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Greenpeace Magazin Ausgabe 5.04

Mangel

Text: Johannes Dietrich

Die Armen in Südafrikas Townships wollen für ihr Wasser nicht bezahlen. Aber wer finanziert dann ihre Leitungsnetze?

Andernorts wird so ein Schwerverbrecher abgeholt. An beiden Enden der Zehnten Straße in Sowetos Stadtteil Phiri haben Polizisten Position bezogen, dazwischen patroullieren Beamte mit geschultertem Gewehr. Vor einem der bescheidenen Dreizimmerhäuschen hat sich eine Menschenmenge eingefunden und beäugt gespannt einen achtköpfigen Arbeitertrupp. Dieser hebelt allerdings nicht etwa die Stahltür zu einem Banditenversteck auf, sondern hat lediglich ein kleines Loch in den Boden gebuddelt: In Phiri wird ein Wasserzähler installiert.

„Manchmal“, sagt Tshenollo Khumbuza, „werden dazu sogar Soldaten aufgefahren.“ Der 21-jährige Aktivist des Antiprivatisierungsforums APF will schnell die Koordinaten des Schauplatzes an seine Zentrale durchtelefonieren – in der Hoffnung, ein blitzartig organisierter Protest könne die Untat in letzter Minute noch verhindern. Doch die Zentrale meldet sich nicht: Tshenollos „Comrades“ sind heute alle vor Gericht, wo sie sich für ihre letzte Zähler-Abwehraktion zu verantworten haben. „Destroy the meter – enjoy the water“, lautet der Schlachtruf der Aktivisten: Zerstört den Zähler, genießt das Wasser!

Nonhlanhla Ndlovu, die Eigentümerin des Häuschens, schreit zornerfüllt und wild gestikulierend heraus, was sie von dem frisch in ihre Hofeinfahrt eingelassenen Gerät mit dem blauen Deckel hält: „Akhukho lutho“ – gar nichts! Was sie auch dem Bautrupp deutlich zu verstehen gab. Doch der habe ihr lediglich damit gedroht, sie gänzlich vom Wassernetz abzuschneiden. „Ihr Verräter“, flucht die junge Mutter.

Soweto, zehn Jahre nach Beginn der Freiheit. In der mit rund drei Millionen Einwohnern größten Schwarzensiedlung Südafrikas wird der alte Geist des Widerstandes wieder wach gerufen: „Der Kampf muss weiter gehen“, sagt Tshenollo, „auch nach dem Ende der Apartheid.“ Statt der weißen Herren und ihres Regimes der Rassentrennung sind nun allerdings die einstigen Befreier selbst ins Visier geraten: Die von der ANC-Regierung vorangetriebene Privatisierung zentraler Dienstleistungen wie der Wasserversorgung treibe – wie deren „neoliberale Wirtschaftspolitik“ überhaupt – „das Volk noch tiefer in die Armut“, ist Tshenollo überzeugt.

Als Vorboten des kommerziellen Ausverkaufs haben die APF-Aktivisten die Hightech-Geräte ausgemacht, von denen der Arbeitertrupp der städtischen Wasserwerke „Johannesburg Water“ gerade ein Exemplar in Nonhlanhlas Hofeinfahrt vergraben hat: Ein so genannter Prepaid-Zähler, der die gnadenlose Eigenschaft aufweist, nur Wasser durchzulassen, wenn er zuvor mit einem käuflich erworbenen Chip geladen wurde. Zumindest ein Teil der Bevölkerung von Phiri steht dem „Prepaid“ ausgesprochen feindselig gegenüber, was nicht zuletzt auch daran liegt, dass den Bewohnern von Soweto Wasserzähler bisher gänzlich fremd geblieben sind – das Lebenselixier wurde über eine Pauschale abgerechnet.

„Uns ging es sogar unter der Apartheid besser“, schimpft der 44-jährige Abednego Zwelibanzi, der seit zwei Monaten ohne fließendes Wasser ist, weil er die Prepaid-Installeure nicht auf sein Grundstück ließ. Zu Zeiten der Rassistenherrschaft musste ein Haushalt in Soweto den Wasserwerken pauschal sechs Euro pro Monat überweisen: Spätestens seit Mitte der achtziger Jahre verweigerte die Mehrheit der Township-Bewohner jedoch die Zahlung – als Ausdruck politischen Protests. Die weißen Herren schreckten davor zurück, den Sowetern den Lebenssaft ganz abzudrehen. Sie fürchteten, die Schwarzenghettos könnten vollends explodieren. Im Gegenzug investierten die Wasserwerke allerdings keinen Cent für den Erhalt des Leitungsnetzes. Rohre und Reservoire gammeln in Soweto seit Jahrzehnten vor sich hin. Mittlerweile gehe 70 Prozent des in das Mega-Township gepumpten Wassers im löchrigen Leitungsnetz verloren, sagt Jameel Chand, Marketing-Manager von Johannesburg Water: sieben Milliarden Liter Wasser monatlich.

Zur Reparatur des 3000 Kilometer langen Leitungsnetzes muss Johannesburg Water nach Chands Worten über 100 Millionen Euro investieren. Doch auf der Einnahmeseite des Wasserversorgers sieht es düster aus – nicht zuletzt, weil selbst im befreiten Südafrika mehr als 70 Prozent der Soweter ihre Pauschale von inzwischen 15 Euro nicht bezahlen. „Weil sie arbeitslos sind und kein Geld haben“, sagen die APF-Aktivisten. „Weil viel zu viele die Gelegenheit wahrnehmen, sich zu drücken“, sagt Petrus Kunene, Stadtrat von Phiri und ANC-Mitglied.

Kunenes Haus in Phiri wird von zwei scharfen Hunden bewacht. Seit sich der Stadtrat im vergangenen September als Projektträger für die Einführung des „Prepaid“ zur Verfügung stellte, hat er zahllose Feinde im Township, Zeitungen sprechen gar von einem Wasserkrieg. „Diesem Kerl würde ich nicht einmal die Hand geben“, sagt Lindiwe Mazibuko, die seit zwei Wochen auf dem Trockenen sitzt, weil auch sie die Installateure des Hightech-Zählers nicht auf ihr Grundstück ließ. Denn mit dem „Prepaid“, ist die arbeitslose Mutter von vier Kindern überzeugt, „wird das Wasser für uns unerschwinglich teuer werden.“

Eine Behauptung, die ANC-Mitglied Kunene vehement bestreitet. Seit seine Regierung mit einem Aufsehen erregenden Beschluss vor vier Jahren jedem Haushalt 6000 Liter Wasser gratis zukommen lasse, sei das nasse Element sogar erschwinglicher geworden. Durchschnittlich verbraucht ein Haushalt in Soweto monatlich rund 14.000 Liter Wasser. Über einen „Prepaid“ abgerechnet kostet das 4,50 Euro – ein Drittel dessen, was gegenwärtig als Pauschale erhoben wird. Nur: Die Pauschale zahlt fast niemand, wogegen der „Prepaid“ auf säumige Kunden gnadenlos mit Wasserstopp reagiert. Völlig zu Recht, ist Kunene überzeugt: „Auch aus ökologischen Gründen können wir es uns nicht leisten, den Leuten kostenloses Wasser unbegrenzt zur Verfügung zu stellen.“

Tatsächlich sieht sich die südafrikanische Regierung mit einer Mammutaufgabe konfrontiert. Bis zur großen Wende vor zehn Jahren verfügten lediglich 75 Prozent aller Haushalte über sauberes Trinkwasser aus dem Hahn. Der Rest – fast ausschließlich schwarze Familien, versteht sich – musste sein Wasser auf meist langen Wegen aus Flüssen holen, die oft genug mit Cholera verseucht sind. Nach der Machtübernahme schrieb der ANC – ein Novum in der Weltgeschichte – das Recht jedes Südafrikaners auf sauberes Trinkwasser in die Verfassung.

Dafür suchte die Regierung die Unterstützung ausländischer Privatunternehmen. Johannesburg Water beispielsweise ist zwar in Staatsbesitz, hat aber einen fünf Jahre geltenden Management-Vertrag mit einem vom französischen Wasserkonzern Suez/Ondeo geführten Konsortium unterzeichnet. Die gewaltigen Investitionen ins Versorgungsnetz, das von der Regierung 1996 auf Drängen der Weltbank beschlossene Prinzip der Kostendeckung bei sämtlichen öffentlichen Dienstleitungen und nicht zuletzt die Profitwünsche der Konzerne haben die Wasserpreise im ganzen Land gewaltig in die Höhe getrieben: nach Angaben der Gewerkschaften um bis zu 400 Prozent. So wurden innerhalb von nur zehn Jahren zwar fast zehn Millionen Südafrikaner ans Wassernetz angeschlossen. Aber auch bis zu neun Millionen zumindest zeitweise von der Versorgung wieder abgeschnitten, weil sie die gestiegenen Wasserpreise nicht bezahlen konnten oder wollten.

Nelspruit, 350 Kilometer östlich von Johannesburg. Die Hauptstadt der Mpumalanga-Provinz ist eine von zwei südafrikanischen Gemeinden mit komplett privatisierter Versorgung: 1999 unterzeichnete der dortige Stadtrat einen Vertrag über 30 Jahre mit einem Konsortium unter Federführung des britischen Konzerns Biwater – für Vize-Stadtdirektor Roelf Kotze eine unvermeidliche Entscheidung. Wie alle von der Apartheid auseinander gerissenen Gemeinden habe auch Nelspruit im neuen Südafrika vor der Aufgabe gestanden, die einst den Weißen reservierte Stadt mit ihren schwarzen Townships KaNyamanzane und Matsulu zu vereinen. „Dazu waren immense Summen nötig“, sagt Stadtdirektor Kotze, „die hätten wir selbst niemals aufbringen können.“

Um nicht die heile weiße Welt Nelspruits zu stören, das mit seinen schmucken Häusern, Swimmingpools und zahllosen Ferienpensionen inmitten malerischer Hügel liegt, haben die Apartheidsplaner das 70.000 Einwohner zählende Ghetto Matsulu in fast 50 Kilometern Entfernung angelegt. Noch vor den ersten Townshiphäusern taucht linker Hand eine Bretterhütten-Siedlung auf, von ihren Bewohnern „Sofasonke“ („Wir werden zusammen sterben“) genannt. Immer wieder komme es hier zu Cholera-Ausbrüchen, erzählt Großmutter Thembi Sambo, während sie ihren Wassereimer aus einem mehrere hundert Meter von ihrer Hütte entfernten Plastik-Container füllt. Auch fünf Jahre nach Vertragsbeginn hat es die von Biwater und einem lokalen Partner gegründete Greater Nelspruit Utility Company (GNUC) nicht geschafft, den Slum an das Wassernetz anzuschließen.

GNUC-Sprecher Harold Moeng ist trotzdem stolz auf das Erreichte. „Wir haben 91 Kilometer neue Wasserrohre verlegt und 4800 neue Anschlüsse geschaffen“, sagt der alerte Marketing-Experte: Auch Rom sei nicht an einem Tag erbaut worden. Und wenn es Schwierigkeiten beim Erreichen der gesteckten Ziele gebe, dann sei das der schlechten Zahlungsmoral der Township-Bewohner zuzuschreiben: Ähnlich wie in Soweto pflegen in KaNyamanzane gegenwärtig nur 35, in Matsulu gar nur acht Prozent der Haushalte ihre Wasserrechnung zu begleichen. Ob sie nicht bezahlen wollen oder nicht bezahlen können? Tatsache ist, dass die Arbeitslosenquote in Matsulu bei über 40 Prozent liegt – die Mehrheit der Haushalte muss mit einem Einkommen von monatlich weniger als 100 Dollar leben. Selbstverständlich stehen auch den Einwohnern von Matsulu seit vier Jahren 6000 Liter kostenloses Wasser pro Monat zu. Aber alles, was sie früher verbraucht haben und was darüber hinausgeht, hat sich in den vergangenen Jahren zu exorbitanten Summen addiert. „Ich will ja Vorbild sein und sollte allein schon deshalb bezahlen“, sagt ANC-Kreisvorsitzender Lawrence Mooi: „Ich kann aber nicht, weil ich seit Jahren arbeitslos bin.“ Die Wasserrechnung des Funktionärs beläuft sich inzwischen auf fast 900 Euro – der Jahreslohn eines Hilfsarbeiters.

GNUC versuchte die Außenstände zunächst mit drakonischen Maßnahmen einzutreiben: Wasserstopp, Gerichtsvollzieher – selbst die Häuser säumiger Kunden wollte das Privatunternehmen beschlagnahmen lassen. Ohne Erfolg, wie Marketing-Mann Moeng einräumt: „An der Zahlungsquote hat sich kaum etwas verändert.“ Jetzt will es das Privatunternehmen mit Zuckerbrot statt Peitsche probieren: Eine zu Hilfe gerufene Public-Relations-Agentur soll bei der Bevölkerung gut Wetter machen. „Ein Dienstleistungssystem wie die Wasserversorgung kann man nicht gegen den Widerstand von 80 Prozent der Bevölkerung durchdrücken“, weiß Stadtdirektor Roelf Kotze: „Man muss vielmehr die Köpfe und Herzen der Menschen gewinnen.“

GNUC ist dazu übergegangenen, bei säumigen Zahlern so genannte Trickler zu installieren, die den Wasserfluss derart begrenzen, dass selbst über einen ständig geöffneten Hahn nur 6000 Liter im ganzen Monat tröpfeln können. Das Township Matsulu mit seiner Zahlungsquote von weniger als zehn Prozent wird außerdem für mehrere Stunden am Tag ganz trocken gelegt – der Zahlungsmoral der Bevölkerung hilft das allerdings auch nicht merklich auf die Sprünge.

Eigentlich haben die privaten Investoren mit der Stadt einen lukrativen Vertrag ausgehandelt. Jahr für Jahr darf die GNUC in Nelspruit die Preise um die offizielle Inflationsrate – rund sechs Prozent – und zusätzlich drei Prozent Bonus erhöhen. Eine nette Rendite – sofern die Leute zahlen würden. In Wirklichkeit aber „machen wir schreckliche Verluste“, klagte GNUC-Chef Brian Sims schon vor vier Jahren. Damals erbettelte sich die Biwater-Tochter bei der Entwicklungsbank Südafrikas einen billigen Kredit über 15 Millionen Euro. Und stellte dennoch zwei Jahre später sämtliche Arbeiten zur Verbesserung der Infrastruktur ein – aus Geldmangel, wie es hieß. Anfang 2004 drohte die GNUC schon wieder in die Knie zu gehen: Diesmal bat das Konsortium die Stadt um ein Rettungspaket im Wert von zehn Millionen Euro und verlangte darüber hinaus Vergünstigungen, die die Nelspruiter Steuerzahler während der 30-jährigen Laufzeit des Vertrags weitere 14 Millionen Euro kosten werden. „Da fragt man sich doch“, fasst sich ein Nelspruiter Journalist an den Kopf, „warum die Stadtwerke die Wasserversorgung nicht lieber wieder selber übernehmen.“

Tatsächlich schlage am Kap der Guten Hoffnung das Pendel wieder gegen die Privatisierung aus, sagt Phiroshaw Camay, Aufsichtsratsvorsitzender des öffentlichen Wassergroßhändlers „Rand Water“: In einem gegenwärtig für das Kabinett von Präsident Thabo Mbeki vorbereiteten Strategiepapier sei von Privatisierung keine Rede mehr. Die Erfahrung habe gezeigt, dass Privatunternehmen mit den riesigen Problemen, vor denen Südafrika stehe, auch nicht besser fertig würden: „Wir haben die Expertise und – wenn die Regierung es will – auch das Geld“, fügt Camay hinzu, „wir sind nicht auf die internationalen Wasserkonzerne angewiesen.“ Auch Johannesburg-Water-Manager Jameel Chand ist überzeugt, dass der Management-Vertrag mit Suez/Ondeo nicht verlängert wird: „Wir brauchen die nicht mehr.“

Für Melia Khoza kommt die Wende allerdings zu spät. Die 62-jährige Großmutter aus dem Township Matsulu beerdigte Anfang Januar ihre Enkelin Nomonde, die an der Cholera erkrankt war. An der Ursache ihrer Infektion gibt es für Großmutter Khoza keinen Zweifel: Wenige Tage vor der Erkrankung Nomondes sei das Wasser braun aus ihrem Hahn gelaufen. GNUC-Sprecher Harold Moeng räumt ein, dass es nach schweren Regenfällen damals „ein Problem“ mit der Wasseraufbereitungsanlage gegeben habe. Die Verantwortung für den Tod Nomondes und sieben weiterer Cholera-Infizierter will die Firma trotzdem nicht übernehmen. Großmutter Khoza erwägt nun zusammen mit den Angehörigen der anderen Opfer eine Sammelklage gegen GNUC: Sollten sie erfolgreich sein, wäre das Schicksal des ersten privaten Wasserversorgers Südafrikas ohnehin besiegelt.