Greenpeace Magazin

Ausgabe 4.18

À la Saison – Heldenhafte Heidelbeere

À la Saison – Heldenhafte Heidelbeere

Mit dem Wünschen soll man vorsichtig sein. Man kann nie wissen. „Herrgott im Himmel, wenn ich doch etwas gebären möchte, und wäre es auch nur ein Heidelbeerzweig“, flehte eine Frau vor Zeiten im schönen Land Italien. Sie ward rund und runder, bis sie eines Tages – genau – einen Heidelbeerzweig gebar. Der Mutter in Giambattista Basiles Märchenreigen Pentamerone muss man zugutehalten, dass sie entspannt reagierte. Sie steckte ihr Kind in einen Topf und goss es, bis ein Prinz vorbeigeritten kam. Denn siehe da: Bambina Blaubeer war in Wirklichkeit eine Fee und wurde einige Verwicklungen später des künftigen Königs Frau.

Zu schön, um wahr zu sein? Leider ja. Die echte Protagonistin der Geschichte ist keine Heidelbeere (mirtillo), sondern eine Myrte (mirto) – der Volkskundler Felix Liebrecht übertrug das Pentamerone 1849 an dieser Stelle fehlerhaft ins Deutsche. Sei’s drum. Die Heidelbeere hat etwas Glanz verdient. Denn während die südliche Myrte seit der Antike für Aphrodites Schönheit steht, vegetiert die nordische Heidel- alias Blaubeere im Schattenreich der Zwerge und sonstiger sagenhaft kleiner Menschen. Elsa Beskows „Hänschen im Blaubeerenwald“ hockt seit 1901 allein auf einem Baumstumpf und heult. „Die Stiefgeschwister“ sind im Volksmärchen sogar seit Jahrhunderten im tiefen Schnee unterwegs, um Heidelbeeren zu pflücken. Der Märchenwald wimmelt von unbegleiteten Minderjährigen auf Blaubeersuche. Was soll das?

Die Heidelbeere ist eine der ältesten Speisen der Menschheit. Sie hat schon Jägern und Sammlern gemundet. Die Ureinwohner Nordamerikas verehrten die „Sternenbeere“ mit dem fünfzackigen Krönchen als Gabe Manitus. Den hungernden englischen Siedlern zeigten sie, wie man die Beeren für den Winter trocknet.

Es ist wohl kein Zufall, dass es der Gartenstaat New Jersey war, wo es 1916 gelang, das bescheidene, aber wilde Heidekrautgewächs für den Gartenbau zu zähmen. Diesem Umstand verdankt die Welt die Allgegenwart, aber auch eine Verwässerung des Blaubeergenusses. Anders als bei ihrer europäischen Schwester färbt das weiße Fleisch der Blueberry weder Zähne noch Zunge blau und hinterlässt leider auch geschmacklich weniger Spuren im Mund: Ihrer faden Süße fehlt jeder Hinweis auf leicht saure Wald- oder Heideböden.

Ob Hof oder Heide, die ersten pudrig schimmernden Beeren des Sommers werden selten anders als pur verzehrt. Später ist ihnen die Säure von Pfirsichen ein guter Partner, zum Beispiel im Streuselkuchen. Mit Zimt verschmelzen sie zu Höherem – besonders, wenn er in Butter goldgelb über Hefeklöße fließt. Pilze heben ihre dunkle Süße hervor. Und gemahlene Koriandersamen verstärken – etwa in Blaubeermuffins – ihre holzigen, blumigen und zitronigen Noten. Bitte naschen Sie guten Gewissens! Die Blaubeere ist ein „Superfood“. Super daran ist neben großen Mengen Vitaminen vor allem ihr Blau. Es besteht aus Anthocyanen, Farbstoffen, die freie Radikale einfangen und so die Zellen schützen.

Die Anwesenheit von Industriezucker stört dabei nicht oder zumindest nicht jeden. Angeblich schaufelten die Piloten der britischen Royal Air Force im Zweiten Weltkrieg Blueberry Jam in sich hinein, weil sie den Eindruck gewonnen hatten, dadurch im Dunkeln besser sehen zu können. Heute ist auch wissenschaftlich bewiesen, dass Anthocyane den Sehpurpur auf der Netzhaut erneuern und Nachtblindheit vorbeugen. Da passt es, dass die kleine Alliierte im süddeutschen Volksmund auch „Äuglbeere“ heißt. Vielleicht macht ihr Genuss nicht hellsichtig, wie manche früher glaubten, wohl jedoch erhellt er die Sicht.

Ihre ultimative Superkraft überträgt sich indes leider nicht mit dem Beerengenuss: Blaubeersträucher klonen sich über Ableger ständig selbst. Sie sind unsterblich.