Greenpeace Magazin Ausgabe 6.97

Last Exit Sacramento

Kein Land der Welt verschwendet mehr Energie als die USA, kein Land trägt mehr zur globalen Erwärmung bei. Die kalifornische Hauptstadt Sacramento weist den Weg aus der Sackgasse. Dort arbeiten die modernsten Stadtwerke der Welt.

Nein, so einer bin ich ganz bestimmt nicht. Diese Umweltschützer sind doch alle mehr oder weniger durchgeknallte Extremisten“, sagt Bill Brand. Mit diesem Pack will er nichts zu tun haben. „Aber Strom sparen wollen wir trotzdem, nicht wahr, Beau?“ Der befragte Spitz hechelt, sein Herrchen deutet das als Zustimmung und grinst zufrieden. Mit Hündchen Beau teilt sich der 46jährige Junggeselle Brand ein geräumiges Haus und gleich zwei Autos in der kalifornischen Hauptstadt Sacramento. Als vor acht Jahren die Bürger über die Abschaltung des stadteigenen Atomkraftwerks Rancho Seco abstimmten, war Bill Brand strikt dagegen: „Das Werk hat doch noch prima funktioniert.“ Aber als Rancho Seco am 7. Juni 1989 dann tatsächlich eingemottet wurde, weil die Mehrheit von Sacramentos Bürgern es schlicht zu teuer fand, da wurde auch Bill Brand Mitglied der Umweltorganisation „Peak Corps“.

Das Peak Corps gehört zu einer Einrichtung, die das Atomkraftwerk ersetzt: Der fehlende Strom wird jetzt in einem „Einsparkraftwerk“ produziert, und zwar durch organisiertes Stromsparen bei den Kunden.

„Es geht vor allem um die Spitzenlasten. Wir müssen dafür Kapazitäten bereithalten, die wir im Regelfall nicht nutzen. Und an diese Kapazitäten kommen wir bei Bedarf auch über unsere stromsparenden Kunden heran“, erklärt Mike Weedall, Chef der Energieabteilung des kommunalen Elektrizitätsversorgers SMUD (Sacramento Municipal Utility District).

Im Kundenzentrum von SMUD hängt eine elektronische Tafel, die Besuchern den aktuellen Strombedarf anzeigt: 1402 Megawatt an einem normalen Augustmittag, 1960 Megawatt Spitzenlast am Nachmittag davor.

Vor allem an heißen Sommertagen steigt der Strombedarf in Sacramento auf Spitzenwerte. Bei bis zu 40 Grad Hitze brummen in der ganzen Stadt die Klimaanlagen. Wenn die herkömmlichen Kraftwerke sich ihrer Belastungsgrenze nähern, dann wird das Einsparkraftwerk angeworfen. 100.000 der 480.000 SMUD-Kunden sind Mitglieder der nach der Spitzenlast, dem „peak demand“, benannten Stromsparertruppe Peak Corps. Ihre Klimaanlagen sind mit einem SMUD-Computer verbunden, der die Geräte in den Nachmittags- und Abendstunden bei Bedarf per Fernbedienung zeitweilig abschaltet. So reduziert sich die Spitzenlast um bis zu 210 Megawatt. SMUD kann es deshalb vermeiden, für die heißen Tage teure und oft besonders schmutzige Reservekraftwerke bereitzuhalten.

Das Einsparkraftwerk lohnte sich für alle Beteiligten: SMUD mußte nicht in vollem Umfang Ersatzkraftwerke für das stillgelegte Akw bauen. Und die Peak-Corps-Mitglieder erhielten fürs Mitmachen erhebliche Rabatte auf ihre Stromrechnung. Das Einsparkraftwerk produziert jetzt 391 Megawatt, 450 sind das Ziel für das Jahr 2000.

„Dieses Ding hat viel Geld gekostet“, sagt Bill Brand und klopft auf einen hüfthohen Metallkasten. „Aber sie haben hat mir den Kauf so sehr erleichtert, daß ich wirklich nicht nein sagen konnte.“ Brand ersetzte stromfressende Altgeräte und kaufte sich 1993 eine hocheffiziente Wärmepumpe, die in den milden zentralkalifornischen Wintern sein Haus heizt und im heißen Sommer zur Klimaanlage wird. „SMUD hat mir 1000 Dollar dazugegeben, die restlichen 4000 bezahle ich noch heute mit einem supergünstigen Kredit ab“, rechnet Brand vor. Außerdem schenkte ihm SMUD neben einem wassersparenden Duschkopf auch gleich noch stromsparende Glühlampen, „das war wie Weihnachten“, erinnert sich Brand. Zusammen mit dem Peak-Corps-Rabatt sank seine monatliche Stromrechnung von weit über 100 Dollar auf unter 70, und das trotz der Ratenzahlungen für die Wärmepumpe. Und wenn der Rabatt immer weiter reduziert wird? „Ach, ich bleibe trotzdem Mitglied, jetzt ist es schon Gewohnheitssache.“

Auf genau diese Kundentreue baut Mike Weedall. Er köderte Verbraucher, die scharf rechnen, und beendete dann bald die teuersten Programme. Strom auf dem freien Markt war jahrelang knapp und teuer. Jetzt aber ist er im Überschuß vorhanden und wird immer preiswerter. Im Moment ist es für die Stadtwerke von Sacramento billiger, bei Spitzenbelastung viele Megawatt einzukaufen, als weiterhin 100.000 Kunden hohe Rabatte zu geben.

Zu wirtschaftlichem Denken zwingt auch die Freigabe des kalifornischen Strommarktes. Ab dem 1. Januar 1998 dürfen alle Kunden ihren Elektrizitätsanbieter frei wählen, und dann möchte SMUD mit relativ günstigen Tarifen konkurrenzfähig sein. Aber zusätzlich möchte das Unternehmen Vorreiter im Umweltbereich bleiben, „sonst würde ich diesen Job nicht machen“, erklärt Weedall. Gerade das Einsparkraftwerk könnte in einem freien Strommarkt zum Marketing-Trumpf für SMUD werden. Die Peak-Corps-Aktivitäten sorgen für enge Kontakte zu den Kunden. Die werden es sich dreimal überlegen, ob sie den Strom-Lieferanten wechseln.

Virginia Morgan hat sich den „Energy Auditor“ ins Haus bestellt. Sie bezahlt im Sommer Stromrechnungen von monatlich über 200 Dollar, mehr als das Doppelte eines Durchschnittskunden. SMUD-Mitarbeiter Rod Turner findet schnell die Ursachen: schlechte Isolierung der Wände, falsch eingestellte Klimaanlage, kein Schatten für das Haus, auf das zwölf Stunden lang Sonne knallt. Und er kommt auch gleich zur Sache: Auf dem Dachboden kann SMUD kostenlos ein Ventilationssystem einbauen, das die heiße Luft aus dem Haus saugt – da sagt die Kundin nicht nein. Sie freut sich, daß Turner unter ihrem Haus herumkriecht, um die Rohre der zentralen Klimaanlage zu überprüfen. Und als er ihr kostenlose Baumsetzlinge anbietet, damit das Haus künftig vor der Sonne geschützt wird, ist sie ganz begeistert.

„Das Baumprogramm ist mit Abstand unser populärstes“, berichtet Bud Beebe von der SMUD-Abteilung für erneuerbare Energien. Beebe kann auf Weedalls Vorarbeit aufbauen: „Jetzt, wo unsere Kunden uns glauben und wissen, das SMUD konsequent fürs Stromsparen eintritt, können wir den nächsten Schritt wagen“, glaubt Beebe. Der nächste Schritt: Das Greenergy-Programm von SMUD. Derzeit bezahlen die Kunden acht Cents pro Kilowattstunde. Beebe möchte nun Tausende von Stromverbrauchern überreden, freiwillig neun Cents zu zahlen. „Mit dem Extra-Penny soll dann die SMUD-Strommischung immer grüner werden. Aus dem Greenergy-Fonds investieren wir ausschließlich in die Stromherstellung aus Wasser, Wind, Geothermie und vor allem aus Sonne.“ Und das dürfen die Kunden auch gerne kontrollieren, als öffentliches Unternehmen ist SMUD ohnehin verpflichtet, Sacramentos Bürgern Einsicht in die Bücher zu geben.

"PV Pioneers‘ – das klingt schon toll“, lacht Janet Wolf-Eshe über den Werbenamen für die Photovoltaik-Pioniere. Janet und ihr Mann Alvin sind überzeugte Kernkraftgegner und lassen sich ihren Einsatz für umweltfreundliche Energieformen auch etwas kosten. Für die SMUD-eigene Solaranlage auf ihrem Dach zahlen die Hausbesitzer eine Mietgebühr. Die Eshes investierten außerdem rund 10.000 Dollar in die perfekte Isolierung ihres Hauses, das nun ganz ohne Klimaanlage und mit nur wenigen Ventilatoren auskommt. „Und wenn der Strom der Solaranlage auf unserem Dach direkt in Haus flösse, dann könnten wir uns völlig von SMUD abschalten“, sagt Janet. „Aber perfekt sind wir trotzdem nicht,“ gibt sie grinsend zu. Zwei Autos stehen in der Garage – „allein schon, damit wir in diesen tollen Park beim Atomkraftwerk fahren können!“

Auf dem Gelände von Rancho Seco wachsen jetzt Weinreben, Windsurfer gleiten über den Kraftwerkssee. Am Ufer stehen Picknicktische, Camper können hier ihre Zelte aufschlagen. Der Abschaltung des Atommeilers verdanken auch zwei Dutzend nordafrikanischer Oryx-Antilopen ihre neue Heimat. Sie wurden von einem reichen Casinobesitzer als exotisches Jagdwild in die USA geschmuggelt und von einer Tierschutzorganisation vor dem Erschießen gerettet. Kein Zoo wollte die Hornträger haben, aber SMUD bot den Tieren eine neue Heimat. Jetzt grasen die Antilopen in einem kleinen Tal, über das die Kühltürme des Kernkraftwerks wachen.

Von THOMAS STRATMANN
Fotos: MICHAEL LLEWELLYN