China
27.Jan 2020

Das grausame Geschäft mit Eselhäuten – für ein vermeintliches Wundermittel

Den sozialen Aufsteigern Chinas geht es immer besser. Mit den Löhnen steigt nicht nur ihre Kaufkraft, sondern auch das Verlangen nach den Attributen des Reichtums: ewige Jugend, Schönheit, Potenz. Die Elite des Landes behielt sich dafür über Jahrtausende exklusive Mittel wie Ejiao vor. Es soll Alterung ebenso vorbeugen wie Fehlgeburten und Impotenz. Und nun kann es sich auch die Mittelschicht leisten.

Für die weltweite Eselpopulation hat sich das zu einer existenziellen Bedrohung ausgewachsen. Denn Ejiao wird aus der Haut der Tiere hergestellt. In einem langwierigen Verfahren wird sie ausgekocht und das darin enthaltene Kollagen extrahiert. Solange nur die Elite Ejiao konsumierte, hielt sich der Bedarf an Eselhäuten in Grenzen. Seit aber auch die Mittelschicht nach dem Wundermittel verlangt, kann China den Bedarf mit landeseigenen Tieren nicht mehr decken. 

Zwischen 2013 und 2016 stieg die Ejiao-Produktion von jährlich 3200 auf 5600 Tonnen an. Der chinesische Eselbestand schrumpfte dagegen auf ein Rekordtief. Gab es laut der Ernährungsorganisation der Vereinten Nationen (FAO) 1992 noch mehr als elf Millionen Esel in China, waren es 2017 nur noch 4,6 Millionen – und laut chinesischer Statistik sogar nur 2,6 Millionen. Die Volksrepublik importiert deswegen Eselhäute aus der ganzen Welt. Und zwar so viele wie möglich.

Ejiao wird in China schon seit Jahrtausenden als Heilmittel verwendet. Der Hersteller Dong'e Ejiao stellt alte Packungen im hauseigenen Museum aus. Foto: picture alliance / AP Photo

„Mit den geschätzt 4,8 Millionen Häuten, die jedes Jahr für die Ejiao-Produktion benötigt werden, würde die Industrie in den nächsten fünf Jahren mehr als die Hälfte der derzeitigen 45 Millionen Esel weltweit benötigen, um die Nachfrage zu befriedigen“, sagte Faith Burden dem Greenpeace Magazin. Sie ist die Direktorin der Forschungsabteilung von The Donkey Sanctuary, einer internationalen Non-Profit-Organisation zum Schutz von Eseln. Die Organisation mit Sitz in Großbritannien veröffentlichte Ende letzten Jahres in einem internationalen Report alarmierende Zahlen: Seit 2007 hat sich demnach der Eselbestand in Brasilien um 28 Prozent verringert, in Botswana um 37 Prozent und in Kirgisistan sogar um 53 Prozent. Betroffen ist eine Vielzahl von Ländern. „Kenia, Ghana und Nigeria haben alle davor gewarnt, dass ihre Eselpopulationen dezimiert oder sogar lokal ausgerottet werden“, so Burden.

Alarmierend ist aber nicht nur der massive Rückgang der Eselpopulationen, sondern auch, wie mit ihnen umgegangen wird. So legt der Report von The Donkey Sanctuary offen, dass die Esel oft ohne Futter und Wasser über lange Strecken transportiert werden, teils an den Beinen zusammengebunden. Viele erkranken auf diesen Wegen oder verletzen sich, die Eselschützer gehen davon aus, dass bis zu zwanzig Prozent der Tiere den Transport nicht überleben. In mehreren Ländern wie Kenia, Tansania und Brasilien sammelte The Donkey Sanctuary zudem Beweise, wie grausam die Esel in den Schlachthäusern behandelt werden: Ungelerntes Personal versuchte sie mit Hämmern umzubringen, anderswo mussten die Tiere neben den verwesenden Kadavern ihrer Artgenossen ausharren. „Das ist Leiden in einem enormen und inakzeptablen Ausmaß“, sagte Mike Baker, Geschäftsführer von The Donkey Sanctuary, gegenüber der britischen Zeitung The Guardian. „Dieses Leid beschränkt sich nicht nur auf die Esel, sondern bedroht auch die Lebensgrundlage von Millionen von Menschen.“

Die Nachfrage nach Eselhäuten sei so groß, dass auch schwangere Stuten und Fohlen geschlachtet würden. Außerdem mehrten sich in vielen Ländern Eseldiebstähle. Denn mit der Nachfrage steigt der Wert der Esel. In Kenia etwa habe sich der Preis für einen Esel zwischen 2016 und 2019 laut Report von 92 Euro auf 185 Euro verdoppelt. Für viele arme Familien sind die Equiden eine unerlässliche Stütze beim Lastentransport und bei bäuerlichen Arbeiten. Der massenhafte Diebstahl bedroht deswegen auch die ärmeren Bevölkerungsschichten.

Um die Esel vor der lokalen Ausrottung zu bewahren, haben inzwischen 18 Länder etwas gegen den Handel mit Eselhäuten unternommen. Ghana und Mali etwa haben das Schlachten der Tiere verboten. Die Eselschützer kritisieren allerdings, dass häufig die nötigen Kontrollmechanismen fehlten. Unterdessen sucht die Ejiao-Industrie nach Alternativen zu Eselhäuten, um ihre Produktion weiter steigern zu können. Faith Burden von The Donkey Sanctuary hofft, „dass die Beschränkungen des weltweiten Handels mit Eselshäuten, das Bewusstsein der Verbraucher und die wirtschaftlichen Triebkräfte dies zu einer attraktiven Perspektive für die Hersteller machen werden“.

Svenja Beller

Aufmacherbild: Diese Esel werden für die Ejiao-Produktion in der chinesischen Provinz Shandong aufgezogen. Foto: picture alliance / AP Photo

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