Künftig besser leben17.Aug 2018

Nachhaltigkeitsforscher Paech: „Wir brauchen die Rückkehr zum menschlichen Maß“

Nachhaltigkeitsforscher Paech: „Wir brauchen die Rückkehr zum menschlichen Maß“

Angesichts von schleppendem Klima- und Umweltschutz haben wir den Wissenschaftler Niko Paech gefragt, wie wir in Zukunft leben sollen. Vor allem genügsamer, antwortet dieser – und erteilt damit der Vorstellung eine Absage, technische Innovationen könnten unsere Umweltprobleme lösen. Stattdessen schlägt der Ökonom das Modell einer schrumpfenden Wirtschaft vor. Samt Zwanzig-Stunden-Arbeitswoche.

„Wie wollen wir 2025 leben?“, fragt die Auftaktveranstaltung der Utopie-Konferenz, die am Montag, den 20. August, an der Universität Lüneburg beginnt. Gemeinsam mit Studierenden und interessierten Bürgern diskutieren Niko Paech und andere Gäste aus Politik, Wirtschaft und Wissenschaft darüber, wo wir als Gesellschaft hinmöchten und wie wir unsere Ziele erreichen. Zumindest Paech hat schon die Antworten parat. Im Gespräch mit dem Greenpeace Magazin erzählt der Ökonom, wie Genügsamkeit zum Ziel führt – und warum sein eigener Zukunftsentwurf gar nicht utopisch ist.

Herr Paech, Sie sollen auf der Utopie-Konferenz über schöne neue Welten diskutieren. Wie sieht für Sie eine utopische Gesellschaft aus?

Ich selbst glaube nicht an Utopien. Mir geht es um nachhaltige und humane Zukunftsentwürfe. Und dafür bedarf es keiner neuen Ideen, denn wir haben schon alles, was wir brauchen, um unser Leben verantwortbar zu gestalten. Daher ist der von mir entwickelte Entwurf einer Postwachstumsökonomie ganz und gar nicht utopisch. Er orientiert sich an Lebensstilen und Versorgungssystemen, deren Elemente längst bekannt sind und früher bereits praktiziert wurden. Utopien sind zumeist moderne Versprechungen, denen gegenüber ich ein gewisses Unbehagen verspüre.

Was bereitet Ihnen da Unbehagen?

Dass wir brutal über unsere Verhältnisse leben. Und durch unseren Lebensstil, den wir als modernen Fortschritt verklären, das Überleben der menschlichen Zivilisation gefährden. In der aktuellen Situation zu sagen, wir müssten noch moderner werden, um die Folgen der vorangegangenen Modernisierung zu tilgen, ist absurd. Das ist wie Benzin ins Feuer zu gießen. Deshalb ist das Konzept der Postwachstumsökonomie nicht utopisch, sondern eine Rückkehr zum menschlichen Maß. Viele als Modernisierung verklärte Vorstellungen wären rückgängig zu machen. Das betrifft die Mobilität, die Nutzung von Technik und den Konsum. Würden wir an den Ursachen ansetzen, müssten wir einfach nur genügsamer leben. Aber die Vorstellung, dass politische und technische Innovationen unsere Probleme lösen, ist bequemer, denn sie wälzt die Verantwortung ab – auf die Ebene einer Utopie. Und damit sind wir fein raus, denn die Utopie tritt per definitionem nie ein.  

Wie sollte es die neue bessere Gesellschaft mit der Umwelt halten?

Die Ökonomie wieder in die Ökosphäre einzubetten bedeutet, materielle Ansprüche zu senken. Nachhaltigkeit heißt, die Wirtschaft kleiner werden zu lassen und Handlungsmuster zu entwickeln, durch die Menschen befähigt werden, diese Situation zu meistern. Manche der notwendigen Alltagspraktiken haben wir früher beherrscht, aber im Modernisierungswahn verdrängt. Wenn ich mir überlege, was meine Eltern und Großeltern alles repariert haben, wie sorgfältig sie mit Gebrauchsgütern umgegangen sind und wie sesshaft sie waren. Das ist zwar nicht utopisch oder innovativ, aber dafür umso wirksamer. Zusätzlich bedarf eine Postwachstumsökonomie einer sozialpolitischen Flankierung: Das heißt, die verbleibende Arbeitszeit in einer nur noch halb so großen Wirtschaft, muss gerecht verteilt werden.

Niko Paech Portrait

Niko Paech forscht zur Postwachstumsökonomie und plädiert im Interview für Genügsamkeit, wenn wir unsere Ökosphäre noch retten wollen. Foto: Kay Michalak

Wie lebt es sich denn in einer Postwachstumsökonomie?

Das 40-Stunden-Arbeitsmodell wäre allmählich durch eine 20-Stunden-Woche zu ersetzen, um in einer schrumpfenden Wirtschaft Arbeitslosigkeit zu verhindern. Die Menschen würden dann über eine geringere reale Kaufkraft verfügen, weil weniger produziert wird und weil sie weniger Einkommen haben. Dafür wird eine andere Ressource verfügbar, nämlich zwanzig Stunden an zusätzlicher Zeit. Und damit lassen sich deindustrialisierte und deglobalisierte Versorgungsstrukturen gestalten.

Das müssen Sie erklären. Was sind deindustrialisierte und deglobalisierte Versorgungsstrukturen?

Es geht um Selbstversorgung: Familien, Nachbarschaften, Gemeinden oder Kommunen könnten Güter selbst erzeugen und gemeinschaftlich nutzen. Und noch wichtiger ist es, das Bildungssystem und die Erziehung so zu verändern, dass jungen Menschen wieder handwerkliche Kompetenzen und materielles Improvisationsgeschick vermittelt werden. Dies ist nötig, um die Nutzungsdauer von Gebrauchsgegenständen zu verlängern. Dazu trägt bei, Dinge zu pflegen, instand zu halten und zu reparieren. Wenn damit die Nutzungsdauer verdreifacht wird und zugleich viele Dinge wie Waschmaschinen, Werkzeuge und Autos gemeinschaftlich genutzt werden, lässt sich so viel Geld sparen, dass mit dem Einkommen einer 20-Stunden-Woche ein gutes Leben möglich ist. Wenn dann zusätzlich die Mobilität, insbesondere der Flugverkehr reduziert wird, kann es gelingen, die derzeit jährlich zwölf Tonnen CO2-Emissionen pro Kopf um vier Fünftel zu senken – denn nur so kann die Ökosphäre noch gerettet werden.

Aber wie sollen denn alle Menschen lernen, sich künftig ihre Schuhe zu reparieren, ihre Kleidung zu nähen und ihr Essen anzubauen?

Es sollte nicht mehr so viel Geld in die Akademisierung fließen. Wir müssen jungen Leuten vermitteln, dass ein befriedigendes Leben auch als Handwerker möglich ist. Es kann nicht sein, dass inzwischen fünfzig Prozent aller Menschen akademisiert sind, die zumeist nichts mehr können, außer zu reden, zu schreiben, digitale Medien zu bedienen und unterwegs zu sein. Aber wenn sie ein Hemd oder Fahrradreifen reparieren sollen, sind sie überfordert. Da Akademiker selbst nichts herstellen können, müssen sie alles kaufen. Und so steigt in den Industrieländern nicht nur der Einkommens- und Konsumbedarf, sondern die Abhängig vom Weltmarkt, also die Absturzgefahr der Ökonomie. Wir benötigen ein anderes Gleichgewicht zwischen arbeits- und wissensintensiven Beschäftigungen.

Sind Sie selbst denn handwerklich geschickt?

Ich bin kein Handwerker, aber mein zehn bis zwölf Jahre altes Notebook habe ich immerhin gerade selbst repariert. Das war eine Fummelei von zwei bis drei Stunden und ich musste mich mit einigen Youtube-Tutorials weiterbilden. Aber immerhin konnte ich herausfinden, warum der Rechner nicht mehr startet, und den Fehler beheben. Jetzt läuft er wieder einwandfrei.

Interview: Nora Kusche

Aufmacherbild: picture alliance/Johannes Schmitt-Tegge/dpa

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Plastikmüll15.Aug 2018

Wie Sie beim Picknick auf Plastik verzichten können

Wie Sie beim Picknick auf Plastik verzichten können

Laut UN-Generalsekretär António Guterres hat Plastik das Potenzial, langfristig eine globale Katastrophe auszulösen. Die EU-Kommission will Einwegplastik wie Strohhalme und Rührstäbchen verbieten. Wir geben Ihnen Tipps, wie Sie beim nächsten Picknick schon jetzt den überflüssigen Plastikmüll vermeiden können.

Die Sonne scheint und hat offenbar nicht vor, so schnell wieder damit aufzuhören. Es ist die perfekte Zeit für Grillpartys und Picknicks im Park. Das sieht man den Grünanlagen leider auch ziemlich schnell an: rußige Einweggrills, Plastikmesser, Pappteller und bunte Strohhalme quellen im Bestfall aus den Mülleimern, sprenkeln aber oft auch die Wiesen. Selbst wer seinen Abfall in eigens dafür mitgeführten Müllbeuteln wieder mit nach Hause nimmt, hat am Ende einen Haufen Müll produziert.

Und dieser gelangt über Flüsse, Strände, Schiffe und das Abwasser ins Meer. Mindestens acht Millionen Tonnen sind das jedes Jahr, haben Forscher der britischen Ellen MacArthur Foundation berechnet. Geht das so weiter, könnte das Plastik in den Ozeanen im Jahr 2050 mehr wiegen als alle Fische zusammen. Angesichts dessen rief der Generalsekretär der Vereinten Nationen, António Guterres, im vergangenen Jahr die Staatengemeinschaft dazu auf, „kurzfristige nationale Gewinne“ zurückzustellen, um eine langfristige globale Katastrophe zu verhindern. Und siehe da, die EU-Kommission reagierte und stellte Ende Mai ihre Pläne vor, immerhin kleine Wegwerfartikel wie Strohhalme, Luftballonhalter und Rührstäbchen zu verbieten. Das muss erstmal mit dem EU-Parlament und den Mitgliedsstaaten verhandelt werden, aus Deutschland kommt aber schon mal Zustimmung: „Da, wo man Plastik heute schon gut ersetzen kann, also bei den Einwegartikeln, da sollte man das auf europäischer Ebene regeln und schrittweise aus dem Verkehr nehmen“, sagt Bundesumweltministerin Svenja Schulze (SPD). Deutschland gehört mit 37 Kilogramm pro Kopf und Jahr zu den Spitzenreitern der Plastikmüllverursacher.

Es gibt jetzt schon nachhaltige Alternativen zu Plastikstrohhalmen, Alufolie & co

Aber warum langwierige EU-Verhandlungen abwarten? Langlebige und biologisch abbaubare Alternativen für Einwegplastik sind längst auf dem Markt. Essen außerhalb der eigenen vier Wände muss nicht zwangsläufig in Einwegverpackungen stecken und auf Wegwerftellern liegen. Der Sommer ist (hoffentlich) noch lang, es könnte glatt passieren, dass Sie nochmal picknicken werden. Da wollen Sie doch nicht wieder bei null anfangen! Dass es Grills, Teller und Besteck in einer Form zu kaufen gibt, dass man sie beliebig wiederverwenden kann, sollte niemanden mehr überraschen. Wie sieht es mit dem anderen Plastikkram aus, der da so unschön zwischen den Grashalmen am Boden liegt?

Nehmen wir etwa den Strohhalm: Nach Berechnungen der Umweltorganisation „Seas at Risk“ verbraucht jeder EU-Bürger davon durchschnittlich 70 Stück im Jahr. Klingt nicht so viel? Insgesamt sind das 36 Milliarden Plastikhalme. Dieser Müll wäre einfach zu vermeiden, denn es gibt Trinkhalme längst in der Mehrwegvariante aus Edelstahl oder Glas – stabil, spülmaschinenfest, in unterschiedlichen Größen, mit und ohne Knick. Wer seinen Halm trotzdem lieber wegwerfen will, kann auf biologisch abbaubare Produkte zurückgreifen, zum Beispiel auf den Klassiker aus Stroh. Hersteller bieten solche Exemplare zum Beispiel schon aus in Deutschland biologisch angebautem Stroh an. Nur: Weil das Stroh wächst wie es will, variiert der Durchmesser von Halm zu Halm.

Das Eishörnchen als nachhaltiger Klassiker

Gut, müllfrei trinken ist schon mal kein Problem. Aber was ist mit den Frischhalte- und Alufolien, die daheim zubereitete Nudelsalate und geschmierte Brote schützen? Nun, auch die lassen sich durch eine mehrfach verwendbare Alternative ersetzen: Wachstücher. Allerdings nicht die Meterware, die auch auf dem Gartentisch liegt, die ist nämlich meist aus mit PVC beschichtetem Gewebe, und dessen Weichmacher hält man besser von seinem Essen fern. Unbedenklich ist hingegen Bienenwachs. Solche Wachstücher kann man entweder fertig kaufen, oder ganz einfach selber machen: Baumwollstoff zuschneiden, auf Backpapier ausbreiten, Bienenwachs darauf verteilen (als Granulat oder mit der Käsereibe gerieben), nochmal Backpapier oben drauf, bügeln, fertig.

Allerdings gibt es eine Methode auf Müll zu verzichten, die schon ein Klassiker ist: das Eishörnchen aus Waffelteig. Hier isst man die Verpackung einfach mit.

Svenja Beller

Aufmacherbild: picture alliance/imageBROKER

 

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Karriere in grün13.Aug 2018

Wie wir mit Hightech in der mongolischen Wildnis forschen – und die Technik versagt

Wie wir mit Hightech in der mongolischen Wildnis forschen – und die Technik versagt

Zwei Monate in der Wildnis überleben und forschen: Drei junge Wissenschaftlerinnen zählen bedrohtes Rotwild in der Mongolei. Damit wollen sie überprüfen, ob die Population sich erholt. Doch das Gelände ist unwegsam, die Möglichkeiten des Forschungsteams sind begrenzt. Da ist es gut, eine Drohne für Luftaufnahmen der Tiere dabeizuhaben. Doch dann stürzt das Fluggerät ab.

In unserer Serie „Karriere in grün“ stellen wir junge Menschen vor, die ihr Engagement für Umwelt, Natur und Gesellschaft zum Beruf machen. Die Reihe startet mit Meike Becker, die Ökosystemmanagement an der Universität Göttingen studiert. In der ersten Folge hat die 24-Jährige erzählt, wie sie und zwei Kolleginnen in der Mongolei angekommen sind, um die Rotwild-Population vor Ort zu bestimmen. In der zweiten Folge wird es ernst. Meike Becker berichtet, wie gleich zu Beginn der Studie etwas schiefgeht.

Ein scharfes Zischen zerschnitt die kalte Luft. Die Hunde sprangen bellend auf. Sie stürzten sich auf den Punkt, an dem eben noch ein kleines silbernes Gerät im Gras gestanden hatte. Doch nun war das funkelnde Etwas aufgestiegen und schwebte über unseren Köpfen. Es war die Drohne – unser Arbeitsgerät, mit dem wir den Rotwildbestand zählen wollten. Ich befand mich mit meinen Kolleginnen in einem Tal des Gorchi-Tereldsch-Nationalparks in der Mongolei. Hier wollten wir die ersten Luftbildaufnahmen für unsere Studie machen.

Christina starrte auf das iPad, welches sie zusammen mit dem Controller der Drohne in ihren Händen hielt. Die Stirn in Falten gelegt, blickte sie auf das Bild, das die Drohne an das iPad sendete: eine weite beige-grüne Ebene, durch die sich ein Fluss schlängelte. Links und rechts des Laufs kleine, braune Weidenbüsche. Ansonsten keine Strukturen, außer des Trampelpfads, auf dem wir gekommen waren. Außerdem sahen wir auf dem Bildschirm des iPads uns selbst oder besser gesagt unsere Köpfe, die nach oben schauten: Das waren meine Kollegin Susanne und ich. Ein Kopf allerdings war gesenkt. Die Projektleiterin Christina samt Schlapphut schaute immer noch nach unten, auf das iPad und verfolgte die Route des Fluggeräts, das mit seinem Surren und Brummen die Idylle des Tals störte – und in der einsamen, unberührten Natur fehl am Platze wirkte. Endlich tippte Christina auf das Display, es war der Befehl zum Durchstarten: ein letztes lautes Summen und die Drohne verschwand in die kühle Berglandschaft – auf ihre tägliche Mission.

Eine Woche waren wir nun schon auf Forschungsreise im Gorchi-Tereldsch-Nationalpark und immer noch mussten wir darauf warten, uns zuhause zu fühlen. Denn die kleine Hütte, in der wir lange geplant hatten zu leben, war „unbewohnbar“, wie uns der Ranger auf Mongolisch mitgeteilt hatte. Der Grund: Ein Fenster war kaputt. Zumindest hatte Christina das so verstanden. Sie hatte im Vorfeld der Forschungsreise einen Mongolischkurs belegt und dadurch wenigstens eine leise Ahnung, was unseren Einzug ins mongolische Zuhause verhinderte. Bisher lebten wir provisorisch in einer Jurte, also einem traditionellen runden Zelt, in dem die Nomaden der Mongolei bis heute wohnen.

Forscherinnen um Meike Becker

Die drei Forscherinnen am Lagerfeuer (von links nach rechts): Christina Stinn (Projektleiterin), Meike Becker (Feldassistentin), Susanne Kandert (Feldassistentin). Foto: Oliver Donnerhack

Der Parkdirektor hatte uns bei einer hier lebenden Familie abgeladen und uns per Handzeichen deutlich gemacht, dass wir bei ihnen willkommen seien. Für wie lange und zu welchen Konditionen wussten wir nicht. Die kleine Familie lebte nebenan, während wir die Gästejurte bezogen. Klein, aber heimelig und mit richtigen Betten darin, gewöhnten wir uns an das provisorische Zuhause und vergaßen zwischendurch immer wieder die Sorgen um die ungewisse Wohnsituation.

Mit der Arbeit hatten wir trotz allem schon einmal begonnen. Insgesamt hatten wir 47 Wegstrecken im Gelände des Nationalparks vorbereitet, jede von ihnen bestand aus einem Dreieck, bei dem jeder Schenkel zwei Kilometer Luftlinie maß. Insgesamt also sechs Kilometer Strecke über Stock und Stein. Einige dieser Gebiete waren recht nah an unserer Jurte gelegen, sodass wir deren Startpunkt zu Fuß erreichen konnten. Andere lagen weiter das Tal hinauf, sodass wir mit Pferden zunächst sechs bis zwölf Kilometer zurücklegen mussten, bis wir an den Startpunkt gelangten, den uns das GPS-Gerät anzeigte. Zu unserer Ausrüstung gehörten außer diesem Gerät, die Drohne samt Steuerausrüstung, eine Kamera, Ferngläser, Entfernungsmesser und ein Notizbuch mit Bleistift. Am Startpunkt eines Teilgebietes ließen wir zunächst die Drohne die Strecke abfliegen, wobei sie Luftbilder aufnahm. Danach liefen wir zu Fuß das schwierige Gelände ab, um eine gute Vergleichsmöglichkeit der Drohnendaten mit den am Boden gezählten Spuren von Rothirschen zu schaffen.

Reiterinnen in Mongolei

Um zu den Startpunkten ihrer Forschungsrouten zu gelangen, müssen die Frauen teilweise lange Strecken zu Pferd zurücklegen. Foto: Drohnenaufnahme von Christina Stinn

Hierbei gab es keine Wege und nicht mal dem, im Vergleich zur Umgebung so erholsamen Trampelpfaden der Tiere, konnten wir folgen. Die Herausforderung war, dass wir für einen aussagekräftigen Vergleich der Methoden stets auf der Linie bleiben mussten, die uns das GPS-Gerät anzeigte. Während die Drohne für uns Luftbilder als Daten für die Zählung des Rotwildes sammelte, vergnügten wir uns am Boden mit der Aufnahme von sogenannten Losungsdaten: Das heißt, sollten wir auf unserem Weg durchs Unterholz irgendwo den Dunghaufen eines Rothirsches sehen, dann mussten wir alles feinsäuberlich, wie einen Tatort, dokumentieren und ein Foto schießen. Erst dann konnten wir unseren Streifzug fortsetzen – bis zum nächsten Kothaufen.

Nach und nach entwickelten wir ein Gefühl dafür, wo sich die Hirsche aufhielten, wenn wir sie selbst auch nur sehr selten zu Gesicht bekamen. Gerade als wir uns unserer bevorstehenden Arbeit sicher waren und der Verlaufsplan stand, passierte etwas, das wir nicht eingeplant hatten. Kurz nachdem Christina die kleine Drohne auf ihre Mission geschickt hatte, begann das Bild auf dem iPad unruhig zu werden. Die Gipfel der Bäume schienen näher zu kommen, das Bild ruckelte und Christina sah mit einem Mal den Himmel durch das dichte Kronendach: die Drohne lag rücklings am Boden.

Wir waren kurz starr vor Schreck und zunächst ratlos, was nun zu tun sei. Aber der Absturz sollte nicht das Ende unserer Reise bedeuten, auch wenn es für die nächsten Stunden so schien. Mühsam krackselten wir über Steine, durch Senken und schlugen uns durch das Gebüsch, um die verunglückte Drohne zu retten. Schließlich fanden wir sie an dem Fuß einer Lärche.

Text: Meike Becker / Redaktion: Nora Kusche

Aufmacherbild: Projektleiterin Christina Stinn mit Drohne; Foto von Meike Becker

Wie es mit den drei Forscherinnen in der Wildnis weitergeht, können Sie in zwei Wochen an dieser Stelle nachlesen. Weitere Reisegeschichten von Meike Becker gibt es auch in ihrem Blog.

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Artenvielfalt – 5.18
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Lesestoff10.Aug 2018

Alarm im Garten: Was Sie gegen das Insektensterben tun können

Alarm im Garten: Was Sie gegen das Insektensterben tun können

Vor einem Jahr zeigten Krefelder Forscher, dass das Artensterben auch bei uns angekommen ist. Aber was kann die Gesellschaft, was kann der einzelne Mensch tun? In ihrem neuen Buch erklären der Forscher Andreas Segerer und die Autorin Eva Rosenkranz die Hintergründe des Insektensterbens und wie man ein Teil der Lösung werden kann. 

480 Millionen Jahre, so lange leben auf der Erde schon Insekten. Sie sind ein unersetzbarer Teil im großen Bild des planetaren Ökosystems: Sie fressen, werden gefressen und tragen zur Bestäubung von Pflanzen bei. Rund 75 Prozent unserer Nutzpflanzen sind auf Insektenbestäubung angewiesen. Die kleinen Krabbler erzeugen weltweit Nahrungsmittel im Wert von mindestens 153 Milliarden Euro. Nach Rindern und Schweinen ist die Honigbiene in Deutschland das ökonomisch drittwichtigste Nutztier – bis vor einem Jahr wussten das aber nur die wenigsten Menschen.

Doch dann kam die Krefeld-Studie. Ehrenamtliche Insektenforscher aus dem Rheinland sammelten wissenschaftliche Daten zwischen 1989 und 2015 an über sechzig Standorten – und fanden dabei Erschreckendes heraus: Die Zahl der Fluginsekten war um 75 Prozent gesunken. Diese Nachricht sorgte 2017 weltweit für Aufsehen. Was hat sie zu bedeuten?

„Es ist ein Alarmzeichen, wenn die größte Tiergruppe der Erde weltweit im Sturzflug begriffen ist, unabhängig davon, ob der Verlust der einen oder anderen Art für uns unmittelbar spürbar ist oder nicht“, schreibt Andreas Segerer, Schmetterlingsexperte an der Zoologischen Staatssammlung München und Präsident der Entomologischen Gesellschaft München. Ihn wie so viele andere Insektenforscher überraschten die Ergebnisse der Krefelder Studie vor einem Jahr nicht – doch sie ermöglichten es ihnen, ihre Warnungen einer weltweiten Öffentlichkeit nahezubringen. Nicht nur davor, dass von den geschätzt sechs Millionen unentdeckten Insektenarten die meisten verschwunden sein werden, bevor sie überhaupt entdeckt wurden. Oder davor, dass das Verstummen der Bienen das Verschwinden der Vögel nach sich zieht und der gefürchtete „stumme Frühling“ Einzug hält. Nein, Andreas Segerer geht es darum, die ganz große Katastrophe abzuwenden: den ökologischen „Blackout“.

„So wie unsere heutige Zivilisation nur dann reibungslos funktionieren kann, wenn technische Schlüsseldienstleistungen – etwa die permanente und zuverlässige Versorgung mit Energie – bereitgestellt werden, läuft es auch in der Natur: Die Gemeinschaft der Lebewesen bildet ein dichtes, funktionelles Netzwerk, in dem alle Organismen zusammenwirken, direkt oder indirekt voneinander abhängig und aufeinander angewiesen sind. Zieht jemand an einer Schlüsselstelle ,den Stecker', erlebt die Natur ihren Blackout – und da wir Teil dieser Natur sind, sind wir mit dabei.“

In seinem neuen, gemeinsam mit Eva Rosenkranz verfassten Buch „Das große Insektensterben“ will Andreas Segerer aufklären, um das Schlimmste zu verhindern. Darum hat er alle notwendigen Fakten und Hintergründe über das Insektensterben zusammengetragen: Das Buch „Das große Insektensterben“ ist ein dichtes Dossier über den Verlust der Artenvielfalt und dessen Auswirkungen auf Natur, Mensch und Gesellschaft. Segerers Bilanz ist bitter: „Niemand kennt die Kipppunkte der diversen Ökosysteme; aber die bisherigen fünf großen Massenauslöschungen der Erdgeschichte lehren uns, dass der Zusammenbruch schnell erfolgen kann. Und es gibt keinen Planeten B, auf den wir auswandern könnten.“

Der Zoologe beschreibt aber nicht nur Probleme, im Gegenteil: Er erklärt in kurzen, verständlichen Einschüben das Einmaleins der Insektenforschung, schreibt über das Insektensammeln, wie man Artensterben misst, wie es in der „Hexenküche der Schädlingsbekämpfung“ aussieht und gibt einen Überblick über seine Lieblings-Insekten: Die Tsetse-Fliege, die gefährliche Urheberin des Zebrastreifens. Den bisher unbestimmten „Puschel“-Schmetterling, den er einst im tropischen Regenwald Perus entdeckte. Und das Fensterfleckchen, einen südamerikanischen Nachtfalter, der sich bis ins kleinste Detail als von Pilzen zerfressenes Blatt tarnt, um unbemerkt leben zu können. Segerer will die Insektenneugier seiner LeserInnen wecken und sie für seinen Lösungsansatz begeistern: Im Zentrum seiner „Agenda“ steht die internationale Vernetzung für den Artenschutz und eine konsequente Agrarwende, die das Insektensterben mit all seinen Konsequenzen abbremsen könnte.

Falter auf Pflanze

Buchautorin Eva Rosenkranz plädiert für wildere Gärten, damit auch dieser Schmetterling (Aphantopus hyperantus) sein Blättchen finden kann. Foto: picture alliance / dpa Themendienst

Seine Co-Autorin, die Literaturwissenschaftlerin und Autorin Eva Rosenkranz führt im zweiten Teil des Buches aus, welche Initiativen und Leuchtturmprojekte sich dem „großen Sterben“ entgegenstellen. In den letzten drei Kapiteln gibt Eva Rosenkranz den LeserInnen Gelegenheit, das Wissen um das Insektensterben in praktische Gegenmaßnahmen umzumünzen: Welche Initiativen gibt es, um das Insektensterben zu stoppen und was kann der einzelne Mensch tun, um die Artenvielfalt zu erhalten. Der Einfluß der Hobbygärtner sei größer, als man gemeinhin denke, so Rosenkranz: 930.000 Hektar umfassen die Privatgärten in Deutschland, alle deutschen Naturschutzgebiete liegen bei rund 1.382.000 Hektar. Ein Umdenken auf individueller Ebene könnte das Insektensterben also durchaus bremsen, so Rosenkranz.

Und so lässt die Autorin die LeserInnen wissen, welche Blühpflanzen, Büsche und Bäume besonders häufig von Insekten und Wildbienen angeflogen werden, wie man ihnen ein langfristiges Zuhause schafft und was einen insektenfreundlichen Garten ausmacht: Es sind „Orte, wo das Lassen, die Überraschung, das Unkontrollierbare zuhause sind. Wenn jeder Gärtner nur einige solcher Orte in seinem Garten sich selbst überlässt, sie nicht der gärtnerischen Kontrollillusion unterwirft, wird er Überraschungen erleben, wird staunen, wer plötzlich alles bei ihm einzieht.“ Ein paar wilde Ecken für die Welt von morgen, so nennt Rosenkranz das.

Die Autorin zeigt in diesen letzten Kapiteln, wo in der Landwirtschaft, im Naturschutz, in jedem Garten und auf jedem Balkon Veränderungen beginnen können. Und, wo sich Menschen zusammentun, um dem Artensterben etwas entgegenzusetzen. An diesem Punkt setzt der Epilog der beiden AutorInnen auf: Das Wissen über das Insektensterben sei nicht genug, so Segerer und Rosenkranz, es brauche das Wissen über Gegenmaßnahmen und letztlich die Kraft, die guten Ideen auch in die Tat umzusetzen. Ihr Schlusswort, das Mahatma Ghandi zugeschrieben wird, lautet denn auch folgerichtig: „Be the change you want to see.“

Andreas H. Segerer und Eva Rosenkranz: „Das große Insektensterben“, oekom Verlag, München 2018, 20 Euro.

Julia Lauter

Mehr zum Thema Artenvielfalt lesen Sie in der neuen Ausgabe des Greenpeace Magazins 5.18 „Wahrer Reichtum“. Diese erhalten Sie ab sofort im Warenhaus, ab dem 10. August am Kiosk oder ab 32,50 Euro im Abo. Sie können das Greenpeace Magazin auch in unserer digitalen Version lesen: mit allen Inhalten der Print-Ausgabe, optimiert für Tablet und Smartphone. Viel Inspiration beim Lesen!

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Neue AusgabeAugust 2018

Wahrer Reichtum – Warum wir jetzt lernen müssen, die Natur mit anderen Augen zu sehen

Wahrer Reichtum – Warum wir jetzt lernen müssen, die Natur mit anderen Augen zu sehen

Die Lage ist ernst: Die Insekten verschwinden aus unserer Umwelt und mit ihnen viele Vögel, Fische und Pflanzen. Warum auch wir die Artenvielfalt zum Überleben brauchen, zeigen wir in unserer neuen Ausgabe: Ein Jahr nachdem Krefelder Forscher weltweit Schlagzeilen mit dem Nachweis gemacht haben, dass die Zahl der Fluginsekten dramatisch sinkt, gehen wir der Frage nach, was wahrer Reichtum ist – und wie wir ihn erhalten können.

Es ist Sommer, bis in den späten Abend hinein reicht die Hitze des Tages, mit etwas Glück haben Sie Urlaub. Eine gute Zeit zum Nachdenken, finden wir, und haben uns deshalb einem besonderen Thema gewidmet: Dem Reichtum. Die Frage, was das eigentlich ist, treibt die Menschheit seit Jahrtausenden um: Ist es Besitz, das individuelle Glück oder das Fortkommen der Gemeinschaft? Mit dieser Greenpeace Magazin-Ausgabe laden wir Sie ein, Reichtum neu zu denken. Sehen Sie einmal genau hin: Sogar Großstädte wie Berlin beherbergen tausende Arten wie Füchse, Mauersegler oder Biber. Aber es muss nicht immer die spektakuläre Wildtiersichtung sein. Denken sie ans Alltägliche, an Pflanzen, die sich durch den Asphalt der Straße bohren. An das Rotkehlchen, das unermüdlich von Balkon zu Balkon hüpft, auf der Suche nach Nahrung. Oder an die Wespe, die sich an Ihrem Apfelkuchen labt – all das ist die Vielfalt der Natur, die wir oft übersehen, für selbstverständlich nehmen und manchmal sogar störend finden. Neuste Erkenntnisse zeigen: Wir müssen diese Schätze jetzt und nicht irgendwann vor dem Aussterben schützen. Die Zeit drängt. Folgen Sie uns in dieser Ausgabe in die Tiefen der Straßenschluchten, Sümpfe, Wälder und ins offene Feld, um den wahren Reichtum neu zu entdecken!

GPM Titel 5.18 Heftankuendigung

Lesen Sie mehr in der neuen Ausgabe des Greenpeace Magazins 5.18 „Wahrer Reichtum“. Diese erhalten Sie ab sofort im Warenhaus, ab dem 10. August am Kiosk oder ab 32,50 Euro im Abo. Sie können das Greenpeace Magazin auch in unserer digitalen Version lesen: mit allen Inhalten der Print-Ausgabe, optimiert für Tablet und Smartphone. Viel Inspiration beim Lesen!

Bei der Magazin-Lektüre legt uns Matthias Glaubrecht zunächst eine kleine Kulturgeschichte der Artenvielfalt dar: Der Professor für Biodiversität der Tiere zeigt uns, dass wir bis heute weit davon entfernt sind, die Schätze der Natur vollständig zu erfassen: Weltweit wurden bislang rund 1,5 Millionen Tierarten wissenschaftlich beschrieben – Experten gehen davon aus, dass das gerade einmal ein Zehntel der biologischen Vielfalt ausmacht. Doch wer sich angesichts dieser Zahlen zurücklehnt und den galoppierenden Schwund in Kauf nimmt, macht es sich zu leicht: Denn die Kronjuwelen der Evolution sind keineswegs überflüssiger Luxus, sondern eine Art Lebensversicherung – nicht zuletzt für uns selbst. Das derzeitige Massenaussterben hat eine bedrohliche Dimension erreicht. Der entscheidende Unterschied sind diesmal wir. Ähnlich verheerend wie der Einschlag eines extraterrestrischen Körpers sei die Menschheit, schreibt der Experte. Das sollte uns zu Denken geben. Denn wie schon der amerikanische Ökologe Edward Wilson sagte: Den Regenwald aus Gewinnsucht abzuholzen und mit ihm Hunderttausende von Arten zu vernichten, sei in etwa so schlau, wie ein Renaissancegemälde zu verbrennen, um sich auf dem Feuer eine Suppe zu kochen.

Dass das Schwinden der Artenvielfalt derzeit mehr Aufmerksamkeit erfährt ist auch ihr Verdienst: Leidenschaftliche Insektenforscher aus Krefeld landeten vor bald einem Jahr einen Coup, indem sie erstmals nachwiesen, dass die Zahl der Fluginsekten in Deutschland dramatisch abnimmt: In den letzten 27 Jahren um mehr als 75 Prozent. Die Studie schaffte es unter die Top Ten der weltweit meistzitierten und -diskutierten Fachartikel 2017, und die britische Royal Society of Biology setzte sie auf ihre Liste der „Großen Biologischen Durchbrüche des Jahres“. Wer sind die Insektenfreunde, die der Diskussion um den Schutz der Biodiversität neuen Schwung beschert haben? Unser Autor Wolfgang Hassenstein hat die Entomologen besucht und sie porträtiert.

Doch nicht nur die Forscher, auch die Forschungsobjekte nehmen wir genauer unter die Lupe: Wer sind die kleinen Krabbler eigentlich, die uns so viel teurer sein sollten, als sie es bisher sind? Unsere Kollegin Svenja Beller bringt uns fünfzehn der 33.000 in Deutschland lebenden Insekten in liebevollen Miniaturporträts nahe: die Grüne Florfliege etwa, die sich auf kluge Weise vor hungrigen Fledermäusen schützt oder die Hainschwebefliege, die viele Menschen auf den ersten Blick mit Wespen verwechseln. Sie ist eine Extremsportlerin, legt jährlich Hunderte Kilometer zurück, weil sie den Winter im Süden verbringt. Oder die Braune Raubknotenameise, die die Nester anderer Ameisenarten überfällt und brutal erobert. Folgen Sie uns ins faszinierend reiche Reich der Insekten!

Darüber hinaus sprechen wir mit Peter Feidt, dem Vorsitzenden des Rates für Biodiversität des Agrarministeriums, der Julia Klöckner eine visionär andere Landwirtschaftspolitik für mehr Leben auf dem Acker empfiehlt. Wir begleiten Forscher auf der Suche nach bisher unentdeckten Arten – von Myanmar bis zum Main-Kinzig-Kreis. Und wir berichten über den Export des Artenschutzes: In Brandenburg werden Papageien gezüchtet, um sie später in ihrer Heimat wieder auszuwildern. Naturschutz wird so an reiche Länder delegiert, doch seltene Arten wie die brasilianischen Spix-Aras und die karibischen Kaiseramazonen haben sonst wohl keine Überlebenschance. Unser Autor Bastian Henrichs hat sich den umstrittenen Rettungsversuch genauer angesehen.

In unserem Elementarteil blicken wir über die Artenvielfalt hinaus auf andere, drängende Themen: Zwei „Augenzeuginnen“ erzählen, wie sie sich mit ihrem kleinen Bio-Laden in Neukölln gegen Kundenwünschen nach Litschi, Ladenöffnungszeiten bis 21 Uhr und die großen Bio-Ketten behaupten. Wir erklären, warum Lithium das „weiße Gold“ der Elektromobilität ist. Und in unserer Rubrik „À la Saison“ geht es in dieser Ausgabe weinselig zu – unsere Autorin Katja Morgenthaler hat sich der Weintraube gewidmet: „Äsops Fuchs hängen die Trauben zu hoch. Goethes Mephisto lässt Wein aus einem Tisch sprudeln. Und Wilhelm Buschs Lausbub Kuno ersetzt einen verbotenen Schluck Bordeaux aus der Regentonne", schreibt sie in ihrer Ode an eine der prägendsten Pflanzen unserer Kultur. Wolfgang Hassenstein bringt uns im „Wasserstandsmelder“ die neuesten Klima-Entwicklungen nahe. Zunächst die schlechte Nachricht: Wirbelstürme werden immer mehr und heftiger. Doch gleichzeitig liegt in der Kraft des Windes auch die Rettung – wenn man seine Energie zu nutzen weiß. Und im „Portfolio“ zeigen wir Ihnen eine Arbeit des Fotografen Jan Richard Heinicke, der den absurden Aufwand der Katarer dokumentiert, um Tomaten, Salatköpfe und Kühe im Wüstenklima wachsen zu lassen.

Wir wünschen uns, dass diese Ausgabe Ihnen einen frischen Blick auf die Natur öffnet. Vielleicht ergeben sich bei der Lektüre neue Perspektiven: Wie wichtig ist der Kontostand verglichen mit dem Erdhummelbau im Garten? Wie lange sind die Regale im Supermarkt noch voll, wenn achtzig Prozent der Wildpflanzen von der Bestäubung durch Insekten abhängen und sechzig Prozent der Vögel auf Insekten als Nahrungsquelle angewiesen sind? Wir hoffen, das Nachdenken über den wahren Reichtum inspiriert Sie, und freuen uns auf Ihre Rückmeldung – gerne auch per Brieftaube.

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Satire07.Aug 2018

Amazon-Werbung: Retour direkt in die Tonne

Amazon-Werbung: Retour direkt in die Tonne

Alles so schön billig hier! Und so bequem. Amazon lockt mit immerwährender Verfügbarkeit. Und was nicht gefällt? Geht zum Nulltarif zurück. Günstig ist das nur auf den ersten Blick. Denn der Onlinehändler lässt Retouren im großen Stil vernichten. Wir haben eine seiner Anzeigen dahingehend korrigiert.

„Am Amazon Prime Day finden Sie auf Amazon.de wirklich überall Angebote“, lockte der Internetriese Amazon vor einigen Wochen. „Dinge, die Sie schon immer wollten und die Sie wirklich brauchen.“ Wirklich? Zumindest der zweite Satz scheint angesichts der sprunghaft steigenden Bestellwut der Deutschen hochspekulativ.

Nach Erhebungen des Versandhandelsfachverbands BEVH verschickten die hiesigen Onlinehändler im vergangenen Jahr Waren im Wert von mehr als 58 Milliarden Euro, ein Plus von mehr als zehn Prozent im Vergleich zum Vorjahr und wiederum dem Jahr davor und so weiter. Während Amazons ursprüngliches Geschäftsfeld, der Buchverkauf, branchenweit schrumpft, bestellen die Leute im Internet immer mehr Kleidung, Computerzubehör, Kaffeevollautomaten, Sofas, Stehlampen, Spielzeug, einen – ganz im Sinne des Gründers Jeff Bezos – niemals abreißenden Amazonas der Dinge eben.

Mehr als drei Milliarden Kurier-, Express- und Paketsendungen im Jahr 2016 – Tendenz steigend – schätzte die Unternehmensberatung MRU in einer Studie für die Bundesnetzagentur. Die Lieferwagen der Paketdienste verstopfen nicht nur Straßen und stoßen CO2 aus. Sie beschleunigen auch die Verschrottung fabrikneuer Waren.

Mehr als ein Buch im Regal zu haben, kann von Nutzen sein. Aber wie viele Klamotten, Virtual-Reality-Brillen und Staubsauer braucht der Mensch? Greenpeace-Recherchen zufolge werden beispielsweise achtzig Prozent der im Netz bestellten Schuhe zurückgesandt. Und rund ein Drittel der verschmähten Ware kommt nicht wieder in den Verkauf, sondern wird vernichtet – weil es für den Händler oft am bequemsten und billigsten ist.

Im Juni packten deutsche Amazon-Mitarbeiter aus und beschrieben Reportern der ZDF-Sendung Frontal 21 und der Wirtschaftswoche ihren frustrierenden Alltag an der Schrottpresse. Anonym schätzte eine Mitarbeiterin etwa: „Ich vernichte jeden Tag neuwertige Waren im Wert von 23.000 Euro.“ Im hauseigenen Schredder landen demnach Ladenhüter und funktionstüchtige Produkte mit winzigen Macken – vor allem aber unbenutzte Retouren, zum Teil originalverpackt und noch mit Preisschild.

Zwar spendet Amazon unverkaufte Ware auch, etwa an Innatura, eine Art Amazon für soziale Zwecke. Allerdings ist es aus steuerrechtlichen Gründen meist günstiger, sie zu vernichten – und das gibt oft den Ausschlag. Die Folge: eine gigantische Verschwendung von Arbeit und Ressourcen. Zum Ausmaß des Problems äußert der Konzern sich nicht. Allerdings dementiert er die Vorwürfe auch nicht, er lasse systematisch Güter zerstören.

Selbstverständlich ist Amazon nicht der einzige Kaputtmacher im Handel. Zuletzt wurde bekannt, dass etwa das englische Modehaus Burberry überzählige, nadelneue Kleidung dem Fegefeuer der Eitelkeiten übergibt, damit die Luxusmarke rar bleibt und keinen Schaden nimmt, indem sie am Ende noch an Bedürftige verramscht wird. Doch als gigantischer Universalhändler ist Amazon in der Branche von besonderem Interesse.

Der Amazonas der Waren und Dienstleistungen fließt immer breiter und üppiger. Längst flankieren Angebote wie Amazon Prime, Music, Pay, Vine, Dash, Fresh oder Go den Hauptstrom. Und nun neu – zumindest am Licht der Öffentlichkeit: Amazon Destroy. Mit dem englischen Wort für Zerstören sind – auf heimlich aufgenommenen Fotos – in den Logistikzentren des Konzerns eigens Stellflächen gekennzeichnet. Es ist der Schrottpressenwartebereich – für all den Ausschuss des Hyperkonsums.

Katja Morgenthaler

Hier nun kommt unsere Version der Amazon-Anzeige:

Fake-Anzeige Amazon

In jedem Greenpeace Magazin zeigen wir auf der letzten Seite eine Fake-Werbeanzeige. Die neue Ausgabe 5.18 „Wahrer Reichtum“ erhalten Sie ab sofort im Warenhaus, ab dem 10. August am Kiosk oder ab 32,50 Euro im Abo. Sie können das Greenpeace Magazin auch in unserer digitalen Version lesen: mit allen Inhalten der Print-Ausgabe, optimiert für Tablet und Smartphone. Viel Inspiration beim Schmökern, Schauen und Ausprobieren!

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Vegan03.Aug 2018

So Punk! – Die musikalischen Wurzeln des Veganismus

So Punk! – Die musikalischen Wurzeln des Veganismus

Wie alles mit der Sabotage englischer Großwild-Jagden begann und mit Ernährungstipps von Beyoncé seinen populärkulturellen Höhepunkt erreicht. Wir betrachten Tierrechtsbewegung und Veganszene zwischen Punk und Pop.

Die Popsängerin Beyoncé ist schön, glamourös und weltweit beliebt. Ihre Melodien sind eingängig und die Songs professionell produziert. Wenn die Queen Bee der Popmusik einem Millionen-Publikum Tipps zu veganer Ernährung gibt, vergisst man leicht, wie die musikalischen Wurzeln der Bewegung aussehen: dreckig, laut, anarchistisch. 

In den achtziger Jahren bildeten sich im Dunstkreis der Punk-, Hardcore- und Hausbesetzerszene viele radikale politische Gruppen wie die ALF, die animal liberation front. Die Philosophie dieser militanten Tierrechtskreise: eine klare Abgrenzung zwischen Mensch und Tier und somit auch zwischen Menschen- und Tierrechten ist nicht möglich. Deshalb lehnen sie jede Art der Haltung und Nutzung von Tieren als illegitim ab – auf Tierprodukte zu verzichten ergibt sich als logische Konsequenz, auch wenn vegan als Label damals noch nicht verbreitet war. Bei diesen überzeugten Tierrechtlern stieß gerade das Jagdverhalten des englischen Adels auf Widerstand, wo als Freizeitaktivität Tiere erschossen wurden.

Aristokratische Jagdgesellschaft vs. Punks

„Das kann man sich so vorstellen“, sagt Joachim Hiller, Herausgeber des Ox-Fanzines für Punkrock und Hardcore und der veganen Essenszeitschrift „Kochen ohne Knochen“, „auf der einen Seite die britischen Aristokraten mit ihrer jahrhundertelangen Tradition und auf der anderen Seite das verlumpte Gesocks, das ihnen ihren Spaß nicht gönnt.“ Damit beschreibt Hiller Szenen der Jagd-Sabotage-Bewegung, als Aktivisten aus der Punkszene es sich zur Aufgabe gemacht hatten, Großwild-Jagden zu stören. „Die haben vor Ort Rabbatz gemacht“, so Hiller im Gespräch mit dem Greenpeace Magazin.

Den Soundtrack der Zeit lieferten Bands wie „Crass“, die Urkeimzelle des englischen Polit- und Anarcho-Punks. Crass gründete sich 1977 und zeichnete sich durch eine klare Priorität für politische Agitation aus, die sie durch Songtexte, ausfaltbare Plattencover und den sogenannten Graffiti-Krieg in der Londoner Innenstadt propagierten. Sie wendeten sich gegen soziale Ungerechtigkeiten, Tierversuche, Kapitalismus, Sexismus und sogar ihr eigenes Genre, als sie mit dem Song „Punk is dead“ den – in ihren Augen – kommerzialisierten Punk kritisierten.

Tierrechtsbewegung der 80er – Anarcho-Punk liefert den Soundtrack der Zeit

Die Punkband „Conflict“, die ebenfalls tief aus dem anarchistisch-geprägten Milieu kam und sich einige Jahre später bildete, widmete 1983 Tierfreunden eine eigene EP: „To a Nation of Animal Lovers“. Gerade in der ersten Hälfte der achtziger Jahre waren Tierversuche und Schlachtszenen sich wiederholende Motive in den Songs der Punk- und Hardcore-Bands, beispielsweise bei den Crust-Punks von „Electro Hippies“ oder – den heute noch aktiven – „Napalm Death“. „Die Texte kritisierten die Überheblichkeit des Menschen, der meint, er könne Tiere zum eigenen Wohl umbringen und in Laboren foltern lassen – drückten also klassischen Antispeziesismus aus“, so Joachim Hiller.

Schnell, kurz, hart – das klare Bekenntnis des Punk zum Drei-Akkord-Dilettantismus und die aggressiv anmutende Musik stehen im scheinbaren Gegensatz zu den sozialen Fragen und den komplexen gesellschaftlichen Kritikpunkten der Inhalte. „Das war ja keine Blümchen-Hippie-Musik, sondern ging voll auf die zwölf. Das war laut und krachig. Richtig verstehen konnte man die einzelnen Liedzeilen bei dem Schreigesang oft nicht, dafür lagen die Songtexte zum Nachlesen bei“, so Hiller. Auch die Motive der Plattencover, Aufkleber, Patches und Buttons sprachen eine deutliche Sprache. „Die brutale Praxis von Tierversuchen sollte durch Coverbilder, die in Metall eingespannte Schimpansen oder Katzen mit weit aufgerissenen Augen zeigten, angeprangert werden. Das stand für die kranke Gesellschaft, gegen die dann angesungen wurde“, so Hiller.

Gegen Nazis, gegen Tierversuche und für ein selbstbestimmtes Leben

Den Ox-Fanzine-Betreiber überrascht das nicht: „Die Punk-Szene steht doch für Empathie-Fähigkeit und eine hohe Sensibilität für Ungerechtigkeiten. Gegen Nazis, gegen Tierversuche und für ein selbstbestimmtes Leben. Das passt doch“, so Hiller. Auch die Musikjournalistin Britta Helm mag da keinen Widerspruch zwischen Punkmusik und Tierliebe erkennen. „Im Punk geht es traditionell viel um Politik, Gerechtigkeit und soziale Themen. Bestimmend ist hier oft der Gedanke, dass man niemandem schaden will – weder Mensch noch Tier. Und das verknüpft dann automatisch Menschen- mit Tierrechten", so Helm.

Auf der anderen Seite des Atlantiks, wo sich zur selben Zeit in Washington D.C. die Straight-Edge-Bewegung im Umfeld der Hardcore-Szene bildete, ging es primär um den Verzicht von Alkohol oder Drogen. „Straight Edge bedeutet ja nicht automatisch vegan, das ist eher eine Option“, sagt Hiller. Namensstiftend für die Bewegung war das Lied „Straight Edge“ der Hardcore-Band „Minor Threat“, das mit den Liedzeilen „Don't drink, don't smoke, don't fuck“ die groben Regeln vorgab. Allerdings dürfte man das laut Hiller nicht überinterpretieren: „Das waren Jungs um die Zwanzig mit wenig Lebenserfahrung, da stand noch kein durchdachtes Konzept hinter.“ Ende der achtziger und zu Beginn der neunziger Jahre mischten dann Hardcore-Bands wie „Youth of Today“, „Earth Crisis“ oder „Vegan Reich“ die Szene auf und riefen zu vegetarischer oder veganer Lebensweise auf. Seitdem gehört auch der Verzicht auf Tierprodukte bei vielen Straight-Edgern zur alltäglichen Askese.

Verschwimmende Genre-Grenzen und unpolitische Veganer

„Allerdings verschwimmen die Genres in der Musik immer mehr“, so Britta Helm gegenüber dem Greenpeace Magazin. Veganismus klar mit einer bestimmten Musikrichtung in Verbindung zu bringen, wird dadurch schwieriger. Zudem ist die vegane Szene breiter und somit unübersichtlicher und unpolitischer geworden. Neben Tierrechten fließen auch Wellness- und Gesundheitsaspekte wieder stärker in die Debatte. Vegan lebende Musiker kommunizieren ihre Ernährungsweise heute eher als private Entscheidung, die in Interviews besprochen wird, aber in ihrer Musik keine tragende Rolle spielt. Beispiele dafür gibt es viele. So ist Mille Petrozza, Sänger der Trash-Metal-Band Kreator, überzeugter Veganer, der Elektro-Produzent Moby oder John Joseph von den „Cro-Mags“ sprechen sich in Interviews öffentlich für den Verzicht von Tierprodukten aus. Morrissey, der in den Achtzigern mit seiner Band „The Smiths“ die Anti-Fleisch-Hymne „Meat is Murder“ sang, agitiert heute hauptsächlich in Interviews für die vegane Lebensweise – das aber häufig umstritten, insbesondere wenn er auf KZ-Vergleiche zurückgreift.

Die Musikjournalistin Britta Helm schlägt vor, die Szenezugehörigkeit des Veganismus eher am Kontext als dem speziellen Musikgenre festzumachen. So sei in der Do-it-yourself-Bewegung (DIY) die vegane Lebensweise oft selbstverständlich. Die DIY-Idee ging aus der Punkszene hervor und griff deren Anti-Elitarismus-Philosophie auf: Alle können alles machen. Gelebt wird dieser Gedanke beispielsweise in Kontexten von Hausprojekten und besetzten Häusern oder kleineren selbstorganisierten und nicht profitorientierten Konzerten. Und in diesen Kontext gehören auch die sogenannten Volxküchen (Voküs), inzwischen häufig Küfas genannt. „Hier wird aus teilweise containerten Lebensmitteln für alle gekocht. Das ist dann eigentlich immer vegetarisch und meistens auch vegan“, so Helm.

Auf die Größe kommt es an

Bei Großkonzerten und kommerziell erfolgreichen Bands ist das Publikum oft diverser. „Wenn 10.000 Menschen zu einem ,Rise Against'-Konzert gehen, dann sind das nicht 10.000 Veganer“, sagt Britta Helm. Die Hardcore-Punkband engagiert sich für Tierrechte, von den Bandmitgliedern leben zwei vegetarisch und die anderen zwei vegan. Wieviel vegane Fans die US-Band hat, ist unbekannt. Aber der positive Effekt sei offensichtlich: „Vielleicht wird nicht jeder Fan gleich Veganer, aber deren Vorbildfunktion schafft eine gewisse gesellschaftliche Akzeptanz“, so Helm.

Vegane Popstars verhelfen dem Leben ohne Tierprodukte zu mehr Normalität – das ist wissenschaftlich erwiesen. Es gibt Studien zu den Effekten der sogenannten „Beyoncé Diet“. So untersucht eine Doktorarbeit von der finnischen Universität Helsinki, wie sich die vegane Bewegung von einem moralischen Ernährungsethos zum unpolitischen Konsumtrend entwickelt. Beyoncé widmet die Arbeit gleich ein eigenes Kapitel. Als die R&B-Sängerin einen veganen Delivery-Service gründete und ihren Fans riet, es mal mit einer veganen Drei-Wochen-Diät zu versuchen, hätten zunächst die Medien positiv reagiert – und so das Konsum- und Essverhalten der Menschen beeinflusst. Laut der Studienergebnisse sind Stars zu einem großen Teil für den aktuellen Vegan-Trend verantwortlich. „Stellen Sie sich vor, Helene Fischer wäre zufälligerweise vegan“, sagt auch der vegane Punk-Fanzine-Herausgeber Joachim Hiller, „das hätte eine enorme Leuchtturmfunktion.“ Unzählige vegane Schlagerfans – man kann ja mal träumen.

Nora Kusche

Aufmacherbild: picture alliance/Demotix

Zum Weiterlesen gibt es mehr Geschichten zur veganen Lebensweise in der aktuellen Ausgabe des Greenpeace Magazins 4.18, das mit seinem Titel „Ich ess' Blumen“ einen Song der deutschen Punk-Band „Die Ärzte“ zitiert.

Tipps zum Weiterhören gibt das „Mixtape des Fleischverzichts“ von der Musikjournalistin Britta Helm:

SEITE A – BLUMEN ESSEN
THE SMITHS Meat Is Murder
MANIC STREET PREACHERS Small Black Flowers That Grow In The Sky
BRILLIANT SINS Fur Is Dead
DIE ÄRZTE Ich ess Blumen
REINHARD MEY Die Würde des Schweins ist unantastbar
JENS FRIEBE Theke mit den Toten
NINA HAGEN & LENE LOVICH Don’t Kill The Animals
PRINCE Animal Kingdom
GONJASUFI Sheep
ERYKAH BADU Green Eyes
A TRIBE CALLED QUEST Ham N Eggs
DEAD PREZ Be Healthy
PROMOE Long Distance Runner
SVENSKA AKADEMIEN Proteinpornografi

SEITE B – MEAT MY ASS!
SILVERCHAIR Spawn Again
SKINNY PUPPY Testure
FEAR FACTORY Crash Test
EARTH CRISIS Biomachines
REFUSED The Slayer
MOST PRECIOUS BLOOD Diet For A New America
GOOD CLEAN FUN In Defense Of All Life
GORILLA BISCUITS Cats And Dogs
GOLDFINGER Behind The Mask
BAMBIX Balaclava Boy
RANDY You Are What You Fight For
ANTILLECTUAL Some Of My Best Friends Are Meat Eaters
PROPAGANDHI Meat Is Still Murder

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Hitzewelle01.Aug 2018

Wiesen in Deutschland ähneln „Steppen in Western-Filmen“

Wiesen in Deutschland ähneln „Steppen in Western-Filmen“

Andauernde Dürre trocknet vielerorts in Deutschland die Felder aus. Vor allem Acker- und Milchbauern müssen große Einbußen verkraften, Bio-Betriebe greifen in der Not auf konventionelles Futter zurück. Statt ihnen zu helfen will Landwirtschaftsministerin Julia Klöckner abwarten.

Überhitzte Auto- und Landebahnen brechen auf, Niedersachsen verzeichnet einen Rekord an Waldbränden und in Berliner und Hamburger Parkanlagen gießt die Polizei Bäume und Wiesen per Wasserwerfer – es ist heiß. Am meisten leiden darunter die Landwirte: Durchschnittlich breche die Ernte um zwanzig Prozent ein, im Norden und Osten Deutschlands sogar um bis zu siebzig Prozent, prophezeit Joachim Rukwied, Präsident des Bauernverbands. „Allein beim Getreide gibt es einen Ausfall von 1,4 Milliarden Euro. Die Rüben, das Gemüse, die Kartoffeln – alles leidet. Der Mais ist nur dreißig bis vierzig Zentimeter hoch.“

Die Hitze treibt die Bauern zu extremen Schritten: Einige entschieden, ihren Weizen oder Roggen gar nicht erst zu dreschen, sondern das Getreide mit den Ähren gleich zu Viehfutter zu verarbeiten. Das wiederum ist vielen Milchbetrieben bereits ausgegangen. Statt auf grünen Wiesen stehen Kühe auf braunen Steppen. Viele Bauern verfüttern deswegen nun schon ihre Wintervorräte, andere bringen ihre Tiere deutlich früher zum Schlachter, als geplant. Besonders heftig von der Dürre betroffene Landwirte sehen sich sogar in ihrer Existenz bedroht.

Angesichts dessen fordert Joachim Rukwied den Ausruf des Notstands und eine Milliarde Euro Soforthilfe. Betriebe, deren Ertrag mehr als dreißig Prozent unter dem Schnitt der letzten Jahre liege, sollten damit direkt unterstützt werden. Außerdem schlägt er vor, eine Risikoausgleichs-Rücklage einzuführen, mit der Bauern in guten Jahren steuerlich vergünstigte Rücklagen bilden könnten.

Klöckner vertagt Entscheidung zu Hilfsmaßnahmen für Landwirte auf Ende August

Auch die Politik reagiert auf die Dürre: An diesem Dienstag trafen sich Experten aus Bund und Ländern in Berlin. Das Ziel war allerdings nicht der Beschluss von schnell wirksamen Notfallmaßnahmen, sondern erst einmal eine Bestandsaufnahme der Schäden in der Landwirtschaft. Inwieweit man den Bauern unter die Arme greifen könne, will Landwirtschaftsministerin Julia Klöckner (CDU) erst Ende August entscheiden, wenn der vollständige Erntebericht vorliegt.

Der Notstand könne auch nur dann ausgerufen werden, wenn die Ernteverluste dreißig Prozent der durchschnittlichen Erträge der letzten drei Jahre überschreiten. Und nur dann zahlt der Bund. Denn für den Ersatz von Schäden durch Naturereignisse seien in erster Linie die Bundesländer zuständig, stellte Klöckner klar. Ihre Ressortkollegen aus den Bundesländern drängen indes zur Eile. „Ich wünsche mir sehr, dass die Bundesregierung die Entscheidung trifft, dass es hier eine Notsituation gibt“, sagte Till Bauckhaus, Agrarminister von Mecklenburg-Vorpommern.

Verdorrte Weiden – Bio-Bauern greifen auf konventionelles Futter zurück

Denn den Landwirten fehlt das Futter jetzt. So wie auf dem Bauernhof von Bernd Schmitz, dem nordrhein-westfälischen Landesvorsitzenden der Arbeitsgemeinschaft bäuerliche Landwirtschaft (AbL). Die ersten Hänge färbten sich schon vor vier Wochen braun, nun sieht die Wiese aus „wie eine Steppe in einem Western-Film“. Für seinen Bio-Milchbetrieb musste Schmitz gerade bei der Landesregierung eine Ausnahmezulassung für konventionelles Futter beantragen. Auch die Landesregierung in Schleswig-Holstein bewilligte bereits solche Ausnahmen, die Bio-Zertifizierung der Betriebe ist davon voraussichtlich nicht bedroht. Bernd Schmitz bleibt ohnehin keine andere Wahl: Die dritte Mahd des Jahres fällt wegen der Trockenheit aus. Weil die konventionellen Betriebe das Wachstum ihrer Grünflächen im kalten Frühjahr mit Mineraldünger beschleunigen, können sie schon eher mit dem Mähzyklus beginnen. Schmitz musste auf die Hilfe der Sonne warten – das wird ihm nun zum Verhängnis. Zehn seiner fünfzig Kühe und fünzig Jungtiere musste er wegen Futtermangels schon schlachten lassen. „Ich bewirtschafte meinen Betrieb im dreißigsten Jahr, aber sowas habe ich noch nicht erlebt.“ 

Ausgetrocknetes Flußbett bei Bonn

Hier ist mal ein Bach geflossen – Ausgetrocknetes Flussbett im Hanftal, an der Grenze von Nordrhein-Westfalen und Rheinland-Pfalz. Foto: Bernd Schmitz

Die vom Bauernverband geforderte Milliardengeldspritze nennt er aber „ein Strohfeuer“. Die dreißig Prozent Einbußen können viele Bauern beim Futteranbau gar nicht nachweisen, da viele ihre Futtererträge nicht durchgängig dokumentieren. Somit könnten sie also auch keine Förderung beantragen. Bernd Schmitz fordert mit der AbL „reelle Preise für Lebensmittel, damit nicht alle immer am Limit produzieren müssen“. Dann würde eine Dürre auch nicht zwangsläufig eine Notsituation bedeuten. „In dieser prekären Situation vieler dürregeschädigter Höfe müssen die Marktpartner der Landwirtschaft wie Molkereien, Schlachthöfe und Getreidehandel, aber auch wir Bauern, Verantwortung übernehmen.

Bauernvertretungen fordern höhere Preise für Erzeugerprodukte

Eine existenzbedrohliche Krise kann nur gemildert werden, durch eine schnelle und faire Anhebung der Erzeugerpreise“, lässt Bernd Schmitz sich in einer offiziellen Stellungnahme zitieren. Im Moment bekommen die Milchbauern teils weit unter vierzig Cent pro Liter. Die bräuchten sie aber mindestens, um wirtschaftlich arbeiten zu können. Die AbL fordert außerdem, die EU-Subventionen umzuverteilen. Die zahlt die Bundesregierung pro Hektar. Um kleine Betriebe zu stärken kann sie bis zu dreißig Prozent der Subventionen für die ersten Hektare zahlen, derzeit verwendet sie darauf aber nur sechs Prozent.

Auch Martin Häusling, agrarpolitischer Sprecher der Grünen, hält nichts von den vom Bauernverband geforderten Milliarden. „Die Landwirtschaft kann nicht so weitermachen wie bisher, sondern muss zukünftig klimafreundlich wirtschaften“, sagt er. „Jetzt schlägt der Klimawandel voll durch und die Landwirtschaft ist natürlich einer der Bereiche, die am stärksten Opfer des Klimawandels, aber auch Mitverursacher ist.“ Dass diese Hitzewelle mit der Klimaerwärmung zusammenhängt, hat die Klimaforscherin Friederike Otto von der Oxford Universität vor wenigen Tagen bestätigt. Ihre Berechnungen ergaben, dass der Klimawandel die Hitzewelle an vielen Orten Nordeuropas mehr als zweimal so wahrscheinlich machte als ohne ihn. Sie und ihre Kollegen weltweit untersuchten in den letzten Jahren 190 Wetterextreme mit dem Ergebnis: Rund zwei Drittel von ihnen waren durch den Klimawandel wahrscheinlicher oder stärker.

Es gibt übrigens auch Profiteure der Erwärmung: Die Obst- und Weinbauern freuen sich auf so gute Ernten wie lange nicht mehr. Vermutlich kann die Weinlese schon zwei Wochen eher als normalerweise bedingen. Wein statt Milch – das klingt ein bisschen wie Kuchen statt Brot.

Svenja Beller

Aufmacherbild: Vertrocknete Halme ragen auf einem abgeernteten Feld in der Nähe von Köln in den Himmel; Foto: Oliver Berg/dpa

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Karriere in grün30.Jul 2018

Mein Studium: Drohnen über der mongolischen Wildnis fliegen lassen

Mein Studium: Drohnen über der mongolischen Wildnis fliegen lassen

Das Rotwild in der Mongolei ist bedroht, seit den neunziger Jahren ist die Population dramatisch zurückgegangen. Die Regierung hat mit Schutzmaßnahmen begonnen, ob diese helfen, ist aber nur schwer zu überprüfen. Das unwegsame Gelände macht Wildtierzählungen fast unmöglich. Doch dann hatten drei junge Forscherinnen aus Deutschland eine Idee – und machten sich auf in die Wildnis.

In unserer Serie „Karriere in grün“ stellen wir junge Menschen vor, die ihr Engagement für Umwelt, Natur und Gesellschaft zum Beruf machen. Die Reihe startet mit Meike Becker, die Ökosystemmanagement an der Universität Göttingen studiert. Die 24-Jährige erzählt in mehreren Episoden, wie sie mit Luftaufnahmen einer Drohne dem letzten Rotwild in der Mongolei auf der Spur ist. In der ersten Folge erzählt die Nachwuchsforscherin, wie sie und ihre zwei Kolleginnen in der mongolischen Hauptstadt ankommen und sich auf den Weg in die Wildnis machen.

Es sind Erinnerungen an einen Ort, an dem es sich anfühlt, als verginge die Zeit langsamer, als überall sonst auf der Welt. Zwei Monate habe ich in einer kleinen Blockhütte in der Mongolei gelebt und die Tage damit verbracht, mich durch die Wildnis zu schlagen und die verbliebenen Rothirsche im Norden des Landes zu zählen. Glücklicherweise war ich nicht allein, sondern Teil eines Teams, bestehend aus drei jungen Wissenschaftlerinnen: Christina Stinn (28), Susanne Kandert (32) und mir, Meike Becker (24). Das Projekt ist Teil meines Studiums im Fach „Ökosystemmanagement“ an der Uni in Göttingen. Es ist der einzige Studiengang seiner Art in Deutschland, der in den drei Bereichen Geo-, Forst-, und Agrarwissenschaft analysiert, welche Folgen menschliches Handeln auf die Ökosysteme hat.

Alles begann mit einer Exkursion in die indonesische Provinz Papua im April 2017, auf der ich Christina kennenlernte. Als sie mir von ihrem Plan erzählte, die Rothirschpopulation in der Mongolei mit einer über den Gorchi-Tereldsch-Nationalpark fliegenden Drohne bestimmen zu wollen und darüber ihre Abschlussarbeit im Studienfach „International Nature Conservation“ zu schreiben, war ich sofort begeistert. Mir war klar: Das ist neu, das ist wichtig, da will ich mitmachen. Susanne ging es da ganz ähnlich: Sie hat das Gleiche wie Christina studiert, ist aber schon fertig und hatte noch ein paar Monate Zeit, bevor sie ihren neuen Job beim Bundesamt für Naturschutz starten wollte. Und so kam es, dass sich drei Nachwuchswissenschaftlerinnen vom Frankfurter Flughafen aufmachten nach Ulaanbaatar, die Hauptstadt der Mongolei.

Drohne in Hauptstadt der Mongolei

In der mongolischen Hauptstadt Ulaanbaatar testet die Projektleiterin Christina Stinn die Technik. Mit dieser Drohne machen die Forscherinnen im Gorchi-Tereldsch-Nationalpark Luftaufnahmen des Rotwilds und bestimmen so die Größe der Population. Foto: Meike Becker

Voller Vorfreude trafen wir im Mai dieses Jahres dort ein. Die Mongolei, ein Binnenstaat im östlichen Teil Zentralasiens, ist mit etwa zwei Menschen pro Quadratkilometer eines der am dünnsten besiedelten Länder der Erde. Rund drei Millionen Menschen, also einmal die Bevölkerung von Berlin, bewohnen etwa 1,6 Millionen Quadratkilometer Land – das ist mehr als viermal so groß wie Deutschland. Knapp die Hälfte der MongolInnen lebt in Ulaanbaatar, während ein Großteil der ländlichen Bevölkerung immer noch als Nomaden durch die Weiten des Landes zieht.

Bevor wir uns zu der ländlichen Bevölkerung gesellen wollten, hatten wir ein paar Tage zur Akklimatisierung eingeplant. Wir wollten noch einige wichtige Besorgungen machen, zum Beispiel eine Autobatterie, die zusammen mit den von uns mitgebrachten Solaranlagen die Stromversorgung in der Hütte sichern sollte. Außerdem benötigten wir Vorräte, da wir in der Zeit im Nationalpark nicht damit rechnen konnten, noch einmal an einem Laden vorbeizukommen. Ulaanbaatar ist eine wuselige und lebendige Millionenstadt, und so aufregend die Woche in der Stadt auch war, so erleichtert waren wir, als der Tag gekommen war, an dem wir abfahrbereit vor dem Hostel auf unseren Fahrer warteten. Die Wildnis wartete auf uns.

In der Mongolei gibt es strenggenommen zwei Sorten von Autos: das Hybridauto Toyota Prius, in welchen die meisten Leute durch die Hauptstadt schleichen, sodass selbst die Hauptstraßen den Geräuschpegel eines verkehrsberuhigten Bereichs nicht überschreiten. Und dann gibt es die sogenannten „Russenbusse“. Graue Off-Road-Minibusse, bei denen an nichts gedacht wurde, außer an Funktionalität. Bei der Anfahrt schepperte es laut und wir mussten sofort uns und die Vorräte so gut es ging festhalten. So schlängelten wir uns von den staubigen Straßen der Hauptstadt Richtung Nordosten, wo der Gorchi-Tereldsch-Nationalpark liegt, das Ziel unserer Forschungsreise.Hütte in Mongolei

In dieser kleinen Hütte in der mongolischen Wildnis lebten die drei Nachwuchsforscherinnen zwei Monate lang, um den Rotwildbestand in diesem Gebiet zu zählen. Foto: Meike Becker

Und wie wir so scheppernd und polternd tiefer in den Nationalpark fuhren, rahmte die kontrastreiche Landschaft aus grünen, sanften Flusstälern und steilen Hängen des Chentii-Gebirges unsere Wege ein. Lärchenwald und Grasland wechseln sich hier ab und durch beide hindurch fließt der Fluss Tuul, der Tiere, Menschen und Pflanzen mit lebensspendendem Wasser versorgt. Und hier lebt auch die Rotwildart, im Fachjargon „Cervus canadensis sibiricus“ genannt, dessen Population seit den neunziger Jahren bis zu den frühen Zweitausendern um über neunzig Prozent geschrumpft ist. Zwar ist diese Art global nicht direkt vom Aussterben bedroht, aber dieser drastische Rückgang stellt für die in der Mongolei lebenden Tiere eine ernsthafte Bedrohung dar. Grund dafür sind vor allem Wilderei und intensive Weidenutzung, die das scheue Tier aus den Tälern verdrängt. Seit 2004 werden keine Jagdlizenzen mehr vergeben und die Populationen in den Waldgebieten im Norden der Mongolei sind streng geschützt. Allerdings wurden seit Mitte der Zweitausender keine Zählungen mehr durchgeführt. Ob sich der Rotwild-Bestand wieder erholt hat, ist also unklar. Wir wollten diese Datenlücke schließen und damit nicht nur den wissenschaftlichen Erkenntnisstand voranbringen, sondern auch zum Schutz der gefährdeten Art beitragen.

Die wenigen Zählungen, die bisher vorliegen, sind aufgrund des schwer zugänglichen Geländes meist von kleinen Flugzeugen aus vorgenommen worden. Von uns hatte weder jemand einen Flugschein, noch ein Flugzeug – aber das brauchten wir auch nicht. Wir waren angereist, um auf eine einfachere und günstigere Weise das zu machen, was bisher nur mit großem Aufwand möglich war: Unser Ziel bestand darin, zu testen, ob sich die seltenen Tiere auch anhand der Luftaufnahmen mit einer Drohne zählen ließen. Wenn wir damit Erfolg hätten, würde das den Weg für zukünftige Studien dieser Art ebnen und die Datenlage für Tierbestände in schwierigen Geländen stark verbessern. Wir waren zuversichtlich, dass wir es schaffen, und unser Plan stand: drei Frauen, zwei Monate in einer kleinen Hütte am Fluss und eine große Aufgabe.

Text: Meike Becker / Redaktion: Nora Kusche

Aufmacherbild: Die Drohnenaufnahme zeigt eine Flußüberquerung im Gorchi-Tereldsch-Nationalpark in der Mongolei, aufgenommen von Christina Stinn

Wie es mit den drei Forscherinnen in der Wildnis weitergeht, können Sie in zwei Wochen an dieser Stelle nachlesen. Weitere Reisegeschichten von Meike Becker gibt es auch in ihrem Blog.

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Triennale der Photographie Hamburg24.Jul 2018

Kunst auf die Straße bringen – das macht die Triennale-Ausstellung „Home“

Kunst auf die Straße bringen – das macht die Triennale-Ausstellung „Home“

Neben Ökologie spielen auch soziale Themen eine zentrale Rolle auf der „Triennale der Photographie Hamburg“. Die Ausstellung „Home“ zeigt ungewöhnliche Zugänge zum Gefühl des „Zuhauseseins“ – vom Wohnen in Massensiedlungen bis zum Leben auf der Straße.

Unter dem Motto „Breaking Point. Searching for Change“ startete im Juni dieses Jahres die Triennale in Hamburg. Als Auftakt unserer Artikelreihe zum Fotofestival erzählte der Kurator Krzysztof Candrowicz im Interview, warum er glaubt, dass bei der Umweltzerstörung der Breaking Point bereits erreicht ist – und wie die Kunst beim Wandel helfen kann. Da es dabei vor allem um Fotografien und weniger um Worte geht, zeigen wir ausgewählte Werke aus verschiedenen Ausstellungen des Festivals. Zunächst haben wir mit den beiden Schwerpunkten „Enter“ und „Escape“ gezeigt, wie Kunst Umweltpolitik beeinflussen kann. Im Ausstellungschwerpunkt „Home“ geht es nun um unterschiedliche und ungewöhnliche Konzepte des Zuhauseseins. Wir stellen Werke aus zwei Arbeiten vor: „Alta Densidad“ von dem mexikanischen Fotografen Jorge Taboada und Fotografien aus dem Projekt „in Hamburg zuhause“.

HOME

„Bei Home geht es darum, die Normalität des Zuhauseseins und Wohnens zu hinterfragen und zu beleuchten“, sagt Nico Baumgarten, der zusammen mit Stefan Rahner die Ausstellung kuratiert und sein Ausstellungskonzept konsequent umsetzt. Nicht nur die Fotografien portraitieren alternative Wohnformen, auch die Ausstellungsorte selbst sind ungewöhnlich: So hängen die Werke nicht in Museen und Galerien, sondern zu großen Teilen im öffentlichen Raum. Eigens dafür angefertigte Pavillons in Fußgängerzonen und auf öffentlichen Plätzen sollen die Bilder für jeden zugänglich machen. „Wir zeigen unter anderem Bilder von Massensiedlungen, von Geflüchteten und Wohnungslosen. Wir suchen die Interaktion mit dem Publikum und wollen den Dialog zulassen. Dafür gehen wir mit unserer Kunst auf die Straße“, so Baumgarten. Einige der Bilder hängen nur noch halb an den Pavillonwänden und sind an manchen Stellen abgerissen. Aber Nico Baumgarten sorgt das nicht: „Wenn die Aussage unserer Ausstellung durch Vandalismus zu stark beeinträchtigt ist, plakatieren wir die Bilder eben wieder neu.“

ALTA DENSIDAD – Die Enge und Anonymität mexikanischer Vororte

Jorge Taboada hat die Vororte großer Industriestädte in Mexiko fotografiert und Bilder produziert, die klare geometrische Muster zeigen. Damit will der Künstler die Anonymität und Uniformität dieser Wohnform einfangen. „Meine Bilder haben auf der einen Seite eine ästhetische-kompositorische Perspektive im fotografischen Sinne. Sie sind monochromatische und gleichförmige Landschaften, die eine nicht endende Wiederholung in einer entgrenzten Stadt zeigen“, sagt Jorge Taboada über sein Werk. „Auf der anderen Seite geht es um den sozialen Aspekt: Hier müssen Menschen wohnen.“

Cienega de flores

Jorge Taboada: „Die im Bild dargestellte einheitliche Landschaft mit kleinen weißen Boxen, wird als günstiger Wohnraum angeboten. Hier liegt die Priorität auf den niedrigen Produktionskosten, nicht den menschlichen Bedürfnissen.“

Cienega de flores - Jorge Taboada

Cienega de flores, Nuevo León, México Foto: Jorge Taboada

Escobedo

„Dieses Bild macht die natürliche Neigung des Menschen zur Individualität deutlich – selbst inmitten der größten Uniformität. Jeder möchte sich von seinem Nachbarn unterscheiden, einzigartig sein. Aber das ist kaum möglich: Diese Häuser entsprechen nicht den Grundbedürfnissen der Menschen, sie schränken die individuellen Vorstellungen und Ausdrucksmöglichkeiten ein. Und viele Menschen leiden unter den Konsequenzen der Normierung“, so der Künstler.

Escobedo – Jorge Taboada

Escobedo, Nuevo León, México Foto: Jorge Taboada

Salinas victoria

„Als Betrachter sieht man auf diesem Bild den besorgniserregenden Mangel an grünen Flächen. Wir müssen unbedingt Anzahl wie auch Qualität von natürlichen Lebensräumen und Grünflächen in Wohngebieten und Städten steigern. Eine Maßnahme dafür ist effizienter öffentlicher Personennahverkehr als Alternative zum Privatauto“, sagt Taboada.

Salinas victoria – Jorge Taboada

Salinas victoria, Nuevo León, México Foto: Jorge Taboada

IN HAMBURG ZUHAUSE – die Perspektive von wohnungslosen Menschen

In dem Fotoprojekt „in Hamburg zuhause“ geht es um das Zuhausesein ohne Wohnung, ohne Dach über dem Kopf. Drei Wohnungslose aus Hamburg haben ihren Alltag mit der Kamera festgehalten. Katharina Schmidt, die an der Universität Hamburg zur kritischen Geographie globaler Ungleichheit forscht, hat das Projekt koordiniert.

Bezirksamt Mitte – von M.C.

Das Bild betont, wie Menschen ohne festen Wohnsitz von dem Konzept des Zuhauseseins ausgeschlossen werden. „Der Fotograf zeigt mit dem Foto, dass unterschiedlichen Leuten in einer Stadt unterschiedliche Teilhabe an der Stadt ermöglicht wird. Obdach- und wohnungslosen Menschen wird häufig nicht zugestanden sich in ihrer Stadt zuhause zu fühlen“, sagt Schmidt. Der Fotograf, der nur bei seinen Initialen M.C. genannt werden möchte, erläutert, warum er diesen Ort als Motiv gewählt hat: „Hier haben wir oft abgehangen, da dürfen wir aber nicht mehr sitzen. Die Security von der Behörde hat uns weggeschickt. Wir haben das Ansehen vom Amt – ich sag mal – ,beschmutzt'.“

Gebäude in Hamburg - von M.C.

Bezirksamt Mitte Foto: M.C.

Treffpunkt St. Pauli – Gerd Reinhold

„Das ist mein bester Freund F. aus Norderstedt“ sagt Gerd Reinhold, der für das Projekt fotografiert hat. Katharina Schmidt ordnet das Werk in das Ausstellungskonzept ein: „Die Fotos sind unter dem Motto ,Mein Hamburg' entstanden. Gerd Reinholds Bilder zeigen, dass das Zuhausesein in einer Stadt nicht von einem bestimmten Wohnstatus abhängig ist, sondern auch von alltäglichen Erledigungen, Freundschaften, Lieblingsorten und Gewohnheiten.“

Mann mit Hund – Gerd Reinhold

Treffpunkt St. Pauli Foto: Gerd Reinhold

Die thematischen Schwerpunkte der Triennale sind in Befehle einer Computertastatur geordnet – also in Enter, Home, Control, Space, Shift, Return, Delete und Escape. Laut Kurator Krzysztof Candrowicz täuschen diese klassischen Computerbefehle uns Simplizität vor, wo Komplexität herrscht. Denn genauso wenig wie die digitale, sei die analoge Welt durch klar definierte Steueroptionen beherrschbar. Im Gegenteil: Alle gesellschaftlichen Bereiche sind miteinander verwoben. So wirken sich bestimmte politische Entscheidungen direkt auf unsere Umwelt aus und hängen wiederum von Lobbyismus und teils undurchsichtigen Wirtschaftsinteressen ab. Diesem komplexen Beziehungsgeflecht will das Ausstellungskonzept der Triennale gerecht werden.

Weitere Ausstellungen der 7. „Triennale der Photographie Hamburg“, die noch bis in den Spätsommer oder Herbst dieses Jahres laufen werden, stellen wir in den folgenden Wochen in unseren Nachrichten auf greenpeace-magazin.de vor.

Text: Nora Kusche / Bildredaktion: Cale Garrido

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Bioläden23.Jul 2018

Bio-Lebensmittel vom Discounter – „Luft wird dünner“ für Fachhändler

Bio-Lebensmittel vom Discounter – „Luft wird dünner“ für Fachhändler

Aldi, Edeka und Co. haben sich bereits rund zwei Drittel des Bio-Marktes gesichert. Und sie geben weiter Gas. Den Verbrauchern gefällt das. Doch viele Naturkosthändler können da nicht mehr mithalten.

Bio-Apfelschorle von Aldi, Bio-Salami von Lidl, Bio-Müsli von dm und Bio-Käse von Edeka oder Rewe: Deutschlands Discounter, Supermärkte und Drogeriemärkte haben in den vergangenen Jahren ein immer größeres Stück des Bio-Marktes erobert. Fast zwei Drittel der Ausgaben der Bundesbürger für Bio-Lebensmittel landen inzwischen in ihren Kassen – mit steigender Tendenz.

Für klassische Bio-Fachhändler bedeutet dies immer mehr Konkurrenz und immer mehr Preisdruck. Der Handelsexperte Joachim Riedl von der Hochschule Hof warnte deshalb kürzlich in dem Fachblatt „Lebensmittel Zeitung“ bereits vor einem Bio-Laden-Sterben: „Es bedarf wenig prognostischer Fähigkeiten, um für den Bio-Fachhandel einen Konsolidierungsprozess vorauszusehen, in dem nur einige der heute aktiven Player überleben werden.“

Es geht um viel Geld: Mehr als zehn Milliarden Euro gaben die deutschen Verbraucher im vergangenen Jahr für ökologische Produkte aus – rund sechs Prozent mehr als im Vorjahr. „Die Deutschen haben offenbar immer noch und vor allem immer öfter Appetit auf Bio-Lebensmittel und bescheren der Branche weiteres Wachstum“, heißt es in einer aktuellen Studie der Gesellschaft für Konsumforschung (GfK). Seit 2004 hat sich der Bio-Anteil an den Lebensmittelausgaben mehr als verdreifacht.

Der Markt an Bioprodukten wächst seit Jahren zuverlässig, Discounter umwerben die Zielgruppe

Für Edeka, Rewe, Aldi, Lidl und Co. ist Bio gleich aus mehreren Gründen attraktiv. Zum einen, weil der Markt seit Jahren zuverlässig wächst. Zum anderen wegen der attraktiven Zielgruppen, die mit Bio-Produkten erreicht werden: jüngere Leute, Familien mit Kindern aber auch höhere Einkommensgruppen.

Nicht zuletzt die Discounter umwerben die Bio-Klientel deshalb heftig. Aldi verkündete bei der Vorstellung seines jüngsten Nachhaltigkeitsberichts vor wenigen Tagen stolz: 2017 sei das Unternehmen laut GfK Bio-Marktführer in Deutschland gewesen. In diesem Jahr will Aldi sein Engagement in diesem Bereich noch verstärken und mehr als sechzig weitere Bio-Artikel in sein Angebot aufnehmen. Damit sei „der komplette Wocheneinkauf in Bio-Qualität immer möglich“.

Auch Lidl verspricht den Kunden „Bio-Vielfalt“ und führte erst im Februar elf neue Bio-Wurstsorten ein. Lidl-Einkaufschef Jan Bock ließ damals keinen Zweifel: „Auch in Zukunft wollen wir verstärkt auf Bio setzen.“

Auch die konventionellen Supermarkt- und Drogerieketten erweitern ihre Bio-Sortimente

Die Kölner Handelsgruppe Rewe arbeitet nach eigener Aussage ebenfalls „beständig an der Erweiterung ihrer Bio-Sortimente“. Allein unter der Eigenmarke Rewe Bio bietet der Händler in seinen Supermärkten mehr als 500 ökologische Produkte an. Die Drogeriemarktkette dm ist nach Informationen des Branchenfachblatts „Lebensmittel Zeitung“ auch dabei, ihr Bio-Geschäft weiter aufzurüsten. Neben über 400 Artikeln der Eigenmarke dm Bio liste die Kette immer mehr Bio-Marken ein. Der Drogeriehändler habe es dabei auch auf Kundengruppen aus dem Fachhandel abgesehen.

Bei den Verbrauchern kommt die Bio-Offensive von Aldi, Rewe und Co. gut an. Bei einer aktuellen Marktstudie des Marketingunternehmens AMM gaben sechzig Prozent der Befragten an, sie fänden es gut, dass man Bio inzwischen auch bei Edeka, Rewe, Aldi und Lidl kaufen könne. Das sei billiger als in den Fachgeschäften und außerdem müsse man beim Einkauf dadurch keinen Umweg machen, fanden viele der Befragten.

Für Naturkostläden, Bio-Supermärkte und selbstvermarktende Bio-Bauern sieht das natürlich ganz anders aus. Für sie wird der Siegeszug der Mainstream-Händler immer mehr ein Problem. Nicht nur weil die Handelsriesen einen immer größeren Teil des Marktes für sich reklamieren, sondern auch weil gleichzeitig der Preisdruck im gesamten Bio-Markt wächst. Branchenkenner Riedl ist überzeugt: „Die Luft wird dünner im Handel mit Bio-Lebensmitteln.“

Erich Reimann, dpa

Aufmacherbild: picture alliance/APA/picturedesk.com

Mehr zum Thema können Sie auch im Essen Spezial 5.16 „Reicht satt und lecker?" lesen. Um der Frage einer Leserin, ob „auch Billig-Bio vom Discounter die Welt rettet“, auf den Grund zu gehen, haben wir uns mal auf den Bauernhöfen umgeschaut, die das Massenbio liefern.

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Landwirtschaft20.Jul 2018

Forscher fordern Umdenken in der Fleischindustrie

Forscher fordern Umdenken in der Fleischindustrie

Es geht um die Wurst: Eine neue Studie zeigt, dass die globalen Fleisch- und Molkereikonzerne deutlich mehr zum Klimawandel beitragen als bislang angenommen. Vegetarisch und Vegan leben hilft. Aber auch mikrobielle „Astronautennahrung" für Kühe kann das Klima schonen.

Auf Fleisch zu verzichten, um das Klima zu schützen? Vielen Menschen leuchtet nicht ein, was das sommerliche Wurst-Grillen mit dem Klimawandel zu tun haben soll. So auch Bernhard Krüsken, Generalsekretär des Deutschen Bauernverbands. In einem Interview Anfang Juli erklärte er, Fleischverzicht sei nur eine Version des modernen Ablasshandels: „Der größte Anteil der Emissionen kommt aus der Industrie, aus der Wärmeerzeugung und dem Verkehrssektor”, sagte er, deshalb könne Vegetarismus oder Veganismus auch keinen signifikanten Beitrag zum Klimaschutz leisten.

Nun zeigt eine neue Studie das Gegenteil: Deren Ergebnisse besagen, dass die Klimabilanz von Steak- und Milchkonsum sogar Öl-Multis wie Exxon-Mobil, Shell oder BP in den Schatten stelle. Das US-amerikanische Institute for Agriculture and Trade Policy (IATP) hat gemeinsam mit der internationalen Umweltorganisation GRAIN einen Report veröffentlicht, in dem sie den Klima-Fußabdruck der 35 größten Fleisch- und Milchprodukt-Konzerne untersucht haben. Dabei zeigte sich: Die fünf größten Fleisch- und Molkereiproduzenten der Welt emittieren gemeinsam mehr Treibhausgase als Öl-Multis wie Exxon-Mobile, BP oder Shell. 2016 emittierten die Top 5 Unternehmen der globalen Fleisch- und Milchindustrie wie JBS, Tyson Food, Cargill, Dairy Farmers of America und Fonterra 578 Millionen Tonnen CO2-Äquivalent, der Ölkonzern Exxon lag 2015 mit 577 knapp dahinter, gefolgt von Shell (508) und BP (448).

Laut der Studie beschönigen die Lebensmittelkonzerne ihre CO2-Bilanzen. Über ihre Emissionen machten sie entweder gar keine Angaben oder sparten dabei die Lieferkette aus, die bis zu neunzig Prozent ihrer Gesamtemissionen ausmachen, so die Verfasser der Studie. Nur vier von 35 Konzernen – NH Foods (Japan), Nestlé (Schweiz), FrieslandCampina (Niederlande) and Danone (Frankreich) – stellten umfassende, glaubhafte Emissionsschätzungen zur Verfügung. Die fehlenden Daten errechneten die Autoren der Studie, indem sie die länderspezifischen Emissionsfaktoren der Ernährungs- und Landwirtschaftsorganisation der Vereinten Nationen mit den Produktionsvolumen der Konzerne korrelierten und die geschätzten Emissionen aus Produktion und Transporten addierten. Die Ergebnisse sollten ein Alarmsignal für die Branche und die Verbraucher sein.

Doch die Transformation der Landwirtschaft ist leichter gefordert als umgesetzt. Anders als in der Energiewirtschaft und der Industrie, wo es zentral steuerbare, klimaschonende Alternativen gibt, ist der Umbau zur klimafreundlichen Landwirtschaft komplexer: Wenn Vattenfall ein Kohlekraftwerk abschaltet, sinken die Emissionen auf einen Schlag – doch was heißt das für den einzelnen Bauern und seinen Viehbestand? Hier gibt es einen neuen Ansatz, der nun von Forschern vom Potsdam Institut für Klimafolgenforschung (PIK) untersucht wurde.

Löst Astronautennahrung für Kühe das Klimaproblem?

„Weniger tierische Produkte zu essen ist natürlich der erste Schritt“, sagt Benjamin Bodirsky, Agrarökonom am PIK. „Wir haben in den letzten acht Jahren zahlreiche Studien durchgeführt, die alle die Klimaschädlichkeit von Fleisch- und Milchkonsum sowie von Lebensmittelverschwendung belegen.“ Natürlich brauche es einen Wandel in der Essenskultur, weg von tierischen Proteinen wie Würstchen und Käse, hin zu Gemüse und Nüssen. Doch was, wenn die Menschen ihre Essgewohnheiten nicht schnell genug ändern und der Klimawandel vor dem Nahrungswandel zu Buche schlägt?

Wurst, Fleisch, aber auch Käse, Milch: Der Anteil dieser Produkte am Klimawandel wurde bisher zu gering eingeschätzt. Foto: picture alliance / Sven Simon

In einer Studie, die im Juni in der Fachzeitschrift „Environmental Science & Technology“ erschien, untersuchte Benjamin Bodirsky als Teil einer internationalen Forschergruppe eine Technologie, mit der sich die Tierwirtschaft emissionsärmer gestalten lassen würde – eine Art Übergangstechnologie zur klimafreundlichen Landwirtschaft. Die Idee: Statt Kraftfutter wie Soja sollen die Tiere zukünftig proteinreiche Mikroben zu fressen bekommen. Diese werden mit Energie, Stickstoff und Kohlenstoff kultiviert, um daraus Proteinpulver herzustellen – Astronautennahrung für Kühe, wie die Forscher es scherzhaft nennen.

Mit Simulationen ermittelten die Forscher, dass ein geringer Einsatz des Mikroben-Viehfutters gewaltige Auswirkungen hätte: Ersetzt man zwei Prozent der herkömmlichen Kraftfutters mit mikrobiellem Kraftfutter können bereits sieben Prozent der landwirtschaftlichen Treibhausgasemissionen und sechs Prozent des globalen Ackerflächenverbrauchs vermieden werden. „Die neue Studie von IATP zeigt, dass die großen Fleisch- und Molkerei-Unternehmen gefragt sind: Sie müssen umdenken, damit die Klimaziele erreicht werden können“, sagt Bodirsky. Die Zukunft bringe entweder eine veränderte Tierhaltung mit verbesserten Futtermittel, einem klügeren Gülle- und Dünge-Management und mehr Qualität statt Quantität – oder eben eine veränderte Produktpalette, so der Agrarökonom.

Dass die Landwirtschaft erheblich zum Klimawandel beiträgt, ist kein Geheimnis

Die Veränderung der Produktionsbedingungen in Fleisch- und Milchindustrie ist lange überfällig. Denn dass die Landwirtschaft zum Klimawandel beiträgt, ist ausreichend bekannt: Kein Konsumgut benötigt so viel Fläche wie die Herstellung von Milch und Fleisch. Die Futtermittelherstellung braucht Platz, dafür wird auf der ganzen Welt Regenwald gerodet und Wiesen werden zu Äckern gemacht. Die Landwirtschaft ist für sechzig Prozent des weltweiten Verlusts von Biodiversität verantwortlich. 2014 machte in Deutschland die Landwirtschaft – inklusive Energieverbrauch, aber ohne Emissionen aus Futtermittelherstellung und Transport – knapp 8,2 Prozent der gesamten Treibhausgasemissionen aus. Der Wert speist sich vor allem durch Methan-Emissionen aus der Tierhaltung, das Ausbringen von Gülle und Lachgas-Emissionen aus der Stickstoff-Düngung.

Dabei wächst der Milch- und Fleisch-Hunger der Menschen stetig weiter: Der brasillianische Fleisch-Konzern JBS, seines Zeichens globaler Marktführer, kündigte an, bis 2030 den weltweiten Fleischkonsum weiter befeuern zu wollen. Das Unternehmen stellt seinen Investoren für die kommenden 12 Jahre eine Steigerung von 48 Prozent Fleischkonsum pro Jahr pro Kopf in Aussicht. Für das Weltklima wäre das verheerend, die Autoren der aktuellen Studie zur CO2-Bilanz der Milch- und Fleischindustrie warnen davor, dass die Viehhaltung bei den jetzigen Wachstumsraten bis 2050 für achtzig Prozent der anfallenden Treibhausgase verantwortlich sein könnte.

Bereits im November 2017 hatten die Organisationen IATP und GRAIN, die hinter der Studie stehen, gemeinsam mit der Heinrich Böll Stiftung in einem Factsheet das Problem auf den Punkt gebracht: Die zwanzig größten Fleisch und Milchkonzerne stießen 2016 nach Kalkulationen des Bündnisses 932 Millionen Tonnen CO2-Äquvivalente aus – die gesamte Bundesrepublik brachte es 2015 nur auf 902 Millionen Tonnen. „Es gibt keine andere Möglichkeit: Die Fleisch- und Milchprodukt-Herstellung in den Ländern, in denen die Top 35 Konzerne den Markt dominieren, muss deutlich reduziert werden”, sagt Devlin Kuyek von der Umweltorganisation GRAIN. „Andernfalls drücken diese Unternehmen weiter Handelsabkommen durch, die dazu beitragen, dass ihre Exporte und die Emissionen weiter steigen und erschweren den Umbau zu einer Landwirtschaft, die den Landwirten, Arbeitern und Konsumenten dient.”

Julia Lauter

Ist vegan leben die Lösung des Problems? Wir sprechen mit Markus Keller, dem ersten Professor für vegane Ernährung in Deutschland, über die Vor- und Nachteile eines Lebens ohne Tierprodukte.

Andere Geschichten über veganes Leben heute und in der Zukunft lesen Sie in der aktuellen Ausgabe des Greenpeace Magazins 4.18 „Ich ess' Blumen“. Diese erhalten Sie im Warenhaus, am Kiosk oder ab 32,50 Euro im Abo. Sie können das Greenpeace Magazin auch in unserer digitalen Version lesen: mit allen Inhalten der Print-Ausgabe, optimiert für Tablet und Smartphone. Viel Inspiration beim Schmökern, Schauen und Ausprobieren!

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Vegan17.Jul 2018

Die Wurst ist die Zigarette der Zukunft

Die Wurst ist die Zigarette der Zukunft

Markus Keller, Deutschlands erster Professor für vegane Ernährung, erzählt im Interview, warum die vegane Lebensweise mehr ist als nur ein Trend. Und was das für Fleischesser bedeutet. 

Was wir essen, ist politisch. Gerade für Umwelt und Wirtschaft wird die Ernährung ein immer wichtigerer Faktor. In Zeiten von Klimawandel, fortschreitender Umweltzerstörung, Massentierhaltung, rasant wachsender Weltbevölkerung und sich ausbreitenden Wohlstandskrankheiten wie Übergewicht und Diabetes, scheint der Verzicht auf Tierprodukte die Lösung zu sein. Aber ist die vegane Lebensweise wirklich die bessere? Wir haben einen gefragt, der es wissen muss. Markus Keller ist der erste Professor für vegane Ernährung an einer deutschen Hochschule.

Herr Keller, Sie haben die erste Professur für Vegane Ernährung inne. Mit welchem Ziel wurde diese Stelle geschaffen?

Das Thema vegane Ernährung interessiert immer mehr Menschen, insbesondere die Konsumenten. Dadurch wächst der Markt für vegane Produkte und wird so zu einem relevanten Thema für die Lebensmittelbranche. Die Fachhochschule des Mittelstands hat diese Entwicklung aufgegriffen und bietet bereits seit Oktober 2016 den Bachelorstudiengang „Vegan Food Management“ an. Gleichzeitig hat die Hochschule zusammen mit der Erna-Graff-Stiftung für Tierschutz eine Stiftungsprofessur für Vegane Ernährung ins Leben gerufen und mich im Mai dieses Jahres berufen. Damit wird dem Thema vegane Ernährung erstmals eine akademische Heimat gegeben.

Portrait Markus Keller, Professor für vegane Ernährung

Markus Keller lehrt an der Fachhochschule des Mittelstands, was vegane Ernährung für die Gesundheit bedeutet. Und wie man „vegan“ zu seinem Beruf machen kann. Foto: Fachhochschule des Mittelstands

Was lehren und woran forschen Sie?

In meinen Seminaren und Vorlesungen geht es in erster Linie um ernährungsbezogene Fächer. Das sind beispielsweise Ernährungslehre, Ernährungsmedizin oder Lebensmittelkunde, außerdem unterrichte ich die Wirkungen von veganer Ernährung auf den Körper. Hier geht es um die kritischen Nährstoffe, aber auch das gesundheitliche Potential bei der Prävention von ernährungsmitbedingten Krankheiten. In unseren aktuellen Forschungsprojekten beschäftigen wir uns mit vegan, vegetarisch und mit Mischkost ernährten Kindern verschiedener Altersgruppen. Dabei untersuchen wir, wie sich die unterschiedliche Ernährungsweise in der Praxis darstellt und auswirkt, also was die Kinder essen und wie gut sie anschließend mit Nährstoffen versorgt sind.

Was kann man nach der Uni mit dem Studium anfangen?

Wir bringen den Studierenden sowohl Wirtschaftskompetenz als auch personale und soziale Kompetenz bei. Außerdem erlangen unsere Vegan-Food-Studierenden Fachkenntnisse zur veganen Ernährungsweise, aber auch zu Nachhaltigkeit, Tierethik und Konsumentenverhalten. Die Berufschancen liegen also in der gesamten Lebensmittelbranche. So können die Absolventen die Produktion neuer veganer Lebensmittel konzipieren oder sie gehen in Einkauf und Vertrieb, wo sie beispielsweise im Handel neue vegane Produktlinien einführen könnten. Und einige unserer Studierenden haben schon konkrete Pläne, später ein veganes Restaurant oder Café zu eröffnen. Auch Organisationen, die sich mit dem Thema veganer und nachhaltiger Lebensstil befassen, sind potentielle Arbeitgeber.

Wie schätzen Sie den aktuellen Vegan-Trend ein? Müssen Fleischesser sich in fünfzig Jahren zum Würstchen essen im Wald verstecken?

Vegan ist schon lange mehr als nur ein Trend. Insbesondere unter jungen Menschen wächst die Zahl der Veganerinnen und Veganer immer weiter an. Und der Markt spiegelt ja nur das wider, was Verbraucher nachfragen. Die Hauptkonsumenten veganer Fleisch- und Milchalternativen sind übrigens nicht die Veganer, sondern die deutlich größere Zahl der sogenannten Flexitarier. Darunter versteht man Menschen, die ihren Konsum an tierischen Lebensmittel deutlich einschränken wollen, aus gesundheitlichen, ethischen oder nachhaltigen Gründen. Vegan oder überwiegend vegan zu leben, wird in Zukunft also immer normaler werden. Dazu passt, was der Chef des Fleischkonzerns Rügenwalder, Christian Rauffus, gesagt hat, nämlich, dass die Wurst die Zigarette der Zukunft sei.

Kann man sagen, in welchen Regionen oder Kulturen vegan besonders verbreitet ist?

Leider gibt es nur wenige belastbare wissenschaftliche Daten, wie viele Veganer es tatsächlich aktuell gibt. Zahlen von Meinungsforschungsinstituten muss man immer mit etwas Vorsicht genießen, denn nicht alle, die sich als Veganer oder Vegetarier bezeichnen, sind per Definition auch welche. Die höchsten geschätzten Vegetarier-Anteile, inklusive Veganer, von um die zehn Prozent finden sich in Australien, Belgien, Deutschland, Großbritannien, Israel, Italien, Kanada, Neuseeland, Norwegen, Österreich, Schweden, der Schweiz, Taiwan und den USA.

Was sind die gesundheitlichen Vor- und Nachteile veganer Ernährung?

Es spricht nichts gegen eine vegane Ernährung in allen Lebensphasen, solange Sie auf die potentiell kritischen Nährstoffe wie Vitamin B12, Kalzium oder Eisen achten. Die vorliegenden Studien zeigen außerdem, dass Veganer mit vielen Nähr- und Inhaltsstoffen besser versorgt sind als die Durchschnittsbevölkerung, etwa mit Vitamin C, Folsäure, Magnesium und Ballaststoffen. Und im Vergleich zu Fleischessern haben Veganer ein geringeres Risiko für verschiedene ernährungsassoziierte Krankheiten wie Übergewicht, Typ-2-Diabetes, Bluthochdruck, koronare Herzkrankheiten und verschiedene Krebserkrankungen. Der insgesamt gesündere Lebensstil vieler Veganer ist dabei statistisch bereits herausgerechnet.

Tel Aviver Lokal Bana

Im Lokal Bana im isrealischen Tel Aviv geht es um den Spaß an Essen und Genuß. Fleischersatz aus Tofu oder Seitan gibt es hier nicht, denn vegan soll für sich stehen. Foto: Julia Sellmann für das Greenpeace Magazin

Und wie nachhaltig ist vegane Ernährung unter Umweltaspekten?

Mit unserer derzeitigen Ernährungsweise beanspruchen wir deutlich mehr Ressourcen, wie Energie, Wasser oder Landflächen, und stoßen deutlich mehr Treibhausgase aus, als unser Planet langfristig verkraften kann. Ein Beispiel: Um die Ziele, die auf der UN-Klimakonferenz in Paris beschlossen wurden, zu erreichen, müssen wir auch im Ernährungsbereich bis zum Jahr 2050 etwa neunzig Prozent der Klimagasemissionen einsparen. Das gelingt aber nur mit einer weitgehend pflanzlichen Ernährungsweise.

Wo bleiben bei einer solchen Entwicklung die Weidetiere in der Landschaft?

Natürlich müssen wir zusammen mit der Landwirtschaft überlegen, welche Rolle Tiere zukünftig beispielsweise in der Landschaftspflege spielen können. Landwirte könnten ja beispielsweise Ausgleichzahlungen dafür erhalten, dass sie Tiere auf der Weide stehen lassen, ohne dass die Tiere später geschlachtet werden. Die Zahl der Tiere – und vor allem unser Konsum tierischer Lebensmittel – muss sich auf jeden Fall deutlich verringern, wenn wir die Klimaziele auch nur annähernd erreichen wollen.

Wir haben in der aktuellen Ausgabe des Greenpeace Magazins „Ich ess' Blumen“ ein Streitgespräch zwischen Bio-Fleisch-Köchin Sarah Wiener und dem Chef der veganen Supermarktkette „Veganz“ Jan Bredack. Also Bio-Fleisch gegen vegane Fertigprodukte. Wo positionieren Sie sich da?

Was die veganen Fertigprodukte betrifft, gibt es da viele Vorurteile und falsche Behauptungen. Wir haben in einer Studie achtzig vegane und vegetarische Fleisch- und Wurstalternativen hinsichtlich ihrer Zutaten und Zusammensetzung untersucht. Das Ergebnis war, dass die meisten veganen Fleischalternativen gesundheitlich günstiger sind als die Original-Fleischprodukte, beispielsweise was den Gehalt an gesättigten Fettsäuren und Cholesterin betrifft. Und es stimmt einfach nicht, dass diese Produkte aus ellenlangen Zusatzstofflisten bestehen – wie so oft behauptet. Effektiv war in den veganen Bio-Fleischalternativen im Durchschnitt ein Zusatzstoff pro Produkt enthalten, bei den veganen Fleischalternativen aus konventioneller Produktion waren es im Schnitt 3,5 Zusatzstoffe.

Leben Sie und Ihre Familie vegan?

Meine ganze Familie lebt zu schätzungsweise 95 Prozent vegan, die verbleibenden 5 Prozent entfallen auf vegetarische Ausnahmen. Kinder können gut vegan ernährt werden, wenn die Eltern sich umfassend informiert haben und vor allem Vitamin B12 ergänzen. Voraussetzung ist in jedem Fall eine vollwertige, abwechslungsreiche Lebensmittelauswahl.  Zwischenergebnisse aus einer unserer Studien zeigen, dass sich vegane Kinder im Durchschnitt genauso wie die vegetarischen und Mischkostkinder altersgemäß entwickeln. Bei einigen Nähstoffen wie Folsäure und Vitamin C schneiden sie deutlich besser ab als die beiden anderen Gruppen, bei anderen wie Kalzium haben sie hingegen die niedrigste Zufuhr. Bei allen drei Ernährungsformen besteht demnach Optimierungsbedarf.

Was raten Sie Menschen, die ihre Ernährung umstellen wollen?

Alle, die bereits vegan leben, kann ich nur bestärken weiterzumachen. Aber sie sollten auf die kritischen Nährstoffe achten. Allen anderen empfehle ich, öfter vegane Gerichte auszuprobieren, vielleicht auch einmal einen veganen Kochkurs mitzumachen und pflanzlichen Lebensmitteln mehr Platz auf dem Teller einzuräumen. Denn so lautet der weise Spruch eines mir leider unbekannten Urhebers: „Es ist nicht so entscheidend, ob immer mehr Menschen Veganer werden. Entscheidend ist, dass die Menschen immer veganer werden.“

Interview: Nora Kusche

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Pestizide12.Jul 2018

Neue Insektengifte auf deutschen Äckern

Neue Insektengifte auf deutschen Äckern

Kaum hat die Europäische Union drei bienengefährliche Pestizide verboten, steht schon ihr Ersatz bereit. In Deutschland könnten die neuen Pflanzenschutzmittel bereits diesen Sommer auf den Markt kommen.

Als der EU-Gesundheitskommissar Vytenis Andriukaitis im Frühjahr sagte: „Die Gesundheit der Bienen bleibt für mich von größter Bedeutung“, da wollte man ihm nicht widersprechen. Denn die EU-Staaten hatten gerade ein Freilandverbot für drei Neonicotinoide verabschiedet. Die auch „Bienenkiller“ genannten Pestizide lösen bei Insekten schon in geringen Dosen Störungen des zentralen Nervensystems aus.

2008 hatte eine Saatmaschine im Oberrheingraben versehentlich Stäube mit dem Neonicotinoid Clothianidin aufgewirbelt, in der Folge starben mehr als 11.000 Bienenvölker. Erst zehn Jahre später bestätigte die europäische Behörde für Lebensmittelsicherheit EFSA die Risiken für Bienen durch die Pestizidgruppe. Das Verbot von Imidacloprid, Thiamethoxam und Clothianidin im April dieses Jahres feierte dann auch Bundeslandwirtschaftsministerin Julia Klöckner (CDU): „Heute ist ein guter Tag für den Schutz der Bienen in Deutschland und in Europa.“

Ersatzstoffe für verbotene Pestizide sind auf EU-Ebene längst zugelassen

Was Klöckner und EU-Kommissar Andriukaitis verschwiegen hatten: Ersatzstoffe für die verbotenen Substanzen waren zu diesem Zeitpunkt auf EU-Ebene längst zugelassen. Ob sie die Pestizide auf ihrem eigenen Grund und Boden zulassen, entscheiden die Mitgliedstaaten im Anschluss selbst. Deutschland tut das gerade. Sie könnten noch in diesem Sommer auf den Markt kommen.

Cyantraniliprol, Sulfoxaflor und Flupyradifuron heißen die neuen Pflanzenschutzmittel. Laut dem Naturschutzverein Umweltinstitut München bergen sie „eine erhebliche Gefahr nicht nur für Honigbienen, sondern auch für wildlebende Insekten wie Schmetterlinge und Hummeln“. Sie wirken systemisch: Einmal in der Pflanze, verteilen sie sich überall vom Stängel bis zur Blüte und vergiften auch das Wasser, das die Pflanzen über ihre Blätter abgeben. Beim Wirkstoff Sulfoxaflor stellte die EFSA fest, dass bei bestimmten Anwendungen ein hohes Risiko für Honigbienen und Langzeitrisiken für kleine pflanzenfressende Säugetiere entstehe.

Die Wirkung des von Bayer entwickelten Flupyradifurons untersuchten zwei Forscherinnen der Universität Würzburg und kamen zu folgendem Ergebnis: „Unsere Daten zeigen, dass nicht tödliche Dosen von Flupyradifuron nach einmaliger Verabreichung an sammelnden Honigbienen deren Geschmackswahrnehmung sowie das Lernen und Gedächtnis negativ beeinflussen.“ Der Wirkmechanismus der beiden Stoffe ist mit dem der im April 2018 verbotenen Neonicotinoide identisch, befand das Umweltinstitut München.

Durch Schlupflöcher gelangen manche der bienenschädlichen Mittel auf die Felder

Bei dem dritten Wirkstoff, Cyantraniliprol, ist die Lage noch bedenklicher. Das Pflanzenschutzmittel bringen Bauern in Deutschland schon jetzt auf ihre Felder aus, ohne dass es offiziell zugelassen ist. Möglich machen das zwei Schlupflöcher: Zum einen darf Deutschland mit dem Wirkstoff behandeltes Saatgut aus anderen EU-Ländern importieren, in denen er bereits zugelassen ist. Zum anderen kann das Bundesamt für Verbraucherschutz (BVL) eigenständig Notfallzulassungen erteilen, ohne sich mit anderen Behörden absprechen zu müssen. Für einen Zeitraum von 120 Tagen darf das Mittel beim Anbau von Zwiebeln, Radieschen, Wirsing, Brokkoli, Wein, Kirschen, Pflaumen, Zwetschgen, Mirabellen, Renekloden, Johannis-, Stachel- und Heidelbeeren zur Schädlingsbekämpfung eingesetzt werden. Das BVL schreibt in diesen Notfallzulassungen aber auch: „Das Mittel wird als bienengefährlich eingestuft.“ Ein Hinderungsgrund scheint das nicht zu sein.

Um neue Pflanzenschutzmittel dauerhaft zuzulassen, muss das BVL sich mit dem Bundesinstitut für Risikobewertung, dem Bundesforschungsinstitut für Kulturpflanzen und dem Umweltbundesamt einigen. Informationen über gestellte Anträge und laufende Verfahren sowie deren Antragsteller sieht das BVL als Betriebs- und Geschäftsgeheimnisse an – und verweigert die Auskunft. Das Umweltinstitut München klagte sie daraufhin ein und bekam Recht.

Da die Information nun „nicht mehr vertraulich“ sei, teilt das BVL auf Anfrage des Greenpeace Magazins mit: Für Sulfoxaflor liegen drei Zulassungsanträge vor, für Flupyradifuron fünf und für Cyantraniliprol sieben. Wann und von wem sie beantragt wurden, verrät das BVL nicht, genauso wenig, wann mit einer Entscheidung zu rechnen ist. Nur im Falle des Wirkstoffs Cyantraniliprol sei bei einem Antrag „von einer Zulassungsentscheidung in naher Zukunft auszugehen“. Was nahe Zukunft konkret bedeutet, bleibt offen. Das Umweltinstitut München und Campact warnen, dass der Wirkstoff Flupyradifuron schon diesen August zugelassen werden könnte. Dazu äußern will sich das BVL nicht.

Landwirtschaftsministerin Julia Klöckner lässt sich gerne mit dem markigen Satz „Was der Biene schadet, muss vom Markt“ zitieren. Das klingt erst einmal gut. Allerdings hinterfragt Christine Vogt, Referentin für Landwirtschaft beim Umweltinstitut München, wie konsequent Klöckner ihr Motto umsetzt. „Es nützt wenig, wenn für jeden verbotenen Wirkstoff ein anderes Gift zugelassen wird, das bekanntermaßen ähnlich gefährlich ist“, so Vogt. Und was macht die Umweltministerin Svenja Schulze (SPD)? Die stellte unterdessen ungerührt ihr „Aktionsprogramm Insektenschutz“ vor. Mit dem will sie den Einsatz von Pflanzenschutzmitteln verringern und „wo möglich verbieten“. Ihre Argumentation: „Pestizide können, auch wenn sie zugelassen sind, negative Auswirkungen auf Insekten haben.“ Nun, einzig und allein dafür sind Pestizide da. Sie schaden nur dann keinem Insekt, wenn sie gar nicht zugelassen werden – auch nicht im „Notfall“.

Svenja Beller

Aufmacherbild: dpa

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Grundrechte06.Jul 2018

Neue Polizeigesetze – was droht uns da?

Neue Polizeigesetze – was droht uns da?

Bayern hat sie schon, Nordrhein-Westfalen will sie: Die drohende Gefahr findet als Rechtsbegriff zurzeit Eingang in die neuen Polizeigesetze der Bundesländer. Der Protest dagegen treibt die Menschen massenhaft auf die Straße, die nächste Großdemonstration steht schon an – diesen Samstag in Düsseldorf.

Der Begriff der „drohenden Gefahr“ ist der zentrale Streitpunkt der neuen, verschärften Polizeigesetze – und verfassungsrechtlich umstritten. Durch ihn bekommt die Polizei das Recht einzuschreiten, auch ohne dass ein konkreter Verdacht besteht. Konkret bedeutet eigentlich, dass es belegbare Anhaltspunkte geben muss, dass eine Tat zu einem bestimmten Zeitpunkt an einem bestimmten Ort geplant ist. Nach den neuen Gesetzen soll die Polizei nun noch früher eingreifen können ­– und zwar bereits dann, wenn „das individuelle Verhalten einer Person die konkrete Wahrscheinlichkeit begründet, dass diese in überschaubarer Zukunft terroristische Straftaten begeht“.

So definierte das Bundesverfassungsgericht „drohende Gefahr“ in einem Urteil von 2016 zu den Befugnissen des Bundeskriminalamts zur Terrorbekämpfung. Und daran orientieren sich die neuen Polizeigesetze. Verständlich ausgedrückt bedeutet das, die Polizei kann eingreifen, wenn sie das Gefühl hat, dass sich jemand komisch verhält. Die Möglichkeiten sind vielfältig: Die Beamten können DNA-Analysen vornehmen, Online-Durchsuchungen durchführen oder Präventivhaft anwenden.

Die Streitlinien verlaufen quer durch Politik, Gesellschaft und Polizei

Gerade um die letztgenannte Maßnahme gibt es Streit. So können in Bayern mutmaßliche Gefährder für unbegrenzte Zeit in Haft genommen werden, allerdings muss ein Richter den Gewahrsam alle drei Monate bestätigen. Nordrhein-Westfalen plant solch eine Präventivhaft für einen Monat einzuführen. Widerstand kommt vor allem von Menschenrechtlern, Aktivisten, Datenschützern, Polizeigewerkschaftlern und Politikern von den Grünen, der Linken, SPD und auch FDP. Die Streitlinien verlaufen quer durch Politik, Gesellschaft und die Polizei.

Unbeeindruckt von der Kritik marschierte Bayern bei der Ausweitung von Polizeibefugnissen voran. Nachdem der Freistaat vergangenes Jahr im Sommer sein Polizeiaufgabengesetz geändert hat, hat die CSU-Landesregierung im Mai dieses Jahres noch einmal mit Verschärfungen nachgelegt. Als Hauptgrund der Änderungen führen die Politiker eine effektivere Terrorbekämpfung an. Aber das neue bayrische Polizeigesetz geht darüber hinaus und gilt nun als das härteste bundesweit. Nordrhein-Westfalen und andere Bundesländer wollen Bayerns Beispiel folgen, während sich Menschenrechtler und Datenschützer fragen, was eigentlich die bedrohlichere Gefahr ist: Der Terrorismus oder die neuen Polizeigesetze.

Maria Scharlau, Polizei-Expertin bei Amnesty International, kritisiert vor allem, dass die neuen Gesetze unklar formuliert seien: „Durch die unbestimmte Definition einer ,drohenden Gefahr' bleibt völlig unklar, durch welches Verhalten Menschen in Zukunft ins Visier der Polizei geraten können“, so Scharlau. Sie fordert daher mehr Rechtssicherheit: „Alle Menschen müssen einschätzen können, bei welchem Verhalten sie gegebenenfalls mit polizeilichen Maßnahmen rechnen müssen.“

Drohende Gefahr greift nicht beim Einbruch in den Hühnerstall

Allerdings mahnt Christian Ernst an, erst einmal nüchtern zu betrachten, welche Auswirkungen die neuen Gesetze für den „Normalbürger" wirklich haben. Der Rechtsexperte forscht an der Hamburger Bucerius Law School zu Polizeirecht und sieht beispielsweise Demonstrierende sowie Umweltaktivisten von den neuen Gesetzen eher nicht betroffen. So greife der Tatbestand der „drohenden Gefahr“ im neuen bayrischen Polizeigesetz nur, wenn bestimmte Rechtsgüter in Gefahr seien: wie Leben, Gesundheit, Freiheit, sexuelle Selbstbestimmung, erhebliche Eigentumspositionen oder Sachen, die im besonderen öffentlichen Interesse liegen.

Wenn also Polizisten die drohende Gefahr wittern, dass Tierschützer in einen Hühnerstall einbrechen wollen, dabei planen, die Stalltür aufzubrechen, um anschließend die Haltungsbedingungen zu filmen, dann dürfen die Beamten genauso viel wie vor der Gesetzesänderung: die Tierschützer beobachten oder ihnen einen Brief, ein sogenanntes Gefährderanschreiben, zusenden. „Präventivhaft dürfte hier nicht in Betracht kommen. Weder ist die kaputte Stalltür eine erhebliche Eigentumsposition, noch eine Sache von besonderem öffentlichem Interesse“, sagt Ernst dem Greenpeace Magazin.

Allerdings räumt der Rechtswissenschaftler ein, dass die offene Definition der Begriffe problematisch sei. „Der Polizei genaue Grenzen zu setzen, ist die rechtliche Systematik, die sich in den vergangenen Jahrzehnten bewährt hat“, sagt Christian Ernst. Er findet es bedenklich, dass durch die Änderungen weit in die rechtliche Struktur eingegriffen würde. Die neuen Polizeigesetze stellten eine Zäsur dar und die neue Richtung sei klar: immer weitreichendere Befugnisse für die Polizei und immer stärkere Grundrechtsbeschränkungen für die Bürger. „Je unbestimmter Gesetze formuliert sind, desto mehr Spielraum erhält die Polizei. Das kann dann auch dazu führen, dass die Regelungen zu anderen Zwecken Anwendung finden, als es sich der Gesetzgeber ursprünglich gedacht hat.“, so Ernst. Vor diesen Folgen seien dann auch aktionistische Tierschützer oder Protestierende auf Demonstrationen nicht mehr gefeit.

Großdemonstration gegen NRW-Polizeigesetz soll diesen Samstag durch Düsseldorf ziehen

Die Sorgen des Rechtswissenschaftlers teilt Rainer Wendt, Bundesvorsitzender der „Deutschen Polizeigewerkschaft“, nicht. Wendt beklagt gegenüber dem Greenpeace Magazin: „Die Polizei soll immer alles wissen, aber vorher nichts erfahren dürfen“. Daher befürwortet er neue Gesetze, die den Polizeibeamten frühere Eingriffsmöglichkeiten und mehr Handlungsspielraum geben. Aber auch innerhalb der Polizei und zwischen den beiden großen Polizeigewerkschaften gibt es Kontroversen. Der bayrische Landesverband der mitgliederstärkeren und als liberaler geltenden „Gewerkschaft der Polizei“ hatte Bedenken an den Verschärfungen angemeldet, was Rainer Wendt wiederum als „hanebüchenen Unfug“ bezeichnete.

Der hauptsächliche Protest gegen die neuen Polizeigesetze kommt allerdings aus der Zivilbevölkerung und treibt die Menschen in Massen auf die Straße. In Bayern hatten Zehntausende gegen die neuen Polizeigesetze demonstriert, allerdings ohne Erfolg: Im Mai dieses Jahres traten die Verschärfungen in Kraft. In Nordrhein-Westfalen läuft es anders: Hier hat der Innenminister Herbert Reul (CDU) das für diesen Juli geplante Polizeigesetz erst einmal vertagt – noch vor der Großdemonstration am Samstag. Einer Expertenanhörung im Landtag hatte der Gesetzentwurf nicht standgehalten, nun soll nachgebessert werden.

Gegen das geplante NRW-Gesetz demonstrieren wollen die Gegner dennoch. So rufen Juristenverbände, Bürgerinitiativen, Umweltverbände, Bundestagsabgeordnete und Parteien dazu auf, diesen Samstag gegen die Novellierung des NRW-Polizeigesetzes durch Düsseldorf zu ziehen. Die Veranstalter erwarten Tausende von Demonstrierenden. Ob die Nordrhein-Westfalen-Koalition aus CDU und FDP das überarbeitete Polizeigesetz beschließen wird, entscheidet sich erst im Herbst dieses Jahres. Im Sommer wollen Innenminister Reul und sein Stab am Entwurf feilen und prüfen, ob er verfassungsrechtlichen Bedenken standhält. Ob sie dabei den Begriff der „drohenden Gefahr“ genauer definieren oder aus dem Gesetz streichen, lässt der Minister offen.

Nora Kusche

Aufmacherbild: dpa

Wie sich Protest als Frühwarnsystem unserer Gesellschaft auswirkt, können Sie in unserem Online-Artikel zur Funktion von Protest nachlesen.

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