Meeresprodukte18.Apr 2018

Algen als Superfood – wichtige Nährstoffquelle oder riskante Jodschleuder?

Während Firmen schon mit nährstoffreichen Limonaden aus dem „ältesten Superfood der Welt“ werben, testen Forscher Algen als Alternative zum Fischkonsum. Sogar ein Algenbier soll im Juni auf den Markt kommen. Allerdings warnen Verbraucherschützer, dass zu viel des Guten gesundheitsschädlich sein kann.

Algen sind ein ständig nachwachsender Rohstoff. Viele Arten brauchen keine Agrarfläche, keinen Dünger, kein Süßwasser, sondern lediglich das Meer, in dem sie wachsen und gedeihen können. Umweltschützer preisen Algen angesichts fortschreitender Überfischung als Alternative zu tierischen Meeresprodukten an. Die Genügsamkeit der Wasserpflanzen macht sie auch für Wirtschaft und Forschung attraktiv. Gerade testen sowohl Firmen wie auch Forschungsinstitute, zu welchen Lebensmitteln außer Sushi Algen passen könnten. Gleichzeitig warnen Verbraucherschützer, dass man algenhaltige Produkte wegen ihres hohen Jod-Gehalts nur in Maßen konsumieren sollte.

„Meeresalgenprodukte können gesundheitsschädliche Mengen an Jod enthalten“, sagt Gudrun Köster, Referentin für Lebensmittel und Ernährung der Verbraucherzentrale Schleswig-Holstein. Die Verbraucherzentralen empfehlen, höchstens 0,5 Milligramm Jod pro Tag einzunehmen – und diese Menge könne schon in ein bis zehn Gramm getrockneten Algen stecken. „Der Jod-Gehalt von Algen variiert erheblich. Deshalb sollten Konsumenten nur solche Meeresalgenprodukte kaufen, bei denen auf dem Etikett klar steht, wieviel Jod enthalten ist und was die maximale Verzehrmenge ist“, so Köster.

Elke Böhme forscht zu allem, was im Meer schwimmt und wächst

Elke Böhme lässt sich von den Sorgen der Verbraucherschützer nicht den Wind aus den Segeln nehmen. Seit einem Jahr forscht sie in Lübeck zu „allem, was im Meer schwimmt und wächst“ und prophezeit Algen eine glänzende Zukunft. „Unser Algen-Bier kommt im Juni auf den Markt, an der Algen-Limo sind wir dran und als nächstes könnte dann eventuell Brot mit Algen oder vegane Wurst kommen. Was genau, bleibt vorerst unser Geheimnis“, so die Lebensmittelingenieurin. „Zwei Flaschen von unserem Algen-Bier decken den Tagesbedarf an Vitamin B12.“ Das ist gerade für vegan lebende Menschen interessant, denn laut der Deutschen Gesellschaft für Ernährung ist Vitamin B12 der „kritischste Nährstoff“ für Veganer. Mangelerscheinungen äußern sich in Müdigkeit und Depression.

Dabei sei der geschmackliche Einfluss der Algen im Bier nur ganz dezent. „Es schmeckt nicht so herb wie Pils, eher mild-süßlich und hat eben eine milde Salznote wegen der Algen“, sagt Elke Böhme. Gebraut wird das Bier wie jedes andere auch, mit Malz, Hopfen, Wasser und Hefe – und Algenextrakt als Zugabe. Intern im Forschungsinstitut haben die Wissenschaftler das Bier schon verköstigt, das sei „sehr gut angekommen“. Und auch schon die Konkurrenz, also verschiedene Craft-Beer-Brauer, durften probieren. „Aber da scheiden sich die Geschmäcker. Ich würde sagen, wir konnten rund achtzig Prozent überzeugen“, so Böhme.

Sind Algen übertrieben gehyptes Superfood oder sinnvolle Fisch-Alternativen?

Der Geschmack aber bereitet Gudrun Köster von der Verbraucherzentrale keine Sorgen. Neben dem schwer zu kalkulierenden Jodgehalt weist sie auf möglicherweise enthaltene Schadstoffe wie Schwermetalle oder Microcystine sowie auf Hygieneprobleme bei der Algenproduktion hin. Außerdem ärgert sie sich über die pauschale Anpreisung von Algenprodukten als nährstoffreiches „Superfood“: „Nach meiner Einschätzung ist es eher ein Trend, der sich in den Hype um sogenannte Superfoods einreiht.“ Für die in der Werbung oftmals übertrieben angepriesenen Wirkungen gebe es wenig tragfähige Belege, und der Nährstoffgehalt sei meist gering. Auch das Argument, Veganer könnten über Algenprodukte ihren Vitamin B12-Bedarf decken, sieht sie ambivalent: „Das oft angepriesene Vitamin findet sich zwar in vielen Algenprodukten, aber überwiegend in einer für Menschen nicht verwertbaren Form“, so Köster.

Allerdings räumt die Verbraucherschützerin ein, dass Menschen meistens eher zu wenig als zu viel Jod zu sich nehmen. Insbesondere Vegetarier oder Menschen, die keinen Fisch essen, sind betroffen. „Deswegen gibt es ja Jod-Salz in den Supermärkten zu kaufen“, sagt die Lebensmittelexpertin. Und auch andere Inhaltsstoffe machen die Algen in Zeiten der Überfischung der Meere als Alternative zu Fisch interessant. So sind bestimmte Algenprodukte wie Öle aus Mikroalgen besonders reich an Omega-3-Fettsäuren, die für den menschlichen Organismus essentiell sind. Lebensmittelingenieurin Elke Böhme erwartet, dass man in Zukunft Fischmahlzeiten komplett durch Algen ersetzen kann: „Die Fettsäuren der Algenöle sind dabei im Wesentlichen dieselben wie in Fisch und Fischölen – schließlich nehmen auch die Fische sie mit der Nahrung auf“, so Böhme.

nk

Aufmacherbild: picture alliance / blickwinkel

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Meere – 3.18
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Menschenrechtspreis17.Apr 2018

Taher Mokhtar zu Amnesty-Menschenrechtspreis: „Die Lage in Ägypten ist heute schlimmer, als sie es vor der Revolution 2011 war.“

Amnesty International in Deutschland verleiht den Menschenrechtspreis 2018 an das Nadeem-Zentrum in Kairo, das sich für Gewalt-, Folter- und Vergewaltigungsopfer einsetzt. Der Arzt Taher Mokhtar nimmt die Auszeichnung entgegen und berichtet im Interview von der Situation in Ägypten.​

Zu Beginn der Woche hat Amnesty International in Deutschland zum neunten Mal seinen Menschenrechtspreis verliehen. Der Preisträger ist das Nadeem-Zentrum in Kairo. Mit der Preisverleihung will Amnesty die Arbeit der Mitarbeiter des Zentrums würdigen, die Überlebende von Folter, Gewalt und Vergewaltigungen medizinisch und psychologisch versorgen sowie die schweren Menschenrechtsverletzungen in Ägypten öffentlich kritisieren. Laut Amnesty befindet sich die Menschenrechtslage in Ägypten auf einem Tiefpunkt. So soll seit der Absetzung von Präsident Mohammed Mursi 2013 die Regierung seines Nachfolgers Abdel Fattah al Sisi systematisch gegen politische Gegner, kritische Journalisten und zivilgesellschaftliche Aktivisten vorgehen.

Amnesty fordert die deutsche Bundesregierung auf, die 2017 geschlossenen Kooperationsabkommen zwischen Deutschland und Ägypten hinsichtlich Menschenrechtsverletzungen zu überprüfen. Bei der Preisverleihung in der Berliner Volksbühne führte die Schauspielerin Katja Riemann durch den Abend. Der ägyptische Arzt Taher Mokhtar nahm den Preis stellvertretend für die vier Direktorinnen des Nadeem-Zentrums entgegen. Im Interview berichtet Mokhtar von der derzeitigen Lage in Ägypten.

Herr Mokhtar, können Sie uns erzählen, wie sich die aktuelle politische Situation in Ägypten auf Ihr Leben auswirkt?

Im Januar 2016 wurde ich festgenommen und beschuldigt, im Besitz von Faltblättern zu sein, die den Sturz des Regimes fordern. In Wahrheit handelte es sich dabei um Informationsmaterialien für die Verbesserung der Gesundheitsversorgung von Inhaftierten. Daraufhin saß ich sieben Monate in Haft, bis ich auf Kaution entlassen wurde und meine Arbeit im Nadeem-Zentrum wieder aufnehmen konnte. Allerdings sah es so aus, als ob ich erneut inhaftiert werden sollte. Gegen mich läuft ein Verfahren, das auf einmal die Strafverfolgungsstelle für nationale Sicherheit übernommen hat – und das ist immer ein schlechtes Zeichen. Ich musste nach Frankreich fliehen und bin nun einer von vielen ägyptischen Aktivisten, die wegen der Repression dieses Regimes im Exil leben müssen.  

Nadeem-Zentrum Kairo

Eine Pinnwand im Büro des Nadeem-Zentrums in Kairo im Januar 2018 zeigt Fotos von Menschen, für die sich die Organisation einsetzt. Foto: Dana Smillie/Amnesty International

Und wie ist die Lage des Nadeem-Zentrums, das nun mit dem Menschenrechtspreis ausgezeichnet wurde?

Seit 2016 gehen die Behörden massiv gegen uns vor. Die Klinik des Zentrums wurde im Februar 2017 geschlossen. Zwar haben unsere Anwälte noch im selben Monat Rechtsmittel gegen die Schließung eingelegt, aber die Verhandlung zieht sich, denn die Richter vertagen jede Sitzung. Die nächste Verhandlung soll nun im Juli stattfinden. Allerdings arbeiten die Mitarbeiter des Nadeem-Zentrums trotz der Repressionen weiter. Es vergeht kein Tag, an dem sie nicht Verfolgten helfen. Und auch weiterhin veröffentlicht das Zentrum regelmäßig Berichte, die Folter und Menschenrechtsverletzungen in Ägypten dokumentieren.

Was können Sie aus dem Exil zur Menschenrechtsarbeit beitragen?

Zusammen mit anderen Aktivisten, die auch aus dem Land fliehen mussten, arbeite ich an Kampagnen gegen die Menschenrechtsverletzungen in Ägypten – wie Folter, willkürliche Festnahmen, Verschleppungen und Hinrichtungen. Wir kritisieren den Grad an Repression und den Druck, den die Regierung auf die Zivilgesellschaft ausübt. Den Preis nehme ich im Namen der vier Direktorinnen des Nadeem-Zentrums an. Aida Seif al-Dawla, Suzan Fayad, Magda Adly and Mona Hamed konnten selbst – wegen Ausreiseverboten und anderen Restriktionen – nicht zur Preisverleihung nach Berlin kommen.

Wie schätzen Sie die derzeitige politische Situation in Ägypten ein?

Meiner Meinung nach ist Ägypten ein repressiver Staat, der kurz davorsteht, zu einem totalitären Regime zu werden. Die staatlichen Sicherheitskräfte wie Polizei und Militär begehen die Mehrheit an Menschenrechtsverletzungen, das Verschwindenlassen von unliebsamen Personen geschieht in großem Maßstab – genauso wie Folter. Gegen Überlebende werden Fälle vor Gericht konstruiert und manche von ihnen, wie Ashraf Shehata, Amr Ibrahim Metwally und Khaled Hafez, verschwinden einfach und wurden seitdem nicht mehr lebend gesehen.

Was würden Sie sagen, wie hat sich die Menschenrechtslage seit der Umstürze in Folge des Arabischen Frühlings verändert?

Meinungs- und Pressefreiheit existiert in Ägypten nicht mehr. Laut Reporter ohne Grenzen steht Ägypten bei Verhaftungen von Journalisten weltweit an dritter Stelle. Allein seit Dezember 2017 hat das ägyptische Regime mehr als 25 Zivilisten exekutiert – nach völlig intransparenten Militärprozessen. 28 Menschenrechtsverteidiger dürfen nicht mehr ausreisen. Und ein neues Gesetz, das die Rechte der Zivilgesellschaft stark einschränkt, widerspricht nicht nur der ägyptischen Verfassung von 2014, sondern auch internationalen Standards. Die Menschrechtslage in Ägypten ist heute schlimmer, als sie es vor der Revolution von 2011 war.

Interview: Nora Kusche

Aufmacherbild: Amnesty International

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Meere – 3.18
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Neue Ausgabe10.Apr 2018

Wir Seeleute – Eine Ausgabe über das Band zwischen Mensch und Meer

Die Ozeane sind Sehnsuchtsorte, bedrohliche Naturgewalten, weltumspannende Wirtschaftsräume: Wir nutzen, fürchten, bewundern sie. Doch verstehen wir unsere Wirkung auf die Meere, unsere Verantwortung für sie? In unserer aktuellen Ausgabe ergründen wir den fragilen Riesen – und die Meeresnatur in uns selbst.​

Für die meisten Menschen wirkt das Meer weit entfernt. Wer nicht an der Küste wohnt, sondern das Rauschen der Ozeane nur mit Urlaubserinnerungen verbindet, denkt womöglich nicht viel nach über das Band zwischen Mensch und Meer. Vielleicht lesen Sie diese Zeilen, schauen aus dem Fenster auf festen Grund, Häuser, weite Landschaften und denken: Mit den Ozeanen habe ich nichts zu tun. Dann lohnt ein zweiter Blick, denn die Meere sind nicht nur der Ursprung allen Lebens und formten unsere Landschaften, sie prägen unser Leben bis heute und sind zugleich die großen Unbekannten dieses Planeten: 95 Prozent der Weltmeere sind noch völlig unerforscht. Da draußen, vor den Küsten, liegen die letzten großen Geheimnisse und Abenteuer. Dorthin haben wir uns in dieser Ausgabe aufgemacht – stechen Sie mit uns in See!

Die Reise beginnt mit einem eindrucksvollen Gespräch mit Sylvia Earle, der Grande Dame der Meeresforschung. Die US-amerikanische Ozeanografin arbeitete als Forscherin und Politikberaterin und hat in ihrem Leben mehr als 7000 Stunden unter Wasser verbracht. „In dieser Welt, die in der Tiefe immer blauer und blauer wird, versucht man, andere Worte für blau zu finden. Es wird purpurblau, dann blauschwarz, und dann ist es dunkel“, sagt Earle im Interview, und weiter: „Tauchen Sie nachts! Wenn Sie sich unter Wasser auf den Rücken drehen, können Sie die Sterne am Himmel sehen. Und dann drehen Sie sich wieder um und sehen all die Wesen da unten. Oben ein Universum und unten noch eins.“ Die 83-Jährige erzählte im Interview von der zauberhaft Welt unterhalb der Wasseroberfläche: Von der Sprache der Fische, der Freundschaft unter den Meeresbewohnern und von 400 Jahre alten Haien. Ihr Plädoyer für mehr Respekt für die Meeresbewohner ist unmissverständlich: Die Ausbeutung der Meere muss gestoppt werden. Und jeder kann ein Teil des Wandels sein.

Die Meeresgeschichten in unserem Heft führen Sie aber auch zurück zu uns Menschen, uns Seeleuten, wie etwa in Wolfgang Hassensteins Geschichte über die Krabbenfischer im Wattenmeer. Was hat mehr Wert: Die Identität und der Broterwerb der handwerklichen Küstenfischer oder der Schutz der Natur? Kann beides koexistieren? Die Krabbenfischerei bekommt künftig das MSC-Siegel für nachhaltige Fischerei – obwohl der Fang mit Grundschleppnetzen rund um die Ost- und Nordfriesischen Inseln mit der Nationalpark-Idee nach Ansicht von Naturschützern eigentlich nicht zusammenpasst. Wolfgang Hassenstein geht dem Konflikt auf den Grund und hat den Krabbenkrimi für Sie aufgeschrieben.

Auf ganz andere Art ist die Unterwasserwelt der tropischen Meere bedroht: Die Hälfte der Korallenriffe, die im frühen 20. Jahrhundert existierten, sind bereits verschwunden, und angesichts des fortschreitenden Klimawandels läuft uns die Zeit davon. Die Autoren Damian Cave und Justin Gillis haben deshalb Riffexperten auf der ganzen Welt besucht, die das Korallensterben stoppen wollen: Sie vermehren Korallen, denen Meereserwärmung und Versauerung möglichst wenig anhaben, und wollen mit ihrer Hilfe zerstörte Riffe wiederbeleben. „Es ist noch nicht zu spät, entschieden einzugreifen“, sagt Neal Cantin, Leiter des Australian Institute of Marine Science.

Von den Riffrettern führen wir Sie zu den bedrohlichsten Seeungeheuern unserer Zeit: den nuklear bewaffneten Riesen-U-Booten der Royal Navy, die von Schottland aus auf Patrouille fahren, um im Kriegsfall ganze Städte auszulöschen. Das Munitionslager Coulport bei Helensburgh zählt fast 200 Sprengköpfe mit riesiger Zerstörungskraft und macht so den Gare Loch zum potenziell tödlichsten Ort Westeuropas. Johannes Laubmeier hat die Menschen in Schottland gefragt: Was macht das mit euch? Warum glaubt ihr an die friedensstiftende Wirkung der Atom-U-Boote – oder leistet dagegen Widerstand? Die Annäherung an die britischen Atommonster hat der Fotograf Daniel Rosenthal in eindrucksvollen Bildern eingefangen.

In städtischer Umgebung spielt dagegen die Geschichte über das Bremer Seemannsheim, die unser Reporter Dirk Gieselmann aufgeschrieben hat: Ein Ort, der früher Matrosen in der Fremde eine Heimat war, wird nun geschlossen. In Zeiten, in denen die Be- und Entladung riesiger Frachter nur wenige Stunden dauert, gehen die Seeleute nicht mehr von Bord, sondern bleiben für Monate, manchmal Jahre in der abgeschlossenen Welt der Schiffe und des Meeres. Dirk Gieselmann ermöglicht uns einen stimmungsvollen und aufschlussreichen Einblick in die Welt der Seeleute, in die Vergangenheit und die Zukunft ihrer Zunft.

Auch abseits der Weltmeere hat Ihnen unsere aktuelle Ausgabe vieles zu bieten: In unseren regelmäßigen Rubriken berichtet der schwäbische Wanderschäfer Sven de Fries von den ungeahnten Härten seines Jobs, Sie erfahren mehr über „Katzensilber“, das Autos und Kosmetika glitzern lässt, aber von Kindern in indischen Minen abgebaut wird – und können sich über die Rückkehr unserer Reihe „À la Saison“ freuen, in der Sie diesmal lesen, warum ein Leben ohne Erbeeren zwar möglich, aber traurig ist. In der Fotostrecke „Portfolio“ offenbart sich überdies die künstlerische Naturkunde des Finnen Jaakko Kahilaniemi, der auf seine ganz persönliche Weise die Wälder seiner Familie durchstreift.

Unsere aktuelle Ausgabe steckt voller Geschichten, die das Meer, die Menschen und die Beziehung zwischen beiden beleuchten. Vielleicht entdecken Sie die Ozeane von einer ganz neuen Seite, vielleicht überdenken Sie gar Ihren nächsten Fischverzehr? Oder erfinden sich neu als Seemann oder Seefrau? Wir wünschen Ihnen viel Inspiration bei der Lektüre und freuen uns auf Ihre Rückmeldungen – gerne auch per Flaschenpost.

Lesen Sie mehr in der neuen Ausgabe des Greenpeace Magazins 3.18 „Wir Seeleute“. Diese erhalten Sie ab sofort im Warenhaus, ab dem 13. April am Kiosk oder ab 32,50 Euro im Abo. Sie können das Greenpeace Magazin auch in unserer digitalen Version lesen: mit allen Inhalten der Print-Ausgabe, optimiert für Tablet und Smartphone. Viel Inspiration beim Schmökern, Schauen und Ausprobieren!

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Meere – 3.18
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Werbelügen10.Apr 2018

Edekas Beerendienst am Klima

Mitten im Winter wirbt Edeka mit frischen Sommerbeeren in den Händen eines Reklamebauern. Die „Wir lieben Lebensmittel“-Kampagne verspricht Ursprünglichkeit und kurze Wege – wir haben die Werbung an die Realität angepasst.

„Das ganze Jahr über frisches Obst und Gemüse ohne lange und aufwendige Lieferprozesse – dafür steht das Edeka-Fruchtkontor“, erklärt Deutschlands größter Lebensmittelhändler auf seiner Internetseite. Und wirbt im Winter mit Zeitschriften-Annoncen für scheinbar eben erst gepflückte Him-, Brom- und Blaubeeren in den Händen eines Bauern. „Unser frischer Beitrag gegen Beerenhunger“, steht da, und dazu gibt es eine Art Siegel: „Qualität und Frische aus erster Hand“.

Im Supermarkt sind die beworbenen Beeren schnell gefunden, es gibt die drei Sorten im Kunststoff-Kombipack. Auf der Unterseite verrät ein Etikett den Ursprung: Die Brombeeren stammen aus Mexiko, die Himbeeren aus Marokko, die Heidelbeeren aus Chile. Zusammen haben die drei Sorten eine Strecke von 25.000 Kilometern Luftlinie zurückgelegt. Es ist ein faszinierend weitgereistes Produkt.

Viele Verbraucher beteuern heute in Umfragen, regionale und saisonale Waren zu bevorzugen. Die Lebensmittelkonzerne nutzen diesen Trend in ihrer Reklame und vermitteln gern den Eindruck von Ursprünglichkeit und Nähe, zum Beispiel mit rustikaler Holzoptik. Parallel dazu betreiben sie jedoch einen immer größeren Aufwand, um das ganze Jahr über ein nahezu gleichbleibendes Obst- und Gemüsesortiment in die Regale zu bringen. Viele Kunden haben den Bezug zum jahreszeitlichen Angebot längst verloren – was Edeka mit einem Verwirrspiel um die Herkunft seiner Produkte noch fördert.

Im Internet heißt es zum Beispiel: „Edeka liefert Qualität und Frische aus erster Hand – die Zusammenarbeit mit regionalen Produzenten und direkte Lieferwege machen es möglich.“ Und weiter: „Unser Obst und Gemüse findet immer den kürzesten Weg vom Produzenten zum Edeka-Markt und ist erntefrisch, ganz gleich, ob es sich um regionale Produkte oder Exoten handelt.“ Wie jetzt – Exoten, die erntefrisch den kürzesten Weg in deutsche Supermärkte finden?

Beerenmix

Beerenmix aus einem Hamburger Edeka-Markt. Foto: Cale Garrido/Greenpeace Magazin

Na gut, auch von Chile, Mexiko oder Marokko gibt es einen „kürzesten Weg“. Allerdings haben die Beeren unterwegs mindestens einen Abstecher nach Bornheim bei Köln gemacht, wo sie laut Etikett in einer Kräutergärtnerei abgepackt wurden, bevor sie in den Hamburger Supermarkt gefahren worden sind. Wir wollten gern mehr darüber erfahren, wie die Beeren nach Europa gelangen, und haben bei Edeka nachgefragt. Allerdings zeigte sich das Unternehmen dabei deutlich weniger transparent als es sich im Internet präsentiert.

Zunächst hieß es aus der Hamburger Zentrale, wir sollten die Fragen per Mail stellen. Wir fragten also schriftlich, mit welchen Verkehrsmitteln die Beeren transportiert wurden, welche Zwischenstationen sie dabei gemacht hätten und wie lange sie unterwegs waren. Nach zwei Tagen Funkstille ergab ein Anruf in der Presseabteilung, die Fragen seien „in Bearbeitung“. Fünfmal mussten wir nachhaken – die Kommunikationsabteilung blockte alle Gespräche ab und ließ mehrere Termine verstreichen, bis nach zweieinhalb Wochen eine dünne Antwortmail kam. Blaubeeren, ließ man uns wissen, würden ab November „hauptsächlich in Übersee angebaut und gekühlt im Schiff nach Europa transportiert.“ Die Dauer der Überfahrt könne variieren, vom Hafen würden die Beeren über das Edeka Fruchtkontor in die Logistikzentren der Edeka-Großhandlungen verteilt.

Die Information ist wirklich spannend: Kulturheidelbeeren aus Chile kann man heute auf dem Seeweg um die halbe Welt transportieren, wobei, wie weitere Recherechen ergeben, ein raffiniertes Gas- und Temperaturmanagement im Container ihre Reifung verzögern kann. Zu Brombeeren und Himbeeren, die Edeka ebenfalls oft in Südamerika einkauft, gab es aber trotz ausdrücklicher Bitte keine Informationen. In einem Blog auf der Edeka-Website fanden wir schließlich klein den Hinweis, dass Brombeeren aus Mexiko eingeflogen werden, weil sie so schnell verderben. Das Problem: Laut Schätzungen werden pro Kilogramm Ware und tausend Flugkilometer beim Lufttransport rund ein Kilo CO2 frei.

Das Fruchtkontor importiert also per Schiff, als „Flugobst“ und – aus Marokko – wohl auch mit dem Lkw Sommerbeeren nach Deutschland, die während der Saison in Gärten und Gärtnereien, an Weg- und Waldrändern bestens gedeihen – zum Beispiel am Elbhang, nur ein paar Meter von der Redaktion des Greenpeace Magazins entfernt.

Die Leute merken es kaum – und lassen sich durch die Hände des Blau-, Brom- und Himbeerbauern, der gar nicht existiert, gern zum Kauf der interkontinentalen Beeren verführen. Es sei „eine Sünde, sie nicht zu essen“, heißt es im Originaltext der Anzeige. Das kann man auch anders sehen.

Hier kommt unsere Version der Anzeige:

Fake-Anzeige Beeren

WOLFGANG HASSENSTEIN

In jedem Greenpeace Magazin zeigen wir auf der letzten Seite eine Fake-Werbeanzeige. Die neue Ausgabe 3.18 „Wir Seeleute“ erhalten Sie ab sofort im Warenhaus, ab dem 13. April am Kiosk oder ab 32,50 Euro im Abo. Sie können das Greenpeace Magazin auch in unserer digitalen Version lesen: mit allen Inhalten der Print-Ausgabe, optimiert für Tablet und Smartphone. Viel Inspiration beim Schmökern, Schauen und Ausprobieren!

 

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Globale Ungleichheit06.Apr 2018

Ungleichheitsforscher Lessenich: „Wenn alle gleich viel hätten, würde es uns schlechter gehen – aber auch besser!"

Warum sind manche arm und andere reich? Der Soziologe Stephan Lessenich forscht an der Uni München zur globalen Ungleichheit. Im Interview erklärt er, warum es auf einfache Fragen keine einfachen Antworten gibt und was der Einzelne gegen Ungerechtigkeit tun kann.

Herr Lessenich, gibt es eigentlich etwas Gutes an Ungleichheit?

Die marktökonomische These besagt, dass Ungleichheiten sich leistungsfördernd auswirken. Einfacher gesagt: Wenn mein Kollege mehr verdient als ich, motiviert mich das, mehr zu arbeiten. Die Einkommensschere soll also zu Wirtschaftswachstum führen – und damit auch zur Besserstellung eines Landes in der globalen Ökonomie. Und laut dieser These führt das wiederum dazu, dass die nun Bessergestellten demokratische Reformen und Umverteilung fordern und die Einkommen sich dadurch angleichen. Die Schere schließt sich automatisch wieder.

Ist das auch die Perspektive Ihrer Forschung?

Nein, in unserer Forschung zu „Global Capitalism and the Dynamics of Inequality“ hinterfragen wir diesen Automatismus. Wir untersuchen soziologisch, wie die Ungleichheit innerhalb von Gesellschaften mit der Ungleichheit zwischen den Ländern dieser Welt verknüpft ist. Und die Politikwissenschaft sagt uns, dass demokratische Entwicklungen von den unterschiedlichsten Sachverhalten abhängen können, also auch davon, wieviel Macht die Reichen innerhalb einer Gesellschaft haben, um ihre privilegierte Stellung zu zementieren.

Also kritisieren Sie den vorherrschenden marktökonomischen Blick der Wirtschaftswissenschaften auf Verteilungsfragen?

Die wirtschaftswissenschaftlichen Theorien sind ja selbst diverser, als man denkt. Aber was sie doch gemeinsam haben, ist die Ansicht, dass die industriegesellschaftliche Entwicklung der westlichen Länder praktisch in gleicher Weise von den Gesellschaften des globalen Südens nachgeahmt werden kann und sollte. Und diese Perspektive der Wirtschaftswissenschaften wollen wir aufbrechen. Denn die Voraussetzungen für eine solche Entwicklung im globalen Süden sind ja durch Strukturen ungleichen Tausches im Weltmaßstab bestimmt: Nicht nur ökonomisch, sondern vor allem auch ökologisch hat der industrialisierte Westen anderen Weltregionen über die Zeit schwere Hypotheken aufgeladen.

Stephan Lessenich

Stephan Lessenich forscht an der Uni München zur globen Ungleichheit. Foto: LMU

Woran machen Sie das fest?

Wenn Sie die Wertschöpfungskette von Konsumgütern wie Smartphones nachverfolgen, lässt sich leicht feststellen, unter welchen Arbeits- und Umweltbedingungen diese in den Produktionsländern hergestellt werden. Und das zeigt, dass wir nicht nur die sozialen Kosten unserer Konsumweise auf die ärmeren Länder auslagern – sondern auch die Umweltschäden und die Zerstörung von Lebensgrundlagen. Die Produktion in den reichen Industrieländern kann nur deshalb relativ sauber ablaufen, weil wir den ganzen Schmutz und Dreck im globalen Süden abladen. Nicht nur Einkommen und Kaufkraft sind global ungleich verteilt, sondern auch die Arbeits- und Umweltbedingungen.

Trotzdem nimmt die globale Ungleichheit doch insgesamt ab, oder?

Der aktuelle Stand der einschlägigen Forschung ist, dass in den letzten Jahrzehnten die innergesellschaftliche Ungleichheit zugenommen hat und dafür die zwischengesellschaftliche Ungleichheit weltweit abgenommen hat. Das heißt vereinfacht gesagt: Innerhalb von Gesellschaften geht es heutzutage ungerechter zu, dafür nimmt das Wohlstandsgefälle zwischen westlichen Industrieländern und dem globalen Süden langsam ab. Allerdings liegt das hauptsächlich an den Aufsteigerländern China und Indien: Die haben, gemessen an der Wirtschaftsleistung pro Kopf, einiges aufgeholt. Vor allem dadurch hat sich die Ungleichheit im globalen Mittel verringert. Ohne diese Entwicklung Chinas und Indiens gäbe es kein Schließen der Schere weltweit. Außerdem gehen in diese Betrachtung soziale Faktoren wie häusliche Sorge- und Erziehungsarbeit eben nicht ein. Und auch andere Dimensionen wie Lebenserwartung, Zugang zu Allgemeinbildung und Gesundheitswesen fallen heraus.

Was kann ich als Bewohnerin eines reichen Industrielands tun, wenn ich mit der fortwährenden Ungleichheit, die Sie festgestellt haben, nicht einverstanden bin?

Sie können natürlich in Ihrer eigenen Lebenswelt das verändern, was Ihnen wichtig und richtig erscheint. Sich also zum Beispiel fleischlos ernähren, auf Flugreisen verzichten oder ähnliches. Aber die wichtigere Dimension ist doch, die globalen Ungleichheitsverhältnisse selbst anzugehen, also politisch aktiv zu werden, um die Strukturbedingungen anzugreifen, die solch ungleiche Lebensverhältnisse überhaupt erst ermöglichen. Das globale Wirtschaftssystem grundlegend umzugestalten, das geht nicht nur durch individuelle Konsumentscheidungen.

Ein Gedankenspiel: Wenn wir auf der ganzen Welt eine absolut gleiche Verteilung an Wohlstand erreicht hätten, wie würden wir dann leben?

Nach den heute bei und für uns gültigen Maßstäben würden wir in Europa mit Sicherheit „schlechter“ leben, zum Beispiel was das gängige Konsumverhalten angeht. Aber auch wenn wir uns dann weniger kaufen könnten, wäre solch ein Leben unter sozialen Gesichtspunkten vermutlich das bessere. Denn das Entscheidende ist meines Erachtens, dass wir uns die Voraussetzungen der eigenen Lebensweise klarer machen – denn dann werden uns auch die Zusammenhänge zwischen Reichtum hier und Armut anderswo klar. Und wenn wir uns hierzulande gemeinsam darüber verständigen müssten, was eigentlich eine sinnvolle und global gerechte Lebensweise ist, dann würden wir dadurch auch unseren Mitmenschen näherkommen. Meine Hoffnung ist, dass die Art zu leben in einer egalitären Weltgesellschaft eine völlig andere und als solche auch attraktiv wäre.

Interview: Nora Kusche

Aufmacherbild: picture alliance/Bildagentur-online

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Tiere03.Apr 2018

Forscher entdecken vieräugiges fossiles Reptil

Wissenschaftler fanden nicht nur zwei, auch nicht drei, sondern vier Augen bei einem fossilen Reptil. Es ist das erste Mal, dass sie so ein Exemplar entdeckt haben. Dieser Fund kann weitreichende Folgen haben, so können diese Reptilien nicht mehr als Modellorganismen für andere Wirbeltiere dienen.

Bereits als Doktorand in Yale hat der Forscher Krister Smith gerne in den Archiven der Paläontologie gesucht. Dort fand er die Probe eines Fossils, an der sich die wissenschaftlichen Geister schieden. Es war nicht klar, wie viele Augen das Reptil hatte – drei oder vier. Dieses Exemplar hat er mit einem deutsch-amerikanischen Team aus vier Wissenschaftlern analysiert und bemerkenswerte Entdeckungen gemacht. Die Studie lief unter Leitung von Smith, der heute am Senckenberg Forschungsinstitut in Frankfurt arbeitet.

Krister Smith ist selbst US-Amerikaner, der von Yale aus nach Frankfurt gezogen ist. Seine Liebe zu Deutschland hat mit alten Forschungsberichten angefangen, die er im Original lesen wollte. Vor allem Berichte aus dem späten 19. Jahrhundert bis in die Mitte des 20. Jahrhunderts haben ihn begeistert. „Deutschland ist ein spannendes Forschungsland, das viele Entdeckungen ermöglicht hat“, sagt er. Dafür nahm er in den USA Deutschkurse, sein damaliger Doktorvater sagte nur: „Was für eine schreckliche Idee“. Smith hat sich nicht entmutigen lassen. Heute merkt man nur ganz leicht, dass er einen Akzent hat. Ab und zu sucht er noch nach dem passenden Wort.

Der bisherige Stand der Forschung war bis zu der neusten Entdeckung folgender: Viele Eidechsen hatten vor über 250 Millionen Jahren ein sogenanntes Scheitelauge, auch als „Drittes Auge“ oder Parietalorgan bekannt. Die Tiere konnten damit vermutlich wahrnehmen, wie hell oder dunkel es in ihrer Umgebung war. „Die Geschichte des Scheitelauges schien bisher ziemlich einfach zu sein: Wir sind davon ausgegangen, dass sich dieses Organ im Laufe der Evolution bei allen höheren Wirbeltieren außer den Eidechsen zurückgebildet hat“, so Studienleiter Smith. Bei den Eidechsen wurde aus dem zurückgebildeten Scheitelauge die Zirbeldrüse.

Das untersuchte Tier ähnelt dem heutigen Waran – es konnte bis zu 1,30 Metern lang werden und war Fleischfresser

Doch dieser Stand des Wissens gilt ab heute nicht mehr. Das Fossil, ein sogenanntes Waranart Saniwa ensidens, lag bislang tief versteckt in den Archiven von Yale. Ein US-amerikanischer Forscher hatte es zusammen mit seinen Studenten bereits 1871 in Wyoming ausgegraben. Das bereits vor Jahren oder manchmal Jahrhunderten entdeckte Funde erst in Archiven verstauben, bis sie schließlich untersucht werden und Erkenntnisse liefern, ist nicht unüblich. „In den Sammlungen und Museen schlummert das Archiv der Biodiversität“, sagt Smith. Oft hat man erst in der heutigen Zeit die nötigen Instrumente, um sie richtig zu analysieren. Und heute hat Krister Smith erkannt: Hinter dem dritten Auge lag noch ein weiteres primitives viertes Sehorgan. Und das mittig hintereinander auf der Schädeldecke – ein Auge hinter dem anderen.

Das Tier lebte in Nordamerika, in der Epoche Eozän und ist etwa 49 Millionen Jahre alt. Heute ist es ausgestorben. Das Reptil konnte bis zu 1,30 Meter lang werden und war ein Fleischfresser. „Es ähnelt einem heutigen Waran“, sagt Smith. Das ist eine Art der Schuppenexe, die in tropischen und Subtropischen Gebieten leben.

auge

Das entdeckte Fossil erinnert an einen Waran, hier ein Exemplar eines Komodowarans in Singapur. Foto: picture alliance / Arco Images GmbH

Außer der neuseeländischen Brückenechse, einem lebenden Fossil, haben heute noch einige Leguanarten eine zumindest lichtdurchlässige Schuppe auf dem Kopf. Sie können damit feststellen, ob es gerade Tag oder Nacht ist und die Winterruhe und sommerliche Aktivität regeln. Außerdem hat der Lichteinfall noch eine andere wirkungsvolle und wichtige Funktion: Die Tiere können so frühzeitig an möglichen Schatten erkennen, ob sich Feinde nähern und sich so besser vor ihnen schützen. Außerdem verhindert es, dass Leguane zu lange in der hitzigen Sonne liegen.

In ihrer Studie, veröffentlicht Anfang April in der Fachzeitschrift „Current Biology“, sprechen die Forscher um Smith von einer „Re-Evolution“. Damit meinen sie das Auftreten bereits verschwundener Merkmale nach sehr langer Zeit. „Ein vergleichbarer Vorgang wäre es beispielsweise, wenn unsere heutigen Vögel wieder Zähne bekämen“, sagt Smith. Die Entdeckung hat weitreichende Folgen für die weitere Forschung. Die Evolution des Scheitelauges sowie der Zirbeldrüse sei weitaus komplexer, als bislang angenommen. Smith sagt: „Wir denken, dass Eidechsen eine besondere Stellung bei der Entwicklung der Augen einnehmen und daher nicht – wie bisher – als Modellorganismen für andere Wirbeltiere dienen sollten.“

Internationalität hilft, Diskussionen offen für neue Ideen zu halten

Für Schmith ist Internationalität nicht nur ein Schlagwort aus einer Imagebroschüre. Er lebt und liebt sie. „Teams aus verschiedenen Ländern haben den Vorteil, dass sie eventuelle Schulen durchbrechen“, sagt er. Gedanken erstarren so nicht und Diskussionen bleiben offen für neue Ideen. Forschung ist für Smith etwas Lebendiges, das nicht nur in die Archive gehört. Ein Wissen, das auch der Allgemeinheit zugänglich sein sollte. Dafür betreibt die Senckenberg Gesellschaft für Naturforschung drei Museen, in Frankfurt, Görlitz und Dresden, in denen Skelette, ausgestopfte Tiere und Fossilien ausgestellt werden und in denen auch regelmäßig Vorträge stattfinden. Besucher können bei sogenannten „citizen science projekten“ an der Forschung beteiligen und Wissenschaftlern helfen. „Museen sind Archive des Lebens“, sagt Smith.

hg 

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Serie: In Zeiten des Aufruhrs29.Mär 2018

Gründer der Ostermärsche: „Unser Ziel war es, die Macht des Einzelnen zu zeigen“

Beim ersten Ostermarsch lief er vorweg: Konrad Tempel. Für unsere Serie „In Zeiten des Aufruhrs“ über die historische, gesellschaftliche und politische Dimension von Atomwaffen, haben wir mit dem Gründer der Ostermärsche in Deutschland gesprochen. Er erzählte uns, wie die Bewegung von Hamburg aus gestartet ist und warum er erst jetzt wieder an Ostern auf die Straße geht. 

Konrad Tempel ist viel beschäftigt. Er ist zwar schon 85, eigentlich pensionierter Ausbilder von Lehrern, doch ihn zu Hause bei Hamburg anzutreffen, ist nicht einfach. In seinem Haus in Ahrensburg hat er in seinen Wintergarten geladen. Durch die große Fensterfront blickt man auf das Grün seines Gartens. Auf dem Tisch eine geblümte Decke und frische Tulpen. Daneben ein dünner Ordner mit Dokumenten in Klarsichtfolie. Auf leicht vergilbtem Papier steht dort: „Ostermarsch der Atomwaffengegner“, 15.4.60. Es ist das Flugblatt zum ersten deutschen Ostermarsch, ein Relikt seines Engagements. 

Helga und Konrad Tempel

Helga und Konrad Tempel waren in der sich neu formierenden Friedensbewegung nach Ende des Zweiten Weltkriegs aktiv. Foto: privat

Die Idee kam aus England, wo zwei Jahre vorher Friedensaktivisten einen dreitägigen Protestmarsch zu Ostern organisierten. Tempel demonstrierte in England mit. Und brachte die Idee anschleßend nach Deutschland. Tempel, seine damalige Freundin und jetzige Frau Helga und 120 weitere Mitstreiter machten sich von Hamburg aus auf den Weg Richtung Bergen-Hohne, einem damaligen Raketen-Übungsplatz im Süden der Lüneburger Heide bei Celle. Es war der erste deutsche Ostermarsch, Tempel einer seiner Anführer.

Herr Tempel, Sie haben 1960 den ersten Ostermarsch in Deutschland organisiert. Wie kam es dazu?

Zusammen mit Mitstreitern aus der Szene der Kriegsdienstverweigerer wollten wir ein Zeichen gegen Atomwaffen setzen. Wir haben naiver Weise lange nach sogenannten Todeszentren gesucht – Orte, wo Atomwaffen lagern in Deutschland, „leider“ ohne Erfolg. Unverhofft las ich in einer Hamburger Zeitung am 6. Dezember 1959, dass auf dem NATO-Truppenübungsplatz Bergen-Hohne Raketen vom Typ Honest John erprobt würden. Sie sollten Atomsprengköpfe aufnehmen können. Die Idee eines Sternmarsches gegen diese nun nicht mehr so irreale Gefahr war geboren. Mit mir zusammen liefen von Hamburg aus 120 Menschen am Karfreitag 1960 los. Ähnlich große Gruppen kamen aus Braunschweig, Hannover und Bremen. Unterwegs übernachteten wir in Scheunen und Turnhallen. Während des viertägigen Marsches liefen wir pro Tag zirka 25 Kilometer. Wir mussten auf Unvorhergesehenes reagieren – auf Gaststätten, die plötzlich geschlossen hatten trotz vorheriger Reservierung, auf unaufhörlichen Regen, auf die akute Sorge, dass Gruppen unseren Marsch unterwandern und ihn für sich vereinnahmen wollten. Unser Ziel war es, für atomare Abrüstung auf beiden Seiten des Kalten Kriegs zu demonstrieren und wir vertrauten dabei auf die Macht des Einzelnen. Bei der Abschlusskundgebung sollte eigentlich ein Postbeamter aus Braunschweig sprechen. Doch als er die über 1.000 Leute sah, die vor ihm standen, war er so bewegt, dass ich für ihn einspringen und eine kurze Rede halten musste. 

In was für einer Zeit fanden die ersten Ostermärsche statt?

Für jede politisch interessierte Person war klar: Wir stehen am Rande eines Krieges. Die Gefahr lag praktisch vor der Haustür. Es hieß, schlechte Nachrichten aus dem Ostblock seien gute Nachrichten. Während die Atombombe in den Händen der Russen als bedrohlich angesehen wurde, wurde die Bombe der Amerikaner immer als etwas Schützendes dargestellt. Für uns war jedoch klar, dass wir eine generelle Abrüstung aller Nationen wollten, Abrüstung in West und Ost. 

Ihre jetzige Frau Helga Tempel hat den Marsch ebenfalls mitorganisiert. Inwiefern war dieser Anfang ein Engagement unter Freunden?

Wir haben uns bei unserem Engagement gegenseitig unterstützt – was vor allem hilfreich war, weil meine Frau viel besser formulieren kann als ich. Sie hat mehrere der Slogans der ersten Ostermarschjahre verfasst, zum Beispiel: „Unser NEIN zur Bombe ist ein JA zur Demokratie“. Ich war manchmal derjenige, der mit einer gewissen Furchtlosigkeit nach vorn geprescht ist. Nach dem Motto: „Wenn ich etwas für richtig halte, warte ich nicht, bis mir andere zustimmen“. Wir haben uns gut ergänzt. Unser gemeinsames Credo war: „Verständigung und Gerechtigkeit fallen nicht vom Himmel – wir müssen etwas dafür tun.“ 

1957 lehnten 63 Prozent der Deutschen die Atombewaffnung der Bundeswehr ab. Wie haben Sie die Anfänge der Anti-Wiederbewaffnungs-Bewegung erlebt?

Einerseits haben meine Frau und ich die ersten deutschen Kriegsdienstverweigerer auf die Prüfungsverhandlungen vorbereitet und zum Beispiel an kleinen pazifistischen Plakatdemonstrationen teilgenommen, hatten aber nur wenig Kenntnis über Aktionen an anderen Orten. Heute, in einer Zeit, in der Informationen per Mausklick verfügbar sind, kann man sich das nur schwer vorstellen. Es war gar nicht bis in unsere Köpfe gedrungen, dass es an vielen Stellen in Deutschland gewerkschaftliche Gruppen gab, die sich in Streiks und auch auf der Straße gegen die Wiederbewaffnung der Bundeswehr engagierten. Deshalb hatten wir keinen Kontakt zu ihnen.

Sie hatten eher Kontakt zu englischen Friedensaktivisten. Wie kam das?

Meine Frau und ich waren Korrespondenten der pazifistischen Wochenzeitung „Peace News“. Dadurch haben wir viele Friedensaktivisten in England kennengelernt und von vielen phantasievollen gewaltfreien Aktionen erfahren. Es war ein wunderbares Gefühl, eine internationale Gemeinschaft hinter sich zu wissen. Übrigens: Über den Beginn der deutschen Ostermärsche 1960 haben englische Zeitungen ausführlicher berichtet als die deutschen Medien.

Ein Zeitplan für den vollständigen Abbau der nuklearen Arsenale der Großmächte ist trotz Atomwaffensperrvertrag nicht bekannt. Nach aktuellen Schätzungen gibt es weltweit noch zwischen 15.000 und 16.000 nukleare Waffen. Wenn Sie diese Zahlen hören, was denken Sie haben Sie mit ihrem Engagement über die Jahre erreicht?  

Durch die Ostermärsche haben viele Leute gemerkt, dass sie nicht alleine mit ihrer Meinung sind. Ich denke, Menschen, die gegen Atomwaffen waren, haben sich durch unsere Märsche weniger ausgeliefert gefühlt. Die Verantwortung lag plötzlich wieder in den Händen der Menschen, nicht mehr nur in denen der Politiker. Ich denke, die Geschichte der Anti-Atomwaffen-Bewegung verläuft in Wellen, mal ist der Ruf nach Abrüstung lauter, mal die Zustimmung von Aufrüstung und Abschreckung. Eines Tages wird wieder vielen Menschen bewusst werden, in welcher globalen Gefahr wir uns durch die Atomwaffen befinden. 

Sind wir gerade kurz vor einem erneuten Höhepunkt der Welle?

Ich habe kein Twitter, aber ich lese in den Zeitungen, wie sich der US-Präsident Donald Trump verhält. Er droht mit einem Atomkrieg, das hätte ich nie gedacht. Wie gut, dass in dieser Lage russische Politiker besonnener auftreten. Ich bin großer Sorge, wie es weitergeht.

Wie schauen Sie heute, 58 Jahre nach Ihrem ersten Ostermarsch, auf die Bewegung. Gehen Sie dieses Jahr mit?

Bei unserem zweiten Marsch – von Bergen-Hohne nach Hamburg 1961 – sind wir mit schwarzen Fahnen und in großer Ernsthaftigkeit marschiert, um den Ernst der Lage abzubilden. Dass in den Folgejahren die Märsche bunte, fröhliche und lebensbejahende Veranstaltungen wurden und heute noch sind, finde ich viel besser. Allerdings haben wir uns früher mehr abverlangt-– wir waren vier Tage lang unterwegs. Ob wir damit eindrucksvoller, glaubwürdiger waren? Heute für zwei Stunden auf die Straße zu gehen, ähnelt eher einem Sonntagsspaziergang. Meine Frau und ich werden dieses Jahr nach einigen Jahren Pause wieder mitmarschieren. Wir haben zwischendurch kritisiert, dass sich die Bewegung zu sehr zerfasert und zu viele Ziele gleichzeitig verfolgt hat. Das ist dieses Jahr zum Glück anders. Für uns war unser großes Ziel immer klar: Wir wollten die Abrüstung der Atomwaffen erreichen. Und dafür gehen wir auch dieses Jahr wieder auf die Straße. 

hg

Serie: In Zeiten des Aufruhrs

Sechzig Jahre ist es her, dass der damalige Bundeskanzler Konrad Adenauer die BRD mit Atomwaffen aufrüsten wollte – entgegen anfänglicher Ideen auf Seiten der Alliierten, Nazideutschland in einen ruralen Bauernstaat umzuwandeln. Der Bundestagsbeschluss vom 25. März 1958, die Bundeswehr mit Nuklearwaffen auszurüsten, führte zwar nicht zu eigenen Atomwaffen, aber zu einer deutschen Friedensbewegung, die sich bis heute alljährlich um die Osterfeiertage auf den Straßen formiert.

In unserer Serie geht es um Atomwaffen in ihrer historischen, gesellschaftlichen und politischen Dimension. Die Analyse „Bröckelt das nukleare Tabu?“ zur politischen Weltlage bildet den Auftakt. Im zweiten Teil „Wenn um zwölf Uhr der Weltuntergang droht“ wagen wir einen Exkurs zur sogenannten Doomsday Clock, das Interview mit dem Dokumentarfilmer Klaus Scherer über die Situation in Nordkorea ist der dritte Teil der Serie. Im vierten Teil vollziehen wir die Historie der Friedensbewegung nach. Im Gespräch mit Konrad Tempel endet die Serie.

Aufmacherbild: privat

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Wildkatzen28.Mär 2018

Die Wildkatze schleicht sich zurück in unsere Wälder

Lange Zeit war die Situation der europäischen Wildkatze desolat, doch nun gibt es wieder Hoffnung. Naturschützer haben Haare der kleinen Raubtiere bis in die Lüneburger Heide nachgewiesen – obwohl es gerade in Norddeutschland lange keine Spur von Wildkatzen gab.

Während sie vor zweihundert Jahren noch überall verteilt in Deutschland lebte, galt die Wildkatze seit Ende des 19. Jahrhunderts vielerorts als verschwunden. Bis zu Beginn des 20. Jahrhunderts jagten Menschen die Raubkatzen, weil ihnen mystisch angedichtet wurde, sie würden Wild reißen. Dadurch reduzierte sich die Population der Wildkatzen dramatisch.

Durch ein vereinheitlichtes Jagdgesetz wurde die Wildkatze 1934 unter ganzjährigen Schutz gestellt. Nun schleicht sich die kleine Raubkatze zurück in die Wälder, laut Schätzungen des Bund für Umwelt und Naturschutz (BUND) gibt es aktuell wieder zwischen 5.000 und 10.000 Wildkatzen in Deutschland. Gefördert wurde diese Entwicklung durch den sogenannten Wildkatzensprung: Das vom Bundesumweltministerium 2011 gestartete Projekt sollte Deutschland wieder lebenswert für die Raubtiere machen. Dieses Jahr ist die europäische Wildkatze „Tier des Jahres 2018“ – ernannt von der Deutschen Wildtierstiftung.

Baldrianduft wirkt betörend auf Wildkatzen – besonders zur Paarungszeit

Sechs Jahre lang haben Umweltschützer versucht, sich durch Monitoring einen Überblick über die Wildkatzen-Population zu verschaffen. Hierfür stellen sie zur Paarungszeit, die für Wildkatzen von Januar bis März dauert, angeraute sogenannte Lockstöcke mit Baldrianduft im Wald auf. Die Heilpflanze riecht für Wildkatzen wie ein Sexualhormon. „Das kennt man ja von Hauskatzen, die reagieren auch ganz betört auf Baldrian“, sagt Judith Freund vom BUND. Gerade Kater auf der Balz riechen den Duft auf hunderte Meter.

Magisch vom Baldrianduft angezogen, reiben die Katzen sich nachts am Stab und verschwinden danach wieder. Einmal in der Woche kontrollieren ehrenamtliche Helfer die Lockstöcke und suchen nach Haaren, welche die Tiere beim Reiben verloren haben. Die Katzenhaare werden dann als genetisches Material an das Forschungsinstitut Senckenberg im hessischen Gelnhausen für weitere Analysen geschickt. Anhand dieser Daten können die Forscher nachweisen, dass Wildkatzen in einem bestimmten Gebiet vorkommen und um welche Katze es sich handelt. Die Ergebnisse aus der aktuellen Monitoringphase müssen nun noch ausgewertet werden.

Letztes Jahr konnte von etwa 5.500 eingeschickten Haarproben gut die Hälfte, nämlich 2.888, als Haare von Wildkatzen nachgewiesen werden. Das ist eine wichtige Unterscheidung, denn die europäischen Wildkatzen stammen nicht von verwilderten Hauskatzen ab, sondern gehören einer eigenen, nicht domestizierbaren Art an. „Um flächendeckend zu bestimmen, wie viele kleine Raubkatzen es genau gibt, eignet sich die Lockstöcke-Methode allerdings nicht“, so Judith Freund gegenüber dem Greenpeace Magazin. Dafür haben die Umweltschützer inzwischen einen guten Überblick in welchen Waldgebieten inzwischen überhaupt wieder Wildkatzen leben. Die gesammelten Daten haben sie in einer Landkarte zusammengefasst.

Wildkatzen gelangen kaum vom Südwesten in den Nordosten – es fehlen grüne Korridore

So finden sich die meisten Wildkatzen im Südwesten von Deutschland. „Dabei gibt es gerade in Brandenburg Wälder, die sich als idealer Lebensraum anbieten würden. Aber es gibt einfach keinen Weg, auf dem die Wildkatzen dorthin gelangen könnten“, so Freund. Und genau das wollen die Naturschützer ändern. Parallel zum Monitoring der Tiere arbeiten sie daran, deren Lebensraum aufzuwerten und durch grüne Korridore – sogenannte Wildkatzenwanderwege – zu verbinden.

Wildkatze streift durch Gebüsch

Wildkatzen brauchen geschützte Schleichwege, um von einem Waldgebiet in ein anderes zu gelangen. Foto: Michael Radloff

Allerdings ist schon vergangenen Herbst das Förderprojekt „Wildkatzensprung“ offiziell ausgelaufen. Die Umweltschützer vom BUND machen nun teilweise auf eigene Rechnung weiter. Bis Ende dieser Woche läuft noch das Monitoring mit den Lockstöcken, von dem sie sich neue Erkenntnisse über die Wege der Wildkatzen von Süd nach Nord erhoffen. Denn wie es die Wildkatze bis in die Lüneburger Heide geschafft hat, lässt Forscher und Aktivisten rätseln. „Da gibt es bisher eigentlich keine durchgängigen Schleichwege, die von den derzeitigen Verbreitungsgebieten der Wildkatze bis soweit nach Norddeutschland reichen“, sagt Judith Freund.

Allerdings wird die Datenanalyse der neuen Katzenhaar-Proben einige Monate dauern. Bis die neuen Ergebnisse im September vorliegen, pflanzen die Umweltschützer mit Unterstützung der Bundesländer weiter grüne Korridore durch ganz Deutschland. „Die Schleichwege sollen sich wie ein Netz über die bisherigen und potentiellen Kernlebensräume der Wildkatze legen“, so Freund. Das soll es den Wildkatzen vereinfachen, sich auch in den Waldgebieten im Norden zu verbreiten. Den letzten grünen Korridor pflanzten die Naturschützer im Herbst 2017 beim niedersächsischen Hameln. Nun gibt es hier eine fast durchgängige Waldverbindung zwischen dem Hamelner-Fischbecker Wald und dem Süntel.

Den Kauf der Flächen finanzieren die BUND-Aktivisten durch Spenden. Aktuell pflanzen ehrenamtliche und hauptamtliche Umweltschützer in Niedersachsen und Baden-Württemberg zwei weitere Korridore. Und auch in Sachsen und Sachsen-Anhalt sind neue Wildkatzenwanderwege geplant. Außerdem werten sie – zuletzt hauptsächlich im Großraum Eifel in Nordrhein-Westfalen und Rheinland-Pfalz – Waldgebiete mit bestimmten Maßnahmen auf. So lassen sie beispielsweise Altholzinseln oder Wälle aus Baumkronen und Holzpoltern in wirtschaftlich genutzten Wäldern liegen, da Wildkatzen darunter geschützt ihre Jungen aufziehen können.

Geringe genetische Vielfalt gefährdet das Überleben von Wildkatzen – durch Krankheiten und Totgeburten

Gerade im letzten Jahrhundert haben Menschen in Deutschland immer mehr Verkehrsnetze gelegt und eine Infrastruktur gebaut, welche die natürlichen Lebensräume der Tiere zerschnitten hat. Die riesigen zusammenhängenden Waldgebiete zerfielen in voneinander isolierte Waldinseln. Da gerade Wildkatzen sehr scheu sind und nicht über das freie Feld oder durch bewohnte Gebiete laufen, wurden sie auf wenige Restlebensräume zurückgedrängt. „Die Populationen verarmten genetisch. Das führt vermehrt zu Krankheiten und Inzucht. Katzenbabys werden beispielsweise tot geboren oder haben aufgrund von Fehlbildungen schlechtere Chancen zu überleben“, beschreibt Judith Freund die Situation.  

Durch die Waldaufwertung und die Wildkatzenwanderwege wollen Freund und Kollegen dagegen steuern. Dadurch hoffen sie, dass die Raubkatzen sich wieder weitere Waldgebiete wie in Norddeutschland erschließen und dort auch genetisch unterschiedliche Partner zur Fortpflanzung finden. Judith Freund ist zuversichtlich, dass die Wildkatzen zurückgekommen sind, um zu bleiben. „Im Moment erholt sich die Wildkatzen-Population. Wenn wir die Lebensbedingungen der Wildkatze weiter verbessern können, rechnen wir künftig mit einem leichten Anstieg in Deutschland“, so die BUND-Sprecherin.

Doch wie es weitergeht, hängt – zumindest zu einem großen Anteil – von den umweltpolitischen Entscheidungen der neuen alten Bundesregierung ab. Denn um sich weiter zu vermehren, brauchen Wildkatzen noch mehr naturbelassene, miteinander verbundene Waldgebiete – möglichst auch über nationale Grenzen hinaus. Dann könnten die kleinen Raubkatzen künftig durch ganz Europa schleichen und sich mit möglichst vielfältigen Partnern paaren. Aber internationale Kooperationen hierzu stecken noch in den Kinderschuhen.

Nora Kusche

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Serie: In Zeiten des Aufruhrs23.Mär 2018

Kommunisten, Christen und Hippies vereint – im Kampf gegen Atomwaffen

Am Anfang stand ein Bundestagsbeschluss, der nie umgesetzt wurde. Im historischen Teil unserer Serie „In Zeiten des Aufruhrs" zeigen wir, dass allerdings allein die Idee einer nuklear bewaffneten Bundeswehr die Menschen vor sechzig Jahren auf die Straße trieb. Später protestierten Millionen gegen die Stationierung von Mittelstreckenraketen. Und auch wenn es um die Friedensbewegung ruhiger geworden ist, ist die atomare Bedrohung aktuell wie nie.

Wie realistisch ein baldiger Atomkrieg ist? Schwer zu sagen, findet Claudia Kemper vom Hamburger Institut für Sozialforschung. Die weltweite Verteilung nuklearer Arsenale sei unübersichtlich, das Bedrohungsszenario zwischen den Atommächten real und die Stimmung in der Bevölkerung gelassen, fasst die Historikerin zusammen. „Zu Beginn der Friedensbewegung war die Situation noch genau umgekehrt.“

Sechzig Jahre ist es her, dass Kanzler Konrad Adenauer die Bundesrepublik nuklear aufrüsten wollte. Am 25. März 1958 beschloss der Bundestag, die zwei Jahre zuvor gegründete Bundeswehr mit Atomwaffen auszurüsten. Eine CDU-/CSU-Mehrheit hatte sich nach einer erregten Debatte und gegen heftigen Widerstand der Opposition durchgesetzt. Aber nicht nur im Bundestag, auch auf der Straße führte der Beschluss zu Protesten. Die Friedensbewegung der Nachkriegszeit bekam dadurch neuen Zulauf.

Die Anfänge der Friedensbewegung, die sich nach Ende des Zweiten Weltkriegs neu formierte, liegen hauptsächlich in der BRD. „Da die DDR sich selbst bereits als Friedensstaat definierte, war der Friedensbegriff dort staatlich besetzt. Eine Friedensbewegung wie in der BRD gab es daher nicht“, sagt Claudia Kemper dem Greenpeace Magazin. Einige Jahre nach Kriegsende, also 1949 und zu Beginn der Fünfzigerjahre, gab es die ersten pazifistischen Impulse unter dem Leitmotto „Ohne mich“. „Die politische Motivation für Pazifismus waren häufig subjektive Kriegs- und Gewalterfahrungen aus dem Nationalsozialismus und dem Zweiten Weltkrieg. Da gab es so eine Grundstimmung, dass man nichts mehr zu tun haben wollte mit Gehorsam und Militär“, so Kemper.

Motiv für Pazifismus waren subjektive Kriegs- und Gewalterfahrungen

Das hat Wolfgang Hertle, der seit 52 Jahren in der Friedensbewegung aktiv ist, auch noch so erlebt. Während andere Wissenschaftler in Archiven geforscht haben, hat der Politologe seine Beobachtungen vor Ort gemacht. Im Gespräch mit dem Greenpeace Magazin schildert Hertle seine Erinnerungen an die Proteste: „In der Friedensbewegung waren Kriegsdienstverweigerer, Lehrlinge und Studenten, aber auch Menschen, die auch schon den Ersten Weltkrieg erlebt hatten und dann nach den Erfahrungen aus dem Zweiten Weltkrieg gesagt haben: Jetzt ist Schluss!“

1958 kam es dann mit besagtem Bundestagsentscheid für nukleare Aufrüstung zu einer Zäsur. Die atomare Bedrohungslage erschien vielen erschreckend real. „Kampf dem Atomtod!“, war nun die Parole. Zwei Jahre später etablierten sich auch in Deutschland die Ostermärsche, die ihren Ursprung in Großbritannien hatten, als kontinuierliche Protestform der Friedensbewegung. „Eine ganz neue Friedensbewegung war geboren“, so Claudia Kemper. Experten und Wissenschaftler unterstützten die Proteste, und die Bewegung bekam eine andere Dynamik als die Protestaktionen und Demonstrationen in den Jahren zuvor. Kemper beschreibt das so: „Vorher hatten Friedenaktivisten keine eigenen Experten, und jetzt hatten sie auf einmal 18 hochangesehene Atomforscher an ihrer Seite.“

Plakatsäule mit dem Foto von Albert Einstein

„Nein zur Atomrüstung“ steht 1958 auf einer Plakatsäule über dem Foto von Albert Einstein. Foto: bpk/Felicitas Timpe

Zu den „Göttinger Achtzehn“, die sich 1957 mit einer gemeinsamen Erklärung gegen die von Bundeskanzler Konrad Adenauer und Verteidigungsminister Franz Josef Strauß angestrebte nukleare Bewaffnung der Bundeswehr wandten, zählten die Nobelpreisträger Otto Hahn, Max Born und Werner Heisenberg. Andere Persönlichkeiten wie Günther Anders, Ernst Bloch, Karl Jaspers und der Friedensnobelpreisträger Albert Schweitzer schlossen sich an. Das Göttinger Manifest hatte eine große Wirkung in der Öffentlichkeit, doch Adenauers Plan scheiterten schließlich erst an den Vorbehalten Frankreichs und der Nato, Post-Nazi-Deutschland mit Atomwaffen auszustatten.

Um trotzdem die Westbindung zu stärken, wurden US-Atomwaffen auf BRD-Gebiet stationiert, die in der Verfügungsgewalt der Amerikaner waren – Nato-Partnern wurde aber eine „nukleare Teilhabe“ zugebilligt. Wolfgang Hertle erinnert sich an Diskussionen und Vorbereitungen in den Sechzigerjahren für einen Atomwaffengürtel entlang der deutsch-deutschen Grenze: „Da wurden Sprengkammern in vielen Straßen und Brücken eingebaut, die an den speziellen Schachtdeckeln zu erkennen waren. In diese Schächte sollte im Krisenfall Sprengmaterial eingesetzt werden. Nach 1989 wurden diese Vorrichtungen abgebaut.“ Als Relikt des Kalten Kriegs lagern aktuell noch im Bundeswehr-Luftwaffenstützpunkt Büchel, etwa hundert Kilometer südlich von Köln, US-amerikanische Atomwaffen. Die Lagerung wird als offenes Geheimnis gehandelt, die Bundesregierung hat sie nie bestätigt.

68er bringen neue Themen in die Friedensbewegung

Nach 1958 flaute die Dynamik der Friedensbewegung etwas ab, zehn Jahre später mit der Studentenbewegung 1968 bekam sie dann vor allem thematisch neue Impulse. Die 68er zogen einen Großteil ihrer Mobilisierung aus den Protesten gegen den Vietnamkrieg und die USA als Feindbild. Damit einher ging eine Kritik der kapitalistischen Wirtschaftsweise westlicher Industrieländer, an imperialistischen Strukturen weltweit und die Forderung nach Entkolonialisierung der sogenannten Dritten Welt. „Zur Zeit der Studentenbewegung waren die Ostermärsche gar nicht mehr primär gegen Atomwaffen. Die Themen der 68er bestimmten auch die Protest-Agenda der Friedensbewegung“, so Claudia Kemper.

Mitte der Siebzigerjahre rückte dann das Friedensthema wieder verstärkt in den Fokus. Und Anfang der Achtzigerjahre – mit den Protesten gegen den Nato-Doppelbeschluss – ging es dann richtig los. Massenhaft strömten die Menschen gegen die Stationierung neuer Atomwaffen auf die Straße. „Die Friedensbewegung konnte zu dieser Zeit massenhaft mobilisieren. Das fing 1975 an und erreichte den Peak 1983“, sagt Claudia Kemper.

„Da liefen Kommunisten neben Hippies und Christen“

Höhepunkt der Friedensbewegung waren die Massendemonstrationen in den Jahren zwischen 1981 und 1983. „An diese Friedensdemos denken die Leute noch heute, wenn sie Friedensbewegung hören: 300.000 Demonstrierende im Bonner Hofgarten 1981, 500.000 in den Rheinwiesen 1982, das sind die Fernsehbilder, die hängenbleiben“, sagt Claudia Kemper. Im Oktober 1983 kam es dann zu einem Demonstrationsrekord: Weit mehr als eine Million Bundesbürger protestierten auf den Straßen und Plätzen der Republik. Die massenhafte Mobilisierung hatte nur funktioniert, weil sich alle auf einen Punkt einigen konnten: Nein zu Atomwaffen. „Da liefen Kommunisten neben Hippies und Christen“, so die Historikerin.

Friedensdemonstration 1983

Friedensdemonstration: Menschenmassen protestieren auf dem Rathausmarkt und in den angrenzenden Strassen in Hamburg 1983 gegen den Nato-Doppelbeschluss. Foto: ullstein Bild - Laible

Doch weder die Massendemos, noch die mahnenden Reden von Petra Kelly, Willy Brandt oder Heinrich Böll konnten verhindern, dass Ende 1983 – wie im Nato-Doppelbeschluss vereinbart – neue nukleare Mittelstreckenraketen zwischen Stuttgart und Neu-Ulm stationiert wurden. Danach verlor die Friedensbewegung ihre starke Anziehungskraft und organisierte sich neu. In den Neunzigerjahren wurden aus den lockeren Bündnissen und Bürgerinitiativen teilweise feste Organisationen, die sich in den Protestformen und PR-Kampagnen professionalisieren und ihre Vernetzungsarbeit digitalisierten. „Anfang der Neunzigerjahre gab es geradezu eine Explosion von NGOs“, sagt Claudia Kemper.

Heute haben sich Friedensorganisationen wie beispielsweise die IPPNW, die Internationalen Ärzte für die Verhütung des Atomkrieges, im Kampf gegen atomare Waffen etabliert. Den Friedensnobelpreis im vergangenen Jahr erhielt die ICAN, die Internationale Kampagne zur Abschaffung von Atomwaffen, für ihre Aufklärungsarbeit über die Risiken von Atomwaffen und ihre Bemühungen, nukleare Waffen verbieten zu lassen.

Heute stehen die Globalisierungskritiker im Rampenlicht

Aber die goldenen Zeiten der Friedensbewegung, in denen der Protest gegen Atomwaffen die Massen auf die Straße brachte, sind laut Claudia Kemper vorbei. Schon nach dem Ende des Kalten Krieges und dem Fall der Mauer 1989 nahm das Interesse an der Friedensbewegung deutlich ab und auch die Ostermärsche wurden zu einer Randerscheinung der Protestbewegungen. Die Medienaufmerksamkeit richtete sich in den letzten Jahren eher auf die globalisierungskritischen Proteste gegen politische Großveranstaltungen wie vergangenes Jahr bei dem Gipfeltreffen der G20-Staatschefs in Hamburg oder die G8-Proteste 2007 in Heiligendamm.

BLOCK G20

Protest ist in Inhalt und Form vielfältiger geworden: G20-Proteste 2017 in Hamburg. Foto: Andreas Herzau/laif

Aber auch wenn das Friedensthema nicht mehr so präsent in den Protesten und der Öffentlichkeit ist, ist es bei vielen sozialen Bewegungen noch immer zentral. „Wir haben bei der Friedensbewegung noch die alten Bilder von den Demos in den Achtzigern im Kopf. Aber auch die Globalisierungskritiker und linken Bewegungen von heute haben ja das Friedensthema auf ihrer Agenda und verbinden es mit Machtkritik“, so Claudia Kemper. Und das sei auch dringend notwendig in Zeiten, in denen expandierende Atommächte wieder verstärkt auf immer modernere nukleare Waffen setzen und die Konfliktlinien zwischen den einzelnen Staaten sehr viel unübersichtlicher verlaufen als noch zu Zeiten des Kalten Kriegs.

Allerdings macht die Historikerin in der Bevölkerung eine gefährliche Gewöhnung an die Existenz von Atomwaffen aus. So sei die Bedrohung heute schlimmer, aber die Stimmung besser – und das müsse sich ändern. Claudia Kemper sagt: „Zwar hat sich die Anzahl von Atomwaffen seit den Neunzigerjahren reduziert, aber die Technik ist ausgefeilter. Und um die ganze Welt in Schutt und Asche zu legen, gibt es immer noch genug.“

Nora Kusche

 

Serie: In Zeiten des Aufruhrs

Sechzig Jahre ist es her, dass der damalige Bundeskanzler Konrad Adenauer die BRD mit Atomwaffen aufrüsten wollte – entgegen anfänglicher Ideen auf Seiten der Alliierten, Nazideutschland in einen ruralen Bauernstaat umzuwandeln. Der Bundestagsbeschluss vom 25. März 1958, die Bundeswehr mit Nuklearwaffen auszurüsten, führte zwar nicht zu eigenen Atomwaffen, aber zu einer deutschen Friedensbewegung, die sich bis heute alljährlich um die Osterfeiertage auf den Straßen formiert.

In unserer Serie geht es um Atomwaffen in ihrer historischen, gesellschaftlichen und politischen Dimension. Die Analyse „Bröckelt das nukleare Tabu?“ zur politischen Weltlage bildet den Auftakt. Im zweiten Teil „Wenn um zwölf Uhr der Weltuntergang droht“ wagen wir einen Exkurs zur sogenannten Doomsday Clock, das Interview mit dem Dokumentarfilmer Klaus Scherer über die Situation in Nordkorea ist der dritte Teil der Serie. Im vierten Teil vollziehen wir die Historie der Friedensbewegung nach. Im Gespräch mit Konrad Tempel endet die Serie.

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Regenwald21.Mär 2018

Wer ist verantwortlich für die grüne Lunge unserer Welt?

Vor elf Jahren verlangte Ecuadors Regierung Geld von den Industriestaaten, um Ölbohrungen im Regenwald zu stoppen. Der Plan scheiterte. Heute sagen Aktivisten: Wir brauchen genau das.

Die Idee von Rafael Correa war einfach, aber revolutionär: Westliche Industrieländer sollten in einen Fond zahlen, der Gewinne kompensiert, die sein Land durch den Verkauf von Erdöl hätte machen können. Dafür wollte Ecuadors ehemaliger Präsident das Öl im Boden und ein bestimmtes Regenwald-Gebiet unberührt lassen. Doch das geforderte Geld, die Hälfte der potentiellen Gewinne, kam nicht zusammen. „Rafael Correa warf der Welt vor, nicht genug gezahlt zu haben. Und die Welt warf Correa Erpressung vor“, sagt Kevin Koenig von der US-amerikanischen NGO Amazon Watch. 2013 gab Correa dann offiziell das Scheitern der sechs Jahre zuvor von ihm gestarteten Yasuní-ITT-Initiative bekannt und die staatliche Ölfirma Ecuadors, Petroamazonas, bekam grünes Licht zum Bohren im Herzen des Yasuní-Regenwalds.

So ergibt es sich nun, dass Petroamazonas im ecuadorianischen Regenwald nach Öl bohrt, während in Kolumbien der Weltbiodiversitätsrat tagt und vor dem Verlust der weltweiten Artenvielfalt warnt. Dass die Bohrungen erst in diesem Jahr begonnen haben, habe derweil keine politischen Gründe gehabt, weiß Kevin Koenig, der in Regenwald-Gebiete reist und die indigene Bevölkerung im Kampf um den Erhalt ihrer natürlichen Lebensräume unterstützt: „Es hat einfach so lange gedauert, weil die staatliche Ölfirma keine ausreichende Infrastruktur hatte.“

Die staatliche Ölfirma bohrt im Herz des geschützten Yasuní-Nationalparks

Spät, aber dadurch nicht weniger heftig stechen die Bohrungen damit ins Herz von Correas einstiger Yasuní-ITT-Initiative. Das Kürzel stand für drei Regionen mit Ölvorkommen mitten im geschützten Gebiet des Yasuní-Nationalparks: Ishpingo, Tambococha und Tiputini. Die erste Ölquelle wurde zu Beginn dieses Jahres im Tambococha-Gebiet erschlossen, 96 weitere sollen folgen. Zwar kam es schon früher zu Öl-Bohrungen an den Rändern des geschützten Regenwaldgebiets, aber mitten im Herzstück des Nationalparks Bäume zu fällen, Schneisen für Fahrzeuge zu schlagen, Straßen und Bohrinseln zu bauen – das erreicht eine neue Qualität. „Öl-Bohrungen, Abbau von Rohstoffen und industrielle Landwirtschaft richten den größten Schaden für die dortigen Ökosysteme an“, sagt Kevin Koenig. „Und es ist die Ölindustrie, welche den Regenwald zugänglich macht, die anderen folgen dann.“

Ölbohrungen in Yasuní

Um im ecuadorianischen Regenwald nach Öl zu bohren, baut das Staatsunternehmen Petroamazonas Straßen durch den geschützten Nationalpark Yasuní und errichtet Ölplattformen. Foto: ANDES / CC BY-SA2.0 / Flickr

Laut der Einschätzung des deutschen Entwicklungsministeriums (BMZ) kontaminiere die Erdölproduktion bereits jetzt die lokale Umwelt. Das gefährde Baumbestand und Biodiversität, verschmutze Boden- und Wasserressourcen und kurbele den Klimawandel an. Allerdings akzeptiere die Bundesregierung diese Entscheidung Ecuadors als souveränem Staat, so eine BMZ-Sprecherin weiter.

Bereits 1989 erklärte die Unesco Yasuní zum Weltbiospärereservat, weil es zu den artenreichsten Gebieten der Welt gehört. Allerdings hilft der Status eines Unesco-Reservats nicht, um den Nationalpark zu schützen. „Denn die Unesco hält sich bei politischen Fragen raus“, so Kevin Koenig. Aber auch die Regenwald-Aktivisten wie Kevin Koenig sind hier ambivalent. Auf der einen Seite verurteilen sie die Bohrungen und die damit einhergehende Zerstörung von Umwelt und Lebensraum. Auf der anderen Seite äußern sie Verständnis für die Situation des südamerikanischen Landes.

"Wenn ein Land wie Frankreich jetzt sagt, es werde alle neuen Ölbohrungen stoppen, dann ist das natürlich gut. Aber es gibt kein Land des globalen Südens, das so etwas sagt – weil die sich das einfach nicht leisten können“, sagt Koenig im Gespräch mit dem Greenpeace Magazin. So sorge der Ölexport für die Hälfte von Ecuadors Staatseinnahmen. Kevin Koenig weiter: „Die können nicht einfach aufhören zu bohren, die brauchen finanzielle Unterstützung.“ Und hier kommen die westlichen Industrienationen ins Spiel: Laut Koenig sind die nördlichen Länder für den Klimawandel hauptverantwortlich – also sollten sie auch dazu beitragen, nationale Ressourcen wie Regenwälder in den Ländern des globalen Südens zu schützen.

Auch eine Sprecherin des deutschen Entwicklungsministeriums räumt „eine Mitverantwortung der Industriestaaten für den Klimawandel“ ein. So seien die früheren Waldabholzungen in Deutschland und anderen Ländern grundsätzlich mit heutigen Waldverlusten in den Tropen vergleichbar. Dabei verweist die BMZ-Sprecherin auf das Pariser Klima-Abkommen von 2015, in welchem die „Berücksichtigung der speziellen Bedürfnisse und der besonderen Lage der am wenigsten entwickelten Länder hinsichtlich der Finanzierung“ betont werde.

„Deutschland nimmt seine Verantwortung wahr“

Außerdem spricht die BMZ-Sprecherin „die einzigartige biologische Vielfalt des Biosphärenreservats Yasuní“ an, welche durch die Erdölförderung stark gefährdet sei. Und auch dem Vorschlag der Amazon-Watch-Aktivisten, von wissenschaftlichen Studien und der Internationalen Agentur für Erneuerbare Energie, bis zu achtzig Prozent der fossilen Ressourcen weltweit im Boden zu lassen, pflichtet das Bundesentwicklungsministerium bei. Allerdings so weit, hierfür finanzielle Ausgleichszahlungen anzubieten, geht es nicht. Rafael Correas konkreten Vorschlag hatte das BMZ damals abgelehnt, weil es nicht „unterlassene Erdölförderung belohnen", sondern "positives Handeln honorieren" wolle.

Ecuadorianischer Regenwald

Urwälder wie der ecuadorianische Nationalpark Yasuní sind als Ökosysteme einzigartig und gelten als wahre Schatzkammern der Artenvielfalt. Foto: picture alliance/WILDLIFE

Aktuell verweist die BMZ-Sprecherin auf andere Programme, mit denen „Deutschland seine Verantwortung wahrnehme“. Auf der Klimakonferenz in Paris hatte Deutschland sich 2015 verpflichtet, bis 2020 knapp eine Milliarde Euro für Walderhalt bereitzustellen. Und zwar beispielsweise für das vom BMZ das „Herzstück“ des Pariser Klimmaabkommens 2015 genannten Programms, der NDC-Partnerschaft. Die Abkürzung steht für: Nationally Determined Contributions. Hierbei sollen Industrieländer wirtschaftlich schwächeren Ländern beim Wissensmanagement sowie Zugang zu Technik und Finanzierung helfen und so diesen Ländern eine „klimafreundliche Wirtschaftsentwicklung und Armutsbekämpfung“ ermöglichen.

Auch bei der sogenannten Bonn Challenge will die deutsche Bundesregierung die Wiederherstellung von Wäldern vorantreiben. Die „derzeit größte Initiative zur Renaturierung weltweit“ wurde 2011 bei einem Ministertreffen in Bonn ins Leben gerufen und soll bereits existierende internationale Zusagen zur Wiederaufforstung von Wäldern bündeln. Ziel ist es, bis 2030 mindestens 350 Millionen Hektar Wald wiederherzustellen.

Im Kern geht es bei all diesen Modellen, bei allen Geldzahlungen um eine moralische Frage: Unterstützen die Industriestaaten die südlichen Länder denkbar unverbindlich aus Wohltätigkeit oder wechselnden Eigeninteressen oder begleichen sie eine auch als solche empfundene Schuld? Dazu sagt die Sprecherin des deutschen Entwicklungsministeriums: „Die Weltgemeinschaft steht in der Verantwortung.“ Das ist ein Fortschritt, denn diese Einsicht bedeutet auch: mehr Verbindlichkeit. Und auch die vielen Stimmen aus Wissenschaft, NGOs und Politik, die fordern, fossile Ressourcen im Boden zu lassen, zeigen einen Sinneswandel zu 2007 an.

Aber: Für die „Nicht-Ölförderung“ die Weltgemeinschaft ganz konkret zur Kasse zu bitten, hat nach Correa niemand mehr gewagt. „Und genau das brauchen wir“, sagt Kevin Koenig. Die Idee war gut, aber die Welt noch nicht bereit. Vielleicht ist sie es bald.

Nora Kusche

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Globalisierung19.Mär 2018

Dokumentarfilm kritisiert Scheinheiligkeit von Unternehmen

Werner Boote spricht in seinem Dokumentarfilm „The Green Lie“ mit Unternehmensvertretern, Konsumenten und Aktivisten. Er macht sich auf die Suche nach der Wahrheit hinter dem Begriff der „nachhaltigen Produkte“.

Der erste Satz im Dokumentarfilm „The Green Lie“ bringt seine Botschaft auf den Punkt: „Mir wird gesagt, dass ich die Welt retten kann. Das ist eine Lüge“. Das neue Werk des österreichischen Regisseurs prangert an, dass immer mehr Konzerne die Verantwortung des ethischen und nachhaltigen Konsums auf die Kunden abwälzen. „Wie kann es sein, dass Firmen heute immer noch Produkte herstellen, bei deren Produktion die Umwelt geschädigt wird?“, fragt Werner Boote während eines Telefongesprächs mit dem Greenpeace Magazin.

Für die 97-minütige Dokumentation ist er um die Erde gereist – nach Indonesien und nach Südamerika und hat mit Firmen wie Coca Cola, Aktivisten wie Feri Irawan und Wissenschaftlern wie Noam Chomsky gesprochen. Nicht nur, um anzuprangern, sondern auch um nach Lösungsansätzen zu suchen.

Zusammen mit Kathrin Hartmann, einer Autorin und Kennerin der Nachhaltigkeits-Szene, macht Werner Boote sich auf die Suche

Die Idee zum Film hatte Boote bereits vor sieben Jahren. Sein Produzent sei auf ihn zugekommen und habe ihn gefragt, ob er nach seinen letzten Filmen über den Plastikwahnsinn und den Bevölkerungswachstum nicht mal einen Film mit positiven Beispielen machen wolle. Boote hat angefangen zu recherchieren – aber neben den positiven Beispielen im Bereich Konsum und Unternehmensverantwortung ist ihm auch Greenwashing begegnet. Beim Filmfestival in Berlin sei ein Betreiber eines Umweltsiegels auf ihn zugekommen und habe ihn gefragt, ob er seine Filme nicht mit dem Label „CO2-neutral“ versehen lassen möchte. Alles was er dazu tun bräuchte, sei seiner Firma 3000 Euro zu überweisen.

Boote schaut sich den Wirtschaftszweig der CO2-Kompensationen an. Und entdeckte eine “intransparente Branche“. Das war der Stein des Anstoßes, um sich auch andere Firmen anzuschauen und hinter die Fassaden der „grünen Lügen“ zu schauen. Zusammen mit seiner Co-Moderatorin Kathrin Hartmann, einer Autorin und Kennerin der Nachhaltigkeits-Szene, machte er sich auf die Suche.

Wenige Jahre später stand Boote mitten auf einer abgebrannten Fläche Regenwald in Indonesien. Dort, wo noch wenige Wochen vorher Bäume, Pflanzen und Tiere lebten, ragten nur noch schwarze, verkohlte Stümpfe aus dem Boden. „Das war der eindrucksvollste Dreh des ganzen Films“, sagt Boote. Er stand oft bis zur Hüfte in der Asche, immer der Gefahr ausgesetzt, dass er einbricht und unter ihm noch Feuer schwelt. Andere Leute, die an seinem Film mitgewirkt haben, sind wirklich in Gefahr geraten. Der indonesische Aktivist Feri Irawan hat die Firma vor Gericht verklagt, die den Regenwald abgebrannt hatte. Wenige Wochen nach dem Dreh wurde er in seinem Büro von zwei Männern bedroht und konnte sich nur mit einem Sprung aus dem Fenster retten. Seitdem wechselt er regelmäßig seinen Arbeitsplatz. Aus Schutz vor weiteren Angriffen.

Boote plädiert in seinem Film für einen radikalen Systemwandel. „Natürlich ist dieser Wunsch eine Utopie, aber irgendwo müssen wir anfangen“, sagt er. Für den Film interviewt Boote den bekannten Kapitalismuskritiker Noam Chomsky, der daran erinnert, dass alle Veränderungen ihre Zeit gebraucht haben, aber von uns in Bewegung gebracht worden seien. Als Beispiel führt er die große Industrialisierungswelle an, nach der die Menschen in den 70er Jahren auf die Idee gekommen sind, dass dies ja auf Kosten der Umwelt gehe. Boote schlägt zum Beispiel vor, dass Vorstände nicht mehr nur vom monetären Profit getrieben werden sollen, sondern auch andere Erfolgsfaktoren wie die Einhaltung von Menschenrechten oder den Umweltschutz stärker wertgeschätzt werden sollen.

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Der US-amerikanische Kapitalismuskritiker Noam Chomsky plädiert für einen radikalen Systemwandel – und für die Kraft der Masse. Foto: Werner Boote

Heute läge das Hauptproblem noch darin, dass Umweltschutz und die Einhaltung der Menschenrechte oft nur freiwillige Bekenntnisse seien – und daher oft nicht einklagbar. Doch Boote setzt auf die Kraft der Masse. „Der Film soll anderen Menschen Mut machen“, sagt er. „Und zeigen, dass sie nicht alleine sind mit ihrem Wunsch nach Veränderung.“

Die Kinovorstellungen in Österreich seien dafür ganz nützlich gewesen. „Dort haben sich Menschen im Kinosaal zusammengefunden, die ähnlich denken und etwas verändern wollen“, sagt Boote. Vielleicht wird es bei den deutschen Vorstellungen ähnliche spontane Treffen geben. Er und seine Co-Moderatorin Kathrin Hartmann werden auf jeden Fall für Gespräche nach dem Film im Kinosaal bleiben.  

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In diesen Kinos kann man den Film an diesen Daten sehen :
20.3., Metro Kino, Kiel, 19 Uhr
21.3., Abaton, Hamburg, 20 Uhr
22.3., Passage, Leipzig, 20:15 Uhr
23.3., Cinema, Osnabrück, 19 Uhr
24.3., Endstation, Bochum, 17 Uhr
25.3., Harmonie, Frankfurt, 11:30 Uhr
25.3., Rex, Darmstadt, 15 Uhr
25.3., Caligari, Wiesbaden, 18 Uhr
27.3., Atelier am Bollwerk, Stuttgart, 20 Uhr
29.3., Rio, München, 20:15 Uhr

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Protest16.Mär 2018

Protest wirkt als Frühwarnsystem unserer Gesellschaft

Ob Menschen als Staturen, auf Stelzen oder im Clownskostüm demonstrieren – die heutigen Protestarten sind vielfältig und kreativ. Auch wenn die Form sich ändert, die Kernfunktion bleibt: Protest fungiert als Frühwarnsystem der Gesellschaft.

Aufregend und überraschend muss Protest heute sein. Bei spektakulären Bildern ist die Aufmerksamkeit der Presse garantiert. Und darum geht es. Denn nur mithilfe der Medien und der so geschaffenen Öffentlichkeit kann Protest seine eigentliche Funktion erfüllen: Die versteckten oder sich gerade erst entwickelten Probleme und Defizite einer Gesellschaft aufzeigen. „Protest muss die verkrusteten Strukturen eines Systems aufbrechen“, sagt Dieter Rucht vom Wissenschaftszentrum Berlin für Sozialforschung (WZB). Der Soziologe forscht hier zu sozialen Bewegungen und politischem Protest. „Protest ist das Frühwarnsystem einer Gesellschaft“, sagt er.

So reagieren laut Rucht soziale Bewegungen sehr schnell und sensibel auf Missstände, welche die große Politik häufig übersieht oder ignoriert. Um gehört zu werden, unternehmen Protestgruppen und soziale Bewegungen immer größere Anstrengungen. Denn heute braucht es mehr als drei geworfenen Tomaten, die am Anfang der zweiten Frauenbewegung 1968 standen. Inzwischen ist das Clownskostüm en vogue oder man denkt sich etwas noch nie Gesehenes aus.

Wie das Künstlerkollektiv, das 2017 als „1000 Gestalten“ durch Hamburg lief. Im dramaturgisch passenden Moment rissen sie sich die grauen und trostlosen Anzüge vom Leib und es kam ein buntes Farbenmeer zum Vorschein. Das schafft tolle Bilder – und nennt sich „symbolischer Protest“. Dieser zielt auf Aufmerksamkeit – der Medien, der Öffentlichkeit, der Politik. Und das zu Recht. „Eine Bewegung, über die nicht berichtet wird, findet nicht statt“, schrieb der Politologe Joachim Raschke schon 1985.

Protest funktioniert durch Symbole

Und das haben sich auch die häufig schwarz vermummten Autonomen zu Herzen genommen, die auf linken Demonstrationszügen als sogenannter Schwarzer Block laufen.  „Das sind ja nicht nur Deppen, die da mitlaufen“, sagt Protestforscher Rucht. „Da sind teilweise promovierte Politikwissenschaftler dabei. Und die sind sich der Kraft ihrer Symbole bewusst und setzen diese ein.“ Rucht bezieht sich auf die schwarz-uniforme Kleidung, die Vermummung, die Auseinandersetzung mit der Polizei – das sieht er als Inszenierung und Spektakel. „Und auch wenn die wissen, dass sie die Mehrheitsgesellschaft nicht auf ihrer Seite haben, sagen sie mit ihrem Auftreten: Wir haben nicht die Kraft das System zu ändern, aber wir haben den Willen und die Intention, das zu tun,“ so Rucht. Und dieser Wille zur Systemänderung bleibe als Signal erhalten.

Dieser Symbol-Protest zieht sich durch die Geschichte sozialer Bewegungen: Schon Mahatma Ghandi demonstrierte in Indien gegen zu hohe Salzsteuern und meinte damit eigentlich die Kolonialpolitik Englands. Umweltaktivisten, die sich an einen Baum klammern, geht es auch nicht um den einzelnen Baum, sondern um Naturschutz, Artenvielfalt, Klimawandel und Umweltpolitik. Die Symbolgewalt sorgt dafür, dass die Bilder hängenbleiben. Ob dadurch auch die inhaltlichen Forderungen von der Politik aufgegriffen werden, ist hingegen nicht garantiert. Je radikaler die Inhalte sind, desto geringer wird hier die Wahrscheinlichkeit – das trifft natürlich besonders auf Proteste zu, die explizit die Abschaffung der etablierten Hierarchien fordern.

1000 Gestalten in Hamburg

Protest des Künstlerkollektivs „1000 Gestalten“ 2017 in Hamburg Foto: Christian Angl/1000gestalten.de

„Die Protestierenden imaginieren Utopien, für die sie dann kämpfen”, sagt Dieter Rucht. Aber die erwirkten Reformen blieben meist stark hinter den ursprünglichen Idealen zurück. „Das gesamte institutionelle Gefüge in Deutschland ist im Kern unverändert – trotz der sehr aktiven Studentenbewegung 1968“, so der Protestforscher. Dennoch habe die Bewegung zu sichtbaren Änderungen in unserer Gesellschaft geführt. „Im Kleinen hat sich seit 68 relativ viel getan durch linke, umweltpolitische Proteste und die Frauenbewegung“, sagt Dieter Rucht. Als Beispiele dienen ihm, dass Abtreibungen seit Mitte der 1970er Jahre strafffrei bleiben, dass seit den 1980er Jahren der Gesetzgeber Bürgerentscheide als Instrument der direkten Demokratie ausgebaut hat und dass 2006 das Antidiskriminierungsgesetz erlassen und das Klagerecht von Umweltverbänden eingeführt wurde.

Reformen statt Revolution

Und diese Erfolge der sozialen Bewegungen zeigen auch, wie geschmeidig und anpassungsfähig unser Politik- und Wirtschaftssystem ist. Protest werde teilweise assimiliert und dadurch ungefährlich, so Dieter Rucht. Wenn Protest bestimmte Fehlentwicklungen innerhalb einer Gesellschaft benennt, kann die Politik diese korrigieren. Daraus gehe das Gesamtsystem gestärkt hervor. „Wenn das System partiell auf Kritik reagiert und an einzelnen Stellen nachgibt, dann nimmt das den Druck aus dem Kessel – und zwar bevor das Ganze überkocht“, sagt der Forscher. Und das ist mitunter ein Effekt, den gerade radikalere Protestbewegungen gar nicht beabsichtigen. „Die wenigsten kapitalismuskritischen Gruppen wollen ja zur Stabilisierung des kapitalistischen Systems beitragen,“ so Rucht.

Aber auch wenn sich diese systemstabilisierende Grundfunktion des Protests über die Jahrhunderte kaum gewandelt hat, macht die Protestforschung heute zwei grundsätzlich neue Aspekte aus. Der eine sind die Erscheinungsformen des Protests. Eine immer schnellere, bildhungrige und um Aufmerksamkeit konkurrierende Medienlandschaft braucht stimmige Bilder, überraschende Performances und gut laufende Geschichten.

Der andere Aspekt ist das generelle Image von Protest. Und das hat sich über die Jahrzehnte fast ins Gegenteil verkehrt. „Früher wurden Protestierende als unzufriedene Querulanten oder gleich als Kommunisten wahrgenommen – zumindest aber als Störenfriede einer als gut und richtig geltenden Ordnung“, sagt Dieter Rucht. Das wandelte sich schon 1969 als der damalige Bundeskanzler Willy Brandt in der Regierungserklärung sagte, man wolle „mehr Demokratie wagen“. „Und das hieß auch abweichende Stimmen vom politischen Mainstreams in die Regierungsentscheidungen miteinbeziehen“, so Rucht.

Mittlerweile ist es gesellschaftlicher Konsens, dass Protest, soziale Bewegungen und die Anliegen von Minderheiten ein wichtiger Bestandteil des demokratischen Systems sind. „Eine Gesellschaft kann phasenweise, allerdings kaum auf Dauer, ohne Protest funktionieren,“ sagt Dieter Rucht. So könnten äußere Umstände, wie beispielsweise ein Krieg, andere Problemprioritäten schaffen. Interne gesellschaftliche Probleme lägen dann erst einmal auf Eis. Aber auf Dauer gehe es in modernen Gesellschaften einfach nicht ohne. Rucht appelliert deshalb: „Notwendige gesellschaftliche Veränderungen passieren in der Regel nicht von selbst – hierfür braucht es Protest und soziale Bewegungen.“

Nora Kusche

Aufmacherbild: 1000gestalten.de

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Internationale Wochen gegen Rassismus13.Mär 2018

Mohamed Amjahid: „Hassbotschaften zu bekommen ist Teil meiner Arbeit“

Wie es ist als nicht-weiße Person in einer mehrheitlich weißen Gesellschaft zu leben – das thematisieren zurzeit zahlreiche Veranstaltungen im Kontext der Internationalen Wochen gegen Rassismus. Wir haben mit dem Autor und Journalisten Mohamed Amjahid über seine Erfahrungen mit Rassismus in Deutschland gesprochen.

Stimmengewirr und Lautsprecheransagen dringen aus dem Telefonhörer, dann die Stimme von Mohamed Amjahid. Wir erwischen den Buchautor und Redakteur der „Zeit“ telefonisch für ein Interview am Hamburger Hauptbahnhof, kurz bevor er in seinen Zug nach Leipzig springen muss. Amjahid ist zur Zeit viel unterwegs. Auf der Leipziger Buchmesse ist er für die Moderation der Veranstaltung „Europa 21“ zuständig, bei der eigene Privilegien in Europa hinterfragt werden sollen. Und zum Auftakt der Internationalen Wochen gegen Rassismus, die vom 12. bis 25. März stattfindet, ging es nach Bielefeld. Dort hat Mohamed Amjahid aus seinem Buch „Unter Weißen“ gelesen. Mit dem Greenpeace Magazin spricht der Autor darüber, wie er alltäglichen Rassismus in Deutschland erlebt.

Herr Amjahid, es ist etwa ein Jahr her, dass Ihr Buch „Unter Weißen“ erschienen ist. Darin schreiben Sie über Alltagsrassismus in Deutschland. Was hat sich seitdem für Sie geändert?

Seitdem erkennen mich Leute im öffentlichen Raum als Autoren und sprechen mich an. Das war am Anfang etwas komisch. Aber eigentlich freue ich mich, denn Lob ist Balsam für die Autorenseele. Und auch das beständige Interesse freut mich: Ich bekomme auch jetzt noch zwei bis drei Zuschriften pro Tag und mehr als die Hälfte ist positiv. Aber natürlich sind auch Hassbotschaften dabei. Aber ich sehe das als Teil meiner Arbeit.

Würden Sie das Buch heute noch genauso schreiben?

Ja, meine Kernthese ist heute noch genauso relevant. Rassismus in Deutschland hat sich ja nicht durch mein Buch innerhalb eines Jahres aufgelöst oder gravierend geändert. Das Grundproblem besteht fort, dass es in Diskursen um nicht-weiße Menschen immer um „die Anderen“ geht. Aber immer mehr dieser vermeintlich „Anderen“ werden sprechfähig und ändern dadurch die Perspektive. Also fragen Sie mich in zehn Jahren noch einmal.

Ihre Eltern sind aus Marokko nach Deutschland gezogen, Sie haben einen Teil Ihrer Jugend in Marokko verbracht. Inwiefern beeinflusst das Ihre Arbeit?

Ich arbeite hauptberuflich als Redakteur und Reporter für das Ressort Politik der Wochenzeitung „Die Zeit“ und bin viel im Ausland unterwegs. Und gerade in arabischen Ländern nutzen mir natürlich meine Sprachkenntnisse aber auch meine interkulturelle Kompetenz. Zumindest spüre ich dort eine größere Vertrauensbasis, die Leute öffnen sich schneller und erzählen ihre Geschichten. Bei meinen Recherchen möchte ich auch immer auf die Perspektive der Menschen vor Ort eingehen: Also was macht unser westlicher Lebensstil mit Menschen in anderen Lebenskontexten? Welche Folgen hat es, wenn unsere alten Diesel nicht in Deutschland verschrottet werden, sondern exportiert werden? Dann haben nämlich die Menschen vor Ort das Problem. Beispielsweise ist in Marokko jedes zweite Taxi ein altes Dieselfahrzeug aus Deutschland. In den Städten dort kann man bald nicht mehr atmen.

Und wie sehen die Nachteile aus, die sich aus dem Migrationshintergrund für Sie in Deutschland ergeben?

Einschränkungen ergeben sich beispielsweise auch dadurch, dass ich keine deutsche Staatsbürgerschaft habe. Und das wirkt sich erheblich auf die Mobilität aus, also auf meine Reisen. Da gibt es Grenzen, die von Menschen mit deutschem Pass gar nicht wahrgenommen werden. Und das zeigt, dass nicht nur die Hautfarbe, sondern auch die Passfarbe zählt. Beim Rassismus will ich zunächst gar nicht über Organisationen, neue Parteien oder die alten Gedanken, die immer noch präsent sind, sprechen. Sondern über die Mikro-Aggression im Alltag, die allen Menschen begegnet, die nicht der vermeintlichen Norm entsprechen. Erst einmal macht ein nicht-weißes Aussehen praktische Aspekte des Lebens wie die Arbeits- und Wohnungssuche sehr viel schwieriger. Aber anstrengend sind auch diese Blicke und Sprüche, die einen ständig begleiten – das ist mir und meinem Umfeld einfach schon zu oft passiert. So hat zum Beispiel in der S-Bahn, als ich auf dem Weg zum Bahnhof war, eine ältere Frau gegen meinen Koffer gekickt und gesagt, ich solle mich nach Anatolien verpissen. Das sind natürlich Szenen, die nicht schön sind, wenn sie einen ständig begleiten. Ich habe die Frau nicht zur Rede gestellt, damit ich meinen Zug nicht verpasse und die Erfahrung getwittert. Und bekomme nun viele solidarische Zuschriften, aber auch genauso viele Nachrichten, warum ich verschwinden solle.

Wie sind Ihre Erfahrungen mit Antidiskriminierungsstellen? Hat Deutschland hier eine ausreichende Infrastruktur?

Sowohl die Infrastruktur, als auch die Informationslage in Deutschland ist ausbaufähig. Häufig wissen Menschen, die Rassismus-Erfahrungen gemacht haben, gar nicht, an wen sie sich wenden können. Außerdem fehlt in Deutschland eine Sprache dafür, auch das ist Teil des Problems. Es wird zwar die ganze Zeit gesprochen – über Ausländer, Lesben, Juden oder andere Gruppen, die nicht die vermeintliche Norm eines weißen, heterosexuellen und männlichen Mitglieds der deutschen Gesellschaft erfüllen. Aber die definierte Norm, die weiße Mehrheitsgesellschaft, wird nicht benannt. Weiße Menschen in Deutschland sehen sich nicht als „weiß“, sondern als „normal“. Hier sind die USA um einiges weiter. Selbst der als rechts-konservativ geltende TV-Sender „Fox News“ spricht selbstverständlich von „white people“. Und das ist wichtig, denn man muss Strukturen und Privilegien benennen, um sie zu verändern. Und in Deutschland wird gar nicht über Privilegien gesprochen.

Ist das auch die Motivation hinter ihrer Arbeit, Diskurse und Perspektiven zu verändern? Funktioniert das?

Als ich im Zeitmagazin den Artikel „Ga Ga Land“ über die antideutsche Szene in Deutschland geschrieben habe, hat das einige Wellen geschlagen. Das war ja eine Reportage über eine bestimmte Gruppe innerhalb der linken Bewegung, für die ich einige Monate in ganz Deutschland recherchiert hatte. Ich wollte verdeutlichen, dass die Welt nicht mehr so einfach in links und rechts aufzuteilen ist und ein differenzierteres Bild zeichnen. Und da habe ich sehr viele positive Rückmeldungen bekommen. So schrieben mir zum Beispiel viele Leser und Leserinnen, dass sie sich sehr lange gefragt haben, was in der linken Szene so abgeht und sie nun etwas mehr verstanden haben, wo die Konfliktlinien verlaufen. Aber es gab auch teils recht plump rassistische Reaktionen. Da haben mir Leute geschrieben, ich solle „auf meinen Teppich steigen und zurück nach Mekka fliegen“. Die waren ein interessantes Beispiel dafür, wie Menschen mit Privilegien darauf reagieren, wenn sie mit diesen konfrontiert werden: nämlich beleidigt. Aber im Prinzip sind viele Reaktionen von Leserinnen und Lesern ja ein Zeichen für Erfolg – zumindest als Journalist. Denn Reaktionen und Aufmerksamkeit zeigen, dass man etwas richtiggemacht hat, etwas mit seiner Arbeit auslöst oder bewirkt. So leiste ich einen kleinen Beitrag für die große Diskussion.      

Interview: Nora Kusche

Aufmacherbild: Götz Schleser

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Globalisierung12.Mär 2018

15. Weltsozialforum: Wie steht es um das Gipfeltreffen der sozialen Bewegungen?

Nach einjähriger Pause kommen in Brasilien wieder NGOs und Bewegungen aus der ganzen Welt zusammen, um gemeinsam Veränderungen anzustoßen. Doch was 2001 antrat, um eine neue Form der Weltöffentlichkeit zu schaffen, gilt einigen heute nur noch als „Bewegungs-Messe“ – hat sich das Gipfeltreffen der Globalisierungskritiker selbst überholt?

Am 13. März beginnt in Salvador da Bahia, im Nordosten Brasiliens, das 15. Weltsozialforum. Zehntausende Aktivisten aus international agierenden NGOS, aber auch aus regionalen Bewegungen, kommen hier zusammen, um sich auszutauschen, voneinander zu lernen und gemeinsam neue zivilgesellschaftliche Impulse zu setzen. Ihr Motto seit jeher: Eine andere Welt ist möglich. Doch was in der Anfangszeit etwa von der New York Times als „Supermacht Weltöffentlichkeit“ angepriesen wurde, muss sich heute neu erfinden: Nach siebzehnjährigem Bestehen ist die öffentliche Strahlkraft des Forums gesunken. Oder, wie der deutsche Klimaaktivist und Energiereferent der Rosa-Luxemburg-Stiftung, Tadzio Müller, in einem Beitrag über das letzte Forum schrieb: „Die Ironie ist mit den Händen zu greifen: Die Institution, die am stärksten mit der Kritik des neoliberalen „There is no alternative“-Diktums verbunden ist, lebt weiter, weil es dazu keine Alternative gibt.“ Was also ist in den letzten 17 Jahren passiert?

2001 wurde das Weltsozialforum gegründet – es war die Idee einiger Basisbewegungen in Brasilien, die ein selbstorganisiertes Gegengewicht zum Weltwirtschaftsforum in Davos schaffen wollten. Es ging darum, eine internationale Öffentlichkeit zu schaffen, die sich, unabhängig von Regierungen und staatlichen Institutionen, kritisch mit dem vorherrschenden Wirtschaftsliberalismus auseinandersetzt, deren Fokus soziale Gerechtigkeit, fairer Handel und demokratische Teilhabe war. Und der Funke sprang über: Beim ersten Treffen in Porto Allegre nahmen 1000 Organisationen aus der ganzen Welt teil, rund 12.000 Teilnehmer kamen. Im nächsten Jahr nahmen bereits 60.000 Menschen teil, 2003 sogar 100.000. Kurz vor dem Beginn des dritten Golfkriegs wurde das Weltsozialforum zum Ausgangspunkt für die größten Friedensdemonstrationen der Geschichte – ein großer Erfolg für die friedensbewegten Globalisierungskritiker. Dann scheiterte auch noch die Verhandlungen der Mitgliedsstaaten der Welthandelsorganisation über eine multilaterale Liberalisierung des Weltmarktes, die sogenannten Doha-Verhandlungen, weil sich die Entwicklungsländer quer stellten: Plötzlich wurde über den Welthandel hitzig debattiert – auch das sehen viele Globalisierungskritiker als Erfolg der Mobilisierung des Weltsozialforums.

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Tausende marschieren 2005 beim Marsch am Ende des Weltsozialforums in Porto Alegre mit. Foto: dpa

Das sechste, siebte und achte Forum (zwischen 2006 und 2008) fand in unterschiedlichen Städten beziehungsweise als weltweite Aktionswochen statt – hier beginnt sich der Anspruch der „Weltöffentlichkeit“ zu verlieren, die Veranstaltungen geraten aus dem Fokus der öffentlichen Wahrnehmung. 2009 veränderte sich dann auch die Ausrichtung des Weltsozialforums: Die weltweite Finanzkrise hat viele Befürchtungen wahr werden lassen – und die Thesen der Globalisierungskritiker des Forums bewahrheitet. So sieht das etwa Fransisco Marí, Agrarexperte von Brot für die Welt, der die Vorbereitungen für das Weltsozialforum begleitet. „Die Finanztransaktionssteuer war eine Forderung der Globalisierungskritiker, die plötzlich von Politikern wie Wolfgang Schäuble aufgegriffen wurde“, sagt Marí. Das zeige: Nach der Finanzkrise entstand mehr Bewusstsein für die Notwendigkeit von Regulierung. Privatisierung und Liberalisierung galten nicht mehr unhinterfragt als der goldene Weg. „Einige unserer Ziele sind seitdem im Mainstream angekommen“, sagt Marí – dennoch müsse man genau hinschauen, was tatsächlich umgesetzt wurde und wo es bei bloßen Lippenbekenntnissen blieb.

Nach 2009 entfernte sich das Weltsozialforum inhaltlich vom Ursprungskonzept: Der Gegenveranstaltung zum Weltwirtschaftsforum. Statt weiterhin ökonomische Globalisierungskritik ins Zentrum zu stellen, widmeten sich die kommenden Foren zunehmend Debatten über Menschenrechte, Ökologie und anderer Anliegen der sozialen Bewegungen. Es sollte eine neue Richtung eingeschlagen werden, aktiv Alternativen zu entwicklen und anzubieten. „Globalisierter Handel ist für die sozialen Bewegungen heute kein Teufelswerk mehr. Wir fordern aber einen fairen, multilateralen Prozess für die Gestaltung diese Welthandels. Dass wir dafür als Steigbügelhalter für einen Protektionismus à la Trump dargestellt werden, ist schlicht falsch“, sagt Marí. Gegen eine so geartete Abschottungspolitik hätten sich die Teilnehmer des Forums schon vor Jahren ausgesprochen. Von den Foren gehe heute ein differenzierte Globalisierungskritik aus, so Marí.

Für viele war das Weltsozialforum 2016 in Montreal der bisherige Tiefpunkt

Fakt ist: Solche abwägenden Postionen schaffen es deutlich weniger in die Schlagzeilen als zugespitzte Gegenangriffen und Massendemonstrationen. Und so schwand auch die Wahrnehmung des Weltsozialforums in der breiten Öffentlichkeit. Nach Stationen in Dakar und Tunis, bei denen Fragen der Demokratieentwicklung und Migration stärker im Vordergrund standen, folgte 2016 das Weltsozialforum in Montreal – das erster Treffen in einer Industrienation. Höchsten 30.000 Menschen kamen nach Kananda. Viele Delegierte aus dem globalen Süden hatte keine Visa erhalten und konnten nicht anreisen. Die Unterbringungs- und Lebenskosten in Kanada sind deutlich höher als an früheren Veranstaltungsorten – dementsprechend konnten sich manche Delegierte die Teilnahme am Forum schlicht nicht leisten. Die Ikone der Globalisierungskritik, Naomi Klein, sprach bei ihrem Vortrag darum lakonisch von einem „First World Forum“. Und dann kündigte auch noch das Übersetzungsnetzwerk „Babels“ die Zusammenarbeit auf, weshalb etliche Veranstaltungen ohne Übersetzung stattfanden. Vielen galt dies als der bisherige Tiefpunkt des Weltsozialforums.

Für das am Dienstag startende Forum sind die Erwartungen entsprechend hoch: Wird die Institution neuen Schwung aufnehmen können? Der Austragungsort in Salvador da Bahia knüpft zumindest wieder an die sozialen Bewegungen Lateinamerikas an, die auch schon für die Gründung des Forums essentiell waren. Der diesjährige Claim lautet: „To resist is to creat, to resist is to transform“ – „Widerstand leisten heißt aufbauen, Widerstand leisten heißt transformieren.“ Die heterogene inhaltliche Ausrichtung erzählt viel über die gesellschaftlichen Entwicklungen in den Herkunftsländern der Teilnehmer: Aktivisten aus Nord- und Südamerika sind intensiv mit der Regierungsübernahmen durch rechtskonservative Kräfte beschäftigt, weshalb es viele Veranstaltungen zu Demokratie- und Beteiligungsfragen gibt. Europäische NGOs wollen Debatten über die Themen Klima und Handel anstoßen, viele afrikanische Aktivisten bieten Diskussionen über den Umgang mit Migration an. Viele der Veranstaltungen sollen über die Seite openfsm.net auch gestreamt und so einem breiten, internationalen Publikum zugänglich gemacht werden – wenn die Internetverbindung mitspielt.

Es geht nicht mehr nur um das Abstraktum „Globalisierung“, sondern um konkrete Themen wie etwa Wasser, Klima, Flucht

Vieles spricht also dafür, dass das Weltsozialforum sich in seinem ursprünglichen Ansinnen selbst überholt hat. Seit 2001 ist der Kampf der sozialen Bewegungen spezifischer geworden, es geht nicht mehr so sehr um das Abstraktum „Globalisierung“, sondern um konkrete Themen wie etwa Wasser, Klima, Flucht. Dennoch bleibt das Forum für viele Aktivisten essentiell, um sich zu vernetzen, Erfahrungen auszutauschen und voneinander zu lernen. Für die Öffentlichkeit kommt das Weltsozialforum also derweilen wie ein etwas chaotischen Branchentreffen daher – aber vielleicht ist in diesen Zeiten die Wirkung nach Innen auch wichtiger als die Wirkung nach Außen. „Wenn man das Weltsozialforum abschaffen würde, müsste man es neu erfinden - trotz all seiner offensichtlichen Probleme“, schreibt der Aktivist Tadzio Müller. Die einzelnen Bewegungen, die sich hier treffen, könnten miteinander planen, Strategien entwickeln, sich endlich mal jenseits von Skype und E-Mail miteinander austauschen. Müllers Haltung zum Weltsozialforum ist darum eindeutig: „Das ist nicht viel, aber es ist wichtig. Und dazu gibt’s bisher keine Alternative.“

Julia Lauter

Weitere Informationen zum Weltsozialforum finden Sie auf der Seite der diesjährigen Veranstaltung. Lesen Sie mehr zum Thema in der neuen Ausgabe des Greenpeace Magazins 2.18 „Globalisierung“. Diese erhalten Sie ab sofort im Warenhaus, ab dem 16. Februar am Kiosk oder ab 32,50 Euro im Abo. Sie können das Greenpeace Magazin auch in unserer digitalen Version lesen: mit allen Inhalten der Print-Ausgabe, optimiert für Tablet und Smartphone. Viel Inspiration beim Schmökern, Schauen und Ausprobieren!

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Serie: In Zeiten des Aufruhrs09.Mär 2018

Zu hohes Risiko: „Ein militärisches Eingreifen in Nordkorea ist keine Alternative“

Der NDR-Reporter Klaus Scherer ist mehrere Male in Nordkorea gewesen. Zuletzt strahlte die ARD seine 45-minütige Dokumentation „Nervenkrieg um Nordkorea“ aus. Für unsere Serie „In Zeiten des Aufruhrs“ über die historische, gesellschaftliche und politische Dimension von Atomwaffen haben wir mit ihm über das Waffenprogramm unter Kim Jong Un und ein mögliches Gipfeltreffen des nordkoreanischen Staatschefs mit US-Präsident Donald Trump gesprochen.

Es ist noch nicht lange her, da tauschten der nordkoreanischen Staatschef Kim Jong Un und US-Präsident Donald Trump Beleidigungen aus und drohten mit ihren Atomknöpfen. Die Angst vor Militärschlägen und dem Abwurf von Atombomben wuchs. Und jetzt die Kehrtwende: Kim Jong Un ließ Trump über einen südkoreanischen Sicherheitsberater seine Gesprächsbereitschaft übermitteln – und der US-Präsident ergriff die Chance auf Entspannung. Schon im Mai könnte es zu einem Treffen kommen. Grund zur Euphorie sei das noch nicht, sagt Klaus Scherer, ehemaliger Asienkorrespondent der ARD und Nordkorea-Experte. Das Regime in Nordkorea brauche immer Feinde, um nach innen den Machterhalt zu sichern. Kim sei in der Bredouille: Er will unter keinen Umständen sein Atomprogramm aufgeben, spürt aber den Druck der internationalen Sanktionen.

Herr Scherer, haben Sie die Olympischen Winterspiele in Südkorea verfolgt?

Ja, Eishockey mit Herzrasen, aber ansonsten nicht allzu intensiv.

Abgesehen von einigen sportlichen Highlights bleiben vor allem die Bilder der nordkoreanischen „Cheerleader“ in Erinnerung. Was ist Ihnen durch den Kopf gegangen als Sie die Bilder gesehen haben?

Wir sind sehr schnell mit dem Marionettenvergleich, reden über das „dressierte Volk“ in Nordkorea. Wenn aber in anderen Stadien ähnliche Choreographien aufgeführt werden, dann würden wir der perfekten Organisation Respekt zollen. Da sollte man fair bleiben. Es gibt bessere Beispiele, um zu belegen, wie bevormundet dieses Volk ist.

Zum Beispiel?

Man kann sich das nur schwer vorstellen, aber wenn Sie im Land unterwegs sind – ich bin viermal dort gewesen – und ihnen erwachsene Menschen ernsthaft erzählen, dass der Fernseher eine Erfindung vom großen Führer sei; oder wenn ein Lehrer einen Klappstuhl präsentiert und sagt, dass Kim Jong Un den selbst entwickelt habe und das doch zeige, wie sehr er sich um die Kinder sorge, dann will man diese Menschen schütteln und sie fragen, warum um alles in der Welt ihnen das jemand abnehmen sollte. Man lernt da, wie Gehirnwäsche funktioniert. Als Reporter fragte ich mich jeden Abend: Was war Fassade, was war inszeniert und was wäre wirklich so gewesen, auch wenn ich nicht da gewesen wäre.

Sind die „Cheerleader“ des nordkoreanischen Teams, die Olympischen Spiele an sich und die Annäherungen, die es im Vorfeld gegeben hatte, ein Propagandaerfolg für Kim Jong Un?

Erstmal hat Kim Jong Un Zeit gewonnen. Die Sanktionen wurden nicht erhöht, die Militärmanöver im Süden wurden ausgesetzt und es bleibt der Eindruck der Friedensgeste und der Gesprächsbereitschaft. Wenn es im Mai tatsächlich zu einem Treffen kommt, spricht viel dafür, dass dessen Erfolgsaussichten schon vorab geklärt wurden, damit hinterher keiner mit leeren Händen dasteht. Denn das ist der einzige Weg so eine bedrohliche Eskalation wie zuletzt zu stoppen. Dieses Gebrüll und die Drohgebärden, die sich Trump und Kim Jong Un da geliefert haben, waren ja furchtbar.

Wie groß ist die Mitschuld des US-Präsidenten an der Situation?

Er war da Teil des Problems. Es mag Kim sogar beeindruckt haben, dass Trump einfach nicht berechenbar ist und die Nordkoreaner auch nicht wissen, was sie von ihm zu halten haben. Generell ist es nicht hilfreich, wenn ein amerikanischer Präsident sich auf das Niveau von blanker Kriegsrhetorik und Säbelrasseln einlässt. Die martialischen Töne aus Nordkorea sind ja so alt wie das Regime selbst, die gibt es eigentlich seit dem Koreakrieg in den 1950ern. Wenn Trump nun entsprechend zurückpoltert, greifen das die Weltnachrichten auf. Und dann wird es schwer, wieder davon wegzukommen und trotzdem glaubwürdig zu bleiben. Denn ein militärisches Eingreifen ist keine Alternative. Das Risiko, dass wir uns tatsächlich in einem Atomschlag wiederfinden, ist einfach zu groß. Es hat mich in diesen Wochen immer wieder erschreckt, mit welcher Selbstverständlichkeit wir über eine Atomkriegsgefahr reden, wenn irgendwo Tests durchgeführt werden, fast so als würden wir die Börsenkurse vermelden. Da kriege ich Gänsehaut.

Klaus Scherer, NDR, "Nervenkrieg um Nordkorea"

NDR-Reporter Klaus Scherer bei seinen Recherchen für den Film „Nervenkrieg um Nordkorea“, hier in der Ukraine. Foto: NDR/Anders

In ihrem Film geht es auch um die Echtheit des nordkoreanischen Arsenals. Sind die Atomwaffen und Raketen einsatzbereit?

Es ist nicht nichts, was Kim da hat. Aber ich denke nach der Recherche, es ist weniger als er uns glauben machen möchte. Irgendwo dazwischen liegt die Wahrheit. Dass Nordkorea eine Atombombenexplosion in einer vielfachen Stärke der Hiroshimabombe herbeigeführt hat, ist ziemlich unstrittig. Und dass sie irgendeine Form von Rakete besitzen und vermutlich auch bauen können, konnte man auch sehen. Robert Schmucker, der Raketenexperte aus dem Film, ist aber der klaren Meinung, dass die Raketen unter kriegerischen Bedingungen nicht taugen würden. Er sagt, dass sie nicht zuverlässig und treffsicher sind, in der Erdatmosphäre verglühen würden und dass sie keinen Sprengkopf von 500 Kilogramm über eine solche Distanz tragen könnten. Das alles ist aber schwer zu verifizieren. Mich hat auch der UNO-Mitarbeiter beeindruckt, der aufzählte, welche Trümmerteile einer nordkoreanischen Rakete die südkoreanische Marine aus dem Meer gefischt hatte. Er war erschrocken darüber, wie simpel die Rakete zusammengesetzt war, mit Kabeln, Schaltern und Kleber, wie in der Bastelstunde. Der Fund zeigte aber auch aus welchen Ländern das alles kam – trotz des Embargos.

Wo kommen die Teile her, die für so etwas nötig sind?

Nicht nur aus China und Russland, wie sich vermuten lässt, auch aus Südkorea, Amerika und der EU. Wir stießen auch auf Verbindungen nach Deutschland.

Sie sprechen damit die Sequenz aus dem Film an, in der es um die nordkoreanische Botschaft in Berlin geht.

Ja. Die Information war eher ein ungeplanter Beifang in dem Film. In einer Fußnote in einem UN-Bericht wurde die nordkoreanische Botschaft in Berlin als ein Ausgangspunkt für Beschaffungsspionage erwähnt. Es war eine Information, die ursprünglich vom Verfassungsschutz selbst kam. Dessen Präsident Hans-Georg Maaßen hat uns das bestätigt und erläutert, dass es Aktivitäten gab, um High-Tech-Komponenten für die Waffenprogramme zu beschaffen und auch, dass er nicht garantieren könne, dass seine Behörde dies alles bemerkt und verhindert.

Herr Maaßen wirkte in der Filmsequenz sehr gelassen, fast gleichgültig.

Den Eindruck konnte man haben. Es ist aber wohl realistisch, dass nicht alles entdeckt werden kann.

Was will Kim Jong Un eigentlich durch sein aggressives Auftreten erreichen?

Das einzige, was für mich schlüssig ist: Er möchte sich und seine Position im Lande erhalten.

Wackelt die denn?

Dass wir im Westen öfter mal über Regimewechsel in solchen Ländern reden und dass wir sicher auch einen nordkoreanischen Frühling unterstützen würden, wenn er käme, ist ja nicht von der Hand zu weisen. Insofern hat er schon einen Grund, besorgt zu sein, dass sein Regime auf Dauer nicht überlebt. Das macht mich offen gesagt auch etwas skeptisch gegenüber einer möglichen Entspannung auf die nun alle hoffen. Ich fürchte, dieses Regime braucht immer einen Feind von außen, um sich mit seiner Propaganda die uneingeschränkte Loyalität des Volkes zu sichern. Dazu dient auch das Atomprogramm.

Nach dieser Einschätzung gäbe es keine Aussicht auf Veränderung. Ist das ein realistisches Zukunftsszenario?

Mir fällt die Vorstellung zumindest schwer, dass dieses Land mit diesem Regime zu einem normalen und wohlhabenden Mitglied der Weltgemeinschaft wird.

Sie waren 2004 zum letzten Mal in Nordkorea. Haben Sie für den aktuellen Film versucht einzureisen?

Ja, klar. Ich hatte ein Gespräch bei der nordkoreanischen Botschaft in Berlin und es hieß, dass sie sich innerhalb von drei Wochen melden. Auf die Antwort warte ich bis heute. Ich sagte natürlich, dass die Welt angesichts der politischen Situation gerne mal die Sicht der Staatsführung selbst erfahren würde. Ich hatte noch weitere Vorschläge und irgendwann sagte der dritte Sekretär in der Botschaft: Hm, wollen sie nicht doch lieber was über den Nationalzirkus machen? So ist es immer.

Putin hat auch gerade angekündigt, dass er als Reaktion auf die Vorhaben der Amerikaner Russlands Atomwaffenprogramm erneuern möchte. Erschreckt Sie das alles?

Dass jetzt, solange nach dem Ende des Kalten Krieges und dem Ende der Sowjetunion, Atomwaffen wieder hoffähig werden, damit habe ich nicht gerechnet. Und man muss dazu sagen: Auch die Atomwaffen, die uns als Mini-Atomwaffen präsentiert werden, haben die vielfache Kraft der Hiroshimabombe. Da darf man sich nicht in die Irre führen lassen. Aber auch diese Sandkastenspiele, die sich Amerikas Falken ausmalen: Stellen Sie sich vor, in Nordkorea steht die nächste Rakete bereit, das kann man ja sehen über Satellit, und dann schickt irgendwer einen Marschflugkörper und zerstört sie. Das wäre durchaus machbar. Die Frage ist aber: Wird Kim dann nur grummeln, so wie das Regime nur gegrummelt hat, wenn Südkorea mal ein Schiff versenkt hat? Oder wird der Druck auf ihn auf der Weltbühne so groß sein, dass auch er ein Signal setzen muss? Dann sagt wieder Trump, dass er sich das nicht bieten lassen kann und dann kommt man schnell in diese Gemengelage, in der Kriege anfangen, aus denen man nicht mehr weiß, wie man wieder herauskommt. Ganz ausgeschlossen ist das alles nicht.

Interview: Bastian Henrichs

Aufmacherfoto: NDR/NK-Staatsmedien

 

Serie: In Zeiten des Aufruhrs

Sechzig Jahre ist es her, dass der damalige Bundeskanzler Konrad Adenauer die BRD mit Atomwaffen aufrüsten wollte – entgegen anfänglicher Ideen auf Seiten der Alliierten, Nazideutschland in einen ruralen Bauernstaat umzuwandeln. Der Bundestagsbeschluss vom 25. März 1958, die Bundeswehr mit Nuklearwaffen auszurüsten, führte zwar nicht zu eigenen Atomwaffen, aber zu einer deutschen Friedensbewegung, die sich bis heute alljährlich um die Osterfeiertage auf den Straßen formiert.

In unserer Serie geht es um Atomwaffen in ihrer historischen, gesellschaftlichen und politischen Dimension. Die Analyse „Bröckelt das nukleare Tabu?“ zur politischen Weltlage bildet den Auftakt. Im zweiten Teil „Wenn um zwölf Uhr der Weltuntergang droht“ wagen wir einen Exkurs zur sogenannten Doomsday Clock, das Interview mit dem Dokumentarfilmer Klaus Scherer über die Situation in Nordkorea ist der dritte Teil der Serie. Im vierten Teil vollziehen wir die Historie der Friedensbewegung nach. Im Gespräch mit Konrad Tempel endet die Serie.

 

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