Bioläden23.Jul 2018

Bio-Lebensmittel vom Discounter – „Luft wird dünner“ für Fachhändler

Aldi, Edeka und Co. haben sich bereits rund zwei Drittel des Bio-Marktes gesichert. Und sie geben weiter Gas. Den Verbrauchern gefällt das. Doch viele Naturkosthändler können da nicht mehr mithalten.

Bio-Apfelschorle von Aldi, Bio-Salami von Lidl, Bio-Müsli von dm und Bio-Käse von Edeka oder Rewe: Deutschlands Discounter, Supermärkte und Drogeriemärkte haben in den vergangenen Jahren ein immer größeres Stück des Bio-Marktes erobert. Fast zwei Drittel der Ausgaben der Bundesbürger für Bio-Lebensmittel landen inzwischen in ihren Kassen – mit steigender Tendenz.

Für klassische Bio-Fachhändler bedeutet dies immer mehr Konkurrenz und immer mehr Preisdruck. Der Handelsexperte Joachim Riedl von der Hochschule Hof warnte deshalb kürzlich in dem Fachblatt „Lebensmittel Zeitung“ bereits vor einem Bio-Laden-Sterben: „Es bedarf wenig prognostischer Fähigkeiten, um für den Bio-Fachhandel einen Konsolidierungsprozess vorauszusehen, in dem nur einige der heute aktiven Player überleben werden.“

Es geht um viel Geld: Mehr als zehn Milliarden Euro gaben die deutschen Verbraucher im vergangenen Jahr für ökologische Produkte aus – rund sechs Prozent mehr als im Vorjahr. „Die Deutschen haben offenbar immer noch und vor allem immer öfter Appetit auf Bio-Lebensmittel und bescheren der Branche weiteres Wachstum“, heißt es in einer aktuellen Studie der Gesellschaft für Konsumforschung (GfK). Seit 2004 hat sich der Bio-Anteil an den Lebensmittelausgaben mehr als verdreifacht.

Der Markt an Bioprodukten wächst seit Jahren zuverlässig, Discounter umwerben die Zielgruppe

Für Edeka, Rewe, Aldi, Lidl und Co. ist Bio gleich aus mehreren Gründen attraktiv. Zum einen, weil der Markt seit Jahren zuverlässig wächst. Zum anderen wegen der attraktiven Zielgruppen, die mit Bio-Produkten erreicht werden: jüngere Leute, Familien mit Kindern aber auch höhere Einkommensgruppen.

Nicht zuletzt die Discounter umwerben die Bio-Klientel deshalb heftig. Aldi verkündete bei der Vorstellung seines jüngsten Nachhaltigkeitsberichts vor wenigen Tagen stolz: 2017 sei das Unternehmen laut GfK Bio-Marktführer in Deutschland gewesen. In diesem Jahr will Aldi sein Engagement in diesem Bereich noch verstärken und mehr als sechzig weitere Bio-Artikel in sein Angebot aufnehmen. Damit sei „der komplette Wocheneinkauf in Bio-Qualität immer möglich“.

Auch Lidl verspricht den Kunden „Bio-Vielfalt“ und führte erst im Februar elf neue Bio-Wurstsorten ein. Lidl-Einkaufschef Jan Bock ließ damals keinen Zweifel: „Auch in Zukunft wollen wir verstärkt auf Bio setzen.“

Auch die konventionellen Supermarkt- und Drogerieketten erweitern ihre Bio-Sortimente

Die Kölner Handelsgruppe Rewe arbeitet nach eigener Aussage ebenfalls „beständig an der Erweiterung ihrer Bio-Sortimente“. Allein unter der Eigenmarke Rewe Bio bietet der Händler in seinen Supermärkten mehr als 500 ökologische Produkte an. Die Drogeriemarktkette dm ist nach Informationen des Branchenfachblatts „Lebensmittel Zeitung“ auch dabei, ihr Bio-Geschäft weiter aufzurüsten. Neben über 400 Artikeln der Eigenmarke dm Bio liste die Kette immer mehr Bio-Marken ein. Der Drogeriehändler habe es dabei auch auf Kundengruppen aus dem Fachhandel abgesehen.

Bei den Verbrauchern kommt die Bio-Offensive von Aldi, Rewe und Co. gut an. Bei einer aktuellen Marktstudie des Marketingunternehmens AMM gaben sechzig Prozent der Befragten an, sie fänden es gut, dass man Bio inzwischen auch bei Edeka, Rewe, Aldi und Lidl kaufen könne. Das sei billiger als in den Fachgeschäften und außerdem müsse man beim Einkauf dadurch keinen Umweg machen, fanden viele der Befragten.

Für Naturkostläden, Bio-Supermärkte und selbstvermarktende Bio-Bauern sieht das natürlich ganz anders aus. Für sie wird der Siegeszug der Mainstream-Händler immer mehr ein Problem. Nicht nur weil die Handelsriesen einen immer größeren Teil des Marktes für sich reklamieren, sondern auch weil gleichzeitig der Preisdruck im gesamten Bio-Markt wächst. Branchenkenner Riedl ist überzeugt: „Die Luft wird dünner im Handel mit Bio-Lebensmitteln.“

Erich Reimann, dpa

Aufmacherbild: picture alliance/APA/picturedesk.com

Mehr zum Thema können Sie auch im Essen Spezial 5.16 „Reicht satt und lecker?" lesen. Um der Frage einer Leserin, ob „auch Billig-Bio vom Discounter die Welt rettet“, auf den Grund zu gehen, haben wir uns mal auf den Bauernhöfen umgeschaut, die das Massenbio liefern.

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Veganer – 4.18
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Landwirtschaft20.Jul 2018

Forscher fordern Umdenken in der Fleischindustrie

Es geht um die Wurst: Eine neue Studie zeigt, dass die globalen Fleisch- und Molkereikonzerne deutlich mehr zum Klimawandel beitragen als bislang angenommen. Vegetarisch und Vegan leben hilft. Aber auch mikrobielle „Astronautennahrung" für Kühe kann das Klima schonen.

Auf Fleisch zu verzichten, um das Klima zu schützen? Vielen Menschen leuchtet nicht ein, was das sommerliche Wurst-Grillen mit dem Klimawandel zu tun haben soll. So auch Bernhard Krüsken, Generalsekretär des Deutschen Bauernverbands. In einem Interview Anfang Juli erklärte er, Fleischverzicht sei nur eine Version des modernen Ablasshandels: „Der größte Anteil der Emissionen kommt aus der Industrie, aus der Wärmeerzeugung und dem Verkehrssektor”, sagte er, deshalb könne Vegetarismus oder Veganismus auch keinen signifikanten Beitrag zum Klimaschutz leisten.

Nun zeigt eine neue Studie das Gegenteil: Deren Ergebnisse besagen, dass die Klimabilanz von Steak- und Milchkonsum sogar Öl-Multis wie Exxon-Mobil, Shell oder BP in den Schatten stelle. Das US-amerikanische Institute for Agriculture and Trade Policy (IATP) hat gemeinsam mit der internationalen Umweltorganisation GRAIN einen Report veröffentlicht, in dem sie den Klima-Fußabdruck der 35 größten Fleisch- und Milchprodukt-Konzerne untersucht haben. Dabei zeigte sich: Die fünf größten Fleisch- und Molkereiproduzenten der Welt emittieren gemeinsam mehr Treibhausgase als Öl-Multis wie Exxon-Mobile, BP oder Shell. 2016 emittierten die Top 5 Unternehmen der globalen Fleisch- und Milchindustrie wie JBS, Tyson Food, Cargill, Dairy Farmers of America und Fonterra 578 Millionen Tonnen CO2-Äquivalent, der Ölkonzern Exxon lag 2015 mit 577 knapp dahinter, gefolgt von Shell (508) und BP (448).

Laut der Studie beschönigen die Lebensmittelkonzerne ihre CO2-Bilanzen. Über ihre Emissionen machten sie entweder gar keine Angaben oder sparten dabei die Lieferkette aus, die bis zu neunzig Prozent ihrer Gesamtemissionen ausmachen, so die Verfasser der Studie. Nur vier von 35 Konzernen – NH Foods (Japan), Nestlé (Schweiz), FrieslandCampina (Niederlande) and Danone (Frankreich) – stellten umfassende, glaubhafte Emissionsschätzungen zur Verfügung. Die fehlenden Daten errechneten die Autoren der Studie, indem sie die länderspezifischen Emissionsfaktoren der Ernährungs- und Landwirtschaftsorganisation der Vereinten Nationen mit den Produktionsvolumen der Konzerne korrelierten und die geschätzten Emissionen aus Produktion und Transporten addierten. Die Ergebnisse sollten ein Alarmsignal für die Branche und die Verbraucher sein.

Doch die Transformation der Landwirtschaft ist leichter gefordert als umgesetzt. Anders als in der Energiewirtschaft und der Industrie, wo es zentral steuerbare, klimaschonende Alternativen gibt, ist der Umbau zur klimafreundlichen Landwirtschaft komplexer: Wenn Vattenfall ein Kohlekraftwerk abschaltet, sinken die Emissionen auf einen Schlag – doch was heißt das für den einzelnen Bauern und seinen Viehbestand? Hier gibt es einen neuen Ansatz, der nun von Forschern vom Potsdam Institut für Klimafolgenforschung (PIK) untersucht wurde.

Löst Astronautennahrung für Kühe das Klimaproblem?

„Weniger tierische Produkte zu essen ist natürlich der erste Schritt“, sagt Benjamin Bodirsky, Agrarökonom am PIK. „Wir haben in den letzten acht Jahren zahlreiche Studien durchgeführt, die alle die Klimaschädlichkeit von Fleisch- und Milchkonsum sowie von Lebensmittelverschwendung belegen.“ Natürlich brauche es einen Wandel in der Essenskultur, weg von tierischen Proteinen wie Würstchen und Käse, hin zu Gemüse und Nüssen. Doch was, wenn die Menschen ihre Essgewohnheiten nicht schnell genug ändern und der Klimawandel vor dem Nahrungswandel zu Buche schlägt?

Wurst, Fleisch, aber auch Käse, Milch: Der Anteil dieser Produkte am Klimawandel wurde bisher zu gering eingeschätzt. Foto: picture alliance / Sven Simon

In einer Studie, die im Juni in der Fachzeitschrift „Environmental Science & Technology“ erschien, untersuchte Benjamin Bodirsky als Teil einer internationalen Forschergruppe eine Technologie, mit der sich die Tierwirtschaft emissionsärmer gestalten lassen würde – eine Art Übergangstechnologie zur klimafreundlichen Landwirtschaft. Die Idee: Statt Kraftfutter wie Soja sollen die Tiere zukünftig proteinreiche Mikroben zu fressen bekommen. Diese werden mit Energie, Stickstoff und Kohlenstoff kultiviert, um daraus Proteinpulver herzustellen – Astronautennahrung für Kühe, wie die Forscher es scherzhaft nennen.

Mit Simulationen ermittelten die Forscher, dass ein geringer Einsatz des Mikroben-Viehfutters gewaltige Auswirkungen hätte: Ersetzt man zwei Prozent der herkömmlichen Kraftfutters mit mikrobiellem Kraftfutter können bereits sieben Prozent der landwirtschaftlichen Treibhausgasemissionen und sechs Prozent des globalen Ackerflächenverbrauchs vermieden werden. „Die neue Studie von IATP zeigt, dass die großen Fleisch- und Molkerei-Unternehmen gefragt sind: Sie müssen umdenken, damit die Klimaziele erreicht werden können“, sagt Bodirsky. Die Zukunft bringe entweder eine veränderte Tierhaltung mit verbesserten Futtermittel, einem klügeren Gülle- und Dünge-Management und mehr Qualität statt Quantität – oder eben eine veränderte Produktpalette, so der Agrarökonom.

Dass die Landwirtschaft erheblich zum Klimawandel beiträgt, ist kein Geheimnis

Die Veränderung der Produktionsbedingungen in Fleisch- und Milchindustrie ist lange überfällig. Denn dass die Landwirtschaft zum Klimawandel beiträgt, ist ausreichend bekannt: Kein Konsumgut benötigt so viel Fläche wie die Herstellung von Milch und Fleisch. Die Futtermittelherstellung braucht Platz, dafür wird auf der ganzen Welt Regenwald gerodet und Wiesen werden zu Äckern gemacht. Die Landwirtschaft ist für sechzig Prozent des weltweiten Verlusts von Biodiversität verantwortlich. 2014 machte in Deutschland die Landwirtschaft – inklusive Energieverbrauch, aber ohne Emissionen aus Futtermittelherstellung und Transport – knapp 8,2 Prozent der gesamten Treibhausgasemissionen aus. Der Wert speist sich vor allem durch Methan-Emissionen aus der Tierhaltung, das Ausbringen von Gülle und Lachgas-Emissionen aus der Stickstoff-Düngung.

Dabei wächst der Milch- und Fleisch-Hunger der Menschen stetig weiter: Der brasillianische Fleisch-Konzern JBS, seines Zeichens globaler Marktführer, kündigte an, bis 2030 den weltweiten Fleischkonsum weiter befeuern zu wollen. Das Unternehmen stellt seinen Investoren für die kommenden 12 Jahre eine Steigerung von 48 Prozent Fleischkonsum pro Jahr pro Kopf in Aussicht. Für das Weltklima wäre das verheerend, die Autoren der aktuellen Studie zur CO2-Bilanz der Milch- und Fleischindustrie warnen davor, dass die Viehhaltung bei den jetzigen Wachstumsraten bis 2050 für achtzig Prozent der anfallenden Treibhausgase verantwortlich sein könnte.

Bereits im November 2017 hatten die Organisationen IATP und GRAIN, die hinter der Studie stehen, gemeinsam mit der Heinrich Böll Stiftung in einem Factsheet das Problem auf den Punkt gebracht: Die zwanzig größten Fleisch und Milchkonzerne stießen 2016 nach Kalkulationen des Bündnisses 932 Millionen Tonnen CO2-Äquvivalente aus – die gesamte Bundesrepublik brachte es 2015 nur auf 902 Millionen Tonnen. „Es gibt keine andere Möglichkeit: Die Fleisch- und Milchprodukt-Herstellung in den Ländern, in denen die Top 35 Konzerne den Markt dominieren, muss deutlich reduziert werden”, sagt Devlin Kuyek von der Umweltorganisation GRAIN. „Andernfalls drücken diese Unternehmen weiter Handelsabkommen durch, die dazu beitragen, dass ihre Exporte und die Emissionen weiter steigen und erschweren den Umbau zu einer Landwirtschaft, die den Landwirten, Arbeitern und Konsumenten dient.”

Julia Lauter

Ist vegan leben die Lösung des Problems? Wir sprechen mit Markus Keller, dem ersten Professor für vegane Ernährung in Deutschland, über die Vor- und Nachteile eines Lebens ohne Tierprodukte.

Andere Geschichten über veganes Leben heute und in der Zukunft lesen Sie in der aktuellen Ausgabe des Greenpeace Magazins 4.18 „Ich ess' Blumen“. Diese erhalten Sie im Warenhaus, am Kiosk oder ab 32,50 Euro im Abo. Sie können das Greenpeace Magazin auch in unserer digitalen Version lesen: mit allen Inhalten der Print-Ausgabe, optimiert für Tablet und Smartphone. Viel Inspiration beim Schmökern, Schauen und Ausprobieren!

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Vegan17.Jul 2018

Die Wurst ist die Zigarette der Zukunft

Markus Keller, Deutschlands erster Professor für vegane Ernährung, erzählt im Interview, warum die vegane Lebensweise mehr ist als nur ein Trend. Und was das für Fleischesser bedeutet. 

Was wir essen, ist politisch. Gerade für Umwelt und Wirtschaft wird die Ernährung ein immer wichtigerer Faktor. In Zeiten von Klimawandel, fortschreitender Umweltzerstörung, Massentierhaltung, rasant wachsender Weltbevölkerung und sich ausbreitenden Wohlstandskrankheiten wie Übergewicht und Diabetes, scheint der Verzicht auf Tierprodukte die Lösung zu sein. Aber ist die vegane Lebensweise wirklich die bessere? Wir haben einen gefragt, der es wissen muss. Markus Keller ist der erste Professor für vegane Ernährung an einer deutschen Hochschule.

Herr Keller, Sie haben die erste Professur für Vegane Ernährung inne. Mit welchem Ziel wurde diese Stelle geschaffen?

Das Thema vegane Ernährung interessiert immer mehr Menschen, insbesondere die Konsumenten. Dadurch wächst der Markt für vegane Produkte und wird so zu einem relevanten Thema für die Lebensmittelbranche. Die Fachhochschule des Mittelstands hat diese Entwicklung aufgegriffen und bietet bereits seit Oktober 2016 den Bachelorstudiengang „Vegan Food Management“ an. Gleichzeitig hat die Hochschule zusammen mit der Erna-Graff-Stiftung für Tierschutz eine Stiftungsprofessur für Vegane Ernährung ins Leben gerufen und mich im Mai dieses Jahres berufen. Damit wird dem Thema vegane Ernährung erstmals eine akademische Heimat gegeben.

Portrait Markus Keller, Professor für vegane Ernährung

Markus Keller lehrt an der Fachhochschule des Mittelstands, was vegane Ernährung für die Gesundheit bedeutet. Und wie man „vegan“ zu seinem Beruf machen kann. Foto: Fachhochschule des Mittelstands

Was lehren und woran forschen Sie?

In meinen Seminaren und Vorlesungen geht es in erster Linie um ernährungsbezogene Fächer. Das sind beispielsweise Ernährungslehre, Ernährungsmedizin oder Lebensmittelkunde, außerdem unterrichte ich die Wirkungen von veganer Ernährung auf den Körper. Hier geht es um die kritischen Nährstoffe, aber auch das gesundheitliche Potential bei der Prävention von ernährungsmitbedingten Krankheiten. In unseren aktuellen Forschungsprojekten beschäftigen wir uns mit vegan, vegetarisch und mit Mischkost ernährten Kindern verschiedener Altersgruppen. Dabei untersuchen wir, wie sich die unterschiedliche Ernährungsweise in der Praxis darstellt und auswirkt, also was die Kinder essen und wie gut sie anschließend mit Nährstoffen versorgt sind.

Was kann man nach der Uni mit dem Studium anfangen?

Wir bringen den Studierenden sowohl Wirtschaftskompetenz als auch personale und soziale Kompetenz bei. Außerdem erlangen unsere Vegan-Food-Studierenden Fachkenntnisse zur veganen Ernährungsweise, aber auch zu Nachhaltigkeit, Tierethik und Konsumentenverhalten. Die Berufschancen liegen also in der gesamten Lebensmittelbranche. So können die Absolventen die Produktion neuer veganer Lebensmittel konzipieren oder sie gehen in Einkauf und Vertrieb, wo sie beispielsweise im Handel neue vegane Produktlinien einführen könnten. Und einige unserer Studierenden haben schon konkrete Pläne, später ein veganes Restaurant oder Café zu eröffnen. Auch Organisationen, die sich mit dem Thema veganer und nachhaltiger Lebensstil befassen, sind potentielle Arbeitgeber.

Wie schätzen Sie den aktuellen Vegan-Trend ein? Müssen Fleischesser sich in fünfzig Jahren zum Würstchen essen im Wald verstecken?

Vegan ist schon lange mehr als nur ein Trend. Insbesondere unter jungen Menschen wächst die Zahl der Veganerinnen und Veganer immer weiter an. Und der Markt spiegelt ja nur das wider, was Verbraucher nachfragen. Die Hauptkonsumenten veganer Fleisch- und Milchalternativen sind übrigens nicht die Veganer, sondern die deutlich größere Zahl der sogenannten Flexitarier. Darunter versteht man Menschen, die ihren Konsum an tierischen Lebensmittel deutlich einschränken wollen, aus gesundheitlichen, ethischen oder nachhaltigen Gründen. Vegan oder überwiegend vegan zu leben, wird in Zukunft also immer normaler werden. Dazu passt, was der Chef des Fleischkonzerns Rügenwalder, Christian Rauffus, gesagt hat, nämlich, dass die Wurst die Zigarette der Zukunft sei.

Kann man sagen, in welchen Regionen oder Kulturen vegan besonders verbreitet ist?

Leider gibt es nur wenige belastbare wissenschaftliche Daten, wie viele Veganer es tatsächlich aktuell gibt. Zahlen von Meinungsforschungsinstituten muss man immer mit etwas Vorsicht genießen, denn nicht alle, die sich als Veganer oder Vegetarier bezeichnen, sind per Definition auch welche. Die höchsten geschätzten Vegetarier-Anteile, inklusive Veganer, von um die zehn Prozent finden sich in Australien, Belgien, Deutschland, Großbritannien, Israel, Italien, Kanada, Neuseeland, Norwegen, Österreich, Schweden, der Schweiz, Taiwan und den USA.

Was sind die gesundheitlichen Vor- und Nachteile veganer Ernährung?

Es spricht nichts gegen eine vegane Ernährung in allen Lebensphasen, solange Sie auf die potentiell kritischen Nährstoffe wie Vitamin B12, Kalzium oder Eisen achten. Die vorliegenden Studien zeigen außerdem, dass Veganer mit vielen Nähr- und Inhaltsstoffen besser versorgt sind als die Durchschnittsbevölkerung, etwa mit Vitamin C, Folsäure, Magnesium und Ballaststoffen. Und im Vergleich zu Fleischessern haben Veganer ein geringeres Risiko für verschiedene ernährungsassoziierte Krankheiten wie Übergewicht, Typ-2-Diabetes, Bluthochdruck, koronare Herzkrankheiten und verschiedene Krebserkrankungen. Der insgesamt gesündere Lebensstil vieler Veganer ist dabei statistisch bereits herausgerechnet.

Tel Aviver Lokal Bana

Im Lokal Bana im isrealischen Tel Aviv geht es um den Spaß an Essen und Genuß. Fleischersatz aus Tofu oder Seitan gibt es hier nicht, denn vegan soll für sich stehen. Foto: Julia Sellmann für das Greenpeace Magazin

Und wie nachhaltig ist vegane Ernährung unter Umweltaspekten?

Mit unserer derzeitigen Ernährungsweise beanspruchen wir deutlich mehr Ressourcen, wie Energie, Wasser oder Landflächen, und stoßen deutlich mehr Treibhausgase aus, als unser Planet langfristig verkraften kann. Ein Beispiel: Um die Ziele, die auf der UN-Klimakonferenz in Paris beschlossen wurden, zu erreichen, müssen wir auch im Ernährungsbereich bis zum Jahr 2050 etwa neunzig Prozent der Klimagasemissionen einsparen. Das gelingt aber nur mit einer weitgehend pflanzlichen Ernährungsweise.

Wo bleiben bei einer solchen Entwicklung die Weidetiere in der Landschaft?

Natürlich müssen wir zusammen mit der Landwirtschaft überlegen, welche Rolle Tiere zukünftig beispielsweise in der Landschaftspflege spielen können. Landwirte könnten ja beispielsweise Ausgleichzahlungen dafür erhalten, dass sie Tiere auf der Weide stehen lassen, ohne dass die Tiere später geschlachtet werden. Die Zahl der Tiere – und vor allem unser Konsum tierischer Lebensmittel – muss sich auf jeden Fall deutlich verringern, wenn wir die Klimaziele auch nur annähernd erreichen wollen.

Wir haben in der aktuellen Ausgabe des Greenpeace Magazins „Ich ess' Blumen“ ein Streitgespräch zwischen Bio-Fleisch-Köchin Sarah Wiener und dem Chef der veganen Supermarktkette „Veganz“ Jan Bredack. Also Bio-Fleisch gegen vegane Fertigprodukte. Wo positionieren Sie sich da?

Was die veganen Fertigprodukte betrifft, gibt es da viele Vorurteile und falsche Behauptungen. Wir haben in einer Studie achtzig vegane und vegetarische Fleisch- und Wurstalternativen hinsichtlich ihrer Zutaten und Zusammensetzung untersucht. Das Ergebnis war, dass die meisten veganen Fleischalternativen gesundheitlich günstiger sind als die Original-Fleischprodukte, beispielsweise was den Gehalt an gesättigten Fettsäuren und Cholesterin betrifft. Und es stimmt einfach nicht, dass diese Produkte aus ellenlangen Zusatzstofflisten bestehen – wie so oft behauptet. Effektiv war in den veganen Bio-Fleischalternativen im Durchschnitt ein Zusatzstoff pro Produkt enthalten, bei den veganen Fleischalternativen aus konventioneller Produktion waren es im Schnitt 3,5 Zusatzstoffe.

Leben Sie und Ihre Familie vegan?

Meine ganze Familie lebt zu schätzungsweise 95 Prozent vegan, die verbleibenden 5 Prozent entfallen auf vegetarische Ausnahmen. Kinder können gut vegan ernährt werden, wenn die Eltern sich umfassend informiert haben und vor allem Vitamin B12 ergänzen. Voraussetzung ist in jedem Fall eine vollwertige, abwechslungsreiche Lebensmittelauswahl.  Zwischenergebnisse aus einer unserer Studien zeigen, dass sich vegane Kinder im Durchschnitt genauso wie die vegetarischen und Mischkostkinder altersgemäß entwickeln. Bei einigen Nähstoffen wie Folsäure und Vitamin C schneiden sie deutlich besser ab als die beiden anderen Gruppen, bei anderen wie Kalzium haben sie hingegen die niedrigste Zufuhr. Bei allen drei Ernährungsformen besteht demnach Optimierungsbedarf.

Was raten Sie Menschen, die ihre Ernährung umstellen wollen?

Alle, die bereits vegan leben, kann ich nur bestärken weiterzumachen. Aber sie sollten auf die kritischen Nährstoffe achten. Allen anderen empfehle ich, öfter vegane Gerichte auszuprobieren, vielleicht auch einmal einen veganen Kochkurs mitzumachen und pflanzlichen Lebensmitteln mehr Platz auf dem Teller einzuräumen. Denn so lautet der weise Spruch eines mir leider unbekannten Urhebers: „Es ist nicht so entscheidend, ob immer mehr Menschen Veganer werden. Entscheidend ist, dass die Menschen immer veganer werden.“

Interview: Nora Kusche

Lesen Sie mehr zur veganen Lebensweise in der aktuellen Ausgabe des Greenpeace Magazins 4.18 „Ich ess' Blumen“. Diese erhalten Sie im Warenhaus, am Kiosk oder ab 32,50 Euro im Abo. Sie können das Greenpeace Magazin auch in unserer digitalen Version lesen: mit allen Inhalten der Print-Ausgabe, optimiert für Tablet und Smartphone. Viel Inspiration beim Schmökern, Schauen und Ausprobieren!

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Pestizide12.Jul 2018

Neue Insektengifte auf deutschen Äckern

Kaum hat die Europäische Union drei bienengefährliche Pestizide verboten, steht schon ihr Ersatz bereit. In Deutschland könnten die neuen Pflanzenschutzmittel bereits diesen Sommer auf den Markt kommen.

Als der EU-Gesundheitskommissar Vytenis Andriukaitis im Frühjahr sagte: „Die Gesundheit der Bienen bleibt für mich von größter Bedeutung“, da wollte man ihm nicht widersprechen. Denn die EU-Staaten hatten gerade ein Freilandverbot für drei Neonicotinoide verabschiedet. Die auch „Bienenkiller“ genannten Pestizide lösen bei Insekten schon in geringen Dosen Störungen des zentralen Nervensystems aus.

2008 hatte eine Saatmaschine im Oberrheingraben versehentlich Stäube mit dem Neonicotinoid Clothianidin aufgewirbelt, in der Folge starben mehr als 11.000 Bienenvölker. Erst zehn Jahre später bestätigte die europäische Behörde für Lebensmittelsicherheit EFSA die Risiken für Bienen durch die Pestizidgruppe. Das Verbot von Imidacloprid, Thiamethoxam und Clothianidin im April dieses Jahres feierte dann auch Bundeslandwirtschaftsministerin Julia Klöckner (CDU): „Heute ist ein guter Tag für den Schutz der Bienen in Deutschland und in Europa.“

Ersatzstoffe für verbotene Pestizide sind auf EU-Ebene längst zugelassen

Was Klöckner und EU-Kommissar Andriukaitis verschwiegen hatten: Ersatzstoffe für die verbotenen Substanzen waren zu diesem Zeitpunkt auf EU-Ebene längst zugelassen. Ob sie die Pestizide auf ihrem eigenen Grund und Boden zulassen, entscheiden die Mitgliedstaaten im Anschluss selbst. Deutschland tut das gerade. Sie könnten noch in diesem Sommer auf den Markt kommen.

Cyantraniliprol, Sulfoxaflor und Flupyradifuron heißen die neuen Pflanzenschutzmittel. Laut dem Naturschutzverein Umweltinstitut München bergen sie „eine erhebliche Gefahr nicht nur für Honigbienen, sondern auch für wildlebende Insekten wie Schmetterlinge und Hummeln“. Sie wirken systemisch: Einmal in der Pflanze, verteilen sie sich überall vom Stängel bis zur Blüte und vergiften auch das Wasser, das die Pflanzen über ihre Blätter abgeben. Beim Wirkstoff Sulfoxaflor stellte die EFSA fest, dass bei bestimmten Anwendungen ein hohes Risiko für Honigbienen und Langzeitrisiken für kleine pflanzenfressende Säugetiere entstehe.

Die Wirkung des von Bayer entwickelten Flupyradifurons untersuchten zwei Forscherinnen der Universität Würzburg und kamen zu folgendem Ergebnis: „Unsere Daten zeigen, dass nicht tödliche Dosen von Flupyradifuron nach einmaliger Verabreichung an sammelnden Honigbienen deren Geschmackswahrnehmung sowie das Lernen und Gedächtnis negativ beeinflussen.“ Der Wirkmechanismus der beiden Stoffe ist mit dem der im April 2018 verbotenen Neonicotinoide identisch, befand das Umweltinstitut München.

Durch Schlupflöcher gelangen manche der bienenschädlichen Mittel auf die Felder

Bei dem dritten Wirkstoff, Cyantraniliprol, ist die Lage noch bedenklicher. Das Pflanzenschutzmittel bringen Bauern in Deutschland schon jetzt auf ihre Felder aus, ohne dass es offiziell zugelassen ist. Möglich machen das zwei Schlupflöcher: Zum einen darf Deutschland mit dem Wirkstoff behandeltes Saatgut aus anderen EU-Ländern importieren, in denen er bereits zugelassen ist. Zum anderen kann das Bundesamt für Verbraucherschutz (BVL) eigenständig Notfallzulassungen erteilen, ohne sich mit anderen Behörden absprechen zu müssen. Für einen Zeitraum von 120 Tagen darf das Mittel beim Anbau von Zwiebeln, Radieschen, Wirsing, Brokkoli, Wein, Kirschen, Pflaumen, Zwetschgen, Mirabellen, Renekloden, Johannis-, Stachel- und Heidelbeeren zur Schädlingsbekämpfung eingesetzt werden. Das BVL schreibt in diesen Notfallzulassungen aber auch: „Das Mittel wird als bienengefährlich eingestuft.“ Ein Hinderungsgrund scheint das nicht zu sein.

Um neue Pflanzenschutzmittel dauerhaft zuzulassen, muss das BVL sich mit dem Bundesinstitut für Risikobewertung, dem Bundesforschungsinstitut für Kulturpflanzen und dem Umweltbundesamt einigen. Informationen über gestellte Anträge und laufende Verfahren sowie deren Antragsteller sieht das BVL als Betriebs- und Geschäftsgeheimnisse an – und verweigert die Auskunft. Das Umweltinstitut München klagte sie daraufhin ein und bekam Recht.

Da die Information nun „nicht mehr vertraulich“ sei, teilt das BVL auf Anfrage des Greenpeace Magazins mit: Für Sulfoxaflor liegen drei Zulassungsanträge vor, für Flupyradifuron fünf und für Cyantraniliprol sieben. Wann und von wem sie beantragt wurden, verrät das BVL nicht, genauso wenig, wann mit einer Entscheidung zu rechnen ist. Nur im Falle des Wirkstoffs Cyantraniliprol sei bei einem Antrag „von einer Zulassungsentscheidung in naher Zukunft auszugehen“. Was nahe Zukunft konkret bedeutet, bleibt offen. Das Umweltinstitut München und Campact warnen, dass der Wirkstoff Flupyradifuron schon diesen August zugelassen werden könnte. Dazu äußern will sich das BVL nicht.

Landwirtschaftsministerin Julia Klöckner lässt sich gerne mit dem markigen Satz „Was der Biene schadet, muss vom Markt“ zitieren. Das klingt erst einmal gut. Allerdings hinterfragt Christine Vogt, Referentin für Landwirtschaft beim Umweltinstitut München, wie konsequent Klöckner ihr Motto umsetzt. „Es nützt wenig, wenn für jeden verbotenen Wirkstoff ein anderes Gift zugelassen wird, das bekanntermaßen ähnlich gefährlich ist“, so Vogt. Und was macht die Umweltministerin Svenja Schulze (SPD)? Die stellte unterdessen ungerührt ihr „Aktionsprogramm Insektenschutz“ vor. Mit dem will sie den Einsatz von Pflanzenschutzmitteln verringern und „wo möglich verbieten“. Ihre Argumentation: „Pestizide können, auch wenn sie zugelassen sind, negative Auswirkungen auf Insekten haben.“ Nun, einzig und allein dafür sind Pestizide da. Sie schaden nur dann keinem Insekt, wenn sie gar nicht zugelassen werden – auch nicht im „Notfall“.

Svenja Beller

Aufmacherbild: dpa

Was Bienen so besonders und unersetzlich macht, hat das Greenpeace Magazin schon vielfach beschrieben. Im Magazin oder auch in unserem Buch „Die Biene – eine Liebeserklärung“, das sie hier bestellen können.  

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Grundrechte06.Jul 2018

Neue Polizeigesetze – was droht uns da?

Bayern hat sie schon, Nordrhein-Westfalen will sie: Die drohende Gefahr findet als Rechtsbegriff zurzeit Eingang in die neuen Polizeigesetze der Bundesländer. Der Protest dagegen treibt die Menschen massenhaft auf die Straße, die nächste Großdemonstration steht schon an – diesen Samstag in Düsseldorf.  

Der Begriff der „drohenden Gefahr“ ist der zentrale Streitpunkt der neuen, verschärften Polizeigesetze – und verfassungsrechtlich umstritten. Durch ihn bekommt die Polizei das Recht einzuschreiten, auch ohne dass ein konkreter Verdacht besteht. Konkret bedeutet eigentlich, dass es belegbare Anhaltspunkte geben muss, dass eine Tat zu einem bestimmten Zeitpunkt an einem bestimmten Ort geplant ist. Nach den neuen Gesetzen soll die Polizei nun noch früher eingreifen können ­– und zwar bereits dann, wenn „das individuelle Verhalten einer Person die konkrete Wahrscheinlichkeit begründet, dass diese in überschaubarer Zukunft terroristische Straftaten begeht“.

So definierte das Bundesverfassungsgericht „drohende Gefahr“ in einem Urteil von 2016 zu den Befugnissen des Bundeskriminalamts zur Terrorbekämpfung. Und daran orientieren sich die neuen Polizeigesetze. Verständlich ausgedrückt bedeutet das, die Polizei kann eingreifen, wenn sie das Gefühl hat, dass sich jemand komisch verhält. Die Möglichkeiten sind vielfältig: Die Beamten können DNA-Analysen vornehmen, Online-Durchsuchungen durchführen oder Präventivhaft anwenden.

Die Streitlinien verlaufen quer durch Politik, Gesellschaft und Polizei

Gerade um die letztgenannte Maßnahme gibt es Streit. So können in Bayern mutmaßliche Gefährder für unbegrenzte Zeit in Haft genommen werden, allerdings muss ein Richter den Gewahrsam alle drei Monate bestätigen. Nordrhein-Westfalen plant solch eine Präventivhaft für einen Monat einzuführen. Widerstand kommt vor allem von Menschenrechtlern, Aktivisten, Datenschützern, Polizeigewerkschaftlern und Politikern von den Grünen, der Linken, SPD und auch FDP. Die Streitlinien verlaufen quer durch Politik, Gesellschaft und die Polizei.

Unbeeindruckt von der Kritik marschierte Bayern bei der Ausweitung von Polizeibefugnissen voran. Nachdem der Freistaat vergangenes Jahr im Sommer sein Polizeiaufgabengesetz geändert hat, hat die CSU-Landesregierung im Mai dieses Jahres noch einmal mit Verschärfungen nachgelegt. Als Hauptgrund der Änderungen führen die Politiker eine effektivere Terrorbekämpfung an. Aber das neue bayrische Polizeigesetz geht darüber hinaus und gilt nun als das härteste bundesweit. Nordrhein-Westfalen und andere Bundesländer wollen Bayerns Beispiel folgen, während sich Menschenrechtler und Datenschützer fragen, was eigentlich die bedrohlichere Gefahr ist: Der Terrorismus oder die neuen Polizeigesetze.

Maria Scharlau, Polizei-Expertin bei Amnesty International, kritisiert vor allem, dass die neuen Gesetze unklar formuliert seien: „Durch die unbestimmte Definition einer ,drohenden Gefahr' bleibt völlig unklar, durch welches Verhalten Menschen in Zukunft ins Visier der Polizei geraten können“, so Scharlau. Sie fordert daher mehr Rechtssicherheit: „Alle Menschen müssen einschätzen können, bei welchem Verhalten sie gegebenenfalls mit polizeilichen Maßnahmen rechnen müssen.“

Drohende Gefahr greift nicht beim Einbruch in den Hühnerstall

Allerdings mahnt Christian Ernst an, erst einmal nüchtern zu betrachten, welche Auswirkungen die neuen Gesetze für den „Normalbürger" wirklich haben. Der Rechtsexperte forscht an der Hamburger Bucerius Law School zu Polizeirecht und sieht beispielsweise Demonstrierende sowie Umweltaktivisten von den neuen Gesetzen eher nicht betroffen. So greife der Tatbestand der „drohenden Gefahr“ im neuen bayrischen Polizeigesetz nur, wenn bestimmte Rechtsgüter in Gefahr seien: wie Leben, Gesundheit, Freiheit, sexuelle Selbstbestimmung, erhebliche Eigentumspositionen oder Sachen, die im besonderen öffentlichen Interesse liegen.

Wenn also Polizisten die drohende Gefahr wittern, dass Tierschützer in einen Hühnerstall einbrechen wollen, dabei planen, die Stalltür aufzubrechen, um anschließend die Haltungsbedingungen zu filmen, dann dürfen die Beamten genauso viel wie vor der Gesetzesänderung: die Tierschützer beobachten oder ihnen einen Brief, ein sogenanntes Gefährderanschreiben, zusenden. „Präventivhaft dürfte hier nicht in Betracht kommen. Weder ist die kaputte Stalltür eine erhebliche Eigentumsposition, noch eine Sache von besonderem öffentlichem Interesse“, sagt Ernst dem Greenpeace Magazin.

Allerdings räumt der Rechtswissenschaftler ein, dass die offene Definition der Begriffe problematisch sei. „Der Polizei genaue Grenzen zu setzen, ist die rechtliche Systematik, die sich in den vergangenen Jahrzehnten bewährt hat“, sagt Christian Ernst. Er findet es bedenklich, dass durch die Änderungen weit in die rechtliche Struktur eingegriffen würde. Die neuen Polizeigesetze stellten eine Zäsur dar und die neue Richtung sei klar: immer weitreichendere Befugnisse für die Polizei und immer stärkere Grundrechtsbeschränkungen für die Bürger. „Je unbestimmter Gesetze formuliert sind, desto mehr Spielraum erhält die Polizei. Das kann dann auch dazu führen, dass die Regelungen zu anderen Zwecken Anwendung finden, als es sich der Gesetzgeber ursprünglich gedacht hat.“, so Ernst. Vor diesen Folgen seien dann auch aktionistische Tierschützer oder Protestierende auf Demonstrationen nicht mehr gefeit.

Großdemonstration gegen NRW-Polizeigesetz soll diesen Samstag durch Düsseldorf ziehen

Die Sorgen des Rechtswissenschaftlers teilt Rainer Wendt, Bundesvorsitzender der „Deutschen Polizeigewerkschaft“, nicht. Wendt beklagt gegenüber dem Greenpeace Magazin: „Die Polizei soll immer alles wissen, aber vorher nichts erfahren dürfen“. Daher befürwortet er neue Gesetze, die den Polizeibeamten frühere Eingriffsmöglichkeiten und mehr Handlungsspielraum geben. Aber auch innerhalb der Polizei und zwischen den beiden großen Polizeigewerkschaften gibt es Kontroversen. Der bayrische Landesverband der mitgliederstärkeren und als liberaler geltenden „Gewerkschaft der Polizei“ hatte Bedenken an den Verschärfungen angemeldet, was Rainer Wendt wiederum als „hanebüchenen Unfug“ bezeichnete.

Der hauptsächliche Protest gegen die neuen Polizeigesetze kommt allerdings aus der Zivilbevölkerung und treibt die Menschen in Massen auf die Straße. In Bayern hatten Zehntausende gegen die neuen Polizeigesetze demonstriert, allerdings ohne Erfolg: Im Mai dieses Jahres traten die Verschärfungen in Kraft. In Nordrhein-Westfalen läuft es anders: Hier hat der Innenminister Herbert Reul (CDU) das für diesen Juli geplante Polizeigesetz erst einmal vertagt – noch vor der Großdemonstration am Samstag. Einer Expertenanhörung im Landtag hatte der Gesetzentwurf nicht standgehalten, nun soll nachgebessert werden.

Gegen das geplante NRW-Gesetz demonstrieren wollen die Gegner dennoch. So rufen Juristenverbände, Bürgerinitiativen, Umweltverbände, Bundestagsabgeordnete und Parteien dazu auf, diesen Samstag gegen die Novellierung des NRW-Polizeigesetzes durch Düsseldorf zu ziehen. Die Veranstalter erwarten Tausende von Demonstrierenden. Ob die Nordrhein-Westfalen-Koalition aus CDU und FDP das überarbeitete Polizeigesetz beschließen wird, entscheidet sich erst im Herbst dieses Jahres. Im Sommer wollen Innenminister Reul und sein Stab am Entwurf feilen und prüfen, ob er verfassungsrechtlichen Bedenken standhält. Ob sie dabei den Begriff der „drohenden Gefahr“ genauer definieren oder aus dem Gesetz streichen, lässt der Minister offen.

Nora Kusche

Aufmacherbild: dpa

Wie sich Protest als Frühwarnsystem unserer Gesellschaft auswirkt, können Sie in unserem Online-Artikel zur Funktion von Protest nachlesen.

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Tierwürde03.Jul 2018

Luxemburg folgt der Schweiz und verankert Tierwürde im Gesetz

Luxemburg verabschiedete im Juni als zweites Land nach der Schweiz ein Gesetz, das Tieren eine Würde zugesteht, die es zu achten gilt. Tierschützer sind skeptisch, ob das auch die konkreten Lebensbedingungen von Tieren verbessert.

Im deutschen Grundgesetz ist die Würde des Menschen als unantastbar verankert. Von einer Würde für Tiere ist in hiesigen Rechtsnormen keine Rede. In Luxemburg ist das nun anders. Das Parlament hat Anfang Juni ein Gesetz einstimmig angenommen, das auch Tieren eine Würde zugesteht. Das Großherzogtum ist damit nach der Schweiz der zweite Staat, der diesen Schritt geht. „Früher wurden Tiere als Arbeitsgerät oder Transportmittel eingesetzt”, sagte Luxemburgs Landwirtschaftsminister Fernand Etgen bei der Abstimmung im Parlament. Inzwischen würden Besitzer ihre Tiere nicht mehr als Sache, sondern als Lebewesen ansehen.

Nach dem neuen luxemburgischen Tierschutzgesetz ist das Töten von Tieren aus rein wirtschaftlichen Gründen künftig verboten. Sie dürfen fortan auch nicht mehr ausschließlich zum Zwecke der Gewinnung ihrer Haut oder ihres Pelzes gezüchtet werden. Zudem muss vor einer Schlachtung in Zukunft stets eine Betäubung vorgenommen werden.

Inwiefern die Gesetzesnovelle auch in der Realität ihre Wirkung entfaltet, muss sich erst noch zeigen. Der Tierrechtsanwalt Andreas Ackenheil aus Mainz bezweifelt, dass das neue Gesetz die Haltungsbedingungen in Luxemburger Ställen gravierend verbessert. Als Beispiel führt er Deutschland an, wo der gesetzlich verankerte Tierschutz nur unzureichend umgesetzt würde: „Ich erlebe sehr häufig in Verhandlungen, dass die Richter gerne mehr tun würden, sich aber zum Teil einfach nicht trauen“, so Ackenheil. Ein Grund für diese Zaghaftigkeit sei die intensive Lobbyarbeit der Fleischproduzenten und der Agrarindustrie, so der Tierrechtsanwalt.

Fokus des Bauernverbands liegt auf den Interessen von „Menschen des ländlichen Raumes"

Im Leitbild des Deutschen Bauernverbandes, dem mehr als 90 Prozent der Agrarbetriebe in Deutschland angehören, heißt es zwar: „Zum Dasein eines Bauern gehört es auch, Verantwortung gegenüber Mensch, Tier und Natur auszuüben“. Doch jenseits dieses Satzes finden in diesem zwölfseitigen Dokument Tiere nur ein weiteres Mal Erwähnung – wenn ihr Schutz als automatische Folge nachhaltiger Landwirtschaft beschrieben wird. Die Priorität der Verbandsarbeit liegt auf der „Vertretung von Interessen der Menschen des ländlichen Raumes.“ Zu unserer Interviewanfrage wollte sich der Bauernverband nicht äußern.

In Deutschland wurde der Tierschutz 2002 als Staatsziel in das Grundgesetz aufgenommen und erlangte somit Verfassungsrang. Allerdings sorgen teils vage Formulierungen dafür, dass der konkrete Fall oft Auslegungssache ist. So lautet ein Passus im deutschen Tierschutzgesetz: „Niemand darf einem Tier ohne vernünftigen Grund Schmerzen, Leiden oder Schäden zufügen“. Ob der Verzehr, die Pelzproduktion oder Tierversuche „vernünftige Gründe“ sind, bleibt offen.

Beim Tierschutz ist die Schweiz Vorreiterin

Pionierarbeit in Sachen Tierwürde leistete die Schweiz schon 2008. Vor zehn Jahren fand die Würde für Tiere Eingang in das Tierschutzgesetz des Landes. Und auch sonst sind die Regelungen diesbezüglich in der Schweiz sehr weit fortgeschritten. Ein Beispiel: Kühe dürfen in der Schweiz nicht länger als zwei Wochen am Stück im Stall verbringen und haben ein Anrecht auf mindestens neunzig Tage Weidegang pro Jahr. Zum Vergleich: In Deutschland grast nur jede dritte Kuh überhaupt zeitweise auf der Weide. Alle anderen bleiben im Stall.

Doch auch zehn Jahre nachdem das Schweizer Gesetz Tieren eine Würde zusprach, ist Massentierhaltung noch ein Thema. „Wenn man den Begriff der Tierwürde ernst nimmt, dürfte die Massentierhaltung eigentlich nicht mehr existieren“, sagt Edmund Haferbeck von der deutschen Tierschutzorganisation PETA. „Aber überall, wo es wirtschaftlich wird, werden sofort Ausnahmeregelungen geschaffen – wie beispielsweise auch bei Tierversuchen.“ In der Schweiz schränke man Tierversuche mit einem Passus im Gesetzestext ein, um diese Schranken über Ausnahmeregelungen faktisch wieder zu umgehen, so Haferbeck. Zwar sank die Anzahl von Tierversuchen in den Jahren nach der Gesetzesänderung von 2008 bis 2017 um 100.000 Versuchstiere, dass aber im Jahr 2017 immerhin noch an 614.581 Tieren Versuche durchgeführt wurden, zeigt die friedliche Koexistenz von gesetzlich verankerter Tierwürde und gelebter Praxis.

Der Tierrechtsanwalt Andreas Ackenheil sieht daher auch die Konsumenten in der Pflicht. „Wenn es der Gesetzgeber nicht macht, muss eben der Verbraucher ran“, so Ackenheil. Und öffentlicher Druck kann einiges bewirken. Das hatte zum Beispiel der in Deutschland öffentlich geführte Streit um das Kükenschreddern gezeigt. Anfang dieses Jahres hatte die neue Regierung das Thema in ihren Koalitionsvertrag aufgenommen. Bis „Mitte der Legislaturperiode“ soll Schluss sein mit der Praxis, männliche Küken sofort nach dem Schlüpfen zu töten. Geplant ist eine Technologie mittels derer Eier durchleuchtet werden, um ihr Geschlecht zu bestimmen. Hintergrund dieser Praxis ist, dass männliche Küken keine Eier legen und somit ihre Aufzucht ökonomisch nicht effizient ist.

Ob man im deutschen Tierschutzrecht auch einen Passus zur Tierwürde braucht, ist umstritten. Einig sind sich Tierschützer jedoch in der Forderung, wenigstens die bestehenden Regelungen zum Tierschutz in der Fleischindustrie anzuwenden. Auch der Anwalt Ackenheil sieht das so: „Wir haben in unserem Grundgesetz und in den Bestimmungen zum Tierschutz Regelungen aufgestellt, die sinnvoll sind. Die müsste man erst einmal konsequent umsetzen. Und schon daran hapert es.“

Text: Simon Neumann, Redaktion: Nora Kusche

Aufmacherbild: picture alliance

Weitere Geschichten zur Beziehung zwischen Mensch und Tier finden Sie in der aktuellen Ausgabe des Greenpeace Magazins 4.18 „Ich ess' Blumen“. Diese erhalten Sie im Warenhaus, am Kiosk oder ab 32,50 Euro im Abo. Sie können das Greenpeace Magazin auch in unserer digitalen Version lesen: mit allen Inhalten der Print-Ausgabe, optimiert für Tablet und Smartphone. Viel Inspiration beim Schmökern, Schauen und Ausprobieren!

Und in der Ausgabe 3.17 „Haltung zeigen!" haben wir zufriedenen Hühnern, Schweinen und Rindern die Titelgeschichte „Wie viel ist uns Tierglück wert?“ gewidmet und nachgeforscht, wie konventionelle Vorreiter-Landwirte mit ihren Tieren umgehen.

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Verkehrswende28.Jun 2018

Verkehrsexperte Strößenreuther: „Ohne Autofahrern weh zu tun, geht es nicht“

Der Anfang vom Ende des Verbrennungsmotors? Der Berliner Senat hat ein neues Mobilitätsgesetz beschlossen und damit bundesweit ein Signal für eine fahrrad- und klimafreundliche Verkehrswende gesetzt. Andere Städte folgen dem Beispiel der Hauptstadt.

Am Donnerstag hat die rot-rot-grüne Koalition in Berlin das bundesweit erste Radverkehrs- und Mobilitätsgesetz beschlossen. Die Richtung ist deutlich: Bessere Bedingungen für Radfahrer, mehr Elektrobusse, weniger CO2. In zehn Jahren soll der letzte Dieselbus der Berliner Verkehrsbetriebe fahren. Die Auslaufmodelle sollen nach und nach durch Busse ersetzt werden, die mit Strom aus Wind und Sonne betrieben werden. Und auch für den Radverkehr müssen Fahrzeuge mit Verbrennungsmotoren künftig Platz machen. Mit dem neuen Gesetz ist Berlin Vorreiter beim klimafreundlichen Umbau der Innenstädte in Deutschland. Wir haben mit Heinrich Strößenreuther darüber gesprochen, was dieses Gesetz für die Verkehrswende bedeutet. Der Verkehrsexperte und Sprecher der Initiative „Clevere Städte“ hatte 2015 den Volksentscheid „Fahrrad in Berlin“ mit angestoßen, der schließlich zum neuen Mobilitätsgesetz geführt hat.

Herr Strößenreuther, was ist aus Ihrer Sicht das Wichtigste am neuen Berliner Mobilitätsgesetz?

Wir müssen die internationale Klimaschutzverpflichtung einhalten. Und deshalb zeigt sich das 1,5-Grad-Ziel in allen Aspekten des neuen Verkehrskonzepts. So sollen attraktive Radwege die Berliner auf das Rad locken. Geplant sind zwei Meter breite, sichere Radwege an allen Straßen Berlins. Sicher bedeutet, dass es genügend Platz zum Überholen gibt, ohne dass Fahrradfahrer auf die Fahrbahn wechseln müssen. Außerdem sollen Maßnahmen verhindern, dass die Wege mit Autos zugeparkt werden – beispielsweise durch Längspoller oder indem die Radwege geschützt zwischen Fußweg und Parkstreifen gebaut werden. Ansonsten sind noch Parkmöglichkeiten für Räder an U- und S-Bahn-Stationen geplant, sowie eine Fahrradstaffel der Polizei in allen Bezirken und grüne Wellen für Fahrradfahrer. Mit dem Radverkehrs- und Mobilitätsgesetz wird Berlin in zehn Jahren eine Fahrradstruktur à la Kopenhagen oder Amsterdam haben.

Neben dem Radfahren ging es bei den Verhandlungen aber auch um den Pkw-Verkehr. Hier hatten einige Vorschläge der SPD zu Streit zwischen den Koalitionsparteien geführt und den Beschluss verzögert. Inwieweit muss man Autos bei neuen Verkehrskonzepten mitdenken?

Die Grenzen des Pkw-Wachstums sind seit langem überschritten. Intelligente Verkehrskonzepte für den Pkw-Verkehr erfordern Parkraumverknappung, höhere Bußgelder oder eine City-Tax – also Maßnahmen, die seit dreißig Jahren diskutiert werden. Das ist allerdings nicht das, was die SPD im Fokus hat. Die kümmert sich da eher um die Interessen der Autofahrer in ihrer Wählerschaft. Aber ohne, dass es den Autofahrern auch ein kleines Stückchen weh tut, wird es nicht gehen. Tatsächlich ist das Radverkehrs- und Mobilitätsgesetz Deutschlands bestes Anti-Stau-Programm: Mit sicheren Radwegen motiviert es Autofahrerinnen, die sich bislang nicht trauen, auf das Rad umzusteigen.

Die Verkehrs- und Umweltsenatorin für die Grünen, Regine Günther, hatte im Vorfeld gesagt, sie wolle keinen „Kulturkampf gegen das Auto anzetteln“. Wollen Sie das denn?

Wir zetteln einen Kulturkampf für die gute, lebenswerte Stadt an, für eine gerechte Verteilung des Stadtraumes. Jeder muss das Recht haben, entspannt von A nach B zu kommen. Fahrradfahrer können das bisher nicht. Den Autofahrern nun drei Prozent der Verkehrsfläche wegzunehmen, ist kein Kulturkampf, sondern eine Anpassung an neue Verhältnisse und klimapolitische Erfordernisse. Ein Kulturkampf wäre es, die Autos komplett aus der Stadt rauszuschmeißen, aber das war nie unsere Forderung.

Nun gibt es sie ja: die Einigung zwischen SPD, Grünen und Linken und das Berliner Mobilitätsgesetz ist beschlossen. Was wird jetzt besser?

Wir freuen uns alle darauf, sicher und entspannter fahrradzufahren: Der Berliner Senat wird dafür jetzt sorgen. De facto ist dieses Radverkehrsgesetz eine der wichtigsten klimapolitischen Maßnahmen im Verkehrsbereich, denn der Radverkehr ist systemrelevant. Ohne den massiven Ausbau sicherer Radwege werden wir Autofahrer nicht aufs Rad locken, nicht den Pkw-Verkehr reduzieren können und nicht den Platz in den Innenstädten schaffen, um den öffentlichen Nahverkehr massiv und attraktiv auszuweiten.

Wenn das alles klappt, welche langfristige Wirkung versprechen Sie sich vom neuen Gesetz?

Genau die Klimaschutzwirkung, die wir dringend brauchen. Wenn wir in den nächsten zehn Jahren Bedingungen wie in Kopenhagen erreichen, ist eine Reduktion der CO2-Emissionen im städtischen Raum um zwanzig bis dreißig Prozent drin. 

Aber das kann Berlin nicht allein. Wird es denn Vorbild für andere Städte?

Das ist es schon längst. Inzwischen sind in zehn anderen deutschen Städten Bürgerentscheide für den Ausbau des Radverkehrs angestoßen und in zwei Bundesländern, Bayern und Nordrhein-Westfalen, gibt es Landesinitiativen für neue Verkehrsgesetze. Da hat Berlin eine richtige Lawine ausgelöst mit seinem bundesweit ersten Radverkehrs- und Mobilitätsgesetz und dessen ambitionierten Vorgaben. Wie zum Beispiel dem vollständigen Ausstieg aus dem Verbrennungsmotor beim öffentlichen Nahverkehr: So soll an Silvester 2029 der letzte Dieselbus in Berlin fahren. Das ist ein Meilenstein für Deutschland und der Einstieg in die Verkehrswende.

Interview: Nora Kusche

Aufmacherbild: Bildmontage für „Clevere Städte“ von Norbert Michalke/Volksentscheid Fahrrad

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Klimaschutz25.Jun 2018

Was tun gegen die verpassten Klimaziele?

Je näher 2020 rückt, desto klarer wird: Deutschland ist kein Vorreiter beim Klimaschutz. Die CO2-Emissionen sind nicht stark genug gesunken, die Ambitionen der Bundesregierung nicht konsequent umgesetzt. Experten fordern rasches Umlenken – Aktivisten rufen zu Demonstrationen auf.

„Es ist bitter für mich, Ihnen sagen zu müssen, dass wir unsere selbst gesteckten Ziele für 2020 verfehlen werden", sagte die Bundesumweltministerin Svenja Schulze (SPD) vergangene Woche vor Gästen aus China, Frankreich, Russland, den USA und rund dreißig anderen Ländern, die zu den Petersberger Klimadialogen angereist waren. Bei der jährlichen internationalen Konferenz auf Ministerebene, die Impulse für die UN-Klimakonferenz im Dezember geben soll, hat das wohl kaum jemanden überrascht. Denn dass es der deutschen Bundesregierung nicht gelingen wird, die Treibhausgasemissionen bis 2020 um vierzig Prozent im Vergleich zu 1990 zu senken, war schon lange bekannt. Laut dem neuen, dritten Klimaschutzbericht 2017, den das Bundeskabinett am Mittwoch in Berlin beschlossen hat, verfehlt der ehemalige Klimavorreiter die Emissionssenkung um acht Prozent.

Zwei Hindernisse scheinen sich zwischen Deutschland und sein bislang grünes Image geschoben zu haben: Das Festhalten an der Kohleenergie und die Liebe zu Brennstoff-Autos. Zwar werden heute schon 36 Prozent Strom in Deutschland aus erneuerbaren Energien wie Wind und Sonne gewonnen, bis 2030 sollen es 65 Prozent werden. Doch um die Abkehr von der Kohleenergie habe man sich „nicht im gleichen Maße“ gekümmert, sagte Umweltministerin Svenja Schulze. „Weil es eben häufig schwieriger ist, sich vom Alten zu trennen als Neues aufzubauen“, so die Ministerin.

Und dann ist da noch die Sache mit dem Verkehr: Sieben bis zehn Millionen Tonnen CO2 sollte im Bereich Mobilität bis 2020 eingespart werden, unter anderem mit der Verlagerung von Güter- und Personenverkehr auf die Schiene und durch mehr Elektroautos. Doch der Klimaschutzbericht spricht auch hier eine deutliche Sprache: Die Emissionen im Bereich Verkehr sind im Vergleich zum Vorjahr um 2,5 Prozent gestiegen. Seit dem Jahr 2010 nähmen laut dem Bericht die Emissionen wieder kontinuierlich zu und hätten im Jahr 2016 mit 166 Millionen Tonnen CO2-Äquivalente das Niveau des Jahres 1990 wieder leicht überschritten.

CO2-Emissionen im Verkehr steigen wieder

Experten sind von diesen Zahlen nicht überrascht: „Im Aktionsplan wurden optimistische Annahmen getroffen", sagt der Verkehrsexperte Andreas Knie vom Innovationszentrum für Mobilität und gesellschaftlichen Wandel in Berlin. „Aber man hat es versäumt, die entsprechenden Rahmenbedingungen zu schaffen.“ Umweltverbände sind sich indes sicher, dass die Ziele zur Emissionssenkung nicht um acht, sondern sogar um zehn Prozent verfehlt werden. „Die Berechnungen im neuen Klimaschutzbericht basieren auf veralteten Zahlen und sind deshalb keine ehrliche Bestandsaufnahme", sagt etwa Hubert Weiger, Vorsitzender des Bundes für Umwelt und Naturschutz Deutschland.

An diesem Montag berät der EU-Umweltrat in Luxemburg über die CO2-Grenzen für Autoflotten. Und das ist dringend notwendig, denn nicht nur Deutschland, die ganze EU hinkt beim Klimaschutz hinterher: Laut einer aktuellen Analyse der Nichtergierungsorganisation Climat Action Network (CAN) könnte ein Großteil der EU-Länder ihre im Pariser Klimaabkommen versprochenen Ziele verfehlen. Anhand der Entwicklung der Pro-Kopf-Emissionen in den Ländern, dem Fortschritt beim Ausbau der Erneuerbaren und dem politischen Einsatz für mehr Klimaschutz hat die NGO untersucht, welche Länder auf einem gutem Weg sind, um die Erderwärmung einzudämmen.

Die Ergebnisse waren ernüchternd: Schweden führte die Liste an, das skandinavische Land hätte noch gute Chancen, seine nationalen Klimaschutzziele bis 2020 zu erreichen. Auf Schweden folgt in der Rangliste Portugal, Frankreich, die Niederlande, Luxemburg, Dänemark. Dann erst kommt Deutschland auf Rang sieben (Rang eins wurde von der NGO nicht vergeben). Statt etwas dagegen zu unternehmen, dass die 2020 Klimaziele verfehlt werden, würde Deutschland drängende Veränderungen im Energie- und Verkehrssektor vertagen und striktere Zielsetzungen auf EU-Ebene verzögern, so die Organisation CAN.

Kohlekommission tritt am Dienstag erstmals zusammen

Ein positiver Schritt in diese Richtung war sicherlich die Einsetzung der sogenannten Kohlekommission Anfang Juni mit dem klingenden Titel „Wachstum, Strukturwandel und Beschäftigung“, welche diesen Dienstag das erste Mal in ihrer konstituierenden Sitzung zusammentreten wird: 31 Menschen aus Wirtschaft, Wissenschaft, Zivilgesellschaft und Politik. Bis Dezember 2018 sollen sie ein Enddatum für die Kohlenutzung festlegen und klären, wie die Versorgungssicherheit gewährleistet wird und was für einen gelungenen Strukturwandel in den Braunkohle-Revieren notwendig ist. Eine umfangreiche Aufgabe mit großer Strahlkraft.

Ganz einig ist man sich über die Ziele der Kommission intern allerdings nicht. Michael Vassiliadis, Chef der Industriegewerkschaft IGBCE und Kommissionmitglied, sagt dazu: „Wer die Aufgaben auf einen radikalen Kohleausstieg reduziert, handelt unseriös und schadet dem Klimaschutz.“ Die Gegenseite, vertreten durch Abgesandte von Umweltverbänden wie Greenpeace, dem BUND und der Klima-Allianz Deutschland, sieht das anders. „Die Kommission wäre dann erfolgreich, wenn sie einen klaren Endpunkt für die Kohleverbrennung benennt“, so Martin Kaiser, Geschäftsführer von Greenpeace Deutschland.

Allerdings bewegt sich in der Politik derzeit nicht genug in Richtung Klimaschutz. Und der Mulitlateralismus, der für eine internationale Klimaschutzpolitik nötig wäre, bröckelt. Ein Lichtblick ist die strategische Klimakooperation von Deutschland und Frankreich, zu der sich Angela Merkel und Emmanuel Macron Anfang vergangener Woche in Meseberg bekannt hatten. Die drei wichtigsten Eckpunkte: Das Bekenntnis zur EU-Treibhausgasneutralität bis 2050, die Einsetzung eines deutsch-französischen Ministerrates und die Anhebung der EU-Klimaziele bis 2030.

Proteste können helfen

Damit Klimaschutz nicht nur auf Gipfeltreffen und Konferenzen verhandelt wird, fordern auch Experten mehr Druck aus der Zivilgesellschaft. Manuela Mattheß, Referentin für internationale Energie- und Klimapolitik der Friedrich-Ebert-Stiftung, bringt das auf den Punkt: „Zivilgesellschaftliche Akteure sind extrem wichtig. Sie weisen auf Missstände hin, unterbreiten konkrete Verbesserungsvorschläge und erzeugen so politischen Handlungsdruck.“

Getreu dieser Aussage lautet das Motto der europäischen Kimaschutzaktivisten: „Klimaschutz ist Handarbeit“. Gemeint sind damit Aktionen, die Öffentlichkeit schaffen – für die Probleme des Kimawandels und der Nutzung fossiler Energien: Demonstrationen, Infoveranstaltungen, Podiumsdiskussionen sowie Blockaden von klimaschädlicher Infrastruktur wie Kohletagebauten. Trotz oder gerade wegen der Rückschläge für den Klimaschutz auf institutioneller Ebene stehen in den kommenden Wochen und Monaten viele Proteste an, die sich für den Aussteig aus fossilen Energien und eine umfassende Umgestaltung der europäischen Klimaschutzpolitik stark machen.

Julia Lauter

Aufmacherbild: picture alliance/Photoshot

 

Ein kurzer Überblick, welche Proteste im Sommer geplant sind:

27. Juni bi 1. Juli: Tschechien
„Limity jsme my“ – „Die Grenzen sind wir“, unter diesem Motto protestieren in Tschechien Ende Juni Klimaschützer gegen den Kohleabbau und die damit verbundenen Umweltschäden. Inspiriert von direkten Aktionen der Klimagerechtigkeitbewegung wie etwa dem Aktionsbündnis „Ende Gelände" wollen Aktivisten den Betrieb im Kohletagebau Bílina in der Mostregion blockieren. Das Klimacamp, von dem die Aktionen ausgehen, soll in der Nähe einer der vielen Tagebaue oder Kraftwerke stattfinden. Dort finden auch Podiumsdiskussionen, Workshops und Kulturveranstaltungen statt. Mehr Informationen finden Sie hier.

28. Juli bis 5. August: Leipziger Land / Deutschland
Seit 2011 gibt es das Klimacamp in der Lausitz, 2016 sorgten in Porschim 4.000 Klimaaktivisten mit ihren Protesten dafür, dass das Kraftwerk Schwarze Pumpe gedrosselt werden musste. In diesem Sommer findet das erste Klimacamp im Mitteldeutschen Braunkohle Revier bei Leipzig statt. Ende Juli bis Anfang August treffen sich Engagierte aus ganz Deutschland und Europa in Pödelwitz, einem Dorf, das für den Tagebau Vereinigtes Schleenhain abgebaggert werden soll. Neben Aktionen findet hier auch die Degrowth Sommerschule statt, bei der sich in Kursen und Podien mit Visionen und Utopien für eine soziale, ökologische und demokratische Gesellschaft auseinandergesetzt wird. Mehr Informationen finden Sie hier und hier.

24. bis 31. August: Niederlande
„Code Rood“ ist eine Initiative von niederländischen Aktivisten die erstmals im Jahr 2017 in Erscheinung traten, als sie den Hafen von Amsterdam mit etwa 300 Teilnehmern kurzzeitig blockierten, um so gegen Kohleimporte zu demonstrieren. Ihre nächste Aktion findet im August in der Provinz Groningen statt: Hier liegt das größte Gasfeld Europas. „Code Rood“ will gegen die Gas-Förderung und die Nutzung von fossilen Energien allgemein demonstrieren und hat dafür ebenfalls ein Klimacamp ausgerufen, das Ende August stattfinden wird. Mehr Informationen finden Sie hier.

5. bis 9. September : München / Deutschland
Das Klimacamp München liegt nicht in der Nähe eines Tagebaus oder eines Gasfeldes – statt Aktionen des zivilen Ungehorsams geht es hier eher um Vernetzung und um die Mobilisierung der Klimagerechtigkeitsbewegung in der Region. Die Veranstalter wollen zunächst Alternativen des solidarischen Zusammenlebens und der Selbstorganisation erproben und darauf aufbauend direkte Aktionen und Proteste gestalten. Mehr Informationen finden Sie hier.

25. bis 29. Oktober: Rheinland / Deutschland
Das Aktionsbündnis „Ende Gelände“ ruft im Oktober dazu auf, den Hambacher Forst vor dem Kohleabbau zu bewahren. Der Wald, der nach erfolgreichen Rodungs-Verhinderung 2017 für viele Menschen zum Symbol des Widerstandes gegen den Kohleabbau in Deutschland geworden ist, soll mit einer Massenaktion zivilen Ungehorsams vor der weiteren Abholzung bewahrt werden. Mehr Informationen finden Sie hier.

 

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Satire14.Jun 2018

Sparkassen-Werbung: Wo bleibt meine Kohle?

Die Sparkassen haben ein gutes Image. Sie unterstützen die regionale Wirtschaft und haben nette Berater. Doch wer sein Geld dorthin trägt, muss das Kleingedruckte genau lesen – sonst werden mit den Ersparnissen Kriegsgeräte und Kohlekraftwerke finanziert. Das Greenpeace Magazin hat deshalb eine aktuelle Werbeanzeige mit einem neuen Text versehen: „Pass auf, dass dein Geld sauber bleibt!“

„Die Menschen in diesem Land können viel mehr, als wir manchmal glauben“, heißt es in einer Annonce der Sparkassen, die seit Monaten in zahlreichen Zeitschriften erscheint. Den holprigen Text („Kein Schritt ist zu groß, wenn ihn alle gemeinsam gehen“) wird allerdings kaum einer lesen, denn er dient in erster Linie als grafisches Element und bildet den Umriss von Deutschland. Für alle Fälle sind ein paar Schlüsselwörter („gemeinsam“, „Mittelständler“, „Zukunft“, „Vereine“) in großer Schrift hervorgehoben. Die Botschaft: Die sympathischen Sparkassen sind regional verwurzelt, das Geld der Kunden ist dort immer gut aufgehoben – wodurch sich die kommunalen Finanzinstitute von den Großbanken unterscheiden.

„Keine Anzeige“ von den Sparkassen aus dem Greenpeace Magazin 4.18

Dennoch sind Sparer, denen Frieden, Umwelt und Klimaschutz am Herzen liegen, nicht immer gut beraten, ihr Geld bei den Sparkassen zu lassen. Ansonsten könnten damit nämlich zum Beispiel Waffenschmieden oder Braunkohlekonzerne finanziert werden – bei der Stadtsparkasse Düsseldorf ist sogar beides der Fall. „Sparkassen und Genossenschaftsbanken: Einzeln überprüfen“, warnen deshalb die Organisationen Facing Finance und Urgewald in ihrem Report „Die Waffen meiner Bank“. Besondere Vorsicht ist bei Geldanlagen geboten: Die Fondsprodukte der Deka, der Investitionsbank der Sparkassen, enthalten mehrere Rüstungsunternehmen und finanzieren überdies noch Kohle-, Öl- und Gasprodukte. Dabei ist klar, dass der Kampf gegen den Klimawandel nur gewonnen werden kann, wenn Investitionen schnell aus den fossilen Industrien abgezogen werden.

Damit Sie, liebe Leserinnen und Leser, sich von der Werbung der Sparkassen nicht einlullen lassen und wirklich genau darauf achten, wem Sie Ihr Geld anvertrauen, haben wir eine aktuelle Annonce stark überarbeitet – und empfehlen, den Text in unserer „Fake-Anzeige“ wirklich komplett zu lesen. Es gibt nämlich Alternativen. Und wenn Sie bei Ihrer regionalen Sparkasse bleiben wollen – dann pochen sie auf wirklich ökologische und soziale Geldanlageprodukte.

„Uns allen wird alles glücken, wenn jeder mitmacht“, heißt es in der Original-Anzeige. „Warum nicht auch Sie?“

Ja, warum nicht auch Sie?

Wolfgang Hassenstein

In jedem Greenpeace Magazin zeigen wir auf der letzten Seite eine Fake-Werbeanzeige. Die neue Ausgabe 4.18 „Ich ess' Blumen“ erhalten Sie ab sofort im Warenhaus, ab dem 19. Juni am Kiosk oder ab 32,50 Euro im Abo. Sie können das Greenpeace Magazin auch in unserer digitalen Version lesen: mit allen Inhalten der Print-Ausgabe, optimiert für Tablet und Smartphone. Viel Inspiration beim Schmökern, Schauen und Ausprobieren!

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In eigener Sache14.Jun 2018

Michael Pauli: Brief an die Leser

Michael Pauli stellt sich als vorläufiger Chefredakteur und Geschäftsführer des Greenpeace Magazins vor. Er versichert, dass die journalistische und thematische Unabhängigkeit des Magazins erhalten bleibe.

Lieber Leser des Greenpeace Magazins, liebe Besucher der Website,

an dieser Stelle möchte ich Sie über zwei Personalien informieren.

Seit dieser Woche bin ich Interims-Chefredakteur des Greenpeace Magazins. Zudem, ebenfalls vorläufig, habe ich die Position des Geschäftsführers der Greenpeace Media GmbH übernommen, die das Magazin herausgibt. Kerstin Leesch, seit 2015 Geschäftsführerin und Chefredakteurin der Media GmbH, verlässt ihren Posten im Juni 2018. Der Chefredakteur Kurt Stukenberg ist bereits letzte Woche auf eigenen Wunsch, in Absprache mit Frau Leesch, ausgeschieden. Ich danke Kerstin Leesch und Kurt Stukenberg dafür, das Greenpeace Magazin mit erstklassigem Journalismus zu einem unabhängigen Navigator in einer zunehmend unübersichtlichen Welt gemacht zu haben. Nun gab es Pressemeldungen, nach denen die Freiheit und Unabhängigkeit des Magazins gefährdet sei. Dazu kann ich Ihnen folgendes versichern: Zwar teilt die Greenpeace Media GmbH die Werte und Grundpositionen des Greenpeace e.V., der für Klimagerechtigkeit und Umweltschutz eintritt. Allerdings finanziert sich das Greenpeace Magazin ohne Anzeigen oder Fördermittel allein über den Magazinverkauf. Die journalistische und thematische Unabhängigkeit des Magazins war nie in Frage gestellt. Das soll auch so bleiben.

Ich war seit 2009 Bereichsleiter Kommunikation bei Greenpeace Deutschland. Und ich bin seit fast 30 Jahren ein leidenschaftlicher Journalist. Dabei war ich nicht nur für viele Reportagen weltweit unterwegs, sondern auch in leitenden Funktionen bei Verlagen und TV-Sendern tätig. Am wichtigsten war mir immer wahrhaftig und authentisch zu berichten. Dabei soll es bleiben! Mit dem Redaktionsteam und den Mitarbeitern bei Greenpeace Media treffe ich auf Kollegen, die einen sehr hohen Qualitätsanspruch haben. Ich bin froh, mit ihnen jetzt jeden Tag zusammenarbeiten zu können.

Herzliche Grüße

Michael Pauli

 

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Neue Ausgabe14.Jun 2018

Ich ess' Blumen: Eine Ausgabe über die Sehnsucht nach der richtigen Ernährung

Was auf den Tellern landet, ist politisch. Was wir essen, wirkt sich darauf aus, wie unsere Landschaften aussehen, wie es der Artenvielfalt und dem Klima ergeht – und natürlich uns selbst. Und: Es ist ein wichtiger Wirtschaftsfaktor. Die besten Karten im Poker um den nachhaltigsten Speiseplan haben, so heißt es, die Veganer. Höchste Zeit also, sich die reine Pflanzenküche genauer anzusehen. Ein Essen Spezial über Veganismus.

„Für mich macht niemand Tiere tot, ich leg' mir Löwenzahn aufs Brot!“ Das sangen „Die Ärzte“ Ende der Achtzigerjahre und zogen damit die beginnende Politisierung von Speiseplänen durch den Kakao. Doch das ist lange her. Heute weiß man: Sänger Farin Urlaub lebt selbst pesketarisch, isst also zwar noch Fisch, aber kein anderes Fleisch. Der Vormarsch der Küchenpolitik hat auch vor den Spöttern nicht halt gemacht. Und obwohl die reinen Zahlen keinen Anlass bieten, eine Ernährungswende zu diagnostizieren – nicht einmal 0,1 Prozent der Bevölkerung in Deutschland bezeichnen sich selbst als vegan –, gibt es derzeit keine Diät, die so grün, so nachhaltig, so politisch korrekt daherkommt wie die rein pflanzliche. Kann man für Umwelt- und Klimaschutz und Menschenrechte einstehen, ohne die Herkunft und Auswirkungen des Schnitzels in Frage zu stellen? Wie weit her ist es noch mit dem nachhaltigen Image des Vegetarismus? Und wohin jetzt mit der Fleischeslust? In unserer aktuellen Ausgabe nehmen wir die vegane Weltrettung in den Blick.

Wir starten in die Erkundungstour mit einem Streitgespräch. Die Köchin Sarah Wiener ist überzeugt, dass auch Biofleisch einen Platz in der nachhaltigen Küche hat – Jan Bredack, der vegane Fertigprodukte verkauft, hält das für zu kurz gedacht. Der eine will den ökologischen Fußabdruck der Menschen verkleinern, die andere will Schönheit und Ursprünglichkeit erhalten. Auf Wieners Bauernhof in der Uckermark geht es darum richtig zur Sache. Wer hat die besseren Würstchen?

Unser Reporter Dirk Gieselmann ist für uns auf Spurensuche gegangen und hat eine kleine Kulturgeschichte des Veganismus aufgeschrieben. In einer rasanten Reise durch die Jahrtausende folgt er den moralphilosophischen Anfängen der rein pflanzlichen Ernährung bis zu den Lifestyle-Blüten der Jetztzeit, führt uns von Pythagoras bis zum Detox-Croissant.

Um zu sehen wie sich der vegane Wandel vollzieht, lohnt ein Blick in den Nahen Osten: Rund fünf Prozent der Israelis bezeichnete sich 2015 in Umfragen als Veganerinnen und Veganer. In den meisten Ländern – Deutschland eingeschlossen – sind es höchstens zwei. Grund genug für Katja Morgenthaler, das Land zu besuchen, und sich in ihrer kulinarischen Reportage „Salat Schalom“ die veganen Pioniere und ihre Kreationen aus der Nähe anzusehen.

Eine ungewöhnliche Geschichte hat uns Vito Avantario aus Großbritannien mitgebracht: Veganismus und Fußball – das passt doch eigentlich nicht zusammen. Aber das stimmt nicht, wie der veganste Profi-Fußballverein der Welt aus Nailsworth im Westen Englands zeigt. Er hat sich Tierwohl und Umweltschutz auf die Fahnen geschrieben. Der Stadionrasen wird nur noch ökologisch gedüngt, der Strom kommt von den vereinseigenen Solarpaneelen, die Toiletten werden mit Regenwasser vom Stadiondach gespeist – und Spielern und Fans wird ausschließlich veganes Essen serviert. Eine Reportage vom Wandel in der Fußballwelt.

Wie eine Welt ohne Tierhaltung aussehen könnte, darüber hat sich unser Autor Christopher Piltz Gedanken gemacht. Er hat eine Utopie im Naturschutzgebiet „Taubergießen“ in der Rheinaue besucht. Hier wird experimentiert, was mit der Natur passiert, wenn der Mensch sich nicht einfach komplett aus ihr zurückzieht, sondern seinen Nutztieren das Kommando über Weide und Wald gibt. Eine Geschichte von Rindern als Schützer der Artenvielfalt.

Welche Kleidung ist vegan? Und ist diese gleichzeitig umweltfreundlicher? Darf man als Veganer in den Zoo gehen? Und wäre Fleisch aus der Petrischale vegan? Alles, was Sie schon immer über vegane Ernährung wissen wollten (aber nicht zu fragen wagten), beantwortet Ihnen Kathrin Burger. Und der Fotograf Cédric Widmer geht in seiner Fotostrecke augenzwinkernd der Frage nach, wie das Leben in einer veganen Zukunft aussehen könnte.

Auch abseits von Tisch und Teller hat Ihnen unsere aktuelle Ausgabe vieles zu bieten: In unserem „Elementarteil“, den regelmäßigen Rubriken im Greenpeace Magazin, berichtet der Binnenfischer Peter Meng über ein „biologisches Wunderwerk“ – den Aal. Außerdem erfahren Sie mehr über das Ende des Steinkohleabbaus in Deutschland, über die enorme politische Wirkung von „Klimaklagen“ gegen Regierungen und Unternehmen und darüber, warum Tigerhaie die Insel Maui so lieben. Und unser fotografisches Portfolio zeigt Ihnen, was eine australische Forscherin „aus Federn liest“.

Unsere aktuelle Ausgabe steckt voller Geschichten und Berichte darüber, wie man selbst als Einzelner die Welt ein bisschen besser machen kann. Sei es mit einer speziellen Diät, mit Leidenschaft für Tiere oder mit der Freude am Essen und Kochen. Wir zeigen: Was wir essen, macht den Unterschied – und soll Spaß machen. Wir freuen uns, wenn wir Sie in diesem Sinne inspirieren können. Vielleicht essen Sie in Zukunft ja auch öfter mal Blumen?

Lesen Sie mehr in der neuen Ausgabe des Greenpeace Magazins 4.18 „Ich ess' Blumen“. Diese erhalten Sie ab sofort im Warenhaus, ab dem 19. Juni am Kiosk oder ab 32,50 Euro im Abo. Sie können das Greenpeace Magazin auch in unserer digitalen Version lesen: mit allen Inhalten der Print-Ausgabe, optimiert für Tablet und Smartphone. Viel Inspiration beim Schmökern, Schauen und Ausprobieren!

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Triennale der Photographie Hamburg13.Jun 2018

Kunst macht Politik, auch Umweltpolitik – so wie die Triennale-Ausstellungen Enter und Escape

Auf der „Triennale der Photographie Hamburg“ ist Ökologie eines der zentralen Themen. Wir zeigen an ausgewählten Werken der Einführungsausstellung „Enter“ und des Umweltschwerpunkts „Escape“, wie sich Fragen zu Natur und Nachhaltigkeit künstlerisch verarbeiten lassen. Die beiden Ausstellungen sind noch bis zum 17. Juni in Hamburg zu sehen.

Unter dem Motto „Breaking Point. Searching for Change“ startete vergangene Woche die Triennale in Hamburg. Als Auftakt unserer Artikelreihe zu dem Fotofestival erzählte der Kurator Krzysztof Candrowicz im Interview, warum er glaubt, dass bei der Umweltzerstörung der Breaking Point bereits erreicht ist – und wie die Kunst beim Wandel helfen kann. Da es dabei vor allem um Fotografien und weniger um Worte geht, zeigen wir ausgewählte Werke aus verschiedenen Ausstellungen. Den Anfang machen die beiden Schwerpunkte „Enter“ und „Escape“, welche nur bis zum 17. Juni in Hamburg zu sehen sind. Welchen Bezug ihre Werke zu Umweltfragen haben, erzählen die Kuratoren und Künstler selbst.

ENTER

Klimawandel, Geflüchtetenbewegungen, Cyberattacken – „Enter“ setzt den visuellen Fokus auf globale Krisen und Umbrüche. Die Kuratoren und Künstler hinterfragen mit ihren Arbeiten gesellschaftliche Strukturen und deren Machtmissbrauch. „Wir sehen das Festival insgesamt als Ort für eine breite Debatte, in der aktuelle Verhaltensweisen diskutiert und herausgefordert werden können“, sagt Emma Bowkett, Kuratorin der Enter-Ausstellung. „Lucas Foglia, als einer der in ,Enter' ausgestellten Künstler, widmet sich in seinen Arbeiten einer komplexen und häufig unerwarteten Interaktion zwischen Mensch und Natur.“

Esme Swimming – von Lucas Foglia

„Die beiden ausgewählten Fotografien zeigen die Anpassung des Menschen an den Klimawandel. Sie sind positive Beispiele, wie die Menscheit auf die Notwendigkeit des Wandels reagiert. Das erste Bild ist eine Aufnahme aus Singapore, wo der ,Singapore Green Plan' die ,wilde' Natur zurück in den urbanen Raum trägt. Hier schwimmen die Grünflächen in Balkonpools, während in den Straßen darunter der Rushhour-Verkehr vorbeifließt“, so Foglia.

Esme Swimming

Esme Swimming, Parkroyal on Pickering, Singapore. Foto: Lucas Foglia. Courtesy of Michael Hoppen Gallery

New Crop Varieties for Extreme Weather – von Lucas Foglia

„Neue Varianten von Trauben, Paprika und Brombeeren werden in der ,Agricultural Experiment Station' im Staate New York angebaut und getestet werden. Die Wissenschaftler liefern sich einen Wettlauf mit der Zeit, um gegen den Klimawandel resistente Arten zu züchten. Dafür kreuzen sie Kulturpflanzen mit ihren wilden Vorfahren und erzeugen sehr robuste Sorten, die Hitzewellen, Frost und Dürren überleben. Da sich unberechenbare Wetterphänomene häufen, brauchen Farmer Nutzpflanzen, die solche Belastungen aushalten“, sagt der Künstler.

New Crop Varieties for Extreme Weather

New Crop Varieties for Extreme Weather, Geneva Greenhouses, New York State Agricultural Experiment Station, New York. Foto: Lucas Foglia. Courtesy of Michael Hoppen Gallery

ESCAPE

Parallel zu „Enter“ läuft die Ausstellung zum Umweltschwerpunkt „Escape“ im Museum für Völkerkunde Hamburg. Der Kurator Virgílio Ferreira will zusammen mit den ausgestellten Künstlern Umweltveränderungen und ökologische Notlagen künstlerisch verarbeiten und setzt an verschiedenen gesellschaftlichen Schnittstellen an. Das Spektrum reicht von utopischen und dystopischen Narrativen, den Auswirkungen menschlichen Handelns und der Beziehung von der Menschheit zu unserem Planeten bis hin zu ökologischem Ego- und Altruismus. „Ziel der Escape-Ausstellung war es, experimentelle und gesamtheitliche Projekte anzuregen. Wir wollen Politik mit Kunst, Fühlen mit Denken und Fotografie mit unterschiedlichen Aspekten von Kunst, Sozialwissenschaften und Umweltfragen zusammenbringen“, so Ferreira.

Besos: A Noble Ecosystem – von Duae Collective

„Unser Kunstprojekt zeigt Blätter, Erde, Steine und andere Materialien, die wir im Besòs-Fluss gefunden haben. Der Flusslauf trennt Barcelona von seinen Vororten und ist ein positives Beispiel dafür, wie Menschen ihre Städte lebens- und umweltfreundlicher gestalten können. War das Gewässer einst das am meisten verschmutzte in Europa, wird es heute als ökologische Ressource im urbanen Raum genutzt“, sagt Luna Coppola vom Künstlerkollektiv Duae Collective.

Besos: A noble ecosystem

02 Collecting the Species / Besos: A Noble Ecosystem. Foto: Duae Collective (Luna Coppola and Silvia Campidelli)

Some star dust matter – von Lisa Hoffmann

„Meine Bilder sind nur auf den ersten Blick schön, denn wenn man genauer hinsieht, offenbaren sie die Absurdität und deformierte Realität, in der wir leben“, sagt die Künstlerin über ihr Werk. Wir zeigen ein Standbild von Hoffmanns Video-Installation „Some star dust matter”.

Some star dust matter

Some star dust matter. Foto: Lisa Hoffmann

Die thematischen Schwerpunkte der Triennale sind in Befehle einer Computertastatur geordnet – also in Enter, Home, Control, Space, Shift, Return, Delete und Escape. Laut Kurator Candrowicz täuschen diese klassischen Computerbefehle uns Simplizität vor, wo Komplexität herrscht. Denn genauso wenig wie die digitale, sei die analoge Welt durch klar definierte Steueroptionen beherrschbar. Im Gegenteil: Alle gesellschaftlichen Bereiche sind miteinander verwoben. So wirken sich bestimmte politische Entscheidungen direkt auf unsere Umwelt aus und hängen wiederum von Lobbyismus und teils undurchsichtigen Wirtschaftsinteressen ab. Diesem komplexen Beziehungsgeflecht will das Ausstellungskonzept der Triennale gerecht werden.

Weitere Ausstellungen der 7. „Triennale der Photographie Hamburg“, die noch bis in den Spätsommer oder Herbst dieses Jahres laufen werden, stellen wir in den folgenden Wochen in unseren Nachrichten auf greenpeace-magazin.de vor.

Nora Kusche

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Triennale der Photographie Hamburg06.Jun 2018

Triennale-Kurator: „Wenn es um die Umwelt geht, brauchen wir ein radikales Umdenken“

Am Donnerstagabend öffnet das Kunstfestival „Triennale der Photographie Hamburg“ seine Tore. Damit starten vier Monate an Fotografie-Ausstellungen, Künstlergesprächen und mehr – alles unter dem Motto „Breaking Point. Searching for Change.“ Der Kurator Krzysztof Candrowicz erzählt im Interview, warum er glaubt, dass bei der Umweltzerstörung der Breaking Point erreicht ist – und wie Kunst beim Wandel helfen kann.

Seit 1999 zeigen internationale Künstler und Fotografen alle drei Jahre ihre Werke an Orten überall in Hamburg. Neben zahlreichen Ausstellungen ergänzen Künstlergespräche, Vorträge und weitere Events traditionell das Programm der „Triennale der Photographie Hamburg". Im Interview erzählt der Kurator Krzysztof Candrowicz, wie er mit dem diesjährigen Ausstellungsmotto explizit auf Umweltzerstörung und ihre Folgen hinweisen will – und warum Kunst per se politisch ist.

Herr Candrowicz, wofür steht „Breaking Point“ im Motto der 7. Triennale der Photographie Hamburg?

Wenn es um die Umwelt geht, brauchen wir ein radikales Umdenken – wir sind also an einem Breaking Point. Die Menschen müssen ihr Verhalten ändern, die Politik ihre Strukturen und die Wirtschaft muss auf das Teilen ausgerichtet werden, statt immer weiter auf individuellen Konsum zu setzen. Außerdem müssen wir die Umweltkosten bei allem mitdenken. Wenn wir so weitermachen wie bisher, wird es die Menschheit nicht mehr lange geben. Wir haben die Belastungsgrenze erreicht und deshalb müssen wir das Steuer herumreißen – sofort und in jeder gesellschaftlichen Dimension.

Triennale-Kurator Krzysztof Candrowicz

Krzysztof Candrowicz hat das diesjährige Kunstfestival „Triennale der Photographie Hamburg“ kuratiert. Umweltschutz ist ihm nicht nur persönlich wichtig, sondern auch in seiner künstlerischen Arbeit immer wieder zentrales Thema. Foto: Triennale der Photographie Hamburg

Ist eine Kunst-Ausstellung der richtige Ort für dieses politische Anliegen?

Ja, das politische Statement ist inzwischen zentraler Bestandteil der künstlerischen Arbeit. Es ist jetzt an der Zeit, verstärkt Inhalte zu diskutieren – auch als Künstler. Wir brauchen ein neues Bewusstsein für die Probleme unserer Welt.

Also ist Kunst politisch?

Auf jeden Fall, denn im Prinzip ist jede Entscheidung, die wir treffen, politisch. Also die Art, wie wir leben, wo wir arbeiten, was wir essen. Unser Lifestyle ist ein politisches Statement – und in diesem Sinne auch unsere künstlerische Arbeit. Es ist also gar nicht möglich, dass Kunst nicht politisch ist.

Das komplette Motto der Phototriennale lautet: „Breaking Point. Searching for Change“. Nach einem gesellschaftlichen Wandel suchen – wie kann Fotografie so etwas leisten?

Indem sie Probleme verarbeitet, thematisiert und zu neuen Gedanken und Ideen anregt. Gerade Fotografie und Film haben einen starken emotionalen Effekt auf Menschen. Wenn wir Fakten über das Abschmelzen der Pole hören, sind das eben nur Fakten. Aber wenn wir anhand von Bildern oder Videos auch sehen können, was da passiert, hat es einen emotionalen Effekt: Dann fühlen wir mit beim Schwinden des ewigen Eises, dem Abholzen der Wälder, der Verdreckung der Meere, dem Aussterben von Tierarten. Natürlich glaube ich nicht, dass wir durch unsere Ausstellungsreihe einen direkten Einfluss auf die konkrete Politik nehmen können. Es werden weder Donald Trump noch Angela Merkel oder Wladimir Putin zu uns kommen, um sich die Ausstellungen anzusehen. Aber dennoch ist Kunst mächtig, wir erreichen die Eliten.

Es geht Ihnen um die Avantgarde?

Es geht auch um deren Einfluss. Im Prinzip geht es uns aber um alle und jeden. Unser räumliches Konzept hat einen besonderen Fokus auf die Menschen, die sonst nicht in Ausstellungen kommen. In der Kunstszene ist das Bewusstsein für Umweltthemen und bestimmte politische und gesellschaftliche Fragen sowieso schon da. Die besondere Herausforderung ist es, Menschen zu erreichen, für die das neu ist. Und das versuchen wir, indem wir die Hemmschwelle zur Hochkultur senken. Wir stellen überall in der Stadt aus – nicht nur in Museen, sondern an allen möglichen Orten im urbanen Raum. Wir haben beispielsweise Container, die auf einer Wiese stehen und so jedem zugänglich sind, da kann man einfach hereinspazieren. Außerdem haben wir extra auch ganz ungewöhnliche Orte gewählt, wie zum Beispiel ein Boot, in dem das Aussterben von Schildkröten im Mittelmeer gezeigt wird. Also, die Menschen müssen nicht in einen klassischen Kulturtempel gehen, um unsere Fotografien zu sehen.

Fotoarbeit: Soup, Birds Nest, von Mandy Barker

Die Fotoarbeit „SOUP: Bird's Nest“ von Mandy Barker zeigt weggeworfene Angelleinen, die nestartige Bälle geformt haben und spielt mit Bildern von Natur, Universum und Umweltverschmutzung. Barkers Arbeiten sind Teil der Einführungsausstellung „Enter“ der 7. Triennale Photographie Hamburg. Foto: Mandy Barker, Courtesy of East Wing Gallery, Dubai

Wie behält man da die Übersicht?

Wir haben die Schwerpunkte der Triennale in Tastaturbefehle geordnet, wie Enter, Home, Control, Delete oder Space. Diese klassischen Computerbefehle täuschen uns Simplizität aber nur vor, wo doch eigentlich Komplexität herrscht. Denn genauso wenig wie die digitale, ist die analoge Welt durch simple, effiziente Steueroptionen beherrschbar. Im Gegenteil: Die Politik hat gravierende Folgen für die Umwelt und diesbezügliche Entscheidungen hängen wieder von den Finanzen und der Wirtschaft ab. Das heißt, ohne politischen Willen und ökonomischen Support wird es keinen ökologischen Wandel geben. Und diese Komplexität – der verschiedenen Dimensionen und ihr Beziehungsgeflecht zueinander – wollen wir mit unserem Ausstellungskonzept gerecht werden. Einen ersten Eindruck geben wir mit der Einführungsausstellung „Enter“, die vom 7. bis zum 17. Juni als Teil des Festivalzentrums den Deichtorhallen-Vorplatz bespielt und von Klimawandel über Flüchtlingskrise bis zu Cyberattacken globale Veränderungen thematisiert.

Sind Umwelt und Umweltschutz überall gleich präsent?

Die Umwelt spielt überall eine Rolle. Aber es gibt auch einen Schwerpunkt zu Umweltthemen im engsten Sinn: „Escape“ ist eine Ausstellung, die sich explizit mit ökologischen Veränderungen und Notlagen beschäftigt. Diese Arbeiten finden sich vom 8. bis 17. Juni im Museum für Völkerkunde. Bei „Home“ hingegen präsentieren wir die Arbeiten hauptsächlich im öffentlichen Raum, und zwar vom 8. Juni bis zum 26. August. Da zeigen wir die Facetten des Zuhauseseins, aber auch Verdrängung, Verdichtung, Verteidigung und Zerstörung. Hier werden auch persönliche Geschichten erzählt, wie die von drei Wohnungslosen, die fotografisch ihren Alltag dokumentierten. Der Kurator dieser Ausstellungsreihe, Nico Baumgarten, lebt selbst mitten in Berlin, aber in einem Baum, in den er sich ein Häuschen gezimmert hat. So setzt er sich nicht nur in seiner Ausstellung kritisch mit dem Ort und Gefühl des „Zuhauseseins“ und dem Zusammenspiel von Urbanität und Umwelt auseinander, sondern auch durch seinen Lebensstil. Und das zeigt wieder die Ausgangsthese der Triennale: Alles ist politisch – und insbesondere die Art, wie wir leben.  

Interview: Nora Kusche

Aufmacherbild: Martin Errichiello & Filippo Menichetti, Courtesy of the artists

In den folgenden Wochen werden wir einige ausgewählte Ausstellungen der Triennale der Photographie Hamburg in unseren Nachrichten auf greenpeace-magazin.de vorstellen.

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Nachhaltigkeit04.Jun 2018

„Wenn niemand Druck macht, dann passiert auch nichts“

Auf der 18. Jahreskonferenz des Rates für Nachhaltige Entwicklung geht es in diesem Jahr um Transformation und die Nachhaltigkeitsstrategie Deutschlands. Spötter nannten das Event schon mal das „Klassentreffen der Weltretter mit exzellenten Häppchen“. Ratsmitglied Heidemarie Wieczorek-Zeul erklärt im Interview, was da dran ist, wie der Rat eigentlich arbeitet und ob das Konzept Nachhaltigkeit zum Kapitalismus passt.

Thesen, Taten, Transformation – das ist das Motto der diesjährigen Jahreskonferenz des Rates für Nachhaltige Entwicklung, die an diesem Montag in Berlin stattfindet. Doch wer tagt da eigentlich genau? Der Rat wurde 2001 von der Bundesregierung ins Leben gerufen, um auf nationaler Ebene voranzutreiben, worauf sich 178 Staaten auf internationaler Ebene geeinigt hatten: Die Agenda 21, ein 359 Seiten starkes Aktionsprogramm für nachhaltige Entwicklung. Es ging dabei darum, alle Politikbereiche auf den Prüfstand zu stellen: Wird hier so gearbeitet, dass die Bedürfnisse der Gegenwart befriedigt werden, ohne zu riskieren, dass künftige Generationen ihre eigenen Bedürfnisse nicht befriedigen können?

Seit 2016 wird die Nachfolgeagenda vorangetrieben. Die sogenannte Agenda 2030 kämpft gegen Armut und für die Senkung der Luftbelastung, sie soll für Geschlechtergerechtigkeit sorgen, den Klimaschutz vorantreiben, dem Verschwinden der Artenvielfalt Einhalt gebieten, neue Mobilitätsstrategien entwickeln und der Energiewende und einer nachhaltigen Digitalisierung den Weg bereiten. Man könnte auch sagen: Die Nachhaltigkeitsstrategie soll alles besser machen. Doch wie soll das gehen? Und warum bekommt man von der Arbeit der 15 Expertinnen und Experten (darunter der Präsident des Naturschutzbundes, der Vorsitzenden der Deutschen Telekom Stiftung, und die stellvertretende Direktorin des Deutschen Instituts für Entwicklungspolitik) nur so wenig mit?

Wir fragen das Ratsmitglied Heidemarie Wieczorek-Zeul, die von 1998 an für elf Jahre das Ministerium für Entwicklung und Zusammenarbeit leitete. Während dieser Zeit hat die Sozialdemokratin an der Erarbeitung und der Umsetzung der Millennium Development Goals mitgewirkt, und hat mit Ihrem Einsatz für Schuldenerlass für Entwicklungsländer, für friedensstiftende Investitionen in Afghanistan und ihrem Einsatz für die Gesundheit von Frauen und Mädchen starke Akzente in der deutschen Entwicklungspolitik gesetzt.

greenpeace magazin: „Nie war es so einfach, ein besserer Mensch zu sein: Wir trinken für den guten Zweck, wir essen Brot für die Dritte Welt, veranlassen die eigene Krötenwanderung zur nächstgelegenen Sozialbank. Wir sind fair, leben bio, fahren öko. Doch das neue Bewusstsein ist nur eine Fassade, hinter der die alte, schmutzige Konsumwirtschaft quicklebendig ist.“ Das sagte Sina Trinkwalder in ihrer Laudatio, als sie 2001 vom Rat für Nachhaltige Entwicklung als „Social Entrepreneur der Nachhaltigkeit″ ausgezeichnet wurde. Der Vorwurf: Beim Thema Nachhaltigkeit gehe es mehr um Schein als Sein, Stichwort „Greenwashing“. Hat sich daran in den letzten Jahren etwas geändert?

Heidemarie Wieczorek-Zeul: Ich kann die Kritik verstehen, bin aber selbst weniger pessimistisch. Es gibt viele, die sich engagieren und die versuchen, ihre Prozesse im Hinblick auf Nachhaltigkeit positiv zu beeinflussen: die ressourcenschonend produzieren, Klimaschutz mitdenken und Gleichstellung in ihren Unternehmen durchsetzen wollen. Das sind alles wichtige Schritte in die richtige Richtung. Nachhaltigkeit ist eine vielschichtige Angelegenheit und eben nicht einfach zu erreichen – es braucht eine tiefgreifende sozial-ökologische Transformation der Gesellschaft und der Wirtschaft. Weil das so komplex ist, wirken die ersten Schritte manchmal vielleicht zu klein für den ganzen Weg. Aber irgendwo muss man ja anfangen. Wie erfolgreich die Umsetzung der Nachhaltigkeitsziele in Deutschland voranschreitet, zeigt sich auch auf der anstehenden Konferenz: Eine Gruppe internationaler Expertinnen und Experten hat die Deutsche Nachhaltigkeitspolitik auf den Prüfstand gestellt. Ich will nicht zu viel vorab verraten, aber das Gutachten benennt meiner Meinung nach einen zentralen Kritikpunkt: Es braucht stärkere Kontrollen über die Umsetzung der Nachhaltigkeitsziele, am besten durch das Parlament. Wenn niemand Druck macht, dann passiert auch nichts.

Sie wurden 2016 von der Bundesregierung als Mitglied für den Rat für Nachhaltige Entwicklung vorgeschlagen und arbeiten seitdem dort mit. Was sind die Ziele des Rates und wie setzen Sie sie um?

Ziel der Agenda 2030 ist es, einen Wandlungsprozess in Gang zu setzen. Die Nutzung von Ressourcen, das Ziel von Investitionen und die Richtung technologischer Entwicklung müssen so verändert werden, dass den Bedürfnissen heutiger und zukünftiger Generationen entsprochen werden kann. Das klingt sehr komplex, aber die meisten Menschen wissen ja intuitiv, was damit gemeint ist: Man darf nicht mehr ernten, als nachwächst. Sonst bekommt man über kurz oder lang ein Problem. Wir als Rat kontrollieren und beraten die Bundesregierung in der Nachhaltigkeitsstrategie, wir begleiten die Umsetzung und stoßen öffentliche Debatten über nachhaltige Entwicklung an. Ganz konkret schreiben wir Stellungnahmen zur Deutschen Nachhaltigkeitsstrategie und zu den globalen Nachhaltigkeitszielen. Wir geben Impulse in die Ministerien, versuchen ressortübergreifende Politik zu initiieren, fördern zivilgesellschaftliche Initiativen und nachhaltiges Unternehmertum. Wie gesagt: Um komplexe Veränderungen anzustoßen muss man breit aufgestellt sein. Das macht es aber auch schwieriger, unsere Arbeit einfach auf einen Punkt zu bringen. Vieles von dem, was wir tun, vollzieht sich im Hintergrund – eine Herausforderung für die Öffentlichkeitsarbeit.

Was glauben Sie: Wie viele Menschen in Deutschland kennen die Nachhaltigkeitsstrategie und die Arbeit des Rates?

Ich denke, der Rat hat in den letzten 15 Jahren enorm viel zur Debatte über Energie- und Klimapolitik beigetragen. Die Notwendigkeit des Ressourcenschutzes, der Klimagerechtigkeit, der enkeltauglichen Zukunft – all diese Debatten hat der Rat für Nachhaltigkeit befeuert. Es geht im Kern ja darum zu verhindern, dass dies ein Jahrhundert wird, in dem wir die Erde derart zerstört haben, dass niemand mehr hier leben kann. Andererseits sind nicht mal Berufspolitiker wie Christian Lindner von der FDP über die Nachhaltigkeitsziele im Bilde. Lindner hatte im Wahlkampf eine Agenda 2030 gefordert – offensichtlich in Unkenntnis darüber, dass es die schon gibt. Da muss man sich schon fragen: Treten wir entschlossen genug auf? Und wissen Menschen in der Politik genug über die Agenda 2030?
Manche Rats-Kolleginnen und -Kollegen widmen sich der Forschung, andere dem Verbraucherschutz – für mich ist es das wichtigste Ziel, die Notwendigkeit für den sozial-ökologische Wandel in die Öffentlichkeit zu tragen. Für meinen Geschmack dürfte es dabei auch gerne mehr Konflikte geben. Zum Beispiel sind im aktuellen Haushalt der Bundesregierung für einige Nachhaltigkeitsziele etwa im Bereich internationaler Gesundheit viel zu wenig Mittel angesetzt. Da bin ich auch nicht Sprecherin meiner Partei, sondern Nachhaltigkeits-Verfechterin: Es muss einfach mehr von der Bundesregierung kommen.

In der Ankündigung der 18. Jahreskonferenz steht: „Viele und wesentliche Entwicklungen in Bezug auf Nachhaltigkeit laufen global und in unserem Land in die falsche Richtung.“ Was ist damit konkret gemeint?

Wir brauchen eine sozial-ökologische Transformation, das ist klar. Allerdings findet zeitgleich etwas statt, das ich „Gegentransformation“ nenne: Nationalistische Politik hat starken Zulauf, die internationale Solidarität wird geschwächt, die internationale Zusammenarbeit untergraben. Es gibt weltweit eine Tendenz, die Schotten dicht zu machen. Die Zeit drängt, um mit den Nachhaltigkeitszielen voranzukommen, aber gleichzeitig müssen wir auch das verteidigen, was die Weltgemeinschaft seit Jahrzehnten aufgebaut hat: eine internationale Politik der Zusammenarbeit und der Verständigung.
Ich bin mir sicher, dass es in der Umsetzung unserer Ziele nicht immer nur schiedlich-friedlich zugehen kann. Wir müssen für die Agenda einstehen und auch mal auf den Tisch hauen, wenn es nötig ist, um mit den weltweiten Entwicklungen – Klimawandel, Konflikte, Ressourcenknappheit – schritthalten zu können.

Wie kann man Nachhaltigkeit messen?

Nachhaltigkeit ist natürlich nur schwer in Zahlen zu fassen – das Problem kenne ich schon aus meiner Zeit im Entwicklungsministerium. Aber es werden keine Ziele entwickelt, für die nicht auch gleichzeitig Indikatoren festgesetzt werden – anhand dieser Indikatoren kann der Fortschritt bemessen werden. Ein Beispiel: Das Nachhaltigkeitsziel 5 der Agenda 2030 postuliert die Gleichstellung der Geschlechter und die Stärkung von Frauen und Mädchen. Die Indikatoren, die für Deutschland festgelegt wurden sind: Den Gender-Pay-Gap reduzieren, den Anteil von Frauen in Aufsichtsräten von börsennotierten Unternehmen steigern, die Zahl der Frauen in Entwicklungsländern, die von beruflicher Qualifizierung profitieren, um ein Drittel erhöhen. Wichtig ist bei der Festlegung von Indikatoren, dass man die Verschränkung der nationalen und der globalen Entwicklung im Blick hat. Das Prinzip der Nachhaltigkeit funktioniert nur grenzüberschreitend – das liegt doch auf der Hand. Deshalb sind internationale Institutionen auch so wichtig für die Nachhaltigkeitspolitik. Das „Hochrangige Politische Forum für Nachhaltige Entwicklung“ (High-level Political Forum on Sustainable Development) der Vereinten Nationen ist das entscheidende Gremium zur Abstimmung der globalen Nachhaltigkeitspolitik. Das weiß aber fast keiner. Ich finde es jedenfalls sehr bedauerlich, dass sich etwa bei G20 die Journalisten in Hamburg stapeln, bei einem konstruktiven Gremium wie diesem aber kaum Berichterstattung stattfindet.

Sie sprechen von tiefgreifenden Veränderungen, die notwendig sind um eine nachhaltigere Gesellschaft zu schaffen. Teile der Zivilgesellschaft ziehen in Zweifel, dass das Konzept Nachhaltigkeit überhaupt mit dem Wachstums-Diktat des Kapitalismus vereinbar ist. Wie sehen Sie das?

Ich bin keine Anhängerin dieser Degrowth- oder Postwachstums-Idee. Meiner Meinung nach ist die entscheidende Frage im 21. Jahrhundert nicht: ‚Kapitalismus: Ja oder nein?‘ sondern ‚Wie kann in der Globalisierung der Kapitalismus ökologisch und sozial gebändigt werden?‘. Das Wirtschaftssystem muss unzweifelhaft nachhaltig gestaltet werden – darauf zielt die Arbeit des Rates ab.

Wer sind die wichtigsten Verbündeten des Rates: Die Wirtschaft, die Politik oder die Zivilgesellschaft?

Es braucht mutige politische Entscheidungen, eine Zivilgesellschaft, die von unten Druck macht und Unternehmen, die ihre Verantwortung für die Gesellschaft ernst nehmen. Meiner Meinung nach ist das die Stärke des Rates für Nachhaltige Entwicklung: dass wir diese Player immer wieder an einen Tisch bringen und vernetzen und so die Türen für die Agenda 2030 aufstoßen. Wir haben noch zwölf Jährchen und es gibt noch sehr viel zu tun.

Interview: Julia Lauter

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Klimaschutz01.Jun 2018

Wie hundert Berliner Haushalte das Klima schützen

Berlin hat beschlossen, bis 2050 klimaneutral zu werden. Das Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung testet in der Hauptstadt, was die Bürger dazu beitragen können. Nach 150 Tagen zeigt sich: es ist gar nicht so schwer, seine CO2-Bilanz zu verbessern – wenn man Flugreisen meidet.​

Alexander Obst, 52 Jahre alt, Projektmanager in einer Unternehmensberatung, verheiratet, ein Sohn, wohnhaft in einem 103 Quadratmeter großen Reihenhaus in Berlin, ist ganz zufrieden mit der Bilanz seiner Familie. Angefangen mit einem Haushaltsaufkommen von 27 Tonnen CO2-Emissionen pro Jahr hat die Familie nach den ersten 150 Tagen bereits mehr als ein Drittel der Emissionen eingespart. „Wir sind im Durchschnitt ganz gut“, sagt Obst, „wir sehen aber auch, wo unsere Achillesferse liegt.“ Hochgerechnet auf das ganze Jahr liege der Verbrauch momentan bei 16,7 Tonnen – wenn es nicht diesen einen ungeplanten Ausrutscher gegeben hätte, der die gesamte Bilanz verhagelt hat.

Im Energiewendegesetz von 2016 hat der Berliner Senat festgelegt, dass das Land Berlin bis zum Jahr 2050 klimaneutral werden soll. Die energiebedingten Kohlendioxidemissionen sollen bis dahin um mindestens 85 Prozent im Vergleich zum Jahr 1990 reduziert werden. Wie kann das erreicht werden? Und wie kann die Bevölkerung ihren Beitrag leisten?

Letzteres herauszufinden ist das Anliegen einer Untersuchung des Potsdam-Instituts für Klimafolgenforschung (PIK). Die Wissenschaftler wollen zeigen, dass es unter heutigen Lebens- und Marktbedingungen möglich ist, deutlich klimafreundlicher zu leben als bisher. Die durchschnittliche Last eines jeden Deutschen liegt derzeit bei rund elf Tonnen Kohlendioxid pro Jahr. Ziel des Experimentes ist es, die CO2-Emissionen von hundert teilnehmenden Haushalten innerhalb eines Jahres um vierzig Prozent zu senken.

Im Elektrobereich spart die Familie etwa eine Tonne CO2 ein 

Obst, seine Frau und sein siebzehnjähriger Sohn sind Probanden in diesem Experiment. Ein Jahr lang geben sie jede Woche Daten in eine Online-Maske ein: Welche Fahrten haben sie mit welchem Fortbewegungsmittel unternommen? Welche Lebensmittel haben sie gekauft – bio, regional oder konventionell erzeugte? Wieviel Fleisch haben sie gegessen, wieviel Strom von welchem Anbieter verbraucht? Und so weiter. Eine Stunde dauert das jedes Mal. Dann werden alle Daten in CO2-Emissionen umgerechnet.

Während des ganzen Jahres werden die Probanden, die sich alle freiwillig gemeldet haben, von Wissenschaftlern des PIK begleitet, bekommen kostenlose Beratungen und Möglichkeiten aufgezeigt, wie sich die Bilanz verbessern ließe. Zu Beginn kam ein Energieeinsparberater des BUND zu den Obsts nach Hause. Sie besorgten daraufhin neue Leuchtmittel, stellten die Heizung besser ein und kauften sogar einen neuen Kühlschrank. Im Elektrobereich sparte die Familie durch all die Maßnahmen 25 Prozent oder etwa eine Tonne CO2 ein. Alexander isst seit Beginn des Jahres weniger Fleisch, seine Frau ist schon Vegetarierin, nur der Sohn will nicht auf Fleisch verzichten. Auch das Auto bleibt öfter stehen. „Durch die ständige Selbstüberprüfung wird einem schnell bewusst, was eigentlich den größten Einfluss hat“, sagt Obst – und ist wieder bei der Achillesferse der Familie: den Reisen.

Obsts Sohn hat an einem Schüleraustausch teilgenommen. Ziel: Neuseeland. „Da können wir machen, was wir wollen, die vierzig Prozent Reduktion sind damit nicht mehr möglich“, sagt Obst. Mit 11,6 Tonnen tauchen Hin- und Rückflug in der Bilanz auf, etwa so viel also wie der Durchschnittsdeutsche im Jahr an Treibhausgasen verursacht. Auch im Sommer will die Familie in den Urlaub fliegen. Obst lässt sich dennoch nicht entmutigen. Er nimmt viel mit aus dem Experiment, und so viel fliegt die Familie ja nicht in jedem Jahr. „Wir haben uns für den Rest des Jahres vorgenommen, möglichst wenig Sünden zu begehen“, sagt er. Im Frühjahr reiste die Familie deshalb mit dem Zug in Schweiz statt zu fliegen, obwohl es teurer war und länger dauerte.

Das Ziel, im Schnitt vierzig Prozent Emissionen einzusparen, wird wahrscheinlich verfehlt

„Die meisten der Probanden gehören schon zu den engagierteren Menschen, die sich bereits mit dem Klimawandel auseinandergesetzt haben“, sagt Fritz Reusswig, Projektkoordinator beim PIK. Deshalb lag der Emissionsdurchschnitt bei den Probanden schon zu Beginn deutlich unter dem Bundesdurchschnitt. „Je niedriger die Pro-Kopf-Emissionen sind, desto schwieriger wird es, nochmal vierzig Prozent einzusparen“, sagt Reusswig. Das Ziel werde wahrscheinlich verfehlt. Das sei aber kein Problem, schließlich sei das Projekt in Berlin nur der Auftakt. Es soll auf andere Städte und auch auf ländliche Regionen ausgeweitet und übertragen werden. Das wäre wichtig, um repräsentativere Ergebnisse zu bekommen und um mehr darüber zu erfahren, wie die Bürger mithelfen können die Klimaziele einzuhalten – und was sie bereit sind zu tun. „Es zeichnet sich ab, dass die Probanden durchaus ihre Gewohnheiten ändern“, sagt Reusswig. „Basierend auf unseren Erkenntnissen wollen wir schließlich Politikempfehlungen ableiten, wie unser aller Leben klimafreundlicher werden kann“, sagt Reusswig.

Die Obsts wären gerne weiter dabei, sollte das Projekt in Berlin verlängert werden. Im nächsten Jahr, das überlegen sie gerade, schaffen sie vielleicht ihr Auto ab. „Jeder Einzelne hat Verantwortung“, sagt Alexander Obst, „jeder kann in vielen Bereichen etwas tun. Aber allein die Maßnahmen von Einzelnen reichen nicht aus.“

Bastian Henrichs

Aufmacherbild: picture alliance/chromorange

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Veganer – 4.18
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