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Greenpeace Magazin Ausgabe 5.18

Lithium

Text: Julia Lauter

Rätselfrage: Was ist das leichteste aller festen Elemente, gilt als „weißes Gold“ und lässt Elektroautos fahren?

Die richtige Antwort lautet: Lithium – das goldene Kalb der modernen Batterietechnik. Ab 2019 soll es nicht nur hoch in den Anden, sondern auch in den Tiefen des Erzgebirges gewonnen werden.

Wer heute ans Erzgebirge denkt, dem kommen vielleicht noch Räuchermännchen und Weihnachtspyramiden in den Sinn. Der Bergbau, der ihm einst den Namen gab, liegt weitgehend brach. Doch bald könnte die Region südlich von Dresden zum deutschen Dorado der Elektromobilität werden. Denn in der Erde unter dem Örtchen Zinnwald lagert das „weiße Gold“, das eine Schlüsselrolle in der modernen Batterietechnologie spielt.

Lithium ist ein silbrig weiß glänzendes Leichtmetall, das in der Natur eigentlich nur gebunden in Mineralen oder als Lithiumsalz vorkommt. Bei Raumtemperatur ist es das leichteste aller festen Elemente – und hoch reaktiv. Johan August Arfwedson benannte den Stoff nach „lithos“, dem griechischen Wort für Stein, als er ihn 1817 bei der Analyse des Minerals Petalit entdeckte.

Was hat dieser „Stein“ mit der weltweiten Verkehrswende zu tun? Lithium ist der Grundstoff für die moderne Batterietechnik. Akkus, die das Element enhalten, finden sich heute in praktisch jedem Smartphone, in Laptops, Akkuwerkzeugen sowie in E-Bikes und in Elektroautos. Lithium-Ionen-Batterien laden schnell, sind relativ leicht, halten lange und sind bisher die einzigen mobilen Speicher, die so viel Energie aufnehmen, dass sie es mit herkömmlichen Verbrennern aufnehmen können. Ohne Lithium kein Tesla – es ist der Stoff, aus dem die Träume der E-Mobilität sind.

Noch bis vor zwanzig Jahren wurde Lithium lediglich in Verbindung mit Mineralöl als Schmierfett für Maschinen und bei der Herstellung von Glas, Emaille und Keramik genutzt. Nur in einem gänzlich anderen Bereich hatte der Rohstoff bereits Ruhm erlangt: Seit den Fünfzigerjahren werden Lithiumsalze als Arzneimittel in der Psychiatrie eingesetzt. Langzeitbehandlungen mit Lithium konnten die Suizidrate bei Patienten mit affektiven Störungen senken. Popkulturelle Bedeutung bekam es 1991 durch die Grunge-Band Nirvana, die dem Stoff einen eigenen Song widmete: „Lithium“.

Der US-amerikanische Chemiker John Goodenough machte das Leichtmetall schließlich zur wichtigsten Ressource der Elektromobilität. Er entwickelte 1980 mit einer Forschergruppe an der Universität von Oxford einen Akku, dessen positive Elektrode aus einer Lithium-Kobalt-Verbindung bestand. Zehn Jahre später kam der erste Lithum-Ionen-Akku auf den Markt, und der Siegeszug der Technologie begann.

Das Metall ist heute weltweit in Hosentaschen, Büros und Garagen zu finden, in der Natur aber ist es selten. Die größten, technisch einfach nutzbaren Vorkommen befinden sich im „Lithium-Dreieck” zwischen Argentinien, Bolivien und Chile: 85 Prozent der globalen Ressourcen (41 Millionen Tonnen) sollen dort liegen. Im Hochland der Anden muss das Metall nicht aufwendig aus Festgestein gelöst, sondern kann zur Hälfte der Kosten aus trockenen Salzseen gewonnen werden. Eine Erschöpfung ist nicht in Sicht, obwohl die Nachfrage seit der Jahrtausendwende um rund zwanzig Prozent jährlich steigt.

Momentan bestimmen nur drei Firmen den weltweiten Lithium-Markt. Diese Machtkonzentration birgt die Gefahr von Lieferausfällen und starken Preisschwankungen. Und da kommt die sächsische Provinz ins Spiel: Im östlichen Erzgebirge sollen etwa 100.000 Tonnen Lithium im Gestein lagern. Zwar ist es schwer zu fördern, trotzdem hat sich ein Joint Venture des deutschen Unternehmens Solarworld und der kanadischen Bergbaufirma Bacanora Minerals die Abbaulizenz auf Jahrzehnte gesichert. „Lithium made in Germany“ soll ab 2019 in der strukturschwachen Region 130 Arbeitsplätze schaffen. Und Zinnwald könnte berühmt werden – als Quelle der mobilen Revolution.