Kinder haben die Gabe, große Fragen so beiläufig in den Raum zu stellen, dass Erwachsene drüber stolpern. Mama, woraus ist die Erde gemacht? Papa, warum gibt es Bäume? Oma, wohin gehen Hamster, wenn sie tot sind? Anders als die Fragen, die wir uns für gewöhnlich so stellen (Wann kommt der Bus? Muss ich Brot kaufen?), halten Kinderfragen den Alltag für Augenblicke an, unterbrechen die kleinen Routinen des Daseins und lenken den Blick auf Größeres. In Gedanken reisen wir dann in die ferne Vergangenheit des Planeten oder die nahe Zukunft des Haustiers. (Und denken vielleicht insgeheim: Wohin gehe ich, wenn ich dem Hamster nachfolge?)

Mein Sohn ist fast zehn und ein Meister der Grundsatzfrage. Neulich, an einem Schulmorgen zwischen Wecker und Honigbrot, erkundigte er sich wie aus dem Nichts in meine Müdigkeit hinein: „Mama, es ist doch schon besser, oder?“ – „Was denn, mein Schatz?“ – „Das mit der Umwelt.“ Er hatte gehört, dass Angela Merkel zum fünfzigsten Jubiläum von Greenpeace gesprochen hatte. Sie hatte schöne Worte gefunden: Der Klimawandel sei „eine, wenn nicht die zentrale Herausforderung unserer Zeit“, er müsse „eingedämmt werden, damit die Erde auch für unsere Kinder und Enkelkinder ein lebenswerter Ort bleiben kann“. Frau Merkel hatte hinter einem Pult mit der Aufschrift „Greenpeace – Hope in Action“ gestanden und entschlossen ausgesehen. „Früher hätte da doch kein Kanzler gesprochen“, sagte nun mein Sohn, ganz „Hoffnung in Aktion“. „Das ist doch schon besser, oder?“ Seine Frage traf mich ins Herz

„Kinderlärm ist Zukunftsmusik“, heißt es. Aber in welcher Art von Zukunft spielt die Musik „für unsere Kinder und Enkelkinder“? Es reicht ein Blick in dieses zu Ende gehende Jahr, um zu sehen, dass sie nicht die Top-Priorität der real existierenden Politik sind. Als Mitte Dezember 2020 der zweite Corona-Lockdown fällig wurde, schloss man sofort die Schulen, eine Pflicht zum Homeoffice kam erst Mitte April. Ende April musste dann das Bundesverfassungsgericht die Regierung darauf hinweisen, dass sie beim Klimaschutz die Last der CO2-Reduktion nicht vor allem jungen Menschen aufbürden darf. Mitte Mai trat die Bundesfamilienministerin zurück und wurde für die Restlaufzeit der Koalition von ihrer Justizkollegin vertreten. Familienpolitik? Macht sich nebenbei. Und Anfang Juni scheiterte auf den letzten Metern der Groko die im Koalitionsvertrag versprochene Verankerung von Kinderrechten im Grundgesetz, weil es keine Mehrheit im Bundestag gab.

Was werden wir sagen, wenn wir unseren Kindern und Enkeln in dieser Zukunft in die Augen schauen müssen? Wir werden ja nicht sagen können, wir hätten es nicht gewusst.

Ich, du, wir alle 2050

Genau diese Gegenwart ist es, die mir Sorgen macht. Im Gegensatz zu Konzernen und Wahlberechtigten haben Kinder – schönen Worten zum Trotz – kaum eine Lobby. Sie sind nicht nur minderjährig, sondern auch in der Minderheit. Während es allein rund 23 Millionen Wahlberechtigte ab sechzig Jahren gibt, leben in Deutschland nur gut 13,7 Millionen Menschen unter 18. Kinder wählen nicht. Ihre Bedürfnisse, auch solche, die die Zukunft betreffen, erscheinen der Politik selten dringlich. Wie nur sollte ich, das Buttermesser in der Hand, meinem Sohn in aller Kürze die Wahrheit sagen? Über diese scheidende Bundeskanzlerin, die als „Klimakanzlerin“ schon viele Jahre außer Dienst ist? Über verpasste Chancen und zufallende Zeitfenster? Über alles Reden, das nur Reden und alles Papier, das nur Papier ist? Über den CO2-Gehalt der Atmosphäre, der, von Konferenzen und Zielen unbeeindruckt, steigt und steigt? Über seine Zukunft?

Im Mai, zwei Monate vor der Flut im Ahrtal, wurde ein Buch mit dem futuristisch anmutenden Titel „Deutschland 2050“ zum Bestseller. Es enthielt viel Science und, leider, keine Fiction. Nick Reimer und Toralf Staud zeichneten darin anhand der Klimamodelle des Deutschen Wetterdienstes und Hunderter Interviews mit Fachleuten von Agrar bis Wirtschaft ein detailliertes Szenario unseres Landes in nicht ganz dreißig Jahren: Artensterben, Hitzewellen, Waldbrände, Starkregen und Dürre; Chaos, Leid und immense Kosten für die Anpassung daran. Deutschland 2050 wird ein verändertes Land sein – ungefähr zwei Grad heißer als zu Beginn der Wetteraufzeichnungen 1881. Und das CO2, das dafür sorgen wird, befindet sich zum allergrößten Teil längst in der Atmosphäre.

In den Fünfzigerjahren dieses Jahrhunderts wird mein Sohn so alt sein wie ich heute, seine kleine Schwester Mitte dreißig. Vielleicht werden meine Kinder selbst Kinder haben. Kinder, die im Freien unter Sonnensegeln spielen und sich vor den Stichen infektiöser Tigermücken in Acht nehmen müssen. Kinder, die sich fragen, wer zum Kuckuck dieser Kuckuck ist, der da im Kinderlied aus dem Wald ruft. Denn Cuculus canorus ist eine von Tausenden heimischen Arten, die der Klimawandel bedroht. Kinder, die nicht nur Märchen, sondern auch dunkle Wälder für eine Erfindung halten. Denn alte Bäume werden in vielen Regionen rar sein. Kinder, deren Wohlstand sehr wahrscheinlich kleiner, deren Alltag krisengeschüttelter sein wird als der jeder Generation seit hundert Jahren. Sie sollen nicht, aber sie werden es einmal schlechter haben.

„Das Leben der heutigen Kinder wird in erschreckend vielen Ländern bereits stark durch die Klimakrise bestimmt“, sagte Christian Schneider, Geschäftsführer von Unicef Deutschland im August. Das Kinderhilfswerk der Vereinten Nationen stellte den ersten Klimarisikoindex für Kinder vor. Ergebnis: Etwa eine Milliarde Kinder – fast die Hälfte aller 2,2 Milliarden Heranwachsenden – sind durch die Erhitzung schon jetzt „extremen Gefahren“ ausgesetzt. Sie leben in ohnehin verwundbaren Ländern wie dem Tschad, Nigeria und Guinea, die nun zudem immer stärker von Fluten, Zyklonen, Hitze, Krankheiten, Dürre und schmutziger Luft betroffen sind. Und diese 33 Länder stoßen zusammen nur neun Prozent aller CO2-Emissionen aus.

Eine Krise der Kinderrechte

Die Klimakrise ist im Kern eine Krise der Kinderrechte. Obwohl Kinder nichts für die Erhitzung können, zahlen sie heute schon im Globalen Süden und in Zukunft überall den höchsten Preis dafür. Kürzlich erschien in der Zeitschrift „Science“ ein Report: „Born into the Climate Crisis“. Ein internationales Forschungsteam hatte im Auftrag der Organisation Save the Children altersabhängige Lebensrisiken errechnet. Demnach werden Kinder, die 2020 geboren wurden, in ihrer Lebenszeit voraussichtlich siebenmal mehr Hitzewellen ausgesetzt sein als noch ihre Großeltern. Sie könnten, wenn der Vertrag von Paris gebrochen und die 1,5-Grad-Marke gerissen wird, auch fast dreimal mehr Ernteausfälle und Überschwemmungen erleben als Menschen, die seit 1960 auf der Welt sind.

Dabei ist sich die Weltgemeinschaft im Prinzip einig, dass Kinder besonderen Schutz brauchen. Seit 1989 gibt es die Konvention über die Rechte der Kinder der Vereinten Nationen. Kinder haben zum Beispiel das Recht auf angemessene Lebensumstände, das Recht auf Beteiligung und auf eine gewaltfreie Erziehung. Alle diese Rechte aber betreffen die unmittelbare Gegenwart. Und die ist angesichts von Kriegen, Flucht, Armut und Hunger heute mindestens so herausfordernd wie vor dreißig Jahren. Das Wort Zukunft findet sich in den 54 Artikeln nicht. Die Kinder fordern sie trotzdem ein.

Seit Greta Thunberg zu streiken begann, geht ein Gespenst um auf den Straßen von Amsterdam bis Zagreb, es spukt durch die Flure der Vereinten Nationen in New York, erschreckt das Weltwirtschaftsdorf Davos und sitzt bei Markus Lanz. Es ist das Gespenst der Generationen(un)gerechtigkeit. Dass die Klimakrise dieses Gespenst nun so sichtbar macht, ist kein Zufall. Denn die Frage, ob der Planet für Menschen bewohnbar bleibt, ist von beispielloser Tragweite: Sie ist existenziell. Und dass sie jetzt so brennend im Raum steht, ist dem zu verdanken, was Thunberg die „Zukunftsvergessenheit der Erwachsenen“ nennt und die Politiktheorie nüchtern die „Gegenwartspräferenz der Demokratien“.

Der futuristische Imperativ

Demokratien, schreibt der Philosoph Jörg Tremmel, hätten eine Tendenz „zur Vernachlässigung der Zukunft“. Parteien müssten in kurzen Abständen Mehrheiten gewinnen. Insofern hätten Kandidatinnen, die über die nächste Wahl hinausdenken, „einen Wettbewerbsnachteil“. Letztlich würden Interessenkonflikte zwischen den Generationen „durch die Mehrheit der Wahlberechtigten entschieden, nicht durch die Mehrheit der Betroffenen“. Diese „Kurzsichtigkeit der Demokratie“ passt schlecht zur Ökologie.

Lange war das kein Problem. Als die Aufklärer im 18. Jahrhundert über die Herrschaft des Volkes nachdachten, war Nachhaltigkeit ein Fachbegriff der Waldwirtschaft. Auf der Erde lebten weniger als eine Milliarde Menschen. Es gab keinen Atommüll, der für die Dauer Zehntausender Generationen vergraben werden musste. Und in England ratterten zwar erste Dampfmaschinen, aber Kohlendioxid war ein beliebiges Spurengas. Das Industriezeitalter war jung, das Zerstörungspotenzial gering und Zukunft ein Synonym für Fortschritt.

Der Gedanke, dass Zukunft eine begrenzte Ressource sein könnte, etwas, das man treuhänderisch für kommende Generationen nur verwaltet, etwas, das man nicht verfrühstücken darf – dieser Gedanke ist erst zwei Generationen alt. 1972 gab der Club of Rome seinen Bericht „Die Grenzen des Wachstums“ heraus. Und vielen Menschen wurde erstmals bewusst, dass wir die lebenserhaltenden Systeme seit Jahrhunderten auf Verschleiß fahren. 1979 dann, sieben Jahre vor dem Super-GAU von Tschernobyl, veröffentlichte der Philosoph Hans Jonas „Das Prinzip Verantwortung“, ein Hauptwerk der Zukunftsethik. Jonas versuchte sich an einer Moral für „die technologische Zivilisation“. Dem kategorischen Imperativ von Immanuel Kant verpasste er eine Zeitdimension: „Handle so, dass die Wirkungen deiner Handlungen verträglich sind mit der Permanenz echten menschlichen Lebens auf Erden.“ Mit anderen Worten: Bitte hinterlassen Sie diesen Planeten so, wie Sie ihn vorzufinden wünschen! Auch dieses Buch – ein Welterfolg.

Der futuristische Imperativ von Hans Jonas ist so alt wie ich. Die Kurzsichtigkeit unseres Tuns konnte er – wie alle Appelle davor und danach – nicht korrigieren. Nach wie vor behandeln wir die Zukunft wie eine ferne Kolonie. „Wir plündern sie, als wäre niemand dort“, sagt der britische Philosoph Roman Krznaric. Dabei ist es die übergroße unsichtbare Mehrheit von uns, die dort leben wird. Wir Heutigen sind nur ein Bruchteil der Menschheit. Zusammen mit uns haben in den vergangenen 50.000 Jahren gut 108 Milliarden Menschen gelebt. Das ist fast nichts im Vergleich zu Tausenden Milliarden, die – bleibt die Geburtenrate so wie jetzt – in den kommenden 50.000 Jahren zur Welt kommen könnten. Für Krznaric ist klar: „Die Frage: ,Sind wir gute Vorfahren?‘ sollte die zentrale Frage unserer Zeit sein.“

Durch die Brille der Kinder

Es ist nur leider nicht die Frage, die ich heraushöre, wenn in Berlin darüber gestritten wird, wie teuer uns der Klimaschutz kommt. Oder ob wir der Landwirtschaft beim Artenschutz zu viel zumuten. Der Hauptgrund dafür ist natürlich, dass unsere Nachfahren nicht am Verhandlungstisch sitzen können. Vielleicht brauchen sie Stellvertreter: gut sichtbare Institutionen, die der Zukunft im Hier und Heute eine Stimme geben. In manchen Ländern gibt es solche Versuche schon, Ombudspersonen, Ministerinnen oder Parlamentsgremien für die Rechte künftiger Generationen. Wir haben – bislang – nichts Vergleichbares.

Umso wichtiger ist es, uns mehr Weitblick zu verschaffen, indem wir die Dinge durch die Brille der Kinder sehen. Unter uns sind sie diejenigen, die am meisten Zeit in der Zukunft verbringen werden. Viele von ihnen werden das Jahr 2100 erleben. Wir entscheiden jetzt, ob die Erderhitzung nach 2050 vollends unkontrollierbar wird. Kinder brauchen nicht das Kommando, aber sie können unsere Lotsen sein. Schließlich wollen wir nur ihr Bestes, oder? Die Kinderrechtsorganisationen fordern unisono von der neuen Bundesregierung, die Kinderrechte im Grundgesetz zu verankern, diesmal wirklich, und das Wahlalter zu senken.

Wer meint, Kinder hätten nicht die Reife zu wählen, weiß vielleicht nicht, dass viele Eltern ihren Nachwuchs zum Glück längst auf Augenhöhe behandeln. Kinder entscheiden Dinge von großer persönlicher Tragweite mit: welche Schule sie besuchen oder ob sie sich gegen Covid-19 impfen lassen. Wohl nie zuvor waren so viele Kinder so gut informiert wie heute.

Altersdiskriminierung gibt es auch in umgekehrt. Man nennt es Adultismus, wenn Menschen nicht ernst genommen oder gar ignoriert werden – nur weil sie jung sind. Wenn wir die Kinder übergehen, bringen wir nicht nur sie, sondern uns alle um eine lebenswerte Zukunft. Es geht nicht um Alt gegen Jung, es geht um Alt und Jung, um das Beste für beide, für die Schwächsten der Gesellschaft. Ich zum Beispiel gehöre jetzt zu den mittleren Jahrgängen, 2050 werde ich 71 Jahre alt sein. Eine ältere Frau, die unter extremen Hitzetagen zu leiden haben wird – Risikogruppe. Eine zukunftsgerechte, ja enkeltaugliche Politik würde rückblickend nicht nur für meine Kinder und möglichen Kindeskinder das Beste gewesen sein, sondern auch für mich.

Was ich meinem Sohn an jenem Morgen auf seine Frage nach Angela Merkel geantwortet habe, weiß ich nicht mehr. Ich glaube, ich habe irgendetwas mit „immerhin“ und „Problembewusstsein“ genuschelt. Und ich weiß noch, dass er dann schnell das Thema wechselte. Während ich darauf bestehe, dass er seinen Fahrradhelm trägt und den Zebrastreifen benutzt, um sicher zur Schule zu kommen, sehe ich zu, wie die Sicherheit aus seiner Zukunft verschwindet.

Letztes Jahr brachte die Kinder-Hiphop-Band „Deine Freunde“ ein Weihnachtsalbum heraus. Ein Lied heißt „Ein ganz normaler Sommertag“. Es geht um den 24. Dezember 2040: „Santa Claus kommt in Badehose (Christmas time) / Bescherung gibt’s bei dreißig Grad (Christmas time) / Siehst du die Pfützen? Das waren mal Pole (Christmas time)“. Draußen nieselte es – oh, du Hamburger Weihnachtszeit! – bei zehn Grad. Meine Kinder sangen vergnügt mit. Das Lied war ein Scherz. Natürlich. Denn: Wie kann das alles auch unser Ernst sein.

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