Jetzt abonnieren Magazinarchiv durchsuchen

Greenpeace Magazin Ausgabe 4.10

Milch am Morgen

Text: Philipp Jarke

Im englischen Lancaster liefert Milchmann Colin bis an die Haustür. Seine Milch stammt aus der Region, wird in Mehrwegflaschen abgefüllt und im Elektrolaster ausgefahren. So profitieren alle: die Kunden, die Milchbauern und die Umwelt. Die Konzerne bleiben außen vor

Nachts um zwei beginnt Colin Johnson seinen Arbeitstag, indem er das dicke Stromkabel von seinem Dienstwagen abzieht. Johnson fährt mit Strom. E-Mobil, das klingt nach Zukunft. In diesem Fall steht es für ein Stück Vergangenheit, das sich ins 21. Jahrhundert gerettet hat. Schwer zu sagen, was mehr verwundert – dass der 30 Jahre alte Pritschenwagen noch immer fährt oder dass Johnsons Dienste noch immer gefragt sind. Er ist Milchmann.

Sechsmal pro Woche fährt der 60-Jährige, den alle beim Vornamen nennen, durch das schlafende Lancaster im Nordwesten Englands, stellt Milch vor die Haustüren und sammelt das Leergut wieder ein. Zweieinhalb Millionen Haushalte landesweit nutzen diesen traditionellen Dienst, der im Rest Europas bis auf wenige Ausnahmen verschwunden ist.

Die Milchkästen türmen sich auf der Pritsche, als Colin das Pedal bis aufs Bodenblech tritt und den surrenden Wagen aus dem Kühlhaus manövriert. Die Fahrerkabine ist ein klappriger Verschlag, auf holprigen Streckenabschnitten muss Colin das tanzende Seitenfenster per Hand bändigen. Wie schon in den 60er-Jahren fahren die britischen Milchmänner fast ausnahmslos mit Strom, viele Elektrolaster der ersten Stunde sind noch heute im Einsatz. Colin hat es eilig: Bis sieben muss die die letzte Flasche ausgeliefert sein, kein Kunde soll zum Frühstück auf seine frische Milch verzichten. Die Schiebetüren links und rechts bleiben auch während der Fahrt geöffnet, so kann er zu beiden Seiten schnell raus und wieder rein.

Colin hält im Lichtkegel einer Straßenlaterne, geht zur Pritsche und greift sich einen leeren Milchkasten. „Nummer 17: eine Halbfett, zwei Voll“, murmelt er, „… 21: zwei Halbfett … Nummer 34 …“ Haus für Haus geht er im Kopf die Straße ab und stellt die entsprechenden Milchflaschen in den Kasten. 250 Kunden hat Colin, außer Milchprodukten liefert er auch Eier, Kartoffeln und Saft. Jede Bestellung ist anders, manche wollen montags etwas anderes als im Rest der Woche – ein einziges Durcheinander. Doch Colin braucht keinen Merkzettel, er hat alles im Kopf.

Seit die Sperrstunde abgeschafft wurde, klauen Trunkenbolde nachts auf dem Heimweg hin und wieder Milchflaschen aus den Vorgärten. „Andere kaufen mir spontan einen Pint Vollmilch ab und stürzen ihn noch auf der Straße hinunter“, sagt Colin – als Hausmittel gegen den drohenden Kater.

Meist aber trifft Colin niemanden auf seiner fünfstündigen Runde. In tranceartiger Konzentration surrt er durch die Nacht, er macht keine Pausen, hört keine Musik, summt allenfalls selbst ein Lied. Nur seine linke Hand greift regelmäßig in eine kleine Plastikschüssel neben dem Fahrersitz: Dort liegen zwei Stangen Pfefferminzbonbons. Wenn die letzte Flasche ausgeliefert ist, ist die Schüssel leer.

Vor einem Haus, an dem ein Baugerüst steht, lugt ein Zettel aus dem Leergut. „Lieber Colin, wegen der Bauarbeiten ziehen wir vorerst zu Verwandten und brauchen daher keine Milch. Entschuldige die späte Nachricht.“ Ein halbes Dutzend solcher Zettel findet Colin diese Nacht. Die Flaschenpost ist die einfachste Möglichkeit, die Bestellung kurzfristig zu ändern.

Denn es muss schon etwas Besonderes passieren, damit ein Kunde Colin nachts zu Gesicht bekommt. So wie in diesem Winter: Auf einer abgelegenen Straße ist er mit seinem Milchwagen in einem Schlammloch stecken geblieben. Statt den Abschleppdienst zu rufen, klingelte er einen Kunden aus dem Schlaf. Der hat ihn mit seinem Jeep wieder rausgezogen. „Er war mir nicht mal böse“, sagt Colin.

Meist ist es Colin, der seinen Kunden hilft. Wenn er am Ende der Woche abends die Runde macht und sein Geld einsammelt, wechselt er schon mal Glühbirnen oder rückt einen Schrank beiseite. Mit jedem Kunden hält er einen Plausch. Das verbindet.

Seine Milch verkauft Colin für 48 Pence pro Pint, rund 50 Cent den halben Liter. Das sind nur zwei Pence mehr als im Supermarkt. Er kann so günstig anbieten, weil er seine Milch direkt von einem Bauernhof bezieht. 27 Pence pro Pint zahlt Colin an George Shepherd, der südlich von Lancaster 200 Kühe hat. Die Tiere stehen in hellen, halboffenen Ställen, von Frühling bis Herbst kommen sie auf die Weide.

Die Milch verarbeitet der 67-jährige Landwirt in seiner eigenen Molkerei, die er sich in eine Scheune gebaut hat. 5000 Liter verlassen pro Tag den Hof und werden von gut einem Dutzend Milchmännern in den umliegenden Gemeinden verteilt. Ihre Geschäfte machen Bauer und Milchmann per Handschlag.

Colin wurde vor 17 Jahren Milchmann. Damals strich die British Telecom seinen Büro-Job. Von der Abfindung kaufte er zusammen mit einem Freund seinem Vorgänger die Runde ab. Das Team hielt 18 Monate, dann stieg sein Partner aus. „Er ging gern spät in Bars und Clubs. Das kann man sich in diesem Job nicht leisten“, sagt Colin. Das Nachtleben vermisst er nicht, lieber geht er mit seinem zehnjährigen Sohn ins Kino, schaut Fußball oder genießt die Sonne in seinem Garten, während andere im Büro sitzen.

Das Schwarz der Nacht ist einem grauen Morgen gewichen. Die ersten Pendler eilen im Nieselregen zum Bahnhof, als Colin die letzte Flasche des Tages vor das Garagentor einer Autowerkstatt stellt. Jetzt noch schnell zurück zum Depot, abladen und dann nach Hause, frühstücken und etwas schlafen.

Wie lange er noch Milch fahren wird, weiß Colin nicht. „Sollte mein Sohn einmal studieren, müsste ich bis Mitte 70 weitermachen.“ Was kein Alter ist in diesem Beruf. Im mittelenglischen Coventry arbeitet der älteste Milchmann Großbritanniens. Er ist 82.