Zuerst höre ich ein fernes Kreischen. Es kommt näher, schwillt an – und dann sehe ich sie: Ein riesiger Schwarm Nonnengänse fliegt lärmend und schnatternd über mich hinweg, der hellblaue Himmel ist schwarz gesprenkelt.

So spektakulär habe ich mir meine Begegnung mit der Natur von Krautsand – einer Insel in der Elbe vierzig Kilometer nord-westlich von Hamburg – nicht vorgestellt. Noch Minuten später schaue ich in den leeren Himmel. Entspannung und Stille hatte ich von meinem Ausflug ins Naturschutzgebiet erwartet – und stehe plötzlich in einer Szenerie wie aus Hitchcocks „Die Vögel“ entsprungen.

Für Abenteuerurlaub muss man nicht auf einer Jeep-Safari in Südafrika Wildtieren nachstellen, sich auf Flößen durch die dichtbewachsenen Ufer des Mekong in Vietnam schlängeln oder dem Klang unendlicher Artenvielfalt im Urwald Kolumbiens lauschen. Man kann auch einfach ein ÖPNV-Ticket kaufen, eine halbe Stunde im Bummelzug von Hamburg-Altona nach Glücksstadt fahren, mit der Fähre über die Elbe setzen und ein Stückchen radeln. Willkommen in der Wildnis Niedersachsen.

Und verloren gehen kann man hier auch. Denn dass digitale Karten-Apps nicht immer die aktuelle Lage wiederspiegeln, lerne ich, als ich mit hohen Erwartungen, viel zu viel Gepäck – Anfängerfehler eines Stadtkindes – und erschöpft von der bisherigen Wegstrecke auf die Brücke zufahre, welche die Elbinsel Krautsand mit dem Festland verbindet. 15 Minuten bis zur Unterkunft verspricht die Routenplanung.

In der analogen Realität sieht es anders aus. Vor mir steht die Brücke der Länge nach senkrecht in den Himmel. Ich schaue auf die andere Uferseite, die unerreichbar scheint. Kein Mensch weit und breit, aber eine kleine Infotafel neben der Brücke: „Die Schifffahrt hat Vorrang vor dem Straßenverkehr!" steht da in Alarm-Rot und darüber die ausgewählten Betriebszeiten, an denen die Klappbrücke begehbar ist. Mein Anreisetag gehört nicht dazu.

Die nächste Brücke? Auf der Karte erscheint sie weit entfernt, meine Anfangseuphorie verpufft. Ich rufe den Vermieter meiner Unterkunft an. Klaus nennt er sich. Als er hört, dass ich nur mit dem Fahrrad angereist bin, schallt sein Lachen aus dem Telefonhörer. Ich solle erstmal losfahren und wenn ich nicht mehr kann, holt er mich mit dem Auto ab, verspricht er und legt auf.

Also fahre ich los, immer an der Landstraße entlang. Ich lasse den Blick schweifen, der nicht auf graue Mauer trifft, sondern über die Weite der Wiesen, Felder und Wälder gleiten kann. Alles ist Grün, nur in verschiedenen Schattierungen. Ich bin wieder versöhnt, mit allem, dem Wochenendplan, der Natur – und meinem vor Gepäck schwankenden Fahrrad.

Es ist früher Freitagabend, als ich die befahrbare Brücke erreiche. Auf der anderen Seite erblicke ich nach einiger Zeit das Stelzenhaus, meine Herberge für dieses Wochenende. Es schimmert durch die Äste der Weiden, die im leichten Wind rauschen. Die Abendsonne taucht die umliegenden Felder in goldenes Licht. Als Gemälde wäre das kitschig, so ist es einfach nur: schön.

Ich klettere die Metalltreppe zu dem Holzhaus hinauf, das von Stelzen getragen wie ein UFO zwischen den Baumwipfeln steht. Der Schlüssel steckt. Endlich da! Ich setze mich auf die Bank neben der Tür, müde, aber auch ruhig, irgendwie angekommen. Bald sinke ich in die Koje und als der Specht sein gleichförmiges Hämmern beendet, schlafe ich ein. 

Gleichförmig gestaltet sich auch der nächste Tag. Ich folge den Wegen durch das Naturschutzgebiet, fahre entlang nicht enden wollender Deiche, die mich von der Elbe trennen. Struppiges, gelb-grünes Gras so weit das Auge reicht. Diese Mischung aus Ereignislosigkeit und Monotonie hat etwas Beruhigendes.  

Dass Niedersachsen aber nicht nur Weite und Wildnis, sondern auch Exotik zu bieten hat, merke ich, als ich am darauffolgenden Morgen aus dem Fenster sehe: Da sitzt ein Pfau auf dem Dach. Als ich Klaus vor seinem Hof treffe, erzählt er mir, dass der Vogel das Geschenk eines Züchters gewesen sei. Der Nachbar besorgte sich eine Pfauenhenne und nun pendelt das Paar zwischen den benachbarten Höfen.

Klaus setzt sich mit mir an einem kleinen Tisch hinter seinem reetgedeckten Haus, während er versucht, Ulf, den kleinsten und lebendigsten seiner drei Hunde, davon abzuhalten auch auf die Sitzbank zu springen. Früher war Klaus Kapitän, erzählt er, heute züchtet er Pferde und betreibt „sanften Tourismus“, wie er betont. Mehr als drei Stelzenhäuser zum Vermieten sollen es nicht werden: „Was du hier hast, ist Ruhe, einen wunderschönen Elbstrand, den Deich, den du hoch und runter spazieren kannst, und das war's.“ Mit zu vielen Touristen sei die Ruhe dahin.

Ein Großteil der Fläche von Krautsand ist als Vogelschutzgebiet ausgewiesen, aber gleichzeitig ein von Menschen bewohnter und bewirtschafteter Ort. Das birgt Konflikte. „Wenn ein Schwarm mit über tausend Nonnengänsen über eine Weide herfällt, lassen die nicht mehr viel übrig", so Klaus. „Da hast du danach schwarze Erde.“ Deshalb würden einige Landwirte die Tiere mit Platzpatronen aufschrecken – und verängstigen damit auch die dreißig Isländer Ponys auf dem Hof.

Klaus verrät mir noch das Versteck der Eisvögel. Die kleinen, bunten Vögel beeindrucken durch das Farbenspiel ihres Gefieders und werden deshalb auch „Diamanten der Lüfte" genannt.

Ich radele los – aber scheitere mal wieder an einem Fluss ohne Übergang. Also schiebe ich mein Rad über den Feldweg zurück und fahre den großen Bogen über die Deiche – so, wie es mir Klaus erklärt hat –, zähle die Erkennungsmerkmale an der Wegstrecke und komme endlich zur Stelle, von wo man mit respektvollem Abstand das Nest beobachten kann.

Ich rutsche die Böschung hinunter und lege mich auf die Lauer – zuerst angespannt, irgendwann entspannt und schließlich gelangweilt. Das Nest, oder genauer die Erdlöcher, wirken verwaist. Ich gebe schließlich auf, wieviel Zeit vergangen ist, kann ich nicht sagen. Eisvögel leben im Gegensatz zu den Zugvögeln das ganze Jahr auf Krautsand. Aber ob sie noch das gleiche Nest benutzen? Oder überhaupt gerade Küken versorgen?

Als sich auch der hier lebende Seeadler nicht blicken lässt, fasse ich einen Entschluss: Bevor ich zurückfahre, möchte ich noch einmal das Naturspektakel erleben, mit dem alles begann. Das Starten und Landen der Nonnengänse. Ihren Namen verdanken sie ihrer schwarz-weißen Musterung. In dem Mosaik aus Auen und Wattflächen rasten sie von Herbst bis Frühjahr, um dann weiter nach Norden zu ziehen.  

Ich robbe über die staubigen Wege, lautlos, wie ich hoffe, und warte – stundenlang. Endlich passiert etwas – aber ausgerechnet da schaue ich kurz weg. Hobby-Ontologinnen und -Ontologen wissen, wovon ich spreche.

Video

Aufstieg der Nonnengänse

Naturspektakel bei Krautsand – Schwärme von hunderten oder tausenden Vögeln können innerhalb weniger Sekunden vom Boden abheben und den Himmel verdunkeln
Dauer: 0:0 Minuten

Enttäuscht mache ich mich auf den Rückweg, da erspähe ich doch noch einen riesigen Schwarm, werfe mein Rad in den Graben und mich in den Staub. Vor mir eine Wiese, die dunkel schimmert. Sie ist mit Nonnengänsen übersät, die bewegungslos auf dem Boden sitzen. Auf einmal geht ein Ruck durch die Gänseschar und die erste Vogelreihe erhebt sich gen Himmel, dann die zweite und dann die dritte, wie eine fein abgestimmte Choreografie.

Als hätten alle nur auf das Signal gewartet, stößt die Schar wie ein riesiger Körper nach oben, rast auf mich zu und fliegt dann knapp über mich hinweg. Es schnattert und wummert ohrenbetäubend, doch nur wenige Sekunden später ist der Lärm vorbei. Nun zeugen nur noch die vorbeihuschenden Schatten der Nachzügler von dem Naturspektakel.

Auf dem Rückweg hallt das Getöse der Nonnengänse in mir nach. Mir kommt Goethes Gedichtzeile in den Sinn: „Willst du immer weiter schweifen? Sieh, das Gute liegt so nah." Nun weiß ich, was er meinte.

Ohne zu sagen, wir haben es ja immer schon gesagt, hier ganz nebenbei unser Lesetipp: In der Ausgabe 6.19 „Gute Reise“ stellen wir Wege, Träume, Ausflüge und Reisen im Zeitalter der Flugscham vor – unser „Veggie-Schnitzel fürs Fernweh“, wie die verantwortliche Redakteurin Teresa Kraft das im Vorwort des Hefts nennt. Das Greenpeace Magazin erhalten Sie als Einzelheft in unserem Warenhaus oder im Bahnhofsbuchhandel, alles über unsere vielfältigen Abonnements inklusive Prämienangeboten erfahren Sie in unserem Abo-Shop. Sie können alle Inhalte auch in digitaler Form lesen, optimiert für Tablet und Smartphone. Viel Inspiration beim Schmökern, Schauen und Teilen!

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