Liebe Leserinnen und Leser,

heute vertrete ich meine Kollegin Kerstin Eitner zum ersten Mal. Die Woche war turbulent, die Auswahl für diese „Auslese“ ist groß. Soll ich über den „Zukunftsrat“ der CDU schreiben, dessen vorgebliche Gründung kurz verwunderte und sich dann – leider wenig verwunderlich – als Scherz von Klimaaktivisten und -aktivistinnen entpuppte? Über die anhaltenden Extremwetterlagen von Hitze bis Hochwasser weltweit – auch in Deutschland? Über das Klimapaket, mit dem die EU ihre Emissionen bis 2030 um 55 Prozent senken will? (Und die Frage, ob da wirklich schon, Zitat Ursula von der Leyen, „Europas Mann-auf-dem-Mond-Moment“ drinsteckt?) Oder doch über die Mission eines einzelnen Mannes, der sich das irdische Elend für ein paar Minuten ganz entspannt von oben ansah – einfach, weil er es konnte?

Richard Branson, schwerreicher Brite und Besitzer einer Insel in der Karibik, Gründer von Virgin Records und Virgin Airlines, hat am Rand des Weltraums gekratzt. An Bord eines Raumschiffs seiner Firma Virgin Galactic flog er am Sonntag 86 Kilometer in die Höhe – hoch genug für drei Minuten Schwerelosigkeit und einen kurzen Blick auf die Erdkrümmung. Anderthalb Stunden nach dem Start setzte Branson am eigens gebauten Weltraumbahnhof in New Mexico wieder auf. Im Fliegeranzug nahm der Siebzigjährige eine Schampusdusche und sah auf der Bühne aus wie ein siegestrunkener Formel-1-Pilot. Erster!

Richard Branson hat das „Space Race“ der großen Drei gewonnen. Auch Amazon-Gründer Jeff Bezos und Tesla-Chef Elon Musk wollen noch in diesem Jahr mit ihren jeweils eigenen Raumfahrtfirmen ins All, Bezos schon am Dienstag. Bransons historische Leistung besteht nun darin, der erste Multimilliardär gewesen zu sein, der mit seiner Privatrakete aus keinem anderen Grund als zu seinem privaten Vergnügen und zur Mehrung seines privaten Vermögens abgehoben ist.

Als er zum Mikrofon griff, versuchte er freilich, eine Verbindung zum Rest der Erdlinge herzustellen. „Wie viele Menschen habe ich seit meiner Kindheit davon geträumt“, sagte er. „Wir wollen den Weltraum nun für alle zugänglicher machen und aus der nächsten Generation von Träumern die Astronauten von heute und morgen machen.“

Ob gut 86 Kilometer Höhe schon wirklich „Outer Space“ sind oder doch erst hundert – das ist die eine Sache. Als Astronaut gilt Richard Branson nur in den USA. Die andere Sache ist: Was heißt schon „für alle“? 250.000 Dollar soll ein Flug kosten, wenn er ab dem kommenden Jahr angeboten wird. Weltweit gibt es zwar mehr als 2700 Dollar-Milliardäre – ihre Zahl ist während der Pandemie stark gestiegen. Aber noch stärker wuchs die Zahl der Armen. Gut 730 Millionen Menschen, schätzt Oxfam, existieren „in absoluter Armut“ und leben von weniger als 1,90 Dollar am Tag. So viele wie seit 2015 nicht mehr. Nein, ein Zeitvertreib „für alle“ wird so ein Kurztrip wohl kaum.

Und wäre das denn wünschenswert? Als Kind der DDR bin ich mit der Heldenerzählung von Juri Gagarin aufgewachsen. Der erste Mensch im Kosmos war – so ging die Legende – 1961 für uns alle um die Erde geflogen. Gagarin lächelte bescheiden von Briefmarken. Und die ersten Menschen, die 1969 den Mond betraten? Auch sie taten es – trotz aller Kritik, die man an der ressourcenintensiven Raumfahrt haben konnte – im öffentlichen Auftrag. Kosmonauten wie Astronauten waren natürlich Teil der Propaganda des Kalten Krieges, aber immer auch Teil der Wissenschaft. Und als die Apollo-17-Mannschaft 1972 auf ihrem Weg zum Mond das berühmteste Foto der Erde schoss, die Blue Marble“, diese blaue Murmel im Schwarz des Alls, hatte die Umweltbewegung ihr ikonisches Bild.

Von dort oben haben Astronautinnen und Astronauten vieles gesehen: Wie viel Regenwald schon fehlt und wie viel Eis, wo Waldbrände wüten und wo Bomben explodieren. Von dort oben sahen sie den fehlenden Klimaschutz genauso wie die misslungene Friedenspolitik. Vor allem und immer wieder sahen sie, wie verletzlich unsere Existenz ist.

Der ESA-Astronaut Alexander Gerst, 2014 und 2018 Crew-Mitglied der Internationalen Raumstation und für einige Monate auch ihr Kommandeur, hat die Ehrfurcht im Angesicht der Erde eindringlich in Worte gefasst. Als Geophysiker kannte er die Zahlen, sagte er einmal, aber: „Mit eigenen Augen zu sehen, wie dünn unsere Atmosphäre ist, wie zerbrechlich sie wirkt, hat bei mir ein Gefühl der Sorge erzeugt.“ Tatsächlich muss man sich die schützende Luftschicht um unseren Planeten wie einen Hauch von Nichts vorstellen: Wäre die Erde so groß wie ein Apfel, hätte die Atmosphäre gerade einmal die Stärke seiner Schale.

Womit wir wieder bei Richard Branson und den anderen Weltraummilliardären wären. Das Gefühl von Sorge vermittelte Branson am Sonntag eher nicht. Dabei ist allein der ökologische Fußabdruck so eines Raketenstarts astronomisch. Im absoluten Vergleich zum Luftverkehr bewegt sich der CO2-Ausstoß der Raumfahrt zwar im Bereich von Peanuts, weil es bisher kaum Raumfahrt gibt. Aber Weltraumflüge haben Folgen, die erdnaher Flugverkehr nicht hat. Sie tragen durch den Ausstoß von Schmutzpartikeln zur Erwärmung der Stratosphäre und zur Auflösung der Ozonschicht bei. Mit der Raumfahrt wächst neben dieser Gefahr auch der Weltraumschrott, der um die Erde kreist und wichtige Satelliten sowie die Raumfahrt selbst gefährdet.

Das allein ist es nicht, was mich am Weltraumtourismus der Superreichen stört. (Und hier spricht wirklich keine Neiderin, mir wird schon auf dem Kettenkarussell übel!) Was mich befremdet, ist die Gleichzeitigkeit bestimmter Ereignisse. Während Richard Branson vor den Augen seiner Enkelkinder abhob, bedrohte im Westen der USA eine Hitzewelle die Gesundheit von Millionen Menschen. Und kurz bevor er kommenden Generationen große Abenteuer auf seinem Weltraumspielplatz versprach, standen in New York U-Bahn-Stationen wegen Starkregens unter Wasser. Mir scheint, dass künftige Generationen schon jetzt andere Sorgen haben, als die Frage nach dem nächsten Kurztrip ins All. Und just als Branson so unbeschwert über allem schwebte, war das überdeutlich.

Ich wünsche Ihnen trotzdem ein galaktisches Wochenende!

Unterschrift Kerstin Eigner

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