Fokus

Miese
Masche

Nylonstrümpfe sind Teil des Schönheitsideals der westlichen Welt. Das hat Folgen – auch ökologische

In einem slowenischen Werk schaute sich unsere Autorin Greta Taubert an, wie unter anderem aus Fischernetzen Nylon recycelt wird
In einem slowenischen Werk schaute sich unsere Autorin Greta Taubert an, wie unter anderem aus Fischernetzen Nylon recycelt wird
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Masche

Nylonstrümpfe sind Teil des Schönheitsideals der westlichen Welt. Das hat Folgen – auch ökologische

Text: Greta Taubert

Fotos: Fritz Beck

In einem slowenischen Werk schaute sich unsere Autorin Greta Taubert an, wie unter anderem aus Fischernetzen Nylon recycelt wird
In einem slowenischen Werk schaute sich unsere Autorin Greta Taubert an, wie unter anderem aus Fischernetzen Nylon recycelt wird

Nylonstrümpfe waren in den Fünfzigerjahren das Symbol für Stil, Freiheit und die Globalisierung von Schönheitsidealen. Heute sind sie billige Wegwerfartikel, belasten das Wasser und die Atmosphäre. Trotzdem kann unsere Autorin nicht von ihnen lassen. Jetzt möchte die Branche sauberer werden

Ich hänge fest. Dabei ist das wirklich der letzte Ort der Welt, von dem ich nicht mehr loskommen möchte. Es ist um die null Grad kalt, Winterlicht fällt durch eine geöffnete Rolltür, Mülldunst durchzieht die Lagerhalle im slowenischen Ajdovina. Mein Mund stößt samt einem fluchenden „Aaahh“ neblige Wolken aus: Die Knöpfe meines Hemdärmels haben sich in einem von Tausenden Fischernetzen verheddert, die sich bis unter das Dach der Lagerhalle stapeln. Als ich noch im sicheren Abstand vorbeigelaufen bin, fand ich die Netze eigentlich ganz schön. In Grün, Gelb, Blau, Pink, Weiß sahen sie aus wie verschnürte filzig weiche Quader, in die man sich reinwerfen möchte.

Wenn man das aber tatsächlich macht, spürt man die scharfen Kanten des Garns, ihre unnachgiebige Festigkeit. Vorsichtig fahre ich mit den Fingern die dünnen Fäden entlang. Ein Arbeiter kommt mit einer Scannerpistole vorbei, die Materialien anhand charakteristischer Aussehensmerkmale erkennt. Er richtet sie auf die Netze, um sie zu kategorisieren, die Pistole blinkt kurz auf, und schon steht auf dem Display, warum ich hierhergekommen bin und wovon ich auch sonst nicht so einfach loskomme: Nylon.

Aber von vorn: Wenn ich morgens nach dem Duschen aus dem Bad komme, stehe ich in meinem Zimmer vor einer stattlichen Kollektion von Feinstrumpfhosen. Ich habe sie nach Farben und Mustern sortiert nebeneinander auf Kleiderbügel aufgereiht und diese an Nägeln an die Wand gehängt. Die Strümpfe sind, wenn man so will, meine Macke, mein Harry, mein Sündenfall.

Ich mag es, über ein rasiertes Bein einen zarten Feinstrumpf zu ziehen, sodass sich das Bein mit der Kunststoffhaut selbst in ein Kunstobjekt verwandelt. Aber die Strumpfhosen haben eine dunkle Seite: Sie bekommen schon nach kurzer Zeit Löcher oder bilden kleine Abriebpillen. Und dann müssen sie weg. Seit Jahren ärgere ich mich über die miese Masche der Feinstrümpfe. Und ich frage mich, woher sie kommt, wo sie hingeht und was sich über die Jahre und Jahrzehnte alles in ihr verfängt.

Das erste Etappenziel meiner Reise ist mir bestens bekannt – und nicht nur mir: Laut Statista kaufte 2016 jeder Deutsche 3,24 Paar Feinstrümpfe. Wenn man das Gros der Männer und Kinder herausrechnet, dürften Frauen im Mittel etwa acht Feinstrumpfwaren pro Jahr kaufen. Geht man davon aus, dass die meisten immer zwei bis drei Paar auf einmal kaufen, stehen sie also alle paar Monate dort, wo es mich jetzt hinzieht: im nächsten Strumpfladen, beziehungsweise vor dem Strumpfregal im Drogerie- oder Supermarkt.

Obwohl die Nachfrage in Deutschland von 337,5 Millionen Paaren im Jahr 2010 auf 268 Millionen Paare im Jahr 2016 gesunken ist, steigen die Gewinne im Strumpfsegment vor allem bei globalen Großkonzernen, die auf schnelllebige Wegwerfprodukte setzen. Allen voran die italienische Wäschemarke Calzedonia, die in den letzten Jahren ein weltweites Franchise-Imperium von mittlerweile über 4000 Shops aufgebaut hat. Heute gibt es in fast jeder deutschen Fußgängerzone eine Filiale.

„Der Preis ist entscheidend“, sagte Geschäftsführer Sandro Veronesi dem Magazin „Schick“. „Er darf für den Kunden nie eine Rolle spielen. Sobald er darüber nachdenkt, haben wir verloren. Denn eigentlich haben die meisten genug Socken im Kasten.“ Als ich mir auf dem Weg zum Laden dieses Zitat in Erinnerung rufe, fühle ich mich ertappt: Denn Mangel herrscht an meinen Kleiderbügeln selbst dann nicht, wenn eine Strumpfhose kaputtgeht.

Im Geschäft empfängt mich eine heile Warenwelt aus rumpflosen Plastikbeinen und knallbunten Drehständern und signalisiert mir klar: Du kannst so viele Strumpfhosen haben, wie du willst, aber die richtige fehlt dir noch. Es gibt wärmende Winterstrumpfhosen, Bauch-weg- oder Po-hoch-Hosen, Strumpfhosen mit Glitzer, Schleifen, Bommeln, Rauten, Pünktchen, Streifen, Blumen, Strass. Eine Strumpfhose zu kaufen, wirft elementare Fragen auf: Wie fühle ich mich? Wo ist mein Po? Hat mein Leben genug Glitzer? „Brauchen Sie Hilfe?“, fragt die Verkäuferin. „Ja“, antworte ich, und denke: Da war ja noch was. „Meine Strumpfhosen gehen immer so schnell kaputt! Was mache ich denn da?“ Sie lächelt wissend, führt mich zum Strumpfkarussell und sagt einfach: „Drei zum Preis von zweien!“

Der Garnhersteller Aquafil produziert seit 2011 neuwertiges Nylon 6, auch Perlon genannt, aus Müll. Bis heute hat die Firma etwa 20.000 Tonnen Fischernetze verarbeitet
Der Garnhersteller Aquafil produziert seit 2011 neuwertiges Nylon 6, auch Perlon genannt, aus Müll. Bis heute hat die Firma etwa 20.000 Tonnen Fischernetze verarbeitet
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Wenn man für eine kaputte Strumpfhose drei neue angeboten bekommt, drängt sich unweigerlich der Gedanke auf, dass das Loch vom Hersteller gewollt ist. Feinstrumpfhosen gelten als „Paradebeispiel, wie man vorsätzlich die Lebensdauer eines an sich strapazierfähigen Produktes verkürzt, um den Absatz zu erhöhen“, sagt Kirsten Brodde, die sich bei Greenpeace mit Fast Fashion beschäftigt. Man nennt das geplante Obsoleszenz.

Der Begriff ist umstritten: Aktivisten behaupten, die Wirtschaft sei daran interessiert, Produkte so schnell wie möglich obsolet werden zu lassen, also hinfällig. Die Wirtschaft sagt, das sei meinen Vorlieben geschuldet. Die Frage lautet: Ist das Loch in meiner Strumpfhose dort, weil sie mir zuliebe hauchdünn sein und passgenau sitzen sollte? Oder damit ich mir schnell eine neue kaufe? Darauf werde ich im Laden keine ehrliche Antwort bekommen.

Also weiter in die Bibliothek! Hier lerne ich zunächst, wie eng die Geschichte der Strumpfhose mit der von Geld, Macht und dem nicht immer friedlichen Wettbewerb der Systeme verzahnt ist. In den Dreißigerjahren entwickelte der Chemiker Wallace Hume Carothers für DuPont, seinerzeit das größte Chemieunternehmen in den USA, die erste vollständig synthetisierte Faser aus Kohlenstoff, Wasser und Luft.

Indem die heiße Kunststoffschmelze durch eine Düse gepresst wird, entsteht ein Faden, der abgekühlt und dann „kalt verstreckt“ wird. Je mehr man ihn dehnt, desto dünner und trotzdem fester wird er. Er sei „stark wie Stahl, fein wie ein Spinnennetz, aber geschmeidiger als jede gebräuchliche Naturfaser“, verkündete der damalige DuPont-Manager Charles Stine am 27. Oktober 1938 der Weltöffentlichkeit.

Zuvor hatte DuPont bereits einiges versucht, ihre „erste von Menschenhand hergestellte Textilfaser“ zunächst in Form von Lizenzen an Konzerne weltweit zu verkaufen – nicht zuletzt an die deutsche I.G. Farben. In deren Auftrag forschte aber bereits der Chemiker Paul Schlack, Laborleiter des Werkes Aceta in Berlin, an einer alternativen Synthetikfaser. 1938 gelang auch ihm der Durchbruch. Er schaffte es, auch dank einer Lücke in den Patenten von DuPont, aus einem Stoff namens Caprolactam ein Polymer zu bilden, das nahezu identische Eigenschaften wie Nylon hat. Es erhielt den Markennamen Perlon.

Doch während es Charles Stine 1938 zumindest so wirken ließ, als gehe es DuPont allein darum, amerikanische Frauen mit sogenannten „no-runs“ zu beglücken, die – anders als deren damals übliche Seidenstrümpfe – eben keine Laufmaschen bilden sollten, hatte man in Hitler-Deutschland gleich anderes im Sinn: Die I.G. Farben, damals größtes Chemieunternehmen der Welt, war eng in die Kriegsvorbereitung einbezogen und wollte das Deutsche Reich von internationalen Rohstoffen unabhängig machen.

Den reißfesten Synthetikfasern sollte eine tragende Rolle im Krieg zukommen: Mit Fallschirmen aus Perlon versuchte die deutsche Wehrmacht, die in Stalingrad eingeschlossenen Truppen mit Nahrung, Kleidung und Waffen zu versorgen. An Nylon-Fallschirmen landeten die Alliierten wenig später in der Normandie.

Nach dem Krieg begann dann aber endlich die unbeschwerte Hochzeit von Nylon und Perlon. Sie wurden zum glänzenden Symbol für den wirtschaftlichen Aufschwung der westlichen Welt – und für eine Globalisierung von Stil und Schönheitsidealen. Mit ihnen verknüpfte sich ein neues Frauenbild, das die GIs der neuen Weltmacht USA in ihre Spinde klebten und Weltstars wie Marilyn Monroe und Marlene Dietrich über Kinoleinwände auch zu den deutschen Fräuleins transportierten.

Heute kann ich meine Strumpfhosenbeine immer noch elegant übereinanderlegen wie einst die Dietrich, eines aber wird schwierig: die Nylons bei einer Autopanne ausziehen und als Keilriemen verwenden. Das liegt nicht nur daran, dass der Keilriemen bei heutigen Autos nicht so leicht zu ersetzen ist, die heutigen Strumpfhosen sind auch nachweislich weniger reißfest. Damit zurück nach Hause und gleich vor den Fernseher: In einer Arte-Reportage erzählt die amerikanische Autorin Nicols Fox, wie es ihrer Meinung nach zum initialen Paradigmenwechsel kommen konnte.

Für die Produktion werden Netze und andere Abfälle in einem komplexen Verfahren zum Nylon-6-Ausgangsstoff Caprolactam verschmolzen, der leicht zu lagern und chemisch identisch mit jenem aus Rohöl ist
Für die Produktion werden Netze und andere Abfälle in einem komplexen Verfahren zum Nylon-6-Ausgangsstoff Caprolactam verschmolzen, der leicht zu lagern und chemisch identisch mit jenem aus Rohöl ist
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Ihr Vater habe damals bei DuPont gearbeitet und die ersten unzerstörbaren Strümpfe mit nach Hause gebracht. Die Mutter sei begeistert gewesen. „Das Problem war, dass sie zu lange hielten und die Strumpfhosenhersteller nicht mehr verkaufen konnten“, sagt Nicols Fox. Ihr Vater und seine Kollegen hätten von DuPont neue Instruktionen erhalten: die Fasern so abzuwandeln, dass es wieder Laufmaschen gibt. DuPont hat diese Vorwürfe nie bestätigt.

Zugleich bleibt die Frage, ob sich Marlene Dietrichs Strümpfe überhaupt noch verkaufen ließen. Hielte man sie in den Händen, wären sie fester und gröber als Modelle, die heute gängig sind. Sie wären daher wohl nur etwas für eine Nische des Marktes, vielleicht ja mit dem Slogan „original wie bei der Dietrich“.

An dieser Stelle setzt eine weitere Obsoleszenzkraft an, die der Industrie vielleicht noch mehr nutzt als die auch dem Tragekomfort dienliche Materialverknappung: die Mode. Sie macht Produkte selbst dann obsolet, wenn sie eigentlich noch brauchbar wären.

Das funktioniert zum Beispiel so: Das Farbinstitut Pantone gibt jedes Jahr einen „Fashion Color Trend“ an die Industrie raus. Für 2018 ist das unter anderem „Almost Mauve“. Strumpfhosenhersteller färben Teile ihrer Kollektion in diesem hellen Rosaton, Frauenzeitschriften stimmen ihre Leserinnen darauf ein, dann werden erste Stars mit Kleidern oder Taschen in „Almost Mauve“ gesichtet, und schließlich taucht der Farbton im Strumpfhosenkarussell der Geschäfte auf. Und ich frage mich, warum ich noch im letzten Jahr den „Greenery“-Farbton so toll fand und nicht dieses pudrig zarte Etwas.

Das ist das Prinzip der sogenannten Fast Fashion: ein schneller Wechsel aus Habenwollen und Nicht-mehr-Habenwollen. Ohne Kunstfasern wäre diese auf Obsoleszenz ausgerichtete Produktionsweise nicht in diesem Ausmaß möglich. Immer mehr unserer Kleidungsstücke bestehen aus synthetischen Stoffen. Greenpeace spricht von einem Anstieg der weltweit für Kleidung genutzten Mengen Polyester um 157 Prozent zwischen 2000 und 2016. Das ist zwar billig für den Käufer, aber nicht für die Umwelt.

Nylon benötigt von allen Fasern, mit denen Kleidung gewebt werden kann, am zweitmeisten Energie in der Produktion. Um aus klumpig schwarzem Erdöl ein hauchzartes Gewebe in Almost Mauve zu formen, muss die Masse so oft von einem Zustand in den nächsten übergehen, dass man die Arbeitsschritte nicht mehr an zwei Händen abzählen kann. Eine Feinstrumpfhose aus Rohöl braucht etwa dreimal mehr Energie als eine Strumpfhose aus Baumwolle – und auch die braucht von der Bewässerung der Felder bis zur Verarbeitung der Fasern nicht eben wenig.

Je mehr ich darüber erfahre, was für eine Kraftanstrengung eine Strumpfhose bedeutet, umso mehr ärgert mich, dass ich sie so schnell in die orangefarbenen Behälter des Altkleidersammlers bringe. Haben sie dort wenigstens noch einen Wert? Ich rufe bei dem Alttextilvermarkter Soex an, um herauszufinden, wohin die fatale Masche führt. „Es denkt ja keiner über das Ende der Textilien nach“, sagt der Soex-Pressesprecher Tim Krawczyk. „Für viele ist nach der Ladentheke Schluss.“ Die Soex leert städtische Altkleidercontainer, sammelt aber auch das, was bei H&M oder anderen Unternehmen zurückgegeben wird, und überprüft im Sortierwerk in Bitterfeld-Wolfen, was sich davon weiterverkaufen lässt.

Wenn die Kleidersäcke ausgekippt und auf ein Fließband verteilt werden, sortieren Arbeiter von Hand, was noch gut ist und was nicht. 57 Prozent aller gesammelten Textilien werden laut Soex als Second-Hand-Ware in siebzig Länder weltweit verkauft. Eine intakte Strumpfhose könnte, im Bündel verkauft, beispielsweise ein neues Leben auf einem Straßenmarkt in Afrika beginnen. Eine kaputte Strumpfhose wird in die Abfalltonne sortiert und verbrannt – von ihr bekommt Afrika nur die Treibhausgase.

„Wir arbeiten an einem Verfahren, um an unserem Standort Nylon zu recyceln“, sagt Krawczyk, „aber das erfordert gewaltige Investitionen und Forschungsarbeit.“ Während andere Textilien von Soex zumindest kleingehackt und zu Malerflies downgecycelt werden, ist für Feinstrumpfhosen in Bitterfeld Schluss.

Hier könnte die ganze Geschichte traurig zu Ende sein – dass es für mich nach Slowenien weitergeht, verdanke ich einer noch recht jungen Entwicklung: Auf der Berliner Fashion Week liefen 2017 sechs Models mit ganz besonderen Strumpfhosen den Laufsteg entlang. Die Strümpfe waren aus einem recycelten Garn gewoben und sollen „Sexappeal und Nachhaltigkeit“ miteinander verbinden, wie es die Geschäftsführerin Justina Rokita vom bayrischen Strumpfhersteller Kunert im Umfeld der Veranstaltung ausdrückte.

Ich bin, als ich davon höre, elektrisiert: Könnte mich eine Strumpfhose aus recyceltem Nylon von der Last der Ökosünde befreien? Aus einer Broschüre des Chemiekonzerns Domo erfahre ich, dass bei der Herstellung von recyceltem Polyamid weniger als ein Zehntel der Menge an Treibhausgasen freigesetzt wird wie durch die von jungfräulichem Polyamid. Da Nylonfasern theoretisch unbegrenzt recycelbar sind, könnten meine Strumpfhosen doch wenigstens auf stofflicher Ebene ewig leben. Oder?

So also lande ich in der slowenischen Lagerhalle mit den Fischernetzen. Sie gehört dem italienischen Unternehmen Aquafil, das in 15 Werken auf der ganzen Welt Garn aus Polyamid herstellt und sich rühmt, „weltweit die effizienteste Methode für die Herstellung von Nylon 6 aus 100% regenerierten Wertstoffen“ zu verfolgen.

Unter Beigabe von wenig Wasser wird das Caprolactam aufgeschmolzen und lässt sich so zu einem extrem reißfesten Garn ziehen, das schließlich, auf Spulen gewickelt, zur Weberei weiterreisen kann
Unter Beigabe von wenig Wasser wird das Caprolactam aufgeschmolzen und lässt sich so zu einem extrem reißfesten Garn ziehen, das schließlich, auf Spulen gewickelt, zur Weberei weiterreisen kann
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„Erwarten Sie kein Barbiehaus“, sagt die Pressefrau Maria Giovanna Sandrini, als sie ihren Kleinwagen vor der Lagerhalle parkt. Sie ist extra aus Italien angereist, um mir hier zu zeigen, wie Aquafil aus Abfällen das Öko-Nylon „Econyl“ spinnt. Am Eingang der Halle sieht man Aufsteller mit Bildern von Schildkröten, die sich in Fischernetzen verfangen haben. Kann ich etwa deren Leben retten, indem ich eine Econyl-Strumpfhose kaufe?

Nun, das stimmt nur teilweise. Die Hälfte der recycelten Materialien sind nicht Fischernetze, sondern alte Teppiche, die unter anderem von einer Firma in den USA gesammelt werden, sowie Industrieabfälle. Auch die sind wertvolle Sekundärrohstoffe und sollten nicht einfach verbrannt oder deponiert werden. Nur sind sie eben nicht so fotogen. Von den angelieferten Netzen wiederum kommen sechzig Prozent aus norwegischen Aquakulturen. Es waren also nicht etwa von Fischern verlorene Geisternetze, die zuvor im Meer herumtrieben und sinnlos Schildkröten oder andere Meerestiere gefangen haben.

Was die sonstigen Lieferanten angeht, spricht Aquafil von einem Netzwerk, das es ermögliche, Materialien in zahlreichen Ländern des Mittelmeerraums, aber auch in Chile, Pakistan oder dem Vereinigten Königreich zu sammeln. Außerdem sei man Partner der Initiative „Net-Works“, die auf den Philippinen mit der lokalen Bevölkerung Geisternetze aus dem Meer sammelt. Allerdings kommen bisher nur etwa ein Prozent der für die Econyl-Herstellung verwendeten Netze aus dieser Quelle.

„Die Textilhersteller und Modemarken waren am Anfang nicht so interessiert an Recyclinggarn“, sagt Maria Sandrini jetzt. Es gab Vorbehalte, so körpernahe Kleidung wie Badeanzüge, Wäsche oder Strumpfhosen aus Abfällen zu generieren. Dabei ist die Recycling-Nylonfaser in keiner Weise von einer Nicht-Recycling-Faser zu unterscheiden. „Mittlerweile suchen Firmen aber nach Geschichten, die sie ihren Käuferinnen zusätzlich zum Produkt anbieten können. Und das ist genau das, was Econyl zu bieten hat.“

Für die Strumpfhosenbranche, die wie die gesamte Modebranche ein massives Nachhaltigkeitsproblem hat, kommt dieser Claim sehr gelegen: Unter Dutzenden anderen Strumpfhosenkollektionen gibt es nun also auch eine aus Recyclingmaterial – mit Garn aus dem slowenischen Werk. Das ist, denke ich, während ich dort auf dem Fischernetzhaufen sitze, gewiss noch nicht besonders viel. Aber es hilft dabei, auch Konsumentinnen wie mich für die Idee zu sensibilisieren, dass es tatsächlich wenig geeignetere Stoffe für nachhaltiges Recycling gibt als Nylon.

Zurück in Deutschland ist es schnell vorbei mit der gedanklichen Idylle. „Die Branche ist auf einem völlig falschen Weg“, brüllt Oliver Spies in den Telefonhörer. Der Gründer des Ökoklamottenabels Langbrett und der Organisation „Stop! Microwaste“ ist gerade in Portugal unterwegs, fährt sofort rechts ran und ist völlig aufgeregt. „Kunstfasern haben ein noch viel schwerwiegenderes Problem in die Welt gebracht, nämlich Mikroplastik.“

Die Wucht seiner Worte irritiert mich zunächst, wird mir aber nach weiteren Recherchen verständlicher: Fasern, die beim Waschen aus Kleidungsstücken gelöst werden, können in die Weltmeere gelangen. Zwar ist der Austrag bei Strumpfhosen laut einer EU-Studie mit 136.000 Fasern pro Waschgang nicht so groß wie etwa bei Fleecepullovern (fast eine Million Fasern pro Wäsche), aber auch ihn kann man, steckt man die Strumpfhose in einen speziellen Waschbeutel, in der heimischen Waschküche sichtbar machen.

Eine aktuelle Studie der Weltnaturschutzunion IUCN zeigt, dass die Hauptquelle für Mikroplastik im Ozean neben Reifenabrieb von Textilien stammt. Jedes Jahr landen1,5 Millionen Tonnen Mikroplastik im Meer. Dort verwechseln Kleintiere die Fasern mit Plankton, die Kleintiere wiederum werden von Fischen gefressen – und so landen die Fasern auch auf unseren Tellern. Ganz stark vereinfacht hieße das ja, dass ich meine eigenen Strumpfhosen esse! So weit reicht meine Liebe nun auch wieder nicht.

„Wir werden aber um synthetische Fasern nicht ringsrum kommen“, sagt Marijana Toben, die sich beim BUND schwerpunktmäßig mit Mikroplastik beschäftigt. Die Nachfrage nach Textilfasern wächst weltweit rasant – schneller als natürliche Fasern wachsen können.

Verstrickt in die Dilemmata des Plastikzeitalters sitze ich am Ende da und überlege: Was muss ich tun, damit sich ein Hersteller erbarmt und extra-langlebige no-runs ins Sortiment nimmt, preisgünstig, elegant und vielfältig und am besten natürlich aus Recyclingmaterialien? Und solange das keiner macht: Könnte ich auch mit nackten Beinen im Leben stehen? Und falls ja: Was hilft das, wenn Millionen andere Frauen dazu nicht bereit sind? Selbst wenn Deutschland kollektiv umdenkt, gibt es da ja noch die bedeutend größeren Märkte in Italien, Frankreich und den USA.

In den folgenden Wochen gehe ich dorthin, wo alle Freaks am Ende landen: ins Internet. Ich finde Video-Tutorials, wie man eine Laufmasche mit einem Nylonfaden wieder zusammenzieht – und repariere erstmals erfolgreich eine Strumpfhose. Bloggerinnen zeigen mir, wie aus unrettbaren Exemplaren Haargummis geschnitten, Stirnbänder geflochten oder gar Oberteile geschneidert werden.

Motiviert vom Geist des gemeinschaftlichen Ressourcenschonens traue ich mich sogar raus mit meinen abgeliebten Exemplaren und gehe zu einer Klamottentauschparty. Denn, so denke ich mir, es spricht ja bei allen globalen Problemen zumindest nichts dagegen, das Produkt ein bis zwei Stationen länger im lokalen Kreislauf zu halten.

In einem Gemeindezentrum im Leipziger Osten stehen Tische und Kleiderständer quer im Raum. Wer kommt, leert seine Taschen voller alter Pullover, Hosen, Jacken, Schuhe aus. Hauptsächlich junge Leute sind da. Es läuft elektronische Musik. Ich lege eine noch völlig intakte Strumpfhose in ulkigem Senfgelb auf einen Tisch etwas abseits und lauere hinter einem Ständer voller Jacken, ob sich wohl irgendjemand meines psychologisch obsolet gewordenen Dings noch annehmen mag.

Lange passiert nichts, dann höre ich Satzfragmente durch die Jacken hindurch. „Ach, die wollte ich auch gerade...“ und „Wow, krasses Teil...“ und „Die würde ja gut zu dem Kleid passen...“. Um den Tisch stehen drei Freundinnen, die alle meine Strumpfhose am Wickel haben. Werden auch sie bald am kunstseidenen Faden festhängen? Kurz zögere ich, ob ich mich wirklich darüber freuen soll, aber dann wird mir klar, dass es doch genau die Chance dieser Urfaser aller Synthetiktextilien ist: Sie verwebt Menschen und Geschichten miteinander, sie kann immer wieder auferstehen, sie trägt das ewige Leben in sich. Und das schmeißt man nicht einfach weg.