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Krieg der Tiere

Greenpeace Magazin Ausgabe 4.10

Krieg der Tiere

Text: Katja Nündel

Der New Yorker Schriftsteller Jonathan Safran Foer hat die Gabe, Schweres leicht zu erzählen. In seinem ersten Sachbuch erklärt er, warum er jetzt Vegetarier ist.

„Hundeeintopf Hochzeitsart“, steht da. „Töten Sie zuerst einen mittelgroßen Hund, brennen Sie sein Fell über offenem Feuer ab, dann häuten Sie ihn vorsichtig...“ Keine Angst! Jonathan Safran Foer möchte nur spielen. Das Hunderezept entstammt der traditionellen, philippinischen Hausmannskost. Und es illustriert ein Gedankenexperiment. „Mit welcher Rechtfertigung sollte ich Hunde verschonen, dafür aber andere Tiere essen?“, fragt der Schriftsteller, in dessen Haushalt eine zugelaufene Mischlingshündin namens George lebt.

„Die Franzosen lieben ihre Hunde und essen manchmal ihre Pferde. Die Spanier lieben ihre Pferde und essen manchmal ihre Kühe. Die Inder lieben 
ihre Kühe und essen manchmal ihre Hunde“, schreibt Foer und hält ein ironisches „Plädoyer fürs Hundeessen“: Ist der beste Freund des Menschen etwa klüger als sogenannte Nutztiere? Nein. Schweine zum Beispiel sind mindestens ebenso intelligent, verspielt und sozial wie Hunde. Essen wir Hunde deshalb nicht, weil sie unsere Gefährten sind? Nein. Auch in Haushalten ohne Hundehütte landet kein Bello auf dem Grill. Und ist es vielleicht biologisch sinnvoll, Hunde zu verschonen – ein Tabu wie: Du darfst deine Schwester nicht küssen? Wieder nein. Ein ordentlich zubereiteter Hund, versichert der Autor, berge keine größeren Gesundheitsrisiken als jedes andere Stück Fleisch und sei sogar gut verdaulich. Das hätten seit dem alten Rom viele Kulturen bewiesen. Kurzum, es gibt für den Allesfresser Mensch keinen vernünftigen Grund, Hunde, Katzen und andere Haustiere vom Verzehr auszunehmen. Es gibt nur diesen berühmten Satz aus George Orwells „Farm der Tiere“: Alle Tiere sind gleich, aber manche sind gleicher.

Doch Jonathan Safran Foers Farm der Tiere ist um einiges größer als Orwells: Zu Zehntausenden drängen sich dort Masthühner im ewigen Halbdunkel der Ställe, stehen Säue voller Geschwüre in winzigen 
Boxen, und Kühe vegetieren in „Anbindehaltung“ auf Beton vor sich hin. Dort haben offensichtlich nicht die Schweine das Kommando, sondern der Mensch. „Tiere essen“ (Eating Animals) ist kein Roman, es ist ein Manifest gegen die Massentierhaltung.

Tierquälerei ist eigentlich nicht das Fachgebiet von Jonathan Safran Foer. Der 33-jährige New Yorker gilt als Wunderkind der amerikanischen Literaturszene (siehe Kasten). Er ist ein Popintellektueller voller Wortwitz und, wie er beteuert, eigentlich „nicht die Person, die sich mitten in der Nacht auf der Farm eines Fremden wiederfindet“. Aber als Foer vor vier Jahren zum ersten Mal Vater wird, fragt er sich, was er seinem Sohn guten Gewissens in den Brei rühren darf und was besser nicht. Und so beschäftigt ihn auch, was Fleisch eigentlich ist, woher es kommt und welche Folgen sein Konsum hat. Die Antworten sind beunruhigend, aber kaum überraschend. „Jeder, dem ich erzählte, ich würde ein Buch übers ‚Tiereessen‘ schreiben, nahm an, es müsse eine Streitschrift für Vegetarismus werden. Ich auch. Und das sagt doch alles.“

Mit weit offenen Augen macht Foer sich auf den Weg in die Welt der industriellen Tierproduktion. Es könnte ihm zu denken geben, dass die Mastanlagen allesamt hinter hohen Mauern und Stacheldraht liegen. Doch er versucht es trotzdem zuerst durch den Vordereingang – mit einem freundlichen Brief an Tyson Foods, einen Hauptlieferanten der Fast-Food-Kette KFC. Aber der Chicken-Wings-Gigant, der 
2,2 Milliarden Hühner im Jahr schlachtet, hat offensichtlich kein Interesse an einer Farmführung für den frisch gebackenen Vater. KFC wirbt zwar mit strengen Tierschutz-Kontrollen, doch in den zuständigen Gremien sitzen die Hühnerbarone selbst. Sein siebtes Schreiben beendet Foer mit dem Satz: „Danke, dass Sie immer noch darüber nachdenken.“ Dann macht er sich auf den Weg nach Kalifornien und trifft die Tierrechtsaktivistin „C“.

Mit ihr steht er nun doch mitten in der Nacht auf dem Farmgelände eines Fremden, der höfliche Herr Safran 
Foer, der „Stadtjunge“ aus Brooklyn mit der Brille. Um 3.30 Uhr watet er mit Taschenlampe bewaffnet durch das Halbdunkel einer fensterlosen, überfüllten Scheune. Um seine Knöchel: 25.000 Küken, ein bis zwei Wochen alt – „Wo sind ihre Mütter?“ – und nur mehr oder weniger lebendig. Die Toten liegen, wohin er auch sieht. „Einige sind blutverschmiert, andere voller Wunden. Auf einige wurde offenbar eingehackt. Andere sind vertrocknet und liegen wie zusammengekehrte Laubblätter auf kleinen Haufen.“ Die Aktivistin C „rettet“ ein zitterndes, sterbendes Küken – sie schneidet ihm die Kehle durch.

„Die Manager in der Massentierhaltung wissen, dass ihr Geschäftsmodell darauf basiert, dass die Konsumenten ihr Tun nicht sehen können.“ Deshalb wird es Foers einzige Farmbesichtigung bleiben. Doch was er von Schweinen, Rindern und Truthähnen hört, lässt nicht auf bessere Umstände hoffen. Und er nimmt auch den industriellen Fischfang mit Schleppnetzen, Radar und GPS nicht aus, eine systematische „Regenwaldrodung“ der Ozeane, und auch nicht die Aquakulturen, in denen mancher Lachs an Bewegungsfreiheit gerade einmal das Äquivalent 
einer Badewanne hat. „Wir führen Krieg, oder besser, wir lassen Krieg führen, gegen alle Tiere, die wir essen. Dieser Krieg heißt: Massentierhaltung.“ Und alles an dieser Front geschieht in unserem Namen, während wir beherzt in die Tiefkühltruhe greifen und im Restaurant das nächste Schnitzel bestellen.

„Tierisches Protein ist in den USA jetzt so billig wie niemals zuvor irgendwo“, sagt ein anonymer Großbauer in einem der langen Zitate, die Foer ins Buch einstreut. „Der Verbraucher will es so.“ Die Wahrheit ist wohl eher: Der Verbraucher hat keine Ahnung und will auch lieber keine haben. Rund 60 Kilogramm Fleisch und Wurst verspeist ein Deutscher durchschnittlich im Jahr, ein US-Amerikaner 112. Hier wie dort verschwinden die kleinen Bauernhöfe, während die „Intensivhaltung“ an Boden gewinnt. In den USA kommen mehr als 99 Prozent der verspeisten Schweine, Vögel und Kühe aus Agrarfabriken. In Deutschland sind es fast genauso viele.

Bis in die 20er-Jahre des 20. Jahrhunderts lebten Tiere auf Bauernhöfen zusammen. Sie sahen die Sonne und Weiden. Sie durften sich bewegen und fraßen weder Wachstumshormone noch Vitaminpräparate – und Medikamente, nur wenn sie krank waren. Sie brauchten mehr als das Doppelte des 
Futters und wuchsen höchstens halb so schnell. Dafür brauchten sie keine ventilatorbelüfteten Ställe mit Lichtmanagement rund um die Uhr. Hühner zum Beispiel wurden nicht schon nach 39 Tagen geschlachtet. Sie überlebten ihre Pubertät und waren schlank genug, um sich auf den Beinen zu halten. Mit diesen Vorfahren hat das halbe Hähnchen vom Imbissstand heute nichts mehr zu tun.

Die Zeit, in der die glücklichen Hühner lebten, ging 1923 zu Ende. Die eher zufällige „Erfindung“ der industriellen Massentierhaltung klingt fast schon wie ein schlechter Witz: An der ländlich geprägten US-Ostküste, etwa 350 Kilometer südlich von New York, lebte damals die Hausfrau Celia Steele, die nebenbei ein paar Hühner hielt. Anstelle der bestellten 50 Küken waren eines Tages versehentlich 500 in der Post. Also beschloss Frau Steele, die Tiere mit Hilfe gerade entdeckter Futterzusätze und ausschließlich im Stall über den Winter zu bringen. Drei Jahre später hatte sie 10.000 Hühner. 1935 waren es 250.000. Größere 
Schlachthäuser mussten her, in denen „lebende Tiere wie tote behandelt werden“, schreibt Foer. Wen wundert’s: Das Vorbild lieferten Fords Autofabriken mit ihrer Fließbandarbeit im Akkord.

Natürlich, aufgeklärten Verbrauchern und Tierschützern wird kaum etwas von dem, was Foer beschreibt, richtig neu sein. Doch er legt ein kunstvolles Mosaik aus Literatur und Journalismus, aus Reportage, Originaltönen und kulinarischer Autobiografie, das über die informierten Kreise hinaus wirken könnte. Er besticht nicht nur durch akribische Recherche, sondern auch durch Witz und Provokation. Neben dem Gehege des Eisbären Knut im Berliner Zoo entdeckt er zum Beispiel einen Stand mit „Knutwurst“ frisch vom Grill. Und er bemerkt böse, zwischen dem Medienliebling im Pelz und dem Schwein in der Wurst verlaufe dann wohl die Artenbarriere. Erreichen will Foer vor allem eins: „Fleisch sollte in der öffentlichen Diskussion denselben Platz einnehmen, den es auf unseren Tellern hat: das Zentrum.“ Für seine Kinder und sich hat der Autor das Thema entschieden. Ihre Teller werden fleischfrei bleiben.

Was wohl die Großmutter des Schriftstellers davon hält? Sie ist Jüdin. Zuerst entkam sie den Nationalsozialisten und dann dem Hunger. Essen ist ihr heilig. Sie bunkert 30 Kilogramm Mehl im Keller. Sie füttert ihre Familie mit Leidenschaft (und Pumpernickel). Und ihre Urenkel werden das einzige Gericht, das sie kochen kann, wahrscheinlich niemals probieren: Huhn mit Karottengemüse.

Zur Person
Jonathan Safran Foer, 33, wurde durch die Romane „Alles ist erleuchtet“ (2003) und „Extrem laut und unglaublich nah“ (2005) bekannt. Er erzählt melancholisch, scharfsinnig und voll feiner Ironie Tragödien. In seinen Büchern spielt er mit Fotos, Daumenkinos, Buchstabengrößen, leeren und übervollen Seiten. Im Bestseller „Eating Animals“, der unter dem Titel „Tiere essen“ auf Deutsch erscheint, zeigt zum Beispiel ein Rechteck 1:1, wie wenig Platz ein Masthuhn hat. Und fünf Seiten 
mit den Worten „Sprachlosigkeit/Einfluss“ enthalten genau 21.000 Buchstaben. 
Etwa so viele Tiere isst ein Amerikaner in seinem Leben.

Jonathan Safran Foer: Tiere essen. Kiepenheuer & Witsch Köln, 
352 Seiten, 19,95 Euro. Das Buch erscheint am 19. August, 
am 30. August folgt das Hörbuch – gesprochen von Daniel Brühl