Greenpeace Magazin Ausgabe 6.97

Luftfahrt: Die fliegende Fracht-Zigarre

Eine Wiesbadener Firma will mit Cargo-Zeppelinen den Transport revolutionieren.

Jedesmal wenn der Industrieanlagenkonzern ABB eine Turbine verkauft hat, geht für Detlev Schmelzer der Streß los. Denn er ist zuständig für Transporte. Um die extrem schweren und sperrigen Turbinen zum Kunden zu bringen, müssen Stromleitungen gekappt, Straßen gesperrt, Brücken gestützt oder Umgehungstraßen angelegt werden – damit ein Tieflader im Fußgängertempo über Hunderte von Kilometern zum Kunden kriechen kann. Für einen Transport nach Kasachstan kalkuliert Schmelzer zwei Monate und 500.000 Mark ein.

Zu langsam und zu teuer, finden ABB und andere aus Maschinenbau- und Transportbranche. Sie gründeten eine Firma für Fracht-Zeppeline: die „CargoLifter AG“ in Wiesbaden. Bereits im Jahr 2000 soll der erste „CargoLifter 160“ durch die Lüfte schweben und an nahezu jedem Ort bis zu 160 Tonnen schwere Lasten aufnehmen und abladen oder sie nonstop nach Asien transportieren können.

Die Last trägt der Zeppelin in einem 50 Meter langen, acht Meter breiten und hohen Frachtbehälter unter seinem Bauch. 36 Normcontainer à zwölf Meter Länge passen in den Frachtraum – oder eben ganze Maschinenblöcke. Am Zielort angekommen, läßt „CL 160“ – am Boden fest vertäut – wie ein riesiger Kran den Spezialcontainer an Kabeln zur Erde herunter.

242 Meter lang und 61 Meter breit soll die fliegende Zigarre werden – so lang wie die „Titanic“ und doppelt so breit. In einer Flughöhe zwischen 2000 und 4000 Metern und mit einer Reisegeschwindigkeit von 80 Stundenkilometern (Spitze: 140 km/h) hat er eine Reichweite von bis zu 10.000 Kilometern. Die Strecke Deutschland-Kasachstan etwa kann er in 48 Stunden zurücklegen. Die zehnköpfige Besatzung hat ihr Quartier an Bord. Den Entwicklern des CargoLifters schweben schon jetzt auch andere Einsatzfelder vor: von der Katastrophenhilfe bis zum selektiven Einschlag von Tropenbäumen.

Obwohl die Transportmanager nur nach einer billigen und praktischen Methode suchten, um schwerste Lasten transportieren zu können, entwickelten sie nebenbei ein Verkehrsmittel, das auch noch umweltfreundlich ist: Genau wie Ballons halten sich Zeppeline al-lein durch ihren Auftrieb in der Luft. Beim CL 160 sorgen 350.000 Kubikmeter des nicht brennbaren Heliums dafür. Die Propeller werden von Dieselmotoren mit niedriger Drehzahl angetrieben; bei einer Geschwindigkeit von 100 Stundenkilometern verbraucht die Spar-Zigarre nur 45 Liter Sprit pro 100 Kilometer Strecke.

„Die größeren Nachfolgemodelle“, schwärmt Ingenieur Ingolf Schäfer, „die bis zu 450 Tonnen transportieren sollen, werden wir mit Solarzellen bekleben. Dann werden unsere Zeppeline in einigen Jahren zu 100 Prozent mit Solarenergie fliegen.“

Von FRANK H. GRIESEL