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Greenpeace Magazin Ausgabe 5.13

Licht aus, Sterne an!

Text: Philipp Jarke

Bischofsheim an der Rhön knipst nachts die Straßenlaternen aus – und will Deutschlands erster Sternenpark werden

Am liebsten hätte Udo Baumann einfach eines Nachts, klack, die Lichter ausgeschaltet. Doch wie es sich gehört, ließ der Bürgermeister von Bischofsheim an der Rhön die Verdunkelung im Stadtrat diskutieren. Das Ergebnis war in seinem Sinne: Seit Mai werden nachts die meisten Straßenlaternen ausgeschaltet, um die Lichtverschmutzung zu reduzieren. Dadurch wandelt sich Bischofsheim in eine kleine Oase mitten im deutschen Beleuchtungswahn. Straßen, Fassaden, Werbeplakate und viele Kirchtürme sind andernorts meist die ganze Nacht hell.

Sabine Frank, 42, wünscht sich mehr Dunkelheit. Die Hobbyastronomin kann mitreißend von der Welt der Sterne und ihren Mythen erzählen. Sie war schockiert, als sie im Biosphärenreservat Rhön das Sternbild Steinbock nicht mehr erkennen konnte. Vom Streulicht verschluckt. Und niemand tat etwas. „Als hätte der Naturschutz um fünf Uhr Feierabend!“

In Europa wurde das Problem Lichtverschmutzung tatsächlich lange ignoriert. Die große Ausnahme war Slowenien: Außer in Sportstadien und an Baudenkmälern müssen dort bis 2017 alle öffentlichen Lampen vollständig nach unten strahlen, Werbetafeln um Mitternacht abgeschaltet werden, und für in Schlafzimmer fallendes Licht gelten strenge Grenzwerte. Jetzt zog Frankreich nach: Ab ein Uhr nachts sind Schaufenster- und Fassadenbeleuchtung verboten. In Deutschland hingegen obliegt der Schutz der Nacht dem freiwilligen Engagement von Kommunen wie Bischofsheim.

Dabei schadet Lichtverschmutzung vielen Tierarten: Insekten verenden zu Millionen im Bann von Laternen; Zugvögel verlieren durch grell beleuchtete Objekte die Orientierung und kollidieren mit Hochhäusern und Burgmauern; der Hormonhaushalt von Fischen gerät durcheinander. Ähnlich ergeht es dem Menschen: Nächtliches Kunstlicht hemmt die Produktion des Hormons Melatonin, das für guten Schlaf und die Regeneration des Körpers sorgt. So entstehen Schlafstörungen, die zu schweren Krankheiten führen können.

Trotz allem kümmerte das selbst in Naturschutzgebieten kaum jemanden. Sabine Frank wollte das ändern und entwickelte das Konzept für einen Sternenpark in der Rhön. Dort fand sie zusammen mit dem Osnabrücker Astronomen Andreas Hänel drei noch fast natürlich dunkle Bereiche, mit etwa 140 Quadratkilometern groß genug für einen Sternenpark. Frank und Hänel stellten das Konzept der Verwaltung des Biosphärenreservats und den beteiligten Landräten vor. Einstimmig wurde die Bewerbung bei der International Dark-Sky Association beschlossen, die weltweit Sternenparks zertifiziert. Sabine Frank koordiniert seither die Bewerbung im Landratsamt Fulda.

Neben der Rhön wollen auch das Westhavelland, die Schwäbische Alb und die Eifel einen Sternenpark einrichten. Der Weg dahin ist aber noch weit. Rund um die dunklen Schutzzonen müssen sich alle Kommunen verpflichten, die Lichtverschmutzung zu reduzieren. In Bischofsheim werden künftig nur noch nach unten strahlende Laternen angeschafft. Auf den Hügeln rund um das 5000-Einwohner-Städtchen ist es nachts derzeit so dunkel, dass der Blick aufs Handy in den Augen sticht, selbst auf kleinster Leuchtstufe. Haben sich die Augen erholt, sieht man Glühwürmchen über die Gräser schwirren.

Unten im Tal können sich nicht alle für die Idylle begeistern. Nach rund 60 dunklen Nächten zieht Bürgermeister Baumann eine Zwischenbilanz: „Die Reaktionen sind überwiegend negativ.“ Viele Einwohner befürchteten mehr Unfälle und Einbrüche. Baumann sieht es gelassen. „Es gibt ja keinen Zusammenhang zwischen Dunkelheit und Kriminalitätsrate“, sagt er. Eine Alternative testen die Bischofsheimer trotzdem. In einer Straße leuchten die Lampen nachts mit halber Kraft. „Das ist mir sehr sympathisch“, sagt Baumann, „es ist nicht stockfinster, die Orientierung ist noch möglich.“ Und mit dem gedämpften Licht halbiert sich auch der Stromverbrauch.

Dass die Finanzen ein wichtiger Faktor sind, will Baumann gar nicht bestreiten. Knapp ein Drittel der Beleuchtungskosten wird wohl gespart. Umweltschutz lässt sich nun mal am leichtesten umsetzen, wenn er sich rechnet. Per Sofortmaßnahme lässt Baumann daher in allen Laternen, die noch zwei Leuchtstoffröhren haben, eine abschalten. Einfach so, ohne den Stadtrat zu bemühen.