Liebe Leserinnen und Leser,

Vom heutigen Freitag aus gezählt, sind es nur noch vier Tage, bis das 9-Euro-Ticket gültig wird und im Land – sofern man Vorberichten Glauben schenken mag – das totale Chaos ausbricht. Zumindest auf Sylt. Dort fürchten einige offenbar den Ansturm enthemmter Reisegruppen aus den unteren Steuerklassen, die den Reichen und Mittelschönen den Champagner wegtrinken und zum Nachtisch auch noch die Reetdächer ihrer Luxuskaten anknabbern. Dass an den ersten beiden Verkaufstagen bereits über eine Million Tickets gekauft wurden, trug nicht gerade zur Beruhigung bei. Fasst man die bangen Prognosen der vergangenen Tage zusammen, so treffen ab kommender Woche ein überlastetes Schienennetz samt überforderter Bahnbelegschaft auf Millionen Menschen, die offenbar seit Jahrzehnten nicht mehr im Zug gesessen haben und daher vom deutschen Nahverkehr mindestens den Luxus eines Orientexpress erwarten.

Tatsächlich dürften die meisten, die sich ins Getümmel werfen werden, eine durchaus realistische Einschätzung über den Zustand der Deutschen Bahn haben. Dass der Konzern, der jahrzehntelang von fachfremden begeisterten Autofahrern und politischen Entsorgungsfällen kaputtgeführt wurde, nur noch funktioniert, weil er von zehntausenden Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern mit viel Eigeninitiative getragen wird, wissen regelmäßige Bahnfahrer längst. Während die meisten DB-Manager wohl selbst eine Eisdiele im Sommer noch zuverlässig in den Bankrott steuern würden, trifft man allerorten fast ausnahmslos freundliche Schaffner und Zugführerinnen, denen man sich gerne anvertraut und denen man so sehr eine Regierung gönnen würde, die bei „Sondervermögen“ nicht an Panzer, sondern an Bahnhöfe, Schienen und Züge denkt. Deutschland könnte ein Bahnparadies sein, hoffentlich vergisst das im Sommer in der Mini-Hölle überfüllter Nahverkehrszüge niemand.

Ich muss zugeben, meine Gefühle gegenüber der Bahn sind durchaus romantischer Natur. Die Älteren unter Ihnen werden sich noch an Sommerferien mit dem „Tramper Monatsticket“ erinnern, bei dem ich bis heute nicht weiß, warum das eigentlich so hieß. Oder hätte ich auf den Bahnhöfen den Daumen rausstrecken müssen? Egal. Jedenfalls konnte man damit vier Wochen lang im Zug durch die Republik reisen so viel man wollte. Für das „Interrail Ticket“, das ganz Europa mit einbezog und entsprechend teurer war, reichte es bei mir nicht, aber für das Gefühl der grenzenlosen Freiheit schon. Mit fünfzehn ließ ich mich erstmals glücklich durchs deutsche Streckennetz treiben, wählte die Ziele manchmal nur nach Ortsnamen aus, bis ich an einem Sonntagabend um 20 Uhr ohne Möglichkeit zur Weiterfahrt irgendwo in Bayern strandete oder unweit von Stuttgart zu einer Abteilparty eingeladen wurde, die erst im Morgengrauen kurz hinter Bremen endete. Unvergesslich auch das Gefühl des Fahrtwindes bei offenem Fenster. Ich fürchte, das Dauerbrummen einer defekten Klimaanlage im Regionalexpress wird sich nicht auf ähnliche Art in heutige Gedächtnisse brennen. Aber ich habe mir fest vorgenommen, mich in diesem Sommer der Bahn mal wieder ganz so wie früher zu überlassen, einfach immer den nächsten Zug nehmen und schauen, wo ich dann lande. Und vielleicht fällt mein Blick aus dem Zugfenster dann ja auf eine unserer gepflegten Autobahnen, auf denen sich jene Verkehrsteilnehmer austoben, die unserer Regierung auch in diesem Sommer dann doch noch mal ein bisschen mehr wert sind. Denn während das vergünstigte Nahverkehrsticket den Bund 2,5 Milliarden kosten wird, legt die Regierung beim drei Milliarden Euro teuren „Tankrabatt“ 500 Millionen Euro drauf. Damit das Rasen – ohne Tempolimit natürlich, ist ja genug Öl aus Russland da – nicht ganz so schrecklich teuer wird und die Mineralölindustrie nicht völlig verarmt

Ich wünsche Ihnen allen ein mobiles Wochenende und treffe Sie ganz sicher bald alle zusammen im Zug. Jedenfalls wird es mir so vorkommen. Ich freue mich auf Sie!

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Kerstin Eitner
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