Schülerstreik fürs Klima23.Apr 2019

"Diese Bewegung kommt nicht aus dem Nichts“

"Diese Bewegung kommt nicht aus dem Nichts“

Sie schwänzen einfach weiter. Seit Monaten gehen weltweit Schüler für das Klima auf die Straße. Entwickelt sich da vielleicht eine neue und nachhaltige Protestkultur? Die Anthropologin Darcy Alexandra sieht Parallelen zu anderen Demonstrationen.

Seit Monaten schwänzen Schüler weltweit jeden Freitag den Unterricht, um für eine bessere Klimapolitik auf die Straße zu gehen. Anfangs wurden die „Fridays For Future“-Demonstrationen noch belächelt, mittlerweile sind sie eine globale Bewegung geworden, die von vielen Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern unterstützt und von Teilen der Politik kritisiert werden. Die US-amerikanische Anthropologin Darcy Alexandra forscht an der Universität Bern über zivilen Widerstand und dessen Potenziale im Zeitalter des Klimawandel und beobachtet auch in der Schweiz eine neue öffentliche Protestkultur. Wir haben mit ihr über die Frage gesprochen, ob der Schülerstreik ein geeignetes Mittel ist, um Politiker zu verantwortllicherem Handel beim Klimaschutz zu bringen.

Frau Alexandra, können die aktuellen Klimaschutz-Demonstrationen wirklich zu einer besseren Umwelt-Politik führen?

Ich will Ihnen mit Alexandria Ocasio-Cortez antworten, die mit 29 Jahren als Demokratin und jüngste Abgeordnete im amerikanischen Repräsentantenhaus sitzt und gleichzeitig Mitglied der Demokratischen Sozialisten Amerikas ist. Ihre progressive Politik zeigt, dass ein anderes Amerika möglich ist. Sie hat sich damit gegen einflussreiche Gegenkandidaten durchgesetzt. Ihr Einfluss ist vor allem unter jungen Menschen immens. Ocasio-Cortez nennt als Motivation für ihren Start in die Politik die Indigenen-Proteste gegen die Dakota-Access-Pipeline ab April 2016, die als „Standing Rock“ bekannt wurden. Zwar gelten sie nach der gewaltsamen Niederschlagung durch Donald Trump oft als Niederlage, aber sie haben dazu geführt, dass Menschen lernen, sich Alternativen vorzustellen. Occupy Wallstreet, Standing Rock, Extinction Rebellion, Hambacher Forst oder der Klimastreik der Schüler stehen alle in einer direkten Linie.

Und wohin führt diese Linie?

Solche Bewegungen drängen Regierungen einerseits zu verantwortungsvoller Politik, andererseits ist das, was sie erzwingen, stets gefährdet. Rechtspopulistische Regierungen weltweit zeigen: Was als gewonnen gedacht wurde, ist es nicht für immer. Deshalb liegt der Beitrag dieser Bewegungen vor allem auch darin, eine dauerhaft aktive Zivilgesellschaft zu schaffen. Sie sorgen dafür, dass Menschen eine andere Welt für möglich halten und sich dafür einsetzen. Dies ist auch in der Schweiz zu sehen. Die Gegenwehr wird seit einigen Jahren stärker. An den Klimastreiks ziehen landesweit regelmäßig zwischen 50.000 und 100.000 mit. Das kommt nicht aus dem Nichts.

Aber ist die Straße im 21. Jahrhundert wirklich der geeignete Ort, um Menschen zu erreichen?

Sicher nicht der einzige, aber ich kenne keine Alternativen mit derselben Kraft. Vielleicht liegt es an uns, diese zu finden. Von großer Bedeutung ist auf jeden Fall auch die Arbeit in der Gemeinschaft. Es lohnt sich in diesem Zusammenhang auf die Journalistin Rebecca Solnit und Wissenschaftlerin Alexis Shotwell zu hören. Die beiden US-Amerikanerinnen machen immer wieder klar, dass die lokale Arbeit zentral ist. Auf die Frage, wie wir uns gegen Missstände wehren können, antworten sie: „Handle genau jetzt, genau dort, wo du bist.“ Die beiden nennen immer wieder „Purity“ als heutiges Grundproblem in der westlichen Gesellschaft.

Was meinen sie damit?

Purity ist die Vorstellung einer sterilen, reibungslosen Welt. Der Rückzug ins Private und die Angst vor Verletzlichkeit stehen im Zentrum. Es geht darum, jede Form von Heterogenität zu verhindern. Shotwell hat dem Konzept sogar ein ganzes Buch gewidmet – und zwar dagegen. In „Against Purity“ schreibt sie, dass „purity“ eine dekollektivierende und demobilisierende Politik der Verzweiflung sei. Was wir aber brauchen sind aktive Gemeinschaften voller Hoffnung. Hoffnungslosigkeit, so schreibt Rebecca Solnit, sei ein Luxus, den wir uns nicht leisten könnten.

Wie gelingt Hoffnung?  

Wie ich bereits gesagt habe: Dadurch, dass wir lernen, Alternativen für möglich zu halten. Unser wirklicher Feind ist der Zynismus. Er macht uns feige und faul.

Interview: Olivier Christe

Aufmacherbild: picture alliance/Keystone

Als vor ein paar Wochen der Protestzug der Schüler in Basel über die zentrale Rheinbrücke ging, gruben unter ihm riesige Bagger den Fluss aus, damit er auch bei Niedrigwasser im Sommer schiffbar bleibt. Was das mit dem Klimwandel zu tun hat, erfahren Sie in der aktuellen Ausgabe des Greenpeace Magazins 3.19. Diese erhalten Sie im Warenhaus, seit dem 18. April am Kiosk oder ab 32,50 Euro im Abo. Sie können das Greenpeace Magazin auch in unserer digitalen Version lesen: mit allen Inhalten der Print-Ausgabe, optimiert für Tablet und Smartphone. Viel Inspiration beim Schmökern, Schauen und Teilen!

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