Tief unter der Lüneburger Heide liegt ein Schatz. Im Laufe der Jahrtausende hat sich hier ein Grundwasserreservoir gebildet, das die Menschen im Landkreis mit Trinkwasser versorgt. Genau jenes Wasser, das hier aus der Leitung kommt, können aber auch Menschen von Sylt bis Passau genießen – wenn sie eine Flasche „Vio“ kaufen. Und da beginnt das Problem.

Denn einerseits ist die Mineralwassermarke, die zum Coca-Cola-Konzern gehört, ein wichtiger Arbeitgeber in der Region. Andererseits bedroht sie nach Einschätzung der Bürgerinitiative „Unser Wasser“ die Existenzgrundlage der dort lebenden Menschen. Gerade bohrt das Unternehmen einen dritten Brunnen, um künftig in noch größerem Umfang Wasser aus der Tiefe zu pumpen. „Der Bürgerprotest ist hier so groß wie die Angst der Menschen, dass das Vorkommen irgendwann erschöpft sein wird“, sagt Marianne Temmesfeld, eine der Gründerinnen der Bürgerinitiative.

Achtung, Durststrecke

Der Konflikt, der hier auf lokaler Ebene ausgetragen wird, gibt einen Vorgeschmack darauf, was wir künftig in ganz Deutschland erleben könnten. Lange war Wasserknappheit hier kein Thema. Doch die vergangenen drei Jahre haben die Klimaveränderungen spürbar gemacht. Landwirtschaft, Industrie und Haushalte konkurrieren um eine Ressource, die zunehmend unter Stress steht: das Grundwasser.

Die Grundwasserpegel in besonders betroffenen Regionen – etwa in Brandenburg, Nordrhein-Westfalen und Teilen Niedersachsens – sind historisch niedrig und die Wasserversorger dürfen nur jeweils so viel entnehmen, wie durch Regen neu entstehen kann. Die zusätzliche Förderung von Mineralwasser aus denselben Vorkommen kann lokal „eine Nutzungskonkurrenz zur öffentlichen Trinkwasserversorgung darstellen“, wie die Bundesregierung 2019 auf eine Anfrage der grünen Bundestagsfraktion antwortete.

Wo hochwertiges Trinkwasser aus der Leitung kommt, ist der Griff zu Mineralwasser aus Umweltsicht ein Ärgernis – zumal der Markt für stilles Flaschenwasser am stärksten wächst. Die schweizerische Umweltberatung ESU-Services errechnete vor drei Jahren im Auftrag des Greenpeace Magazins, wie hoch der Energieeinsatz für Leitungswasser im Vergleich zu Wasser ist, das in Flaschen durch die Republik gekarrt wird. Die Unterschiede sind enorm: Wasser aus dem Hahn schlägt pro Liter gerade einmal mit so viel Energie zu Buche, wie die Verbrennung von 0,4 Millilitern Erdöl freisetzen würde. Man spricht von Erdöläquivalenten. Der Griff zur Flasche verbraucht dagegen 100 bis 300 Milliliter Erdöläquivalente – je nachdem, ob diese aus Glas oder Kunststoff besteht, Ein- oder Mehrweg ist und nach dem Abfüllen eine kürzere oder längere Strecke zum Supermarkt zurückgelegt hat. 

WASSERHAUSHALT
Ein großes Minus in der Ökobilanz: die Verpackung. Mehr als die Hälfte der Wasserflaschen sind aus Plastik und werden nur einmal befüllt

WASSERHAUSHALT
Ein großes Minus in der Ökobilanz: die Verpackung. Mehr als die Hälfte der Wasserflaschen sind aus Plastik und werden nur einmal befüllt

Der Vergleich der Ökobilanzen ist eindeutig

Wer nicht auf Kohlensäure verzichten mag, greift am besten zu einem Wassersprudler, auch wenn dies den Umweltvorteil des Leitungswassers abschwächt – der Liter schlägt dann laut einer anderen Berechnung von ESU-Services für die Schweiz mit 16 Millilitern Erdöläquivalent zu Buche. Zwar ersetzt eine Kohlensäurekartusche den Kauf von bis zu neun Kästen Mineralwasser, aber auch der Sprudler muss erst einmal hergestellt werden, die Flaschen, zumindest die aus Kunststoff, haben eine begrenzte Lebensdauer und die Kartuschen werden gereinigt, befüllt und transportiert.

Am Verhältnis dieser Ökobilanzen hat sich kaum etwas geändert, auch wenn es für die Wasserwerke zunehmend aufwendig wird, die Reinheit zu gewährleisten, die die Trinkwasserverordnung vorschreibt. Zu Recht als das „am besten kontrollierte Lebensmittel“ gepriesen, hat Leitungswasser deutschlandweit eine gute bis sehr gute Qualität: 99,9 Prozent der Messstellen – im Wasserwerk oder direkt am Hahn – geben laut Umweltbundesamt keinen Grund zur Beanstandung.

Das ist angesichts der beklagenswerten Grundwasserqualität eine Leistung. Denn Leitungswasser speist sich im Schnitt zu siebzig Prozent aus Grund- und Quellwasser. Der wichtigste Wasservorrat der Republik schlummert tief im Boden.

Doch jede zweite Grundwassermessstelle weist laut Umweltbundesamt eine deutliche bis starke Belastung mit Nitrat auf. Bei jeder fünften wird der Grenzwert von fünfzig Milligramm pro Liter, den das EU-Recht für Grund- und Leitungswasser vorschreibt, sogar überschritten. In Gebieten mit viel Landwirtschaft – Nitrat gelangt vor allem durch übermäßiges Düngen ins Grundwasser – liegt sogar jede vierte Messstelle jenseits der fünfzig Milligramm – ein ohnehin umstritten hoher Wert, in der Schweiz ist er halb so hoch. „Die Qualität des Grundwassers in Deutschland gehört zu den schlechtesten in Europa“, wetterte der damalige EU-Umweltkommissar Karmenu Vella im Sommer 2019.

<p>LEITUNGSEBENE<br />
Die Wasserversorger sind für die Qualität bis zum Gebäudeanschluss zuständig – für ein sauberes Leitungssystem muss der Hauseigentümer sorgen</p>

LEITUNGSEBENE
Die Wasserversorger sind für die Qualität bis zum Gebäudeanschluss zuständig – für ein sauberes Leitungssystem muss der Hauseigentümer sorgen

Auch aus anderen Gründen ist die intensive Landwirtschaft eine besondere Gefahr für das Grundwasser. Zum Nitrat aus Gülle und anderem Dünger kommen Medikamentenrückstände aus der Tierzucht sowie Glyphosat und andere Unkrautvernichter. Eine höhere Grundwasserbelastung besteht außerdem in Ballungsräumen. Wo Menschen gedrängt leben, landet mehr in der Kanalisation, auch Haushaltschemikalien und Kosmetika. Sogar Arzneimittel lassen sich im Trinkwasser nachweisen, allerdings nur in unkritischen Spuren. Einen gesetzlichen Schwellenwert für Arzneimittelrückstände im Grundwasser gibt es bislang nicht. 

Kann man also den Hahn unbesorgt aufdrehen? Ja, sagt die Stiftung Warentest. 2019 hat sie das deutsche Trinkwasser in den fünf größten Städten sowie in 15 Regionen untersucht, in denen das Risiko von belastetem Wasser besonders hoch ist. „In allen zwanzig Testgebieten können die Menschen getrost zum Leitungswasser greifen, in keinem wurden die Grenzwerte der Trinkwasserverordnung überschritten“, erklärt Wasserexpertin Ina Bockholt.

Noch ist das Leitungswasser allerorten einwandfrei. Und künftig? Immer weniger und dazu verunreinigtes Wasser bedeutet einen immer größeren Aufwand für die Versorger – sie müssen neue Brunnen bohren oder Wasser von anderswo beziehen. Nitratbelastetes Wasser werde oft mit weniger belastetem gemischt, „verschnitten“ nennt dies das Umweltbundesamt. Falls das nicht mehr möglich ist, würde eine technische Aufbereitung viel Energie und Geld verschlingen. In betroffenen Regionen müssten Verbraucherinnen und Verbraucher dann bis zu 45 Prozent mehr für das Trinkwasser zahlen.

Lass laufen!

Damit das Trinkwasser auch die letzten Leitungsmeter sauber passiert, empfiehlt die Stiftung Warentest:

Fragen Sie nach: Hauseigentümer und Vermieter müssen Bleirohre ersetzen. Das Risiko einer Bleibelastung betrifft vor allem teil- und unsanierte Gebäude, die vor 1973 gebaut wurden. Wird das Wasser mit einer Großanlage erwärmt, müssen Vermieter es alle drei Jahre auf Legionellen prüfen lassen. 

Wer sicher gehen möchte, kann sein Wasser auch selbst testen lassen. Für Schwangere und Babys ist das oft gratis, sonst kostet eine Laboranalyse mindestens 18 Euro. Kontakte vermitteln Wasserversorger und Gesundheitsämter.

Wasserfilter sind hierzulande in der Regel unnötig. Sie schnitten zudem in Tests bislang nie wirklich gut ab und können bei falscher Handhabung sogar selbst zur Quelle von Keimen werden. Um sicherzugehen, dass das Wasser nicht zu lange in der Leitung stand, frisch und hygienisch einwandfrei ist, reicht es, nach dem Aufdrehen des Hahns kurz zu warten, bis es merklich kälter ist. 

Deren Einfluss auf die Trinkwasserproblematik ist beschränkt, doch einiges kann man beherzigen, um sich nicht weiter selbst das Wasser abzugraben: Biolebensmittel und eine fleischarme oder vegetarische Ernährung schonen das Grundwasser und werden für viele immer selbstverständlicher. Wer ökologische Putzmittel nutzt, Speisereste, Fette, Hygieneartikel, Farbreste und Medikamente nicht in der Toilette entsorgt, seinen Garten nicht synthetisch düngt und im Winter auf Streusalz verzichtet, trägt ebenfalls seinen Teil bei.

Und ganz klar: Die Wasserverwendung darf nicht zur Verschwendung werden. Nur vier Prozent des genutzten Wassers werden laut Verbraucherzentrale getrunken oder zum Kochen verwendet. Man muss sich also nicht das Wasser vom Munde absparen, um Wasser zu sparen.

Diesen Artikel finden Sie in der Ausgabe des Greenpeace Magazins 6.20 „Wahrheit“. Im Schwerpunkt nehmen wir Sie mit auf die Suche nach einem gemeinsamen Verständnis von Fakt und Fälschung, Wissen und Ungewissheiten, wahr und falsch. Das Greenpeace Magazin ist erhältlich im Warenhaus, am Kiosk oder ab 32,50 Euro im Abo. Sie können alle Inhalte auch in unserer digitalen Version lesen, optimiert für Tablet und Smartphone. Viel Inspiration beim Schmökern, Schauen und Teilen!

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