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Arktis20.Nov 2018

Neuer Industriehafen: Wie Island sich auf die Erschließung der Arktis vorbereitet

Neuer Industriehafen: Wie Island sich auf die Erschließung der Arktis vorbereitet

Die Arktis ist besonders stark von steigenden Temperaturen betroffen. Statt sie zu schützen, freuen sich Reedereien über neue Schiffsrouten und die Anrainerstaaten über Möglichkeiten, Bodenschätze zu fördern. Island plant einen Mega-Hafen, um das Areal zu erschließen – mit Unterstützung aus Deutschland.

In diesem September, als der lange und ungewöhnlich heiße Sommer auf der Nordhalbkugel seine Spuren hinterlassen hatte, passierte ein Containerschiff des weltgrößten Schifffahrtskonzerns Maersk die Nordostpassage. Der Frachter fuhr vom russischen Wladiwostok aus durch die nördliche Barentssee am Rande des arktischen Ozeans bis nach Europa. Die See war eisfrei. Es war der erste Gütertransport dieser Größe auf dieser Route, der nicht von einem Eisbrecher begleitet werden musste.

Die nördliche Barentssee hat sich seit dem Jahr 2000 an einigen Stellen um 1,5 Grad erwärmt. Die steigenden Temperaturen setzen dem Arktiseis besonders stark zu, das Gewässer bekommt zunehmend atlantische Merkmale. Während die Arktis unter den Folgen des Klimawandels ächzt, reiben sich die Reedereien die Hände. Denn der Weg durch das arktische Meer verkürzt die Strecke für die Transportschiffe verglichen mit dem üblichen Weg durch den Suezkanal um bis zu vierzig Prozent.

Das erste Containerschiff, das es ohne Eisbrecher durch die nördliche Barentssee nach Europa geschafft hat: der Frachter der Reederei Maersk kurz vor seinem Start in St. Petersburg. Foto: Peter Kovalev/TASS/dpa

Von dem zunehmenden Schiffsverkehr durch die arktische See will auch Island profitieren. Der nordische Inselstaat treibt gemeinsam mit der deutschen Hafenmanagementgesellschaft Bremenports den Bau eines Hafens im Nordosten des Landes voran. „Für eine sichere Schifffahrt in der Arktis ist es eine zwingende Voraussetzung, dass es eine geeignete Hafeninfrastruktur gibt“, erklärt Holger Bruns, Pressesprecher von Bremenports. Der Hafen in Island, der auf einer Fläche von 1300 Hektar entstehen soll, wird nach Auskunft des Unternehmens nachhaltig und ökologisch verträglich gestaltet. Ziele sind ein CO2-neutraler Betrieb und die Förderung alternativer Schiffstreibstoffe wie Wasserstoff. Zumindest bei der Versorgung mit Energie findet Bremenports sehr gute Bedingungen vor, denn Island deckt seinen Bedarf zu hundert Prozent aus erneuerbaren Quellen.

Neben der Rußverschmutzung droht eine weitere Gefahr für die Arktis

Arktisforscher Volker Rachold vom Alfred-Wegener-Institut (AWI) warnt vor einer ungezügelten Zunahme des Schiffsverkehrs in arktischen Gewässern. Vor allem die Verbrennung von Schweröl macht ihm Sorge. „Rußpartikel von Schiffen, die Schweröl verbrennen, sind in der Arktis ein großes Problem und beschleunigen die Schmelze des Eises“, sagt Rachold. Die Erklärung ist simpel: Je mehr Ruß sich auf dem Eis absetzt und je dunkler das Eis dadurch wird, desto weniger Sonnenlicht reflektiert es. Die Folge: Das Eis erwärmt sich und schmilzt schneller.

Das Problem ist auch Thema in internationalen Gremien wie der International Maritime Organization (IMO). Im sogenannten Polar Code, der 2017 in Kraft getreten ist, empfiehlt die Sonderorganisation der UN den Verzicht auf Schweröl. Eine verbindliche Regelung konnte allerdings nicht erzielt werden. „Für die Schifffahrt in der Arktis muss die Bedingung sein: So sicher wie möglich und auf keinen Fall Schweröl nutzen“, fordert auch Greenpeace-Experte Jörg Fedder, der neben der Rußverschmutzung noch eine weitere große Gefahr für die Arktis befürchtet: Ölunfälle. „Wenn es dort zu Unfällen kommt, dann ist das für diese ökologisch hochsensiblen Gebiete viel schlimmer als für andere Gebiete der Weltmeere“, sagt er.

Neben der Schifffahrt eröffnet sich noch eine weitere Möglichkeit aus der Eisschmelze in der Arktis Kapital zu schlagen: Unter dem einst ewigen Eis schlummern große Mengen an Bodenschätzen, insbesondere Erdöl. Doch anders als der Schiffsverkehr durch arktische Gewässer, der selbst von Umweltschützern als nicht mehr abwendbar angesehen wird, ist die Rohstoffförderung in der Arktis sehr umstritten. „Wenn man das 1,5-Grad-Ziel aus dem Pariser Klimaabkommen ernst nehmen will, dann dürfen diese Reserven dort nicht mehr angerührt werden“, sagt Jörg Fedder. Er sieht eine Chance, die Rohstoffförderung noch zu verhindern – sofern sich die Staats- und Regierungschefs zur Einhaltung der Klimaziele von Paris tatsächlich verpflichten.

Der Bau des Hafens forciert die Entwicklung in der Arktis

Tatsächlich blockieren die Anrainerstaaten, Russland, USA, Norwegen, Kanada und Dänemark aber seit Jahren die Forderung von Umweltschützern, in der hohen Arktis ein Schutzgebiet einzurichten, obwohl sich dieser nördlichste Teil der Arktis außerhalb der 200-Meilen-Zone befindet und sich somit dem rechtlich garantierten Zugriff der Anrainer entzieht.

Der geplante Hafen in Island setzt nun das nächste, unvorteilhafte Signal für die Arktis. Denn der Hafen wird auch gebaut, um eine Infrastruktur für die Verarbeitung geförderter Rohstoffe zu schaffen. Der Bau sei „in gewisser Weise ein Forcieren der Entwicklung in der Arktis“, sagt Volker Rachold vom AWI. Immerhin kündigte die Betreiber-Gesellschaft an, bei dem Projekt ökologischen Kriterien oberste Priorität einzuräumen. Aussagen, an denen sich die Förderer künftig messen lassen müssen. Bis der Hafen tatsächlich in Betrieb genommen wird, werden laut Bremenports-Sprecher Bruns allerdings noch einige Jahre vergehen. Denn nach Abschluss der Verhandlungen über die Gründung einer Hafenentwicklungsgesellschaft ist zunächst eine fünfjährige Planungsphase kalkuliert, ehe der Bau begonnen werden kann.

Simon Neumann

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Frieden – 1.19
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