Jetzt abonnieren Magazinarchiv durchsuchen
Kontinent Utopia

Greenpeace Magazin Ausgabe 5.17

Kontinent Utopia

Text: Lena Niethammer Foto: Jan Kornstaedt

Wovor müssen wir uns fürchten? Worauf dürfen wir hoffen? Die Reporterin Lena Niethammer, 27, ist in die Zukunft gereist: zur Jugend, die Europa gestalten wird

Es war an einem Frühlingstag, da saß ich vor dem Fernseher und schaltete von hier nach dort. Und während ich so guckte, fiel mir plötzlich ein Begriff auf. Erst benutzte ihn ein Nachrichtensprecher, dann Angela Merkel, später jemand, von dem ich nicht mehr weiß, wer er war.

Sie sagten: Unsere Art zu leben.

Ich blieb daran hängen. Der Begriff war nicht neu für mich, ich erinnerte mich an den Terror von Paris, es sei ein Anschlag auf unsere Art zu leben, hieß es damals. Doch nun wurde er in allen möglichen Kontexten benutzt, war längst tief eingedrungen in das politische Vokabular.

Flüchtlinge werden unsere Art zu leben verändern.
Der Klimawandel bedroht unsere Art zu leben.
Wir müssen unsere Art zu leben verteidigen.

In Momenten der Krise, der Konfrontation holen sie jetzt diesen Begriff Unsere Art zu leben hervor. Es ist das Implizierte, was mich daran befremdete. Was macht denn unsere Art zu leben in Europa aus? Es ist ein Lebensstil auf einem gewissen Niveau gemeint, na klar, auch Demokratie, Rechtsstaatlichkeit, die Freiheit, selbst zu entscheiden, was wir gern machen, aber eben genauso Konsum, das Haus, das Auto, das Konzert, auf das wir gehen.

Es gab schon immer Begriffe, die Politiker wählen, um uns zu erklären, was an unserer Gesellschaft zu verteidigen sei. In der Nachkriegszeit war das unsere Identität, in der Zeit des Kalten Krieges war es der Westen, nach der Wende europäische Werte. Alles unkonkrete Begriffe, die Raum lassen für etwas Größeres, eine Sehnsucht, ein Ideal, nach dem es zu streben gilt. Unsere Art zu leben ist da insofern konkreter, als es ein Begriff ist, der nur die Gegenwart verkörpert. Unsere Art zu leben ist ein Status quo.

Macht Europa etwa nicht mehr der Wunsch nach Veränderung aus? Gibt es in der Zukunft keinen Raum für Träume? Für Erneuerung? Für Utopie? Das kann nicht sein. Das darf nicht sein. Das wird nicht sein. Oder?

Ich entschied, mich auf eine Reise durch Europa zu begeben und genau danach zu suchen: nach den Hoffnungen, den Utopien, den Wünschen für die Zukunft. Und zwar bei denen, die sie einmal gestalten werden, denen, die mir am nächsten sind, denen, die von der Politik noch kaum beachtet werden. Bei der Jugend.

Alle Länder, die ich mir heraussuchte, sind Länder der Krise, der Konfrontation. Da sind die Geflüchteten, die über das Meer nach Italien kommen, da ist die Arbeitslosigkeit in Griechenland, die Angst vor Le Pen in Frankreich, da sind die Folgen des Brexits in Schottland, das Unabhängigkeitsreferendum in Katalonien, da ist der Nationalismus in Polen und der Protest gegen Korruption in Rumänien. Dabei kann es gar nicht um Vollständigkeit gehen, sondern nur um Eindrücke von dem, was uns bewegt. Es soll nicht um Zahlen gehen, sondern um Menschen.

Am 24. April 2017 um 13.10 Uhr sitze ich mit meinem Rucksack, meinem Ausweis und einem Block in der Hand an einem Gate des Flughafens Berlin-Schönefeld und warte auf das Boarding. Die ältere Dame neben mir fragt, wohin es denn gehe. Ich sage: Nach Europa. (...)

Lesen Sie die Fortsetzung im aktuellen Greenpeace Magazin. Bitte bestellen Sie hier die gedruckte Ausgabe. Sie können das Greenpeace Magazin auch auf Ihrem Tablet und Smartphone lesen. Alle Vorteile finden Sie hier.