Citizen Science08.Jan 2020

Mitmachen im Jahr 2020: Wo Bürger der Wissenschaft helfen können

Mitmachen im Jahr 2020: Wo Bürger der Wissenschaft helfen können

Sie suchen noch nach einem guten Vorsatz? Probieren Sie es mal mit Citizen Science. Ob Vögel zählen oder Nitrat messen – jeder kann die Wissenschaft mit eigenen Beobachtungen unterstützen. Wir zeigen wo.

Längst sind nicht alle Vögel gen Süden geflattert. Viele tummeln sich in unseren Gärten, Hinterhöfen und Parks – Meisen, Amseln und Eichelhäher etwa. Eine gute Gelegenheit, sie zu zählen. Zwischen dem 10. und 12. Januar findet wieder die „Stunde der Wintervögel“ statt, Deutschlands größte wissenschaftliche Mitmachaktion. Im letzten Jahr haben sich über 138.000 Menschen beteiligt und Vögel aus 95.000 Gärten und Parks gemeldet.

Die Idee dazu kommt vom Naturschutzbund Nabu. Zweimal im Jahr ruft der Verein alle Menschen in Deutschland dazu auf, eine Stunde lang auf den Grünflächen der Umgebung die Vögel zu zählen. Von einem ruhigen Beobachtungsplatz aus kann jeder Meisen, Amseln oder Finken beobachten, die Vogelsichtung notieren und an die Umweltorganisation übermitteln.

Der Nabu möchte so erfahren, welchen Arten es gut und welchen es schlecht geht – um möglichen Ursachen für den Rückgang einer Population nachzugehen. Wenn etwa die Bestände der Vögel, die speziell in der Agrarlandschaft vorkommen, dramatisch sinken. Oder wenn gestiegene Temperaturen das Nahrungsangebot der Tiere verändern. „Nach dem zweiten Rekordsommer in Folge könnte die Zählung Aufschluss darüber geben, wie sich anhaltende Dürre und Hitze auf die heimische Vogelwelt auswirken“, sagt Nabu-Bundesgeschäftsführer Leif Miller. An den Bestandszahlen der Vögel lassen sich Veränderungen in der Natur nachvollziehen, so kann das Meisenzählen beim Verstehen komplexer Umweltprozesse helfen. Wenn etwa ein Hitzesommer die Artenvielfalt verändert, was droht dann im Hinblick auf den Klimawandel?

„Je mehr Menschen mitmachen, desto aussagekräftiger werden die Ergebnisse“, sagt Miller. Hilfestellungen erhalten Interessierte auf der Webseite des Nabu. Dort hat die Umweltorganisation Bestimmungshilfen veröffentlicht, Porträts der häufigsten Vogelarten und Tipps zur Winterfütterung.

Auch in vielen anderen Forschungsfeldern suchen Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler engagierte Menschen. Denn solche Mitmachaktionen erzeugen eine größere Aufmerksamkeit für das Forschungsvorhaben, erhöhen die verfügbaren Daten und geben gleichzeitig Laien die Möglichkeit, sich einzubringen. Obwohl Vogelzählungen wie die „Stunde der Wintervögel“ keine wissenschaftlichen Studien ersetzen, geben diese Erhebungen Einblicke in das Umweltgeschehen und bieten Anlass für vertiefende Forschung und öffentliche Debatte.

Als die erste „Citizen Science“-Aktion gilt der Christmas Bird Count, eine Vogelzählung, die seit 1900 jedes Jahr zu Weihnachten in den USA und Kanada stattfindet. Mittlerweile nehmen daran Zehntausende Menschen teil. Das Konzept der BürgerInnen-Forschung ist also nicht neu, doch heute erstreckt sich ihr Einsatz auf viel größere Gebiete, da die Teilnehmenden mithilfe der digitalen Technologien auch ortsunabhängig an Forschungsvorhaben mitwirken können.

Wie das aussehen kann, zeigen wir beispielhaft an fünf weiteren Projekten. Weitere Citizen-Science-Projekte finden Sie auf der Seite des Bundesministeriums für Bildung und Forschung und unter www.buergerschaffenwissen.de.

Stickstoff-Atlas

Die festgelegten Grenzwerte für Stickstoffdioxid (NO2) wird in vielen Städten insbesondere an stark befahrenen Straßen immer noch überschritten. Mehr Messstellen können ein besseres Bild der Situation darstellen, deshalb haben die WissenschaftlerInnen des Fachgebiets Umweltchemie und Luftreinhaltung der TU Berlin das Projekt „Stickstoff-Atlas“ aus der Taufe gehoben. Die Daten sollen dabei von den BerlinerInnen selbst kommen: Sie sollen mit Messröhrchen Luftproben in ihrer Umgebung sammeln, anschließend wird die NO2-Konzentration im Labor bestimmt. Die ermittelten Daten werden in Form einer interaktiven Karte dargestellt und öffentlich zugänglich gemacht. So sollen mögliche Stickstoff-Hotspots ausgemacht werden. Denn die Daten sind eine wichtige Voraussetzung, um eine Veränderung herbeizuführen. Ein ähnliches Projekt gibt es auch in Stuttgart.

Dorf-Karten in Mecklenburg-Vorpommern

Wie sieht das Leben in den Dörfern wirklich aus? Oft werden sie von außen beschrieben, als Orte, in denen nichts passiert: keine Läden, keine Busse und Bahnen, kein Internet, keine jungen Menschen. Doch stimmt dieses Bild überhaupt? Ziel des Projektes „Landinventur“ ist es, Dorfbewohner in Mecklenburg-Vorpommern selbst zu Wort kommen zu lassen. Sie sind schließlich die besten Experten für ihre eigene Ortschaft. Die WissenschaftlerInnen wollen unter anderem herausfinden, warum sich benachbarte Dörfer ganz unterschiedlich entwickeln und welche Rolle Selbstversorgung dabei spielt. Das Wissen der BewohnerInnen wird später anonymisiert auf der Projektseite geteilt.

Nitrat-Transparenz in Niedersachsen

Dieses Projekt in Norddeutschland hat Vorbildcharakter für den Rest Deutschlands.  Es widmet sich der Nitrat-Belastung von Gewässer, ein in der Öffentlichkeit oft unterschätztes Problem. Die Belastung ist besonders in Niedersachsen sehr hoch, 16 Prozent der offiziellen Grundwassermessstellen überschreiten den zugelassenen Grenzwert. Das kann für die AnwohnerInnen gefährlich sein – Nitrat gilt als krebserregend – und die Stabilität der Ökosysteme bedrohen. Deswegen führen WissenschaftlerInnen zusammen mit Schülerinnen und BürgerInnen seit September für eineinhalb Jahre über eineinhalb Jahre hinweg ein Monitoring durch. BürgerInnen messen regelmäßig die Nitrat-Konzentration in einem Gewässer in ihrer Umgebung, ForscherInnen an den Universitäten Osnabrück und Oldenburg stellen die Messgeräte zur Verfügung, werten die gesammelten Daten aus und veröffentlichen die Ergebnisse in ihrem Forum. 

Berliner Fledermaus-Finder

In Berlin sucht ein Forschungsprojekt BürgerInnen, die Fledermäusen auflauern und ihre Rufe aufnehmen. Die WissenschaftlerInnen der Leibniz-Institut für Zoo- und Wildtierforschung möchten herausfinden, welche Arten von Fledermäusen in den verschiedenen Gebieten der Hauptstadt vorkommen. Da die Fledermausrufe für Menschen normalerweise nicht wahrnehmbar sind, weil sie im Ultraschallbereich liegen, stellt das Projekt den Teilnehmenden einen Fledermausdetektor zur Verfügung: Das Geräte erkennt die Rufe der Tiere, nimmt sie auf und wandelt sie in für Menschen hörbare Töne um. Die Teilnehmenden sollen mit dem Detektor festgelegte Routen in Berlin ablaufen und die Daten anschließend auf der bereitgestellten Plattform hochladen. Die so erhobenen Daten werden in eine Fledermauskarte übertragen. 2020 wird es den dritten und letzten Durchgang des Projektes „Fledermausforscher in Berlin“ geben, die Bewerbungsphase startet im Februar.

Feuersalamander-Suche in Rheinland-Pfalz

Um Mithilfe bei der Suche nach Feuersalamandern bittet derzeit auch die Universität Trier. Denn obwohl die schwarz-gelben Amphibien bundesweit als ungefährdet eingestuft werden, stehen sie in Rheinland-Pfalz schon auf der Vorwarnliste der Roten Liste gefährdeter Arten. Ihnen fehlen unberührte Laub- und Mischwälder und Versteckmöglichkeiten, der Straßenverkehr macht den Tieren ebenso zu schaffen wie ein aus Asien stammender Hautpilz. Weil genaue Daten über die Salamander rar sind, soll das neue Citizen-Science-Projekt dabei helfen, ein aktuelles Bild zur Verbreitung der Feuersalamander in Rheinland-Pfalz zu bekommen. Melden können BürgerInnen die Sichtung eines Schwanzlurches online oder mit Foto sowie genauer Orts- und Datumsangabe per Mail an kontakt@snu.rlp.de.

Julia Lauter

Aufmacherbild: Projekt Landinventur. Robert Bosch Stiftung/ Fotograf: Jörg Gläscher

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