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Greenpeace Magazin Ausgabe 2.18

„Meine geliebten Forschungsobjekte verschwinden“

Seit Jahrzehnten beobachtet Andreas Segerer, 56, für die Zoologische Staatssammlung in München Schmetterlinge. Er ist einer von nur einer Handvoll Lepidopterologen in Deutschland. Nun muss er mitansehen, wie die Bestände dramatisch zurückgehen

Mit fünf Jahren pirschte ich zum ersten Mal durch unseren Garten am Stadtrand von Regensburg und fing Schmetterlinge in meinem Netz. Später, in der Grundschule, stöberte ich unter der Bank in einem Schmetterlingsbuch. In den großen Ferien stand ich staunend vor unserem Sommerflieder und versuchte zu zählen, wie viele Schmetterlinge an den Blüten saßen. Es waren unzählige, daran erinnere ich mich ganz gewiss! An jeder Blütenrispe saugten an Hochsommernachmittagen mindestens vier. Das war Anfang der Siebzigerjahre.

Auch heute steht ein Sommerflieder in meinem Garten in Regensburg. Aber Schmetterlinge kommen dort nur selten vorbei. Im ganzen Jahr 2017 habe ich elf Stück gezählt. Als Insektenforscher gehört es zu meinem Beruf, Schmetterlinge zu beobachten und zu sammeln. Die Zoologische Staatssammlung in München besitzt die größte Schmetterlingssammlung der Welt. Ich bestimme die Arten und dokumentiere, wie sich die Bestände entwickeln. Leider muss ich sagen: Es steht schlimm um sie. In Bayern sind die meisten Schmetterlinge gemäß unseren Daten seit vorindustrieller Zeit um 90 bis 99 Prozent seltener geworden. Viele Arten sind verschwunden oder unter der Nachweisgrenze – sie wurden also in den letzten zehn Jahren kaum gesichtet.

Wenn ich früher aufs Land hinausfuhr, blühten die Randstreifen der Felder noch in sattem Blau und Rot von Kornblumen und Klatschmohn. Ein toller Lebensraum zum Beispiel für den Kornblumen-Plattleibfalter. Doch inzwischen wächst da kaum mehr etwas, das nicht gewollt ist. Mähmaschinen drehen viel zu oft ihre Runden – und erledigen die Raupen und Puppen. Stickstoffdünger und Pestizide tun ihr Übriges. Maßnahmen wie das Grünstreifenprogramm der EU sind unseren Erfahrungen hier in Bayern nach Augenwischerei, wenn nicht zusätzlich ein grundlegendes Umdenken stattfindet. Wenn ich weiter alles totspritze, mit Glyphosat oder vergleichbaren Giften, dann gibt es keine Ackerunkräuter mehr und damit sind die Schmetterlinge weg. Das ist trivial – und wo wir grad beim Thema sind: Was da im Herbst mit der Genehmigung von Glyphosat abgelaufen ist, ist eine Schweinerei! Das war für den Blutdruck von mir und meinen Kollegen nicht gut.

Mein Lieblingsschmetterling, der Apollofalter, war immer schon selten. Als ich ihn mit 18 das erste Mal sah, war das ein absolutes Hochgefühl. Doch kaum zwanzig Jahre später war er aus der Region verschwunden. Heute haben eigentlich nur noch Allerweltsarten wie Schachbrettfalter oder Kleiner Heufalter eine Chance.

Und daran können auch einzelne lokale Maßnahmen nichts ändern. In der Nähe von Regensburg gibt es ein Naturschutzgebiet, den Keilberg, in dem versucht wird, die Flora genau so zu gestalten, wie sie früher war. Dort grasen gelegentlich Schafe, neben seltenen Gräsern wachsen Blumen und Kräuter. Die perfekte Umgebung für Schmetterlinge – eigentlich. Doch selbst hier werden noch Stickstoffdünger und Pestizide von entfernten Feldern angeweht – absolut tödlich für empfindliche Schmetterlinge. Der einzige utopische Ausweg, der mir einfällt: Man müsste eine Käseglocke mit eingebautem Luftfilter über das Schutzgebiet stülpen.

Aufgezeichnet von Julia Huber