Licht für uns, mehr Kohleminen zu bauen“ bezeichnete. Zugegeben: Dies ist ein besonders extremes Beispiel der Interpretation von Freiheit auf Kosten anderer. Dass aber auch Deutschland sich noch immer zu viele Verschmutzungsfreiheiten nimmt, um das 1,5-Grad-Ziel in Reichweite zu halten, hat die Klimaallianz in einem Appell an die künftige Ampelkoalition festgehalten.

Auf eine einsame Insel würde ich heutzutage übrigens Gummistiefel mitnehmen. Vermutlich trug Simon Kofe, der Außenminister des winzigen pazifischen Inselstaats Tuvalu keine, als er sich in einer Videobotschaft an die Klimadelegierten auf der anderen Seite der Welt wandte. Er stand ja schon hüfttief im Meer. „Wir sinken“, sagte er und fügte an: „Aber alle anderen tun es auch.“ So komplex ist die Welt: Niemand ist eine Insel. Und trotzdem sind wir alle Tuvalu.

Ich wünsche Ihnen ein erholsames Wochenende, bleiben Sie gesund!

Unterschrift Kerstin Eigner

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