Liebe Leserinnen und Leser,

Olaf Scholz brauchte nicht einmal einen Brieföffner: Zuerst erschien letzten Freitag der Offene Brief Nummer eins in der Zeitschrift Emma, 28 Intellektuelle aus Kultur und Medien hatten als Erste ihre Namen daruntergesetzt. Sie forderten den Bundeskanzler auf, keine schweren Waffen an die Ukraine zu liefern und verlangten, wenn auch etwas verklausuliert, unter Verweis auf das Leiden der Zivilbevölkerung und die Gefahr eines Weltkriegs die Kapitulation der Ukraine. „Es gilt, bei allen Unterschieden, einen weltweiten Frieden anzustreben“, heißt es weiter. Wie dieser konkret zu erreichen wäre, wird allerdings nicht näher ausgeführt.

Erwartungsgemäß brach eine heftige Kontroverse aus, und einige Tage später folgte der Offene Brief Nummer zwei, unterzeichnet von anderen Menschen aus Kultur, Medien und Wissenschaft, der forderte, „die Ukraine rasch mit allen Waffen auszustatten, die sie braucht, um die russische Invasion abzuwehren“ sowie ein Energieembargo und eine verbindliche Beitrittsperspektive zur EU.

Da steht man dann mit zwei Briefen in der Hand und kommt schwer ins Grübeln. Ich muss zugeben, angesichts der Metamorphose des Anton Hofreiter von den Grünen, der plötzlich Panzertypen herunterrattern kann wie einst Abgaswerte, befällt auch mich leichtes Befremden. Besonnenheit ist eine feine Sache, erst nachdenken und dann handeln kann ja keinesfalls verkehrt sein.

Andererseits: Für die Ukraine drängt die Zeit, und Kapitulation kommt für sie nicht infrage. Das machte Ex-Boxweltmeister Wladimir Klitschko, Bruder des Kiewer Bürgermeisters, in seiner Antwort auf den ersten Offenen Brief unmissverständlich klar. „Blinder Pazifismus ist genauso gefährlich wie glückselige Kriegstreiberei“, schrieb er, und: „Frieden um jeden Preis, aber um welchen Preis? Unsere Freiheit? Unsere Identität? Unsere Integrität? Das absolut Gute ist nicht der Frieden, sondern die Freiheit und die Gerechtigkeit. Und um sie zu verteidigen, muss man kämpfen.“

Wo es weder Freiheit noch Gerechtigkeit gibt, kann kein echter Frieden herrschen, sondern nur eine Art Friedhofsruhe, erzwungen durch Repression und Gewalt. Es ist unendlich viel mühsamer, eine freie und gerechte Gesellschaft zu schaffen und zu erhalten, als ein Nachbarland zu überfallen (vor allem, wenn man selbst hoch und trocken in einer Art Festung sitzt und das Töten und Sterben jungen Männern aus den ärmsten Schichten und ethnischen Minderheiten überlässt).

„Glückselige Kriegstreiberei“ und eine besinnungslose Hochrüstung kann sich niemand wünschen. Dennoch neige ich dazu, sich in dieser Situation nicht achselzuckend abzuwenden und die Ukraine ihrem Schicksal zu überlassen. Das mag etwas mit Ruanda zu tun haben. Vor einigen Jahren habe ich an dieser Stelle einmal an den Völkermord erinnert, bei dem dort innerhalb von drei Monaten etwa eine Million Menschen abgeschlachtet wurden – und an die verzweifelten Appelle des kanadischen Generalmajors Roméo Dallaire, der vor Ort das winzige verbliebene Blauhelm-Kontingent kommandierte, an die Vereinten Nationen in New York. Sie verhallten ungehört. Sogar das Wort „Völkermord“ war verpönt, was zu allerhand sprachlichen Verrenkungen führte. Ganze 5.000 gut ausgerüstete und ausgebildete Soldaten und ein UN-Mandat hätte er gebraucht, sagte Dallaire später, um das Morden zu stoppen.

Mit 5.000 Soldaten wird es in der Ukraine leider nicht getan sein, und mit 5.000 Helmen erst recht nicht, denn der Gegner ist nicht mit Gewehren und Macheten bewaffnet, sondern mit ungefähr allem, was man sich an Tötungswerkzeug vorstellen kann. Natürlich wären Friedensverhandlungen grandios. Wie und worüber aber verhandelt man mit einem wie Putin? Wie könnte ein Frieden aussehen? Welche Voraussetzungen wären nötig für Verhandlungen? Ist es überhaupt hilfreich, in Kategorien wie „Sieg“ und „Niederlage“ zu denken?

Ich bin mir sicher, dass sich klügere Menschen als ich derzeit bereits den Kopf über all diese Dinge zerbrechen, auch wenn es noch lange nicht so weit sein wird. Einstweilen hoffe ich, dass unser besonnener Bundeskanzler jetzt öfter mal zu uns spricht und uns an seinem Denken und Handeln teilhaben lässt, und zwar möglichst nicht auf Klingonisch.

Und ich hoffe, dass irgendwer die Zeit findet, auch über all die anderen Kriegs- und Krisenregionen dieser Welt sowie mögliche Lösungen nachzudenken: Jemen, seit sieben Jahren im Krieg und Bürgerkrieg. Syrien, seit elf. Äthiopien, wo der Konflikt in der Region Tigray immer wieder aufflammt. Myanmar, wo nach dem Militärputsch vom Februar 2021 Gewalt und Vertreibung herrschen. Afghanistan. Mali, wo die Situation nach zwei Militärputschen und wiederholten Überfällen islamistischer Milizen im Norden des Landes immer brenzliger wird und es kürzlich in dem Ort Moura zu einem Massaker mit über 200 Toten kam. Nigeria, Haiti, Sahelzone, Horn von Afrika…Wie hieß es doch im Offenen Brief Nummer eins: „Es gilt, bei allen Unterschieden, einen weltweiten Frieden anzustreben.“ An Tätigkeitsfeldern für solche Bestrebungen mangelt es nicht.

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Unterschrift

Kerstin Eitner
Redakteurin

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