Greenpeace Magazin Ausgabe 6.98

Mit zehn Zylindern zum Brötchenholen

PS-starke Pickups hebeln Kaliforniens Abgasstandards

Der Sonnenstaat Kalifornien kann mit den schärfsten Abgasvorschriften der Welt auftrumpfen. Und sie werden eher noch schärfer. „California Standards“ gelten als Muster für gute Umweltpolitik.

Doch als im Juli die große Hitzewelle kam, schien alles vergeblich gewesen. Zum ersten Mal seit 15 Jahren lag über den Tälern von Los Angeles wieder so dichte braun-giftige Luft, daß sich rundum wochenlang kein Berg mehr ausmachen ließ.

Der Dauersmog von Anfang der 80er Jahre, sichtbar in jedem Columbo-Film, war zurück. Die Wächter im „California Air Resources Board“ hatten längst damit gerechnet, daß so etwas bevorstand, aber nicht, daß es so schnell kommt. Der Sünder indes steht für sie fest: Detroit.

Seit Jahren überfluten die Detroiter Automobilkonzerne General Motors, Ford und Chrysler den amerikanischen Markt mit drei Fahrzeugsorten, die bis dahin nur ein Nischendasein geführt hatten: Minivans, Kleinlastwagen und bullige „Sport Utility Vehicles“ (SUV) – Geländewagen nach dem Muster des Jeeps.

In Kalifornien, dem ewigen Trendsetter, trieben sie es besonders toll: Mehr als die Hälfte aller Neuzulassungen entfallen dort bereits auf Fahrzeuge dieser drei Grundtypen. Die regulären Personenwagen, domestiziert durch stramme Verbrauchsvorschriften, gerieten dabei in die Minderzahl. Den Pkw-Markt haben die „großen Drei“ des amerikanischen Automobilgewerbes größtenteils bereits asiatischen und europäischen Herstellern überlassen.

Ein „tricky game“. Minivans, SUVs und Kleinlastwagen („Pickups“) gelten nach dem Gesetz als gewerbliche Fahrzeuge. Sie sind für jedermann zugänglich, fallen aber nicht unter die für Personenwagen geltenden Abgas- und Verbrauchsvorschriften. Sie dürfen die Umwelt deshalb dreimal so heftig verpesten. Und eine Begrenzung des Höchstverbrauches – bei Personenwagen rund neun Liter im Flottendurchschnitt jedes Herstellers – gibt es für sie gar nicht.

Nur wenige der neuen Trend-Fahrzeuge lassen sich noch mit sechs Zylindern und Hubräumen unter vier Litern verkaufen. Chrysler stattet seine Dodge-„Ram“-Serie vorzugsweise mit einem 5,9-Liter-V-8 und dem 7,9 Liter großen Zehnzylinder (300 PS) seines Kultautos „Viper“ aus. Auch die Innenausstattung wird immer opulenter. Wer will schon noch Milchkannen aufladen – zum Dinner, zum Kino und in die Ferien geht‘s damit.

Der gute alte Straßenkreuzer, die Liebesaffäre Amerikas mit dem V-8-Motor, ist unter rustikaler Tarnkappe wieder aufgelebt. Unter der Haube stecken meist mehr als 100, nicht selten weit über 200 PS. Der „Yukon“-Geländewagen von General Motors etwa wird von dem gleichen, elektronisch nur etwas aufgepeppten 5,7-Liter-V-8-Motor angetrieben, den schon die schweren Kultautos der 60er Jahre in sich trugen. Der „Yukon“ und Fords F-350-Pickup verbrauchen zwischen 16 und 22 Liter auf 100 Kilometer. Don‘t care – der Liter kostet 50 Pfennig.

Zur neuen Welle gehören bereits 40 Prozent der in den USA abgesetzten General-Motors-Fahrzeuge. Bei Ford sind es 60, bei Chrysler bereits über 70 Prozent. Rund 80 Prozent der Gewinne stammen bei den Detroiter Konzernen aus diesem Geschäft. Die Regierung in Washington kann den Trend nun kaum noch stoppen. Soll sie die eigene Industrie ausbremsen zugunsten einer Konkurrenz, die mit der Umwelttechnik sehr viel fortgeschrittener ist? Kaum. Im Gegenteil: Neuerdings orientieren sich nun die anderen Hersteller am US-amerikanischen Zeitgeist. Der japanische Toyota-Konzern etwa wird schon nächstes Jahr seinen „Tundra“, einen sechssitzigen Pickup mit 4,7-Liter-V-8-Motor, in den USA anbieten. Das Vorgänger-Modell war an zu kleinen, aber keineswegs schlappen Motoren gescheitert.

Selbst Daimler Benz, frisch vereint mit Chrysler, wird mitmachen. Sein neuer Luxus-Geländewagen, made in USA, wird zunehmend mit Achtzylindermotoren verlangt. Vermutlich wird Daimler-Chrysler die neue Welle auch kräftig nach Europa schwappen lassen. Sie ist ja so trendy und maskulin. „Power“ heißt das magische Wort. Who cares?

Von WERNER MEYER-LARSEN