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Kommt alle!

Greenpeace Magazin Ausgabe 4.17

Kommt alle!

Text: Dirk Gieselmann

In einem anonymen Berliner Hochhaus lädt ein alter Herr die Einsamen zum Essen ein. Warum? Warum nicht!

Vielleicht gibt es nur fünfzig Gerechte in der Stadt.

So steht es auf der Fassade eines Heizkraftwerks in Berlin, an der Ecke Köpenicker und Michaelkirchstraße, wo Mitte und Kreuzberg aneinanderstoßen wie Ellbogen. Ein Künstler hat diese Bibelstelle aus der Genesis dort in hohen Lettern angebracht, und jedes Mal, wenn man an der Installation vorüberfährt, die wohl ein Menetekel sein soll, denkt man, diese Zahl sei noch heillos übertrieben. Wo sind sie denn, die ominösen Fünfzig? Und wann melden sie sich endlich zu Wort? Wann rufen sie den Ungerechten zu: Hört auf?

Rund um das Heizkraftwerk haben die Menschen, so erscheint es einem an schlechteren Tagen, einander längst den Kampf angesagt. Investoren drängen Mieter aus den Wohnungen, Bosse drängen Arbeitnehmer in den Billiglohnsektor, Autofahrer drängen Radfahrer von der Straße, und jeder sieht sich selbst dazu gedrängt, seine Verzweiflung nach unten durchzureichen an die noch Schwächeren und noch Ärmeren, es ist eine einzige Drangsal. Die Anonymität der Großstadt, sie besteht nicht mehr nur im Nichtkennen des anderen, sie ist ausgeartet in eine Orgie der Mitleidlosigkeit, untermalt von hysterischem Hupen, Klingeltönen und dem Baulärm der Luxussanierungen.

Bei jenen Fünfzig handelt es sich vermutlich um eine veraltete Statistik, so denkt man an den schlechteren Tagen, am Heizkraftwerk vorüberfahrend, und dann muss man auch schon wieder aufpassen, dass man nicht von einem militanten Verkehrsteilnehmer über den Haufen gerast oder sonstwohin durchgereicht wird.

Auch der alte Abraham ist sich bei der Zahl nicht ganz so sicher. Er versucht, so wird es in der Genesis erzählt, den Herrn herunterzuhandeln, der sich anschickt, Sodom und Gomorra, die beiden Städte der Verderbnis, hinfortzuraffen und nur unter der Bedingung zu verschonen, dass dort fünfzig Gerechte leben, er versucht, ihn herunterzuhandeln auf vierzig, dreißig, zwanzig, dann sagt er schließlich: Mein Herr, zürne nicht, wenn ich nur noch einmal das Wort ergreife. Vielleicht finden sich dort nur zehn.

In Berlin, das sei dem Herrn oder wem auch immer gesagt, bevor er seine Faust auf diesen modernen Sündenpfuhl hinabfallen lässt, gibt es immerhin mindestens einen. Sein Name ist Hans.

Hans ist fünfundsiebzig Jahre alt, er hat sehr viele Zähne, die so weiß leuchten wie feines Porzellan, Augen, die immer nass sind, vom Lachen und vom Weinen, das ihn abwechselnd übermannt und schüttelt, er hat ein Herz, das größer ist als jedes Heizkraftwerk, und ruft jeden Sonntag zur Mittagszeit: Hört auf!

Er drückt es bloß anders aus, er ruft vielmehr: Fangt an! Fangt an, Kinder, ruft Hans, das Essen wird doch kalt. Und dann fangen sie an, und sie hören auf, für ein, zwei Stunden, sie hören auf, einander den Kampf anzusagen und zu verdrängen, sie hören auf, einsam zu sein und sie hören sogar auf, in dieser Stadt zu sein, sie sind dann einfach nur bei Hans.

Essen, sagt Hans, ist was Gutes, gemeinsam essen was noch Besseres. Früher haben wir immer gemeinsam gegessen, das war die schönste Zeit des Tages, aber wer isst heute noch gemeinsam? Die meisten, sagt Hans, essen doch allein, sie machen sich ’ne Dose auf und werden traurig. Und dann wundern sie sich noch.

Jeden Sonntag kocht Hans, Witwer, Vater von drei Kindern, die allesamt weit weg wohnen und keine Zeit mehr für ihn haben, leider, Hans, der unter der Woche selbst einsamer ist, als ihm lieb ist, aber es gibt zum Glück ja noch das Wochenende, und jeden Sonntag also kocht Hans deshalb für alle, die zu ihm kommen wollen. Alte Freunde, neue Freunde, Freunde von Freunden und Nachbarn, die auch einsamer sind, als ihnen lieb ist, und das geschieht einem recht schnell in dem Hochhaus in Kreuzberg mit seinen siebzehn Stockwerken, den endlosen Fluren und den immer gleichen Türen, an denen die Namen von ganz allein zu Nummern werden. Kommt alle, ruft er, wenn er sie am Eingang trifft, dann essen wir gemeinsam, dann machen wir’s uns schön.

Er wohnt im vierzehnten Stock, zwei Zimmer, Küche, Bad. Auf der Kommode steht ein Bild von seiner Frau, daneben eine elektrische Grabkerze. Der Fernseher läuft oft und laut bei Hans, das vertreibt die Einsamkeit, sagt er, am liebsten schaut er Dokumentationen über Pandas, die findet er so drollig. Bis vor Kurzem ging er jeden Tag ins Seniorenheim zwei Straßen weiter, da wohnte eine alte Dame, so nennt er sie, obwohl er selbst nicht mehr der Jüngste ist, die hatte doch sonst keinen außer mir, sagt er. Er hatte eine Pflegerin gefragt, ob jemand Gesellschaft brauche, und sie hatte ihn an sie verwiesen, Berta, über achtzig, sie war mal Tänzerin gewesen im Friedrichstadtpalast, jetzt konnte sie nicht mehr laufen, also schob er sie fast jeden Tag im Rollstuhl spazieren, fünf Jahre lang. Dann bekam er eine Lungenentzündung, musste sich schonen, und als er Berta wieder schieben wollte, zum Brandenburger Tor, unter den Linden entlang, wo sie so gerne war, da sagte man ihm, sie sei verstorben. Er nimmt nun manchmal den Bus nach Mariendorf zu ihrem Grab und harkt es. Sie hatte doch keinen außer mir, sagt Hans.

Ich bete abends vor dem Einschlafen, sagt er, dass ich noch ein bisschen lebe.

Jeden Samstagvormittag fährt er die vierzehn Stockwerke hinunter mit dem Lift, in den jetzt so oft gespuckt wird, seit im Haus seltsame Leute einziehen, wieder ausziehen und dann noch seltsamere einziehen. Hans findet das nicht schön, aber was soll man machen, sagt er, jeder muss schließlich irgendwo wohnen. Dann lacht oder weint er oder beides, jedenfalls sind seine Augen nass wie immer. Er geht mit seinen beiden Einkaufskörben in den Supermarkt und besorgt, was er für das große Sonntagsessen braucht, mal gibt es Rouladen, mal Sauerbraten, Koteletts, dazu Kartoffeln und Gemüse. Hans war früher Koch mit eigenem Gasthaus, lange her, sagt er, da gab’s den Kaiser noch, Späßchen! Späßchen, das sagt er oft und lacht dann, dass man seine vielen Zähne sieht, die so weiß sind wie feines Porzellan. Hans trägt gern Hawaiihemd, auch im Winter.

Zurück vom Einkauf, bereitet er das große Essen vor, schnippelt und schält, mariniert und bindet Soßen, den ganzen Nachmittag, und abends ist er fertig, guckt die Tagesschau und geht ins Bett. Morgen kommen Gäste, wie viele, weiß er vorher nie. Kommt alle, ruft er jedes Mal. Auch zu denen, die im Fahrstuhl nicht grüßen.

Es sind mal drei, mal vier, bei fünfen wird es eng im Wohnzimmer mit den wuchtigen Sesseln, dann nimmt Hans den Harlekin vom Sofa, der seinen Stammplatz auf dem Kissen hat, und legt ihn vorsichtig ins Bett. Letztes Jahr, an einem Adventssonntag, kamen acht Gäste, der alleinstehende Fotograf von nebenan, die stille Russin aus dem zwölften Stock, die Eheleute von ganz oben, deren Blumen er gießt, wenn sie verreisen, sie bringen ihm jedes Mal ein Dankeschön mit aus dem Urlaub, dem lieben, lieben Hans, aber er will doch nichts dafür haben, ja, seid ihr denn verrückt, ruft er, und noch ein paar andere kamen, die es leid waren, von niemandem gekannt zu werden in dieser beschissenen Stadt. Gieß Wasser zur Suppe, sagt Hans, es ist genug für alle da, Späßchen!

Wenn man Hans fragt, warum er das macht, sagt er: Warum denn nicht. Er sagt, essen ist was Gutes, gemeinsam essen was noch Besseres. So einfach ist das. Zum Nachtisch gibt es Pudding.

Mit seiner bunten Schürze, seiner Hawaiischürze, eilt er zwischen Küche zum Esstisch hin und her, füllt die Schüsseln und die Teller. Noch jemand Nachschlag, fehlt noch was, iss, damit du groß und stark wirst, Späßchen. Und wenn sie satt sind, seine Gäste, sinken sie tief in die Sessel, mitunter schläft auch einer ein, sagt Hans, das finde ich gemütlich. Aus dem Fenster kann man bis nach Hellersdorf blicken, über die Schlote, die Verkehrsadern, die Kirchen, die Häuser, in denen die Ungerechten leben und die Gerechten, die Starken und die Müden, die Glücklichen und die Betrübten, die Reichen und die Armen, die Jungen und die Alten.

Auf der Kommode leuchtet die elektrische Grabkerze, der Harlekin liegt im Bett und wartet. Hans räumt das Geschirr ab, ich mach das schon, ich mach das schon, bleib sitzen, er faltet die gute Tischdecke, sie hat Soßenflecken bekommen, kein Problem, Kinder, sagt er, kein Problem, das sollten wir öfter zusammen machen, gemeinsam essen, ihr könnt ja auch mal so vorbeikommen, unter der Woche, dann mach ich uns ein Spiegelei.

Hans selbst isst sonntags kaum etwas. Ich bin zu aufgeregt, sagt er, ich freu mich so, wenn Besuch da ist.