friedensnobelpreis08.Dez 2017

ICAN sieht sich im Kampf gegen Atomwaffen bestärkt

Seit Jahren engagiert sich der Friedensforscher Sascha Hach gegen die Atomkriegsgefahr, mit der Internationalen Kampagne zur Abschaffung von Nuklearwaffen. Wir haben die deutsche Gruppe der nun mit dem Nobelpreis geehrten Organisation in ihren Berliner Büros besucht. Auf der Auszeichnung ausruhen wollen sie sich nicht.

Am Sonntag verleiht das Nobelpreiskomitee in Oslo den Friedensnobelpreis. Dieses Jahr geht er an ICAN, die Internationale Kampagne zur Abschaffung von Nuklearwaffen. Der 33-jährige Sascha Hach ist geschäftsführendes Vorstandsmitglied der deutschen Sektion von ICAN. In einer Reportage im Greenpeace Magazin 2.17 beschreibt er, wie seine Mitstreiter und er die Deutschen wachrütteln wollen: „Wenn man sich die Auswirkungen einer Atomwaffendetonation in ihrer Reichweite und ihren Facetten klarmacht, kann man nur erschrecken“, sagt er. „Diese grenzenlose Zerstörungskraft negiert jede Achtung vor dem Leben.“

Immer wieder suchen die ICAN-Aktivisten den Dialog mit Politikern und Diplomaten. „Fachwissen, Ernsthaftigkeit und ehrliche Gesprächsbereitschaft sind Pfeiler unserer politischen Arbeit“, sagt Hach. Ein kleinen Schritt ist die Weltgemeinschaft weitergekommen, seitdem das Greenpeace Magazin die ICAN-Gruppe besucht hat. Im September haben 122 Staaten bei den Vereinten Nationen in New York einen Vertrag zum Verbot von Atomwaffen verabschiedet. UN-Generalsekretär António Guterres sprach bei der Eröffnung der Zeremonie von einem „Meilenstein“. Denn auch heute existieren weltweit immer noch etwa 15.000 Nuklearwaffen. Guterres bezeichnete sie als „Endzeit-Waffen“. „Es ist, als ob die Generalversammlung mit dieser Resolution eine neue Ära einläuten will“, sagt Hach. Trotzdem ist er noch nicht am Ziel und will weiterkämpfen für eine Welt ohne Atomwaffen. Er sagt: „Unsere stärkste Waffe ist das Wort.“

Time to go: Die Aktivisten von ICAN protestieren vor dem Atomwaffenlager Büchel. Foto: Wolfgang Schlupp-Hauck

Die Aufmerksamkeit, die der Friedensnobelpreis gebracht hat, möchte ICAN dazu nutzen, die Zustimmung möglichst vieler Staaten zum Verbotsantrag zu erreichen. Denn vor allem die Länder, auf die es ankommt – die Atommächte, auch Deutschland – haben den Vertrag bislang nicht unterschrieben. Die Unterzeichnerstaaten sollten sich darüber hinaus schon jetzt auf die Konsequenzen vorbereiten. „Sobald der internationale Atomwaffenverbotsvertrag in Kraft tritt, ist den beteiligten Staaten verboten, die Herstellung von Nuklearwaffen zu unterstützen“, erläutert Hach. „Daher sollten die Staaten rechtzeitig Gesetze erlassen, um den Banken in ihren Ländern entsprechende Investitionen zu verbieten.“

Außerdem will ICAN mit der Nobelpreis-Stiftung zusammenarbeiten, um sicherzustellen, dass diese ihr Vermögen nicht in Firmen investiert, die an der Herstellung von Atomwaffen beteiligt sind. „Das Preisgeld sollte in die Arbeit für das Atomwaffenverbot und dessen Umsetzung fließen und damit auch dem Engagement für das Ende der Finanzierung von Atomwaffen zugutekommen“, sagt Xanthe Hall, Mitglied des ICAN-Vorstandes in Deutschland. „Die Atombombenopfer (Hibakusha) sind ein wichtiger Partner in der Kampagne für die Abschaffung von Atomwaffen und nehmen an ihren Aktivitäten, Entscheidungen und Erfolgen aktiv teil.“

Setsuko Thurlow, der den Atombomenabwurf in Hiroshima überlebt hat, nimmt deshalb auch zusammen mit Beatrice Fihn, Internationale ICAN-Geschäftsführerin, diesen Sonntag den Friedensnobelpreis in Oslo entgehen. Wer die Übertragung live mit anschauen möchte, kann dies mit diesem Live-Stream ab 13 Uhr tun. 

Das Porträt von ICAN unseres Autors Dirk Gieselmann erschien im Greenpeace Magazins 2.17. Seitdem haben 122 Staaten bei den Vereinten Nationen in New York einen Vertrag zum Verbot von Atomwaffen verabschiedet.

Wer am Wochenende in Berlin ist und in der Nacht vor der Verleihung mit ICAN feiern möchte, ist ab 22 Uhr im „Mensch Meier“ in der Storkower Str. 121, 10407 Berlin willkommen. Der Eintritt kostet 10 Euro.

hg

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Einzelkämpfer – 1.18
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Neue Ausgabe06.Dez 2017

Einzelkämpfer: Wo ein Mensch allein reicht, um Veränderungen anzustoßen

Die Welt steuert in die falsche Richtung, und allein kann man nichts dagegen tun – so fühlt es sich oft an. Aber stimmt das? Ob auf der Straße, im Knast oder am Kabinettstisch: Wir zeigen in unserer aktuellen Ausgabe Menschen, die ihren Weg gehen und etwas verändern. Lassen Sie sich mitreißen!

Das Rumoren ist bis in den letzten Winkel der Erde zu hören: Wir erleben gerade eine Zeit des Umbruchs. Angesichts von Klimawandel, dem Auseinanderfallen politischer Bündnisse und dem Vormarsch des Populismus fühlt man sich als Individuum oft klein und machtlos.

Doch stimmt das auch? Sind uns wirklich die Hände gebunden? Können nicht aus Millionen scheinbar ohnmächtigen Individuen Millionen Weltverbesserer werden? Für unsere aktuelle Ausgabe haben wir Menschen besucht, die eine Mission haben. Die ihre Ideen und Vorstellungen in Kabinettssitzungen, im Knast, in der Wildnis und auf der Straße vertreten – mal leise und beharrlich, mal lautstark und handfest. Sie sind Lautsprecher und leise Mahner, treibende Kräfte und Getriebene, Jäger und Gejagte. Ihnen allen haben wir uns in dieser Ausgabe gewidmet. 

Erstmals widmen wir auch dem Klimawandel eine eigene Rubrik. In unserem neuen „Wasserstandsmelder“ halten wir Sie ab jetzt in jeder Ausgabe über das spannendste Wettrennen unserer Zeit auf dem Laufenden: das um die Rettung der Erde. Diesmal geht es um Neuigkeiten aus der Antarktis, wo sich die Anzeichen für ein beschleunigtes Abschmelzen mehren – und darum, was das mit dem Zeitplan für die Dekarbonisierung der Weltwirtschaft zu tun hat. Bei der Klimakonferenz in Bonn hat sich jedenfalls gezeigt, dass US-Präsident Donald Trump mit seiner sturen Position zunehmend isoliert dasteht.

Was es bedeutet, auf sich allein gestellt, einsam, eingesperrt zu sein, das weiß Albert Woodfox zu erzählen. Niemand saß in den USA länger in Einzelhaft als er, 44 Jahre lebte er in einer Zelle, die kaum größer war als die Kingsize-Matratze in seinem heutigen Schlafzimmer. Im vergangenen Jahr wurde Woodfox aus der Haft entlassen. Zwei Drittel seines Lebens musste er in Einsamkeit verbringen, als Strafe für ein Verbrechen, das ihm nie nachgewiesen werden konnte. Die Basis seines Überlebens, sagt Woodfox heute, sei Auflehnung gewesen, „Widerstand gegen meine eigene Verurteilung, gegen die Rassendiskriminierung, gegen das Prinzip der Einzelhaft“. Und sein Widerstand dauert auch nach der Haftentlassung an. Denn: „Amerika ist immer noch dasselbe alte Amerika, rassistisch und ungerecht“, wie Woodfox kämpferisch sagt. Unser Autor Christian Schmidt hat ihn besucht.

Wie man politischen Widerstand in die Instanzen trägt, davon erzählt die Geschichte von Andreas Pawelzik. Seit zwanzig Jahren stellt er sich im Stadtrat der norddeutschen Gemeinde Diepholz quer und geht den Vertretern von CDU, SPD und FDP damit mächtig auf die Nerven. Für viele ist Pawelzik der Querulant vom Dienst – eine Rolle, die ihn und seine Familie zu Außenseitern machte. Doch trotz des bitteren Beigeschmacks hält Pawelzik an seinem Credo fest: „Bleib auf dem Lande und wehre dich redlich.“

Auch in der großen Politik braucht es unnachgiebige Köpfe. Deutschland will Vorreiter bei der Bekämpfung des Klimawandels sein, scheitert aber an den eigenen Klimazielen. Braucht es mehr Kampfgeist? Mehr Alleingänge? Das fragten Chefredakteur Kurt Stukenberg und Reporter Dirk Gieselmann die zuständige Umweltministerin Barbara Hendricks, SPD. Ihr Fazit der vergangenen vier Jahre im Klimaschutz: „Das Kanzleramt hätte schon öfter sagen können: Jetzt mal Butter bei die Fische!“ Ein Gespräch über Politik, Lobbyismus und die Angst vor Veränderung.

Wir sind auf den Spuren der Philosophie des „Friluftsliv“, des Freiluftlebens, in die norwegische Wildnis aufgebrochen. Wir fragten den Demo-Veteranen Hartmut Liebermann, wie man das Feuer des Protestes nach vierzig Jahren am Lodern hält. Wir ließen uns von Techno-DJ Dominik Eulberg erklären, wie man den Zauber der Natur für Großstädter fühlbar macht und sind zwei sehr gegensätzlichen Naturburschen nachts in den Wald gefolgt. Und wir ließen uns von der Klimaforscherin Friederike Otto erklären, wie sie es schaffen will, mit der Analyse von Hurrikans, Hitzewellen oder extremen Regenfällen den gesellschaftlichen Wandel anzustoßen.

Diese Geschichten der Einzelkämpferinnen und Einzelkämpfer erzählen von der Macht des Einzelnen und davon, wie wir schon im Kleinen zu Veränderungen im Großen beitragen können – wenn wir es uns denn zutrauen. Der Einsatz all dieser Menschen zeigt, dass wir mit Geduld und Spucke sehr viel mehr in Bewegung setzen können, als wir gemeinhin glauben. Lassen Sie sich mitreißen! Der Kampf um eine bessere Welt, er beginnt jetzt. Und jetzt. Und jetzt.

Lesen Sie mehr in der neuen Ausgabe des Greenpeace Magazins 1.18 „Einzelkämpfer“. Diese erhalten Sie ab sofort im Warenhaus, ab dem 1. Dezember am Bahnhofskiosk oder ab 29,50 Euro im Abo. Sie können das Greenpeace Magazin auch auf dem Tablet und Smartphone lesen. In der digitalen Version stehen Ihnen zusätzliche Fotos, Videos und weiteres Bonusmaterial zur Verfügung. Viel Freude beim Lesen, Schauen und Ausprobieren!

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Diesel-Skandal05.Dez 2017

Umwelthilfe: Auch BMW trickst bei der Abgasreinigung

Im Dieselskandal waren dem bayerischen Autokonzern bisher keine Softwaretricksereien nachgewiesen worden. Nun hat die Deutsche Umwelthilfe (DUH) die Stickoxid-Emissionen eines BMW gemessen – und wirft dem Autobauer vor, das Abgas nicht korrekt zu reinigen, sodass die Werte deutlich erhöht sind. BMW weist die Vorwürfe zurück.

Immer wieder hatte BMW-Chef Harald Krüger beteuert, dass die Abgasreinigungsanlagen eines BMW nicht abgeschaltet werden können. Zuletzt wiederholte Krüger auf der Internationalen Automobil-Ausstellung (IAA) im September, dass es bei der BMW-Gruppe keine Abschalteinrichtungen gebe. Doch nun legen Untersuchungen der Deutschen Umwelthilfe (DUH) nahe, dass dies nicht der Wahrheit entspricht. Die DUH testete in Zusammenarbeit mit dem ZDF-Magazin „Wiso“ die Abgaswerte eines BMW 320d Euro 6 und verglich die Messwerte aus dem Prüfstand mit denen aus dem realen Betrieb auf der Straße. Das Ergebnis: die Werte schwanken und unterscheiden sich deutlich. Nur im Labortest hält das Fahrzeug die zulässigen Stickoxid-Grenzwerte (NOx) ein. Auf der Straße waren die Emissionen bis zu siebenmal höher.

Die Ursache sieht die Umwelthilfe vor allem darin, dass die Abgasrückführung bereits ab einer Drehzahl von 2000 Umdrehungen pro Minute reduziert und ab 3500 Umdrehungen komplett abgeschaltet wird. Dies sei in der Software des Wagens so angelegt. Insgesamt teste die DUH den BMW 320d achtmal. Bei allen Messungen lagen die Emissionen über dem EU-NOx-Grenzwert von 80 Milligramm pro Kilometer, im Durchschnitt waren es 212 Gramm.

In eigener Sache: Greenpeace Magazin und die Unabhängigkeit

Bisher stellte sich BMW als Saubermann der Branche dar, jetzt wirft die Deutsche Umwelthilfe dem Bayerischen Konzern ebenfalls Manipulationen vor. Fotomontage: picture alliance/Sven Simon

Dabei präsentierte sich BMW bisher im Dieselskandal als Saubermann. In einer Anzeigenkampagne machte sich der Konzern an die Rehabilitation des Dieselmotors und stilisierte diesen gar zum Klimaretter. Der Beweggrund ist klar: Der Abgasskandal, auch „Dieselgate“ genannt, hat nicht nur das Image zahlreicher Mitbewerber schwer beschädigt, sondern eine ganze Technologie in Verruf gebracht, auf die der Münchner Konzern besonders stark setzt: 2016 fuhren zwei Drittel seiner in Deutschland verkauften Autos mit Dieselmotoren. Deshalb haben wir uns in der aktuellen Ausgabe des Greenpeace Magazin eine Anzeige des Konzerns etwas genauer angeschaut und sie für die „Fake-Anzeige“ – nun ja – manipuliert. Nun stellt sich heraus, dass die schon zuvor festgestellten starken Grenzwertüberschreitungen von BMW-Modellen womöglich ebenfalls auf bewusste Manipulationen der Abgasreinigung zurückzuführen sind. Das könnte Konsequenzen haben.

DUH-Bundesgeschäftsführer Jürgen Resch forderte bereits eine Überprüfung der Typgenehmigung. „Die vorliegenden Messergebnisse sind sehr klare Indizien dafür, dass hier unzulässige Abschalteinrichtungen in der Motorsteuersoftware vorhanden sind“, sagte er. „Diese müssen komplett entfernt werden. Das Fahrzeug muss in allen normalen Betriebssituationen eine voll funktionstüchtige Abgasreinigung haben. Wir werden den zuständigen Behörden unsere Untersuchungsergebnisse übergeben und fordern gegebenenfalls den Entzug der Typgenehmigung und einen amtlichen Rückruf für alle Fahrzeuge, die über eine illegale Abschalteinrichtung verfügen.“

BMW hat die Vorwürfe der Deutschen Umwelthilfe umgehend zurückgewiesen und beharrt weiterhin auf der Aussage, dass es bei BMW keinerlei Aktivitäten und technische Vorkehrungen gebe, den Prüfmodus zur Erhebung von Emissionen zu beeinflussen. „Grundsätzlich gilt“, so teilte der Konzern mit, „dass BMW-Fahrzeuge den jeweils gültigen gesetzlichen Vorschriften entsprechen und nicht manipuliert sind.“

bh

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Diesel-Werbung28.Nov 2017

BMW: Freude am Flunkern

Der Münchner Autobauer präsentiert sich als Saubermann in einer Branche auf Abwegen. In einer Anzeigenkampagne machte sich der Konzern nun an die Rehabilitation des Dieselmotors und stilisierte diesen zum Klimaretter. Das können wir so nicht stehen lassen. Schließlich sind auch die meisten BMW-Neuwagen noch immer viel zu dreckig – und verbrauchen viel zu viel Sprit.

Blitzsauber schwebt das Dieselaggregat auf ganzseitigen Anzeigen den Zeitungslesern entgegen. In großen Lettern steht darunter der Slogan: „Unsere Diesel halten, was wir versprochen haben“. Viel Kleingedrucktes erweckt den Anschein größter Sachlichkeit und Seriosität. Pünktlich zur Automesse IAA überzieht der Autohersteller BMW im September die Republik mit einer groß angelegten Werbekampagne zur Ehrenrettung des Diesels.

Der Beweggrund ist klar: Der Abgasskandal, auch „Dieselgate“ genannt, hat nicht nur das Image zahlreicher Mitbewerber schwer beschädigt, sondern eine ganze Technologie in Verruf gebracht, auf die der Münchner Konzern besonders stark setzt: 2016 fuhren zwei Drittel seiner in Deutschland verkauften Autos mit Dieselmotoren. Zwar wird gegen BMW bisher nicht wegen betrügerischer Softwaremanipulationen ermittelt, auch gab es in dieser Sache keine Razzien wie bei VW, Audi und Mercedes. Doch auch bei BMW brachen im ersten Halbjahr 2017 die Verkäufe von Dieselautos ein – die in Zeiten deutlich an Attraktivität verloren haben, in denen aufgrund immer wieder überschrittener Grenzwerte für giftige Stickoxide in vielen Innenstädten Diesel-Fahrverbote drohen. Überdies steht angesichts der Klimakrise die Forderung nach einem Ende des Verbrennungsmotors im Raum. Offenbar sollte die Anzeigenkampagne zur Automesse dem ganzen Öko-Spuk etwas entgegensetzen.

Aber wie das mit Werbung so ist: Sie schoss übers Ziel hinaus. Klar, es ist das Geschäft der Werbeagenturen, die Realität zu beschönigen, was meist auch nicht weiter auffällt, da Reklame nun mal so funktioniert. Anrüchig wird es jedoch, wenn Anzeigen bewusst den Anschein einer ernsthaften und aufrichtigen Informationsquelle wecken, die Menschen aber gerade dadurch in die Irre führen. Zu diesem Trick hat BMW sich hinreißen lassen – und so trifft die „Keine Anzeige“ des Greenpeace Magazins den angeblichen „Saubermann“ aus Bayern.

Das finden Sie ungerecht? Dann lesen Sie bitte das Kleingedruckte:

In eigener Sache: Greenpeace Magazin und die Unabhängigkeit

„Keine Anzeige“ von BMW aus dem Greenpeace Magazin 1.18

Im Interview mit dem Werbe-Branchenblatt „Horizont“ sagte die BMW-Marketingchefin Stefanie Wurst im September, Ziel der Anzeigenkampagne sei es nicht, den Diesel zu retten – sondern „ihm den Stellenwert zu geben, den er verdient“. Und weiter: „Aktuell erklären wir, dass der Diesel wichtig ist, um den CO2-Ausstoß weiter zu reduzieren. Und wir wollen mit den vielen Unwahrheiten aufräumen, die über diese Technologie erzählt werden.“

Nun, beim „Aufräumen“ unterstützen wir sie gern und weisen auf eine Studie hin, die „Transport & Environment“ zur gleichen Zeit veröffentlichte: Über seinen gesamten Lebenszyklus verursacht ein durchschnittliches Dieselauto laut den Berechnungen des europäischen Dachverbandes der ökologisch ausgerichteten Verkehrsclubs sogar drei Tonnen mehr CO2-Emissionen als ein Benziner. Das liege daran, dass die Raffinerieprozesse zur Dieselherstellung und die Produktion der schwereren und komplexeren Autos energieintensiver sind, überdies verursache der beigemischte Biodiesel  höhere Emissionen. Hinzu komme der „Rebound“-Effekt: Weil der Kraftstoff günstiger ist, würden Dieselautos mehr gefahren.

Ob Dieselautos nun etwas mehr oder etwas weniger CO2 ausstoßen als Benziner vergleichbarer Größe – als Retter der europäischen Emissionsziele sind sie kaum geeignet. Denn das Problem ist ja vielmehr, dass BMW zu viele große, schwere, schnelle und PS-starke Autos verkauft. Für Luxuslimousinen und SUVs melden die Münchner Rekordverkäufe – und das sind nunmal die größten Spritschlucker.

Wolfgang Hassenstein

In jedem Greenpeace Magazin zeigen wir auf der letzten Seite eine Fake-Werbeanzeige. Die neue Ausgabe 1.18 „Einzelkämpfer“ erhalten Sie ab sofort im Warenhaus, ab dem 1. Dezember am Bahnhofskiosk oder ab 29,50 Euro im Abo. Sie können das Greenpeace Magazin auch auf dem Tablet und Smartphone lesen. In der digitalen Version stehen Ihnen zusätzliche Fotos, Videos und weiteres Bonusmaterial zur Verfügung. Viel Freude beim Lesen, Schauen und Ausprobieren!

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Weltklimakonferenz17.Nov 2017

„Die reichen Länder drücken sich vor ihrer Verantwortung“

Jan Kowalzig, Referent für Klimawandel und Klimapolitik bei Oxfam, war zwei Wochen lang auf der COP23 in Bonn. Seine Bilanz ist durchwachsen: Insbesondere bei der Erstellung eines Regelbuchs für die Umsetzung des Pariser Abkommens seien die Verhandlungen gut vorangekommen. Von Deutschland sei ein positives Signal ausgegangen – und ein fatales.

Herr Kowalzig, wie fällt ihr Resümee nach zwei Wochen Klimakonferenz aus?

Ich fahre mit gemischten Gefühlen nach Hause. Es gab wichtige positive Ergebnisse, aber auch Enttäuschungen.

Beginnen Sie bitte mit dem Positiven.

Die wichtigste Erkenntnis ist, dass alle Unterzeichner des Pariser Abkommens die konkrete Umsetzung von Maßnahmen ganz oben auf der Agenda stehen haben. Das ist ein gutes Signal. Es ging ja in den Verhandlungen vor allem darum, ein Regelbuch für die Umsetzung zu erstellen, das dann im nächsten Jahr in Polen beschlossen werden soll. Es gab dabei keine größeren Konflikte, was schon mal gut ist. Insgesamt ist das aber ein sehr komplexes Thema, die Entwürfe sind momentan noch ein umfangreicher Wust aus Texten und Stichworten. Bis zu einem möglichen Beschluss im nächsten Jahr muss noch zielorientierter und mit mehr Druck daran gearbeitet werden. Denn es darf nicht dazu kommen, dass die kommenden Verhandlungsrunden im nächsten Jahr über die Komplexität der aufgeblähten Texte stolpern und das Regelbuch nicht bis zur COP24 in Kattowitz fertig wird.

Können Sie uns Beispiele nennen, um was es dabei genau geht?

Ein Beispiel ist die Transparenz. Wie misst man eigentlich Fortschritte beim Klimaschutz? In welcher Form und wie detailliert soll über sie berichtet werden? Es muss ja letztlich eine Vergleichbarkeit sichergestellt werden. Das gilt auch für die Berichte der Industrieländer über die Finanzierung von Klimaschutzmaßnahmen in stark betroffenen Ländern. Die Industrieländer müssen Rechenschaft darüber ablegen, insbesondere hinsichtlich der 2009 in Kopenhagen getroffenen Zusage, die Klimahilfen für die armen Länder bis 2020 auf 100 Milliarden US-Dollar anzuheben. Das ist positiv. Ab 2023 soll dann alle fünf Jahre überprüft werden, ob die Klimaschutzmaßnahmen der einzelnen Staaten greifen.

Kowalzig

Jan Kowalzig ist Referent für Klimawandel und Klimapolitik bei der Hilfs- und Entwicklungsorganisation Oxfam. Foto: privat

Es soll doch schon im nächsten Jahr eine Überprüfung stattfinden?

Richtig. Dabei geht es aber um die kumulierte Klimaschutzwirkung aller Länder. Es werden die Gesamtvorhaben geprüft, um festzustellen, ob das Ziel, die Erderwärmung deutlich unter zwei Grad zu halten, mit diesen Maßnahmen realistisch ist.

Die Antwort kennen wir doch schon.

Stimmt. Genau deswegen ist die Überprüfung aber auch so wichtig. Wir werden vor Augen geführt bekommen, wo wir stehen und wie groß die Lücke zwischen den Ambitionen und dem gewünschten Ergebnis ist. Sie wird auch zeigen, dass sich die reichen Länder weitgehend vor ihrer Verantwortung drücken, sowohl hinsichtlich ihrer schwachen Klimaschutzziele als auch beim eher mäßigen Fortschritt bei der finanziellen Unterstützung der ärmeren Länder. Die Konsequenz müssten dann neue, womöglich ambitioniertere Selbstverpflichtungen sein. Ob sich die Industrie- und Schwellenländer aber auch wirklich mehr Klimaschutz verschreiben werden, ist noch sehr fraglich.

Jetzt sind wir schon bei den negativen Ergebnissen angekommen. Was gab es noch zu bemängeln?

Eine schwere Enttäuschung ist für mich, dass die Industrienationen sich zwei Wochen lang erfolgreich gegen den Wunsch der Schwellenländer gewehrt haben, einer Diskussion über Schäden und Verluste als Folge des Klimawandels mehr Raum auf den Folgekonferenzen zu geben. Die wachsenden Schäden und Zerstörungen infolge von Dürren, Stürmen und anderen Unwetterextremen bringen gerade die kleinen Inselstaaten zunehmend in existenzielle Nöte – auch finanzieller Art. Das ist ein übles Manöver gegenüber den ärmsten und vom Klimawandel extrem bedrohten Ländern.

Die Industrienationen, Hauptverursacher des Klimawandels, sträuben sich also, für die Schäden einzustehen. Helfen Sie den betroffenen Ländern wenigstens dabei, auf die Bedrohungen durch den Klimawandel zu reagieren?

Es geht so. Es gab bis zuletzt Verhandlungen darüber, den Anpassungsfonds, der bislang unter dem Kyoto-Protokoll verankert war, in das Pariser Abkommen zu übertragen. Dieser Fonds unterstützt seit Jahren Projekte zur Anpassung an die klimatischen Veränderungen. Er ist sehr wichtig für die ärmeren Länder, das ist unbestritten, doch die Industrienationen befürchten einen Automatismus für regelmäßige Einzahlungen und haben sich sehr schwer getan mit der Entscheidung. Dafür setzen sie verstärkt auf Klimarisikoversicherungen. Ich habe allerdings große Bedenken, was diese Initiative angeht. Kleinbauern in Afrika oder Fischer in den Inselstaaten können sich solche Versicherungen in der Regel nicht leisten. Ohnehin haben sie nichts zum Klimawandel beigetragen. Ihnen nun Versicherungen verkaufen zu wollen, damit sie sich gegen den vor allem von den reichen Ländern verursachten Klimawandel wappnen, widerspricht allen Prinzipien der Gerechtigkeit. Versicherungen gegen Ernteausfälle mögen zwar grundsätzlich funktionieren, die Prämienzahlungen müssten aber vor allem von den Verursachern des Klimawandels bezahlt werden.

Wie bewerten Sie die Rolle Deutschlands als Co-Gastgeber der Konferenz?

Deutschland hat ein gutes Signal vor Beginn der Verhandlungen gesetzt, indem es 100 Millionen Euro für den Anpassungsfonds und den Fonds für die am wenigsten entwickelten Länder versprochen hat. Den Auftritt von Frau Merkel fand ich aber sehr schwach. Sie hätte ein deutliches Signal in die Sondierungsgespräche nach Berlin senden können, wenn sie anerkannt hätte, dass die Verhandlungen zwar schwierig sind, die deutschen Klimaziele bis 2020 aber nur mit einem Kohleausstieg zu erreichen sind. Und dass sie alles dafür tun möchte, damit Deutschland seine Ziele erreicht. Stattdessen besteht die Unterstützung für das Pariser Klimaschutzabkommen bei CDU, CSU und FDP vor allem aus schöner Rhetorik anstelle wirksamer Klimapolitik. Deshalb muss Deutschland auch die Einladung zum Beitritt in die neu gegründete Anti-Kohle-Allianz fürs Erste ausschlagen, einem Bündnis aus 25 Ländern und Bundesstaaten, die zügig aus der Kohle aussteigen. Das ist sehr bedauerlich, und die Vorreiterrolle Deutschlands damit vorerst nicht mehr gerechtfertigt.

Interview: Bastian Henrichs

Aufmacherfoto: picture alliance/AP Images

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Klimagerechtigkeit16.Nov 2017

Klimaschutz – eine Frage der globalen Gerechtigkeit

Zum Abschluss der Klimakonferenz in Bonn steht die Frage im Raum, welche Kompensationen Entwicklungsländern zustehen und welche Rolle Menschenrechte in der Umsetzung des Pariser Abkommens spielen. Abseits der Konferenz arbeiten bereits Wissenschaftler und Juristen daran, zu klären, wer in Zukunft Verantwortung für Klimaschäden übernehmen muss.

Angela Merkel hatte sich ein paar prägnante Sätze in den Anfang ihrer Rede schreiben lassen. Der Klimawandel sei die zentrale Herausforderung der Menschheit, sagte sie vor den Delegierten der Klimakonferenz in Bonn, eine Schicksalsfrage, die über das Wohlergehen von uns allen entscheide. Und deshalb laute die gemeinsame Botschaft: Wir wollen unsere Welt schützen. Auch wie ein solch ehrenwertes Ziel erreicht werden kann, sagte sie: „Industriestaaten müssen einen großen und speziellen Beitrag zur Dekarbonisierung leisten, weil sie eine historische Verantwortung tragen und zum weltweiten Anstieg der CO2-Emissionen wesentlich beigetragen haben.“

Die Bundeskanzlerin weiß, welche Bedeutung der internationale Klimaschutz hat, sie lässt ihren Worten jedoch nur wenige Taten folgen. Die Sondierungsgespräche zu einer Regierungsbildung in Berlin stocken, weil die Partei der Kanzlerin sich nicht zu einem verbindlichen Datum für den Kohleausstieg durchringen kann, der Deutschland seinen für 2020 vereinbarten Klimazielen zumindest näherbringen würde. Auch international lässt Deutschland anderen den Vortritt: Großbritannien, Kanada und die Marshall-Inseln führen eine Allianz zum Kohleausstieg an, die am Donnerstag in Bonn vorgestellt wurde. Die Mitgliedsländer, zu denen auch Frankreich gehört, verpflichten sich, in den nächsten Jahren vollständig aus der Kohleverstromung auszusteigen. „Der weltweite Abschied von der Kohle hat begonnen, und Deutschland droht den Anschluss zu verpassen“, sagt Christoph Bals, Geschäftsführer der NGO Germanwatch: „Wenn Deutschland im internationalen Klimaschutz eine Führungsrolle spielen will, muss die nächste Bundesregierung auch einen klaren Plan für einen sozialverträglichen Ausstieg aus der Kohle vorlegen, der zur Umsetzung der Klimaziele passt.“

Wenn Deutschland die internationalen Entwicklungen im Klimaschutz nicht mitgeht, macht es sich zunehmend angreifbar. Denn die Debatte über den Klimaschutz wird zunehmend von der Frage nach globaler Gerechtigkeit geprägt, auch in der zweiten Woche der Bonner Konferenz. Im Workshop „Integration von Menschenrechten in den Klimaschutz“ ging es darum, „die Entscheidungsträger auf der COP23 über die Notwendigkeit zu informieren, Menschenrechtsverpflichtungen im Kontext des Klimawandels zu beachten und die menschliche Dimension des Klimaschutzes hervorzuheben.“ Menschenrechte sollen demnach in die Verhandlungen über die Umsetzung des Pariser Abkommens einbezogen werden.

Je mehr Bedeutung Menschenrechte in diesem Kontext bekommen, desto höher wird auch die Wahrscheinlichkeit von juristischen Auseinandersetzungen. Im Interview mit dem Greenpeace Magazin sagte Nazhat Shameem Khan, die Chefunterhändlerin der Republik Fidschi, im Vorfeld des Klimagipfels: „Gerichtsverfahren sollten nicht ausgeschlossen werden, im Moment sehe ich das aber eher auf nationaler Ebene. Moderne Verfassungen – in der von Fidschi ist zum Beispiel das Recht auf eine saubere Umwelt verankert – geben Gerichten die Möglichkeit, den Gesetzgeber zu regulieren. Es können Entschädigungen oder Unterlassungsansprüche insbesondere gegen den Staat ausgesprochen werden. Das ist sehr wichtig.“

Saúl Luciano Lluyia, RWE

Die Klage des peruanischen Bauern Saúl Luciano Lluyia wird vom Oberlandesgericht Hamm zur Beweisaufnahme zugelassen. Foto: dpa

Erst vergangene Woche ließ das Oberlandesgericht Hamm die Klage des peruanischen Andenbauers Saúl Luciano Lliuya gegen RWE, den größten Treibhausgasemittenten Europas, zur Beweisaufnahme zu. Der Peruaner versucht zu beweisen, dass der Konzern eine Verantwortung für den Klimawandel und damit für das Abschmelzen eines Gletschers trägt. Durch die mögliche Überflutung eines Stausees seien sein Dorf und seine Existenz bedroht. „Erstmals meint ein Gericht, dass Mitverursacher des Klimawandels grundsätzlich für den Schutz vor Risiken aufkommen müssen, die anderen infolge der Klimaveränderung entstehen“, sagte die Anwältin Roda Verheyen. „Wir sind sehr zuversichtlich, dass wir die Beweiskette schließen können.“ Ähnliche Verfahren gab es schon zuvor. Bereits 2015 hatte eine Klage gegen die Niederlande Erfolg. Sie fußte auf dem Vorwurf, dass durch die Untätigkeit des Staates beim Kampf gegen die Erderwärmung die Kläger – ebenso wie der Rest der Menschheit – in ihren Menschenrechten verletzt würden. Dieser Argumentation folgte das Gericht. Und in den USA haben Jugendliche eine Verfassungsklage gegen die Regierung eingereicht, weil sie ihr Recht auf eine saubere Umwelt in Gefahr sehen.

Möglicherweise bekommen Kläger nun auch Hilfe aus der Wissenschaft: Kürzlich erschien eine Studie in der Zeitschrift „Nature“, in der Wissenschaftler des Environmental Change Instituts der Universität Oxford (ECI) festgestellt haben, dass es „wissenschaftlich möglich ist, die historische Verantwortung einzelner Länder oder Regionen für spezifische Extremwetterereignisse zu quantifizieren.“ Ziel der Studie sei es gewesen, so die Hauptautorin Friederike Otto, zu erforschen, was die Wissenschaft zur Debatte über Klimagerechtigkeit beitragen könne.

Angela Merkel betonte in ihrer Rede, dass Deutschland sich bereits vor Beginn des Klimagipfels in Bonn bereit erklärt hatte, 100 Millionen Euro in den Anpassungsfonds zu zahlen, der unter anderem Maßnahmen zum Küstenschutz oder die Umstellung auf neue Anbaumethoden in der Landwirtschaft in den ärmeren Ländern finanzieren soll. So wichtig solche Finanzzusagen für vom Klimawandel gefährdete Länder sind, es wirkt ein bisschen so, als wollte sich die Bundesregierung freikaufen, um trotz gestiegener CO2-Emissionen in diesem Jahr noch länger an der fossilen Energiegewinnung festhalten zu können.

Bastian Henrichs

Aufmacherfoto: picture alliance/ZUMA Press

 

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UN-Klimakonferenz COP2315.Nov 2017

Afrika: Unterstützung beim Ausbau von erneuerbaren Energien lohnt sich

Der Tag, an dem 30 Staats- und Regierungschefs sowie über 100 Minister in Bonn erwartet werden, gilt gleichzeitig als Afrika-Tag der Klimakonferenz. Der heißeste aller Kontinente benötigt Unterstützung, um die Lebensbedingungen trotz Klimawandel zu verbessern. Dass sich Afrika aber bereits auf den Weg gemacht hat und vor allem die Solarenergie boomt, zeigt eine Reportage im aktuellen Greenpeace-Magazin.

Bevor die Schlussphase der Klimakonferenz in Bonn eingeläutet wird, Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier und Frankreichs Staatschef Emmanuel Macron sprechen und  die Bundeskanzlerin Angela Merkel den Delegierten erklären muss, wieso ausgerechnet das wirtschaftsstärkste Land der Eurozone seine Klimaziele für das Jahr 2020 verfehlen wird, trat ein weniger beachteter Mann in Erscheinung, dessen Aufgabe aber nicht weniger bedeutsam ist: Seyni Nafo. Der Malier ist Vorsitzender der Gruppe der afrikanischen Klimaverhandlungsführer und spricht auf einer Veranstaltung des Bundesministeriums für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung über die Auswirkungen des Klimawandels in Afrika. Die sind gravierend: Die Klimaveränderungen haben Hungersnöte und Dürren zur Folge – und vertreiben Millionen von Afrikanern aus ihrer Heimat.

Migration als Ursache für den Klimawandel wird häufig unterschätzt, dabei könnte der Kampf gegen den Klimawandel und für eine höhere Widerstandsfähigkeit afrikanischer Länder positive Auswirkungen auf die Stabilität in stark betroffenen afrikanischen Ländern und auf die Migrationsbewegungen in Richtung Europa haben.

Als Grundstein für bessere Lebensbedingungen südlich der Sahara sieht die Weltgemeinschaft vor allem die bessere Versorgung der Menschen mit Strom. So wurde auf der Klimakonferenz 2015 in Paris neben dem viel besprochenen Pariser Abkommen über die Verringerung des CO2-Ausstoßes auch die „Africa Renewable Energy Initiative“ (AREI) gegründet. Sie will einen universellen Zugang zu ausreichender und sauberer Energie für alle Afrikaner bis spätestens 2030 sicherstellen. Keine leichte Aufgabe: Weltweit gibt es rund 1,2 Milliarden Menschen, die keinen Zugang zu Elektrizität haben. Mehr als die Hälfte von ihnen leben in Afrika südlich der Sahara.

Seyni Nafo hat die Initiative in Paris mit ins Leben gerufen und begleitet sie seitdem. „Die Initiative kann Menschen aus der Armut befreien, eine blühende lokale Wirtschaft fördern sowie die Gefahren des alten, auf fossilen Energien basierenden Entwicklungsmodells verhindern“, sagt er. „Erneuerbare Energie ist ein Schlüssel sowohl für bessere Lebensgrundlagen und Entwicklung als auch für die Verhinderung eines katastrophalen Klimawandels.“ Gleichzeitig nutzte Nafo in der ersten Woche der Klimakonferenz die Bühne, um Kritik zu üben an den führenden Wirtschaftsnationen. Die reichen Länder würden die Unterstützung, die sie den ärmeren Ländern versprochen haben, um mit dem Klimawandel fertig zu werden, nicht schnell genug leisten.

Entwicklungsminister Gerd Müller (CSU) ist indes mit der Unterstützung aus Deutschland zufrieden. „Mit einer Milliarde Euro, mit der wir erneuerbare Energien in Afrika oder Indien fördern, erreichen wir so viel wie mit der Abschaltung von 50 Kohlekraftwerken bei uns“, sagte er in einem Interview mit der Schweriner Zeitung. „Wir müssen und können Afrika mit unserer Technologie zum grünen Kontinent der erneuerbaren Energien machen. Es geht jetzt darum, Zeichen zu setzen.“

Hoffnung durch Bildung

Bill McKibben reiste für seine Reportage durch Ghana, Elfenbeinküste und Tansania. Hier ermittelt gerade ein Installateur die Sonneneinstrahlung in einem tansanischen Dorf. Foto: Mathieu Young

Die Voraussetzungen sind ziemlich gut: An Sonne, Wind oder Biogas fehlt es dem Kontinent nicht. Welche Fortschritte die Entwicklung der erneuerbaren Energien in Afrika bereits jetzt macht, beschreibt der Klimaaktivist und Autor Bill McKibben in einer ausführlichen Reportage aus Afrika im aktuellen Greenpeace Magazin. Südlich der Sahara, so schreibt McKibben, boomt die Solarenergie, dort werde aus einer Hoffnung Wirklichkeit: Günstige erneuerbare Energien verbessern das Leben der Menschen auf einem Kontinent, der das fossile Zeitalter einfach überspringe.

Am Beispiel von Projekten in Ghana, Elfenbeinküste und Tansania erklärt McKibben, welche Auswirkungen die Entwicklungen auf das Leben der Menschen hat. „Hier gibt es Unternehmergeist, hier wird es Wachstum geben“, schreibt er. Es ist ein optimistischer Text, der zeigt, dass es sich lohnt, die Energieprojekte in Afrika zu unterstützen, um die Lebensbedingungen dort zu verbessern.

bh

Lesen Sie die Reportage "Der helle Kontinent" von Bill McKibben im aktuellen Greenpeace Magazin. Hier können Sie die gedruckte Ausgabe bestellen. Sie können das Greenpeace Magazin auch auf Ihrem Tablet und Smartphone lesen. Alle Vorteile finden Sie hier.

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UN-Klimakonferenz13.Nov 2017

Eine Öko-Vision als Staatsziel? Was hinter den deutschen Klimaschutzzielen steckt

Diese Woche entscheidet sich in Bonn, wie das Pariser Abkommen mit Leben gefüllt wird. Dabei stehen auch die nationalen Langfriststrategien im Mittelpunkt. Deutschland rühmt sich, dabei Vorreiter zu sein. Schaut man auf den Klimaschutzplan 2050, sieht das jedoch anders aus. Eine Analyse.

Die Erderwärmung bei 1,5 Grad Celsius im Vergleich zur vorindustriellen Zeit stoppen – das ist das globale Ziel des Pariser Klimaabkommens. Glaubt man Experten, sind die bisherigen Zusagen der einzelnen Regierungen jedoch bei weitem nicht ausreichend. Deswegen stehen die nationalen Strategien diese Woche auf der Weltklimakonferenz in Bonn ganz besonders im Fokus. Deutschland hat mit dem Klimaschutzplan 2050 als eines der ersten Länder eine Langfriststrategie vorgelegt. Was dahinter steckt, haben wir im Greenpeace Magazin ausführlich besprochen und einzelne Textstellen seziert. Eine Analyse von Toralf Staud, erstmals erschienen im Februar 2017:

Es war 4:47 Uhr morgens, als das Bundesumweltministerium am 11. November 2016 twitterte: „Keiner hat gesagt, dass es einfach wird. Aber jetzt haben wir eine Einigung zum #Klimaschutzplan2050!“ Mit diesen 118 Zeichen endete ein anderthalbjähriges, teils dramatisches Tauziehen. Dass der Plan kommen sollte – anstelle eines verbindlicheren Klimaschutzgesetzes, wie es die SPD eigentlich gefordert hatte – war 2013 im schwarz-roten Koalitionsvertrag festgeschrieben worden. 2015 begann das Umweltministerium mit der Arbeit: Erst gab es Dialogforen in fünf Städten, alle Verbände und Bürger durften Vorschläge für Klimaschutzmaßnahmen machen.

So entstand ein Entwurf, über den im ganzen Sommer und Herbst 2016 die Bundesministerien verhandelten und feilschten. Gewerkschaften und Industrieverbände schalteten sich ein, Minister und Ministerpräsidenten, besonders heftig aus den Braunkohleländern Brandenburg, Nordrhein-Westfalen und Sachsen. An unzähligen Stellen wurde verwässert, mehrmals stand der Plan vor dem Aus. Erst am 11. November – der UN-Klimagipfel in Marrakesch, auf dem das Papier präsentiert werden sollte, war schon zur Hälfte um – kam die Einigung. Der fertige Klimaschutzplan umfasst nun 89 Seiten. Viele Maßnahmen sind herausgefallen, etliche Formulierungen nur noch wachsweich. Dennoch ist er ein bemerkenswertes Dokument. Mit ihm liegt ein regierungsoffizieller Fahrplan vor, der den Weg zu einem klimaschonenden Land bis zum Jahr 2050 umreißt. Doch reicht es, was nach langem Gezerre am Ende darin festgeschrieben wurde? Wir haben die wichtigsten Passagen analysiert.

1. Die Verschärfung der bisherigen Klimaziele

„Aufgrund unserer besonderen Verantwortung als wirtschaftlich stärkster Mitgliedsstaat der EU orientieren wir uns bereits mit diesem Klimaschutzplan am Leitbild der weitgehenden Treibhausgasneutralität bis Mitte des Jahrhunderts. Dabei ist auch zu berücksichtigen, dass die Summe der nationalen Klimaschutzzusagen, die das Grundgerüst des Übereinkommens von Paris bilden, noch nicht ausreicht, um die Erderwärmung auf unter 2 Grad zu begrenzen. Alle Vertragsstaaten müssen deshalb über ihre bisherigen Zusagen noch hinausgehen.“ (S. 2/3)

Diese Passage mag unspektakulär klingen, ist aber innenpolitisch eigentlich eine Sensation: Die Regierung gibt offiziell zu, dass die bisherigen Klimaziele noch verschärft werden müssen. Dagegen hatten sich das Kanzleramt, fast alle Ministerien und auch SPD-Chef Sigmar Gabriel lange gesträubt. Hintergrund: Bisher will Berlin den deutschen Ausstoß an Treibhausgasen bis 2050 um „80 bis 95 Prozent“ senken. Doch das ist eine weite Spanne, für eine 95-prozentige Minderung sind viel schärfere Maßnahmen nötig – und die meisten Richtungsentscheidungen müssen bereits in den nächsten Jahren getroffen werden. Auch ist längst klar, dass 80 Prozent Minderung nicht genügen, damit Deutschland seiner Unterschrift unter das UN-Klimaabkommen von Paris gerecht wird.

Das Umweltministerium – geführt von der SPD-Ministerin Barbara Hendricks und dem aus der Naturschutzbewegung stammenden Staatssekretär Jochen Flasbarth – hätte daher das Ziel gern auf 95 Prozent eingegrenzt. Doch der Rest der Regierung, CDU/CSU und große Teile der Wirtschaft sperrten sich gegen jede „Verschärfung“. Dank sprachlicher Chiffrierung war Hendricks letztlich doch erfolgreich: Im Plan ist nun als deutsches Ziel für 2050 die „weitgehende Treibhausgasneutralität“ festgeschrieben – die Formulierung kommt einer Reduzierung um „95 Prozent“ recht nahe.

2. Das Land braucht Gaskraftwerke

„Auf dem Weg zu einer vollständig auf erneuerbaren Energien basierenden Wirtschaft sind schnell regelbare Gaskraftwerke mit hohem Wirkungsgrad und vergleichsweise geringen CO2-Emissionen notwendig, weil wir sie als steuerbare Kraftwerke für die Versorgungssicherheit benötigen. In den nächsten Jahrzehnten müssen wir den Brennstoff Erdgas durch CO2-neutrales, regenerativ erzeugtes Gas ersetzen.“ (S. 11)

Diese Passage greift auf, was Energiewendeplaner und Umweltschützer seit Jahren fordern: Das Land braucht dringend Gaskraftwerke. Denn je mehr Wind- und Sonnenstrom im Netz ist, deren Einspeisung bekanntlich stark schwankt, desto wichtiger werden zum Ausgleich hoch flexible Gasturbinen. Überdies sind sie wirklich zukunftstauglich: Langfristig kann das Erdgas – das relativ CO2-arm verbrennt, aber trotzdem klimaschädlich ist – durch erneuerbares Gas abgelöst werden.

Was noch vor wenigen Jahren wie eine Utopie klang und derzeit erst von wenigen Pionieren praktiziert wird, ist nun Regierungsziel: Überschüssiger Wind- und Solarstrom soll künftig in großem Stil genutzt werden, um per Elektrolyse Wasserstoff oder Methan zu erzeugen. Sie werden ins Gasnetz eingespeist und befeuern dann – etwa bei langen Flauten und in der dunklen Jahreszeit – Kraftwerke und Heizungen. Der Vorteil: Die bestehende Gas-Infrastruktur kann weitergenutzt werden.

Hoffnung durch Bildung

Bundesumweltministerin Barbara Hendricks (SPD) bei einer Pressekonferenz in Berlin zur Vorbereitung des Weltklimagipfels. Foto: dpa

3. Klimaschutz darf nicht zu teuer werden

„Die breite Zustimmung der Gesellschaft ist und bleibt eine entscheidende Voraussetzung für die deutsche Klimaschutzpolitik. Dazu müssen die Lasten der Klimaschutzanstrengungen sozial ausbalanciert werden. Die Freiwilligkeit von Maßnahmen, die Lebensbereiche von Menschen verändern, kann durch gezielte Reglementierung ergänzt werden.“ (S. 23)

Gleich mehrmals betont das Papier: Klimaschutz darf nicht zu teuer werden. So sei bei der Gebäudedämmung darauf zu achten, dass die Mieten nicht allzu sehr steigen. Ziemlich versteckt wird hier ein weiteres heißes Eisen angefasst: die Option „gezielter Reglementierung“. Zwar ist eigentlich klar, dass Klimaschutz ganz ohne gesetzliche Vorschriften nicht funktionieren kann. Dennoch schrecken viele Politiker vor konkreten Maßnahmen zurück – der Veggieday lässt grüßen. Also blieb man lieber allgemein. An anderer Stelle im Text flog etwa der konkrete Vorschlag, ab 2030 den Einbau neuer Öl- und Gasheizungen zu verbieten, ebenso aus dem Plan wie das Ziel, die Verwendung von Torf in Blumenerden für Hobbygärtner zu untersagen.

Das Wichtigste am ganzen Plan ist eine Tabelle auf den Seiten 26 und 27. Sie zurrt fest, welcher Wirtschaftsbereich welchen Anteil an den Emissionsminderungen erbringen muss:

Buchstäblich bis zur letzten Minute wurde deshalb um jede Zahl gefeilscht. Dass der deutsche Ausstoß an Treibhausgasen (THG) bis 2030 in der Summe um 55 Prozent sinken soll, ist seit Jahren klar – und war kaum umstritten. Als nun aber das CO2-Budget konkret verteilt wurde, gab es ein Hauen und Stechen. Noch in der allerletzten Nacht erreichte Wirtschaftsminister Gabriel, dass die Zahlen für die Industrie um zehn Millionen Tonnen erhöht wurden – vor allem auf Kosten des Gebäudebereichs, dessen Lobbyisten daraufhin wutentbrannt die Zusammenarbeit mit der Regierung in deren „Bündnis für bezahlbares Wohnen und Bauen“ aufkündigten. Die Tabelle dürfte alle künftigen Klimaschutzdebatten verändern: Wenn künftig irgendjemand für sich Erleichterungen fordert, wird er zugleich sagen müssen, wer denn stattdessen mehr Emissionen einsparen soll.

4. Ohne Kohleausstieg geht es nicht

„Die Energieversorgung muss spätestens bis 2050 nahezu vollständig dekarbonisiert erfolgen.“ (S. 27)

Hier steht nun, erneut verschlüsselt, das Unvermeidliche: Ohne Kohleausstieg geht es nicht. Hinter dem Begriff der „Dekarbonisierung“ (carbon: engl. für Kohlenstoff) verbirgt sich die komplette Umstellung auf CO2-freie Energieträger. Das Umweltministerium wollte dafür einen konkreten Zeitplan festschreiben, konnte sich aber nicht durchsetzen. Geblieben ist nur dieser – nach Ansicht von Klimaschützern deutlich zu späte – Endpunkt für „nahezu“ alle fossilen Kraftwerke. An anderer Stelle warnt der Plan vor „Fehlinvestitionen“ in fossile Strukturen mit einer Nutzungsdauer über 2050 hinaus. Im Klartext: Neue Kohlekraftwerke sollen nicht mehr gebaut werden.

5. Wie es mit den Braunkohleregionen weiter gehen soll

„… Bei der Gestaltung dieser Entwicklung müssen die wirtschaftlichen Perspektiven und die Arbeitsplätze in den betroffenen Regionen berücksichtigt werden. Es muss vor allem gelingen, in den betroffenen Regionen konkrete Zukunftsperspektiven zu eröffnen, bevor konkrete Entscheidungen für den schrittweisen Rückzug aus der Braunkohlenwirtschaft erfolgen können. …“ (S. 30)

Dieses Thema war umkämpft wie kein anderes. Ursprünglich wollte das Umweltministerium eine Kommission zu „Klimaschutz, Wachstum, Strukturwandel und Vollendung der Energiewende“ einsetzen. Nach dem Vorbild der einstigen Ethikkommission zum Atomausstieg sollte dort ein gesellschaftlicher Konsens zum Ende der Braunkohleverstromung gefunden werden. Doch dagegen lief die Kohlebranche ebenso Sturm wie Politiker, etwa Brandenburgs SPD-Ministerpräsident Dietmar Woidke. Als Kompromiss wurde die Kommission umgetauft – die entscheidenden Worte „Klimaschutz“ und „Vollendung der Energiewende“ fehlen nun im Namen – und beim Wirtschaftsministerium angesiedelt. Die Braunkohleregionen in der Lausitz, im Raum Leipzig und in Nordrhein-Westfalen sollen großzügige Fördermittel für den Strukturwandel bekommen, unter anderem aus EU-Töpfen.

6. Visionen für Öko-Städte

„… die Bundesregierung hat zum Ziel, nahezu klimaneutrale Städte und Gemeinden bis zum Jahr 2050 zu realisieren – und dabei die Lebensqualitätweiter zu verbessern.“ (S. 37)

Auf dem Weg zur Öko-City – sauber und leise, voller Fahrräder, E-Mobile und moderner oder modernisierter Gebäude, die dank höchster Effizienz und mithilfe zahlreicher Kleinkraftwerke mehr Energie erzeugen als sie verbrauchen. Eine schöne Vision, doch konkrete Schritte zur Verwirklichung fehlen.

7. Verkehrs-Antriebe von morgen

„Die Energieversorgung des Straßen- und Schienenverkehrs sowie von Teilen des Luft- und Seeverkehrs und der Binnenschifffahrt sind im Zielszenario, soweit ökologisch verträglich, auf Biokraftstoffe und ansonsten weitgehend auf Strom aus erneuerbaren Energien sowie weitere treibhausgasneutrale Kraftstoffe umgestellt.“ (S. 49)

E-Autos sind technisch kein Problem, E-Flugzeuge und -Schiffe hingegen schon. Lange Zeit galten „Bio“-Kraftstoffe als Lösung, doch die Anbauflächen sind begrenzt. Der Plan setzt deshalb auf Science-Fiction – und bringt „Power-to-Liquid“ als möglichen Ausweg ins Spiel. Ähnlich wie bei erneuerbarem Gas könnte Windstrom dazu genutzt werden, Wasserstoff und daraus synthetische Kraftstoffe herzustellen. Klar ist: Das wird teuer, so viele Jets wie heute bringt man damit kaum in die Luft – also spricht man lieber nur von „Teilen“ des Luft- und Seeverkehrs. Übrigens wird die Elektrifizierung des Verkehrs viel Ökostrom erfordern. Mit der derzeitigen Drosselung des Erneuerbaren-Ausbaus passt das nicht zusammen.

8. Größere Rolle für Fahrräder

„Treibhausgas-Vermeidungspotenziale bestehen zudem durch eine größere Verbreitung von Lastenfahrrädern.“ (S. 52)

Der Klimaschutzplan setzt nicht nur auf Großtechnologien. Christiania-Räder retten die Welt!

9. Mehr Reperaturen

„Ziel ist es, die Nutzungsdauer relevanter Produktgruppen z.B. im Rahmen der EU-Ökodesignrichtlinie zu verlängern. Wichtige Ansatzpunkte sind verbesserte Rahmenbedingungen für die Reparatur von Produkten …“ (S. 61)

Das finden wirklich alle gut: Ob Toaster, Mobiltelefon oder Waschmaschine, alles soll robuster und überdies reparabel werden. Zurück in die Zukunft!

10. Wenig Konkretes zur Landwirtschaft

„Ein hoher Anteil an den Treibhausgasemissionen aus der Landwirtschaft ist auf die Produktion tierischer Nahrungsmittel zurückzuführen.“ (S. 68)

Ja und? Diese lapidare Feststellung ist der klägliche Rest einer Passage, die im Entwurf noch klar sagte, dass der Fleischkonsum in Deutschland drastisch sinken muss. Aber dagegen ging das CSU-geführte Landwirtschaftsministerium auf die Barrikaden. Getilgt wurden auch konkrete Aussagen zur Förderung des klimaschonenden Ökolandbaus oder zur umweltfreundlicheren Verteilung der milliardenschweren EU-Agrarsubventionen. Der Abschnitt zur Landwirtschaft fiel am Ende besonders schwach aus.

11. Verwässerte Formulierungen zur Steuerreform

„Es wird … auch zu prüfen sein, wie das Steuer- und Abgabesystem zur Erreichung der Klimaschutzziele bis 2050 schrittweise weiterentwickelt werden kann. …“ (S. 75)

Ein Klassiker der politischen Verwässerungsprosa: „… wird zu prüfen sein“. Sage und schreibe 19-mal findet sich in der Schlussfassung des Klimaschutzplans ein solcher „Prüfauftrag“. Klare Worte zu einer „ökologischen Steuerreform“ (also der höheren Besteuerung klimaschädlicher Verhaltensweisen) wurden zum Beispiel ebenso gestrichen wie solche zum Abbau umweltschädlicher Subventionen (etwa für Kohle- oder Ölkonzerne).

12. Tauziehen um die Treibhausgase

„… Der Klimaschutzplan 2050 wird im Jahr 2018 mit einem in seiner Minderungswirkung quantifizierten Maßnahmenprogramm unterlegt, das sicherstellt, dass die 2030er Ziele erreicht werden. …“ (S. 83)

So schön es auch ist, dass es den Plan überhaupt gibt – was jetzt darin festgehalten ist, reicht bei Weitem nicht aus. Gleich nach der Bundestagswahl will deshalb das Umweltministerium Punkt für Punkt beziffern, wie viele Treibhausgase die bereits beschlossenen Maßnahmen wirklich einsparen können – nach bisheriger Erfahrung wird das zu wenig sein. Wenn Maßnahmen konkretisiert oder verschärft werden sollen, ist neuer Streit programmiert: Nach dem Tauziehen ist vor dem Tauziehen.

Dieser Artikel erschien erstmals im Greenpeace Magazin 2.17. In der aktuellen Ausgabe des Greenpeace Magazin 6.17 zeigen wir, wie das 1,5-Grad-Ziel noch zu schaffen ist – in Deutschland etwa durch eine naturnähere Nutzung der verbliebenen Wälder

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Wir waren bei der Rekord-Demo gegen den Klimawandel in Bonn dabei

COP-Teilnehmer berichten: „Aus dem Kampf gegen den Klimawandel ist eine globale Bewegung entstanden“

IPCC-Forscherin Daniela Jacob erzählt, wie sie am weltweit beachteten Klimabericht mitarbeitet, und wie Wissenschaftler diskreditiert werden

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Weltklimarat10.Nov 2017

IPCC-Forscherin: „Klimaskeptiker versuchen, Wissenschaftler persönlich zu diskreditieren“

Was hier drin steht, hat Gewicht: Die Berichte des Weltklimarats IPCC sind oft die wichtigste Referenz für die Beschreibung des Klimawandels. 2018 soll der nächste erscheinen. Daniela Jacob ist eine von fast 1000 Autoren. Im Interview beschreibt die Forscherin, wie sie die Mammutaufgabe bewältigt – und was sie auf Kritik erwidert.

Das Umweltprogramm der Vereinten Nationen und die Weltorganisation für Meteorologie gründeten 1988 das „Intergovernmental Panel on Climate Change“, meist als Weltklimrat tituliert. Alle fünf bis sechs Jahre fasst das Gremium die aktuellen wissenschaftlichen Erkenntnisse zum Klimawandel zu einem detaillierten Sachstandsbericht zusammen – zuletzt erschien 2014 der fünfte seiner Art (engl.: „Fifth Assessment Report“). Die Dokumente gelten in der Wissenschaft als glaubwürdigste und fundierteste Darstellung zum Klimawandel. Für Politiker und Nichtregierungsorganisationen sind sie wichtige Quellen. Die Organisation wurde 2007 mit dem Friedensnobelpreis ausgezeichnet.

Frau Jacob, Sie sind Meteorologin und leiten das „Climate Service Center Germany“ in Hamburg. Die laufende UN-Klimakonferenz in Bonn ist für Sie sicherlich ein wichtiger Termin. Wie schätzen Sie als beobachtende Wissenschaftlerin die Verhandlungen bislang ein?

Viele Staaten zeigen einen großen Willen zur Kooperation. Viele schließen sich zusammen und wollen wirklich Klimaschutz betreiben. Auf der COP23 in Bonn soll die Ausgestaltung des Pariser Abkommen beschlossen werden. Ich bin sehr zuversichtlich, dass das auch klappt.

Woher nehmen Sie den Optimimus?

Es gibt sehr viele Diskussionen am Rande der COP23, die sich um die Implementierung von Klimaschutz- und Anpassungsmassnahmen drehen, und mir scheint, dass hier vielen bewusst ist, wie notwendig diese Ausgestaltung ist.

Der IPCC ist eine unabhängige Organisation, in der sich Wissenschaftler der ganzen Welt zusammengeschlossen haben, um vorhandene Daten zum Klimawandel zusammenzufassen. Was wollen Sie damit bezwecken? 

Ein Austausch und eine neutrale Zusammenfassung und Bewertung der Fakten aus wissenschaftlicher Sicht werden immer wichtiger. Vor allem in Zeiten, in denen Trump aus dem Pariser Klimaabkommen austreten will und Klimaleugner auf der ganzen Welt lauter werden. Es ist wichtig, dass es so ein unabhängiges Gremium gibt und dass es von den Staaten akzeptiert wird. Jede Skepsis am Klimawandel fordert umso mehr eine solide Wissensbasis.

jacobDaniela Jacob trifft sich bei der Weltklimakonferenz in Bonn mit ausländischen Regierungsdelegationen, um mit ihnen Kooperationen zu besprechen. Foto: Climate Service Center

Bei den Verhandlungen in Paris wurde dem IPCC aufgetragen, einen Sonderbericht zur Erreichung des 1,5-Grad-Ziels zu schreiben. Sie arbeiten gerade an ihm. Was wird drin stehen?

Ich kann darüber inhaltlich nicht sprechen. Wir sind noch in einer Phase, in der es wichtig ist, dass die Entwürfe vertraulich bleiben. So schützen wir den Prozess, denn so werden keine unfertigen Teile herausgegeben. Das würde immer eine unnötige Angriffsfläche für Kritik bieten. In der Vergangenheit haben Klimaskeptiker Wissenschaftler immer wieder scharf attackiert und versucht, sie persönlich zu diskreditieren. Das sollen die IPCC-Regeln verhindern. Wenn der Bericht veröffentlicht ist, werden aber alle Entwürfe und alle Gutachterkommentare publik gemacht. So wird trotz Geheimhaltung während des Schreibprozesses die Transparenz sichergestellt. 

Ab Anfang 2018 wird der Bericht zum 1,5-Grad-Ziel dann in der zweiten Begutachtungsphase geöffnet, so können auch bei IPCC akkreditierte Nichtregierungsorganisationen und Regierungen ihre Meinung einfließen lassen. Ab da bekommt dann auch meistens die Presse Informationen aus Leaks.  

 

IPCC

Auf diese Weise arbeitet der IPCC. Foto: Perspektive Erde

Sie haben auch am letzten IPCC-Bericht mitgearbeitet, der 2014 herauskam. Damals waren über tausend Wissenschaftler involviert. Wie funktioniert das konkret?

Meine Expertise ist die regionale Klimamodellierung – auch für den IPCC war das mein Thema. Zusammen mit zirka 15 anderen Wissenschaftlern aus Europa war ich für das Europa-Kapitel zuständig.

Wir haben die Forschung zu diesen Fragen zusammengetragen: Wie ändert sich das regionale Klima? Welche Folgen sind zu erwarten? Welche Risiken bestehen für bestimmte Regionen? Welche Anpassungsmaßnahmen kann man machen? Was würde das kosten?

Dazu habe ich über 100 Paper gelesen und sie in einem Text zusammengefasst. Anschließend haben andere Forscher sowie NGOs und Regierungsvertreter meine Arbeit gesehen und konnten zu jedem Satz Anmerkungen machen. Auf jede einzelne musste ich reagieren. Das ergab ein riesiges Excel-Dokument. Nach drei Begutachtungsrunden und über verschiedene Mailinglisten und Treffen entstand dann die finale Version. Es war sehr viel Arbeit, aber durch dieses Vorgehen ist das Ergebnis transparent nachvollziehbar. Es ist ein sehr demokratischer Prozess.

Sie sind gleichzeitig auch Leiterin eines Forschungsinstituts. Wie viel Zeit verschlingt die Arbeit für den IPCC?

In den drei Jahren, in denen ich am letzten Report mitgeschrieben habe, habe ich ungefähr ein Jahr ehrenamtlich für den IPCC gearbeitet. Mein Antrieb ist, dass das Wissen über den Klimawandel von der Gesellschaft belastbar genutzt werden kann. Ich finde es wichtig, dass die Diskussion über den Klimawandel sachlich und wissenschaftlich fundiert stattfindet. Dazu beizutragen reizt mich.  

Wie wählt der IPCC die Autoren aus?

Die Wissenschaftler werden über die nationalen IPCC-Kontaktstellen vorgeschlagen. Danach wird versucht, möglichst ausgewogene Autorenteams zu bilden, um zum Beispiel nicht nur Europäer oder Amerikaner zu einem Kapitel arbeiten zu lassen. Auch die Disziplinen und Geschlechter sollen gleichmäßig vertreten sein.

Hat sich der angekündigte Ausstieg Donald Trumps aus dem Pariser Klimaabkommen auch bei ihnen bemerkbar gemacht?

Auf die Zusammensetzung der Autorenteams für den IPCC Sonderbericht oder auf dessen Inhalt hat sich diese Neuigkeit nicht ausgewirkt. Allerdings reden wir am Rande unserer Treffen viel darüber.

Wissenschaftler schreiben und redigieren die Texte für den jeweiligen Bericht. Der IPCC legt die finale Zusammenfassung Regierungsvertretern in einem Plenum vor. John Broome, Ethik-Professor an der Universität Oxford, war beim letzten Bericht beteiligt und kritisiert dieses Verfahren. Er schreibt in einem Artikel: „Um Konsens herzustellen, wurde der Text an vielen Stellen ungenauer und sein Inhalt so weit abgeschwächt, dass bisweilen kaum Substanz blieb.“ Was antworten Sie auf diese Kritik?

Es ist in der Tat so, dass die Regierungsvertreter jeden Satz in der Plenarsitzung diskutieren. Jedes Wort wird nur einstimmig angenommen. Wenn Wissenschaftler dann nicht in der Lage sind, ihre Standpunkte faktenbasiert zu begründen, ist es schwierig. Dass dort manchmal Abschwächungen passieren, habe ich immer wieder gehört. Ich war aber selbst noch nie bei so einer Sitzung dabei. Grundsätzlich ist es auch nicht möglich, dass die Regierungen die Fakten verdrehen und Inhalte verändern, denn das letzte Wort in den Plenarsitzungen haben die Wissenschaftler.

Gleichzeitig ist es auch gut, wenn die Regierungen den kompletten Bericht abgenommen haben. Dann können sie dahinter nicht mehr zurück.

Hanna Gieffers

Die Staats- und Regierungschefs müssen auf der Weltklimakonferenz in Bonn zeigen, wie ernst sie es wirklich mit der Bekämpfung des Klimawandels meinen. Wir zeigen in der aktuellen Ausgabe des Greenpeace Magazin 6.17, wie das 1,5-Grad-Ziel noch zu schaffen ist. In einem Interview mit Janos Pasztor, Direktor des Carnegie-Ethikrates zu Geoengineering, gehen wir etwa der Frage nach, ob die Menschheit mit technischen Mitteln am globalen Thermostat schrauben darf.

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UN-Klimakonferenz09.Nov 2017

Machtvolle Lokalpolitik: Städte können den Klimaschutz stärker voranbringen

Während die nationalen Regierungen in Bonn um globale Lösungen für den Klimawandel ringen, gehen Regionen wie der US-Bundesstaat Kalifornien mit immer ehrgeizigeren Zielen voran. Auch deutsche Städte wie München oder Hamburg probieren sich im Klimaschutz. Tatsächlich haben sie einen größeren Handlungsspielraum beim Kampf gegen die Erderwärmung als gedacht, zeigt eine aktuelle Studie.

Am letzten Sonntag in München jubelten die Mitglieder des Bürger-Bündnisses „Raus aus der Steinkohle“. Bei einem bindenden Bürgerentscheid stimmten 60 Prozent der Münchner dafür, den Kohleblock vom Heizkraftwerk in Unterföhring schon 2022 vom Netz zu nehmen. Damit ist in mindestens fünf Jahren mit der Kohleverbrennung in der Stadt höchstwahrscheinlich Schluss. Auf Bundesebene ist man noch längst nicht so weit. 

Auch die Stadt Hamburg plant den Alleingang: Der Umweltsenator Jens Kerstan (Grüne) stellte vor einigen Tagen ein Konzept vor, mit dem er das Kohlekraftwerk Wedel ersetzen will. Abwärme und Müllverbrennung sollen die Wärmewende einläuten. Das Kraftwerk in Wedel soll 2022 abgeschaltet werden. Das sei ein wichtiger Baustein, damit Hamburg seine Klimaziele erreiche, so der Umweltsenator.

Während Staats- und Regierungschefs in Bonn um globale Lösungen für den Klimawandel ringen, gehen Regionen, Städte und Privatpersonen mit immer ehrgeizigeren Zielen voran. Klimaforscher des Potsdam-Institut für Klimafolgeforschung (PIK) haben jetzt herausgefunden: Auf lokaler Ebene ist der Handlungsspielraum größer als gedacht. Denn der Ausstoß von Treibhausgasen, den Städtebewohner zum Beispiel durch den Einkauf von Waren und Dienstleistungen außerhalb der Stadtgrenzen verursachen, ist viel größer als bisher angenommen. Diese Emissionen seien in etwa gleich groß wie die Gesamtemissionen aus dem eigenen Stadtgebiet, zeigt die Studie.

Der Handlungsdruck ist da

Die Forscher haben für die vier Städte Berlin, New York, Mexico City und Delhi einen vergleichbaren Treibhausgas-Fußabdruck berechnet. Laut der Studie gäbe es besonders in den Bereichen Verkehr und Gebäude viele Möglichkeiten zur Anpassung. Hier könnten lokale Politiker viel bewegen. „Oft heißt es, dass Bürgermeister wenig gegen den Klimawandel tun können, weil ihr Einfluss auf das Stadtgebiet begrenzt ist, aber tatsächlich kann ihr Handeln weitreichende Wirkung haben“, sagt der federführende Wissenschaftler der Studie, Dr. Peter-Paul Pichler. So könnten Städte etwa die Nutzung von weniger CO2-intensiven Baustoffen wie Holz fördern oder den öffentlichen Nahverkehr ausbauen. Der Handlungsdruck sei da: „Die auf dem UN-Gipfel bisher von den nationalen Regierungen vorgestellten Emissionsreduktionen reichen ganz klar nicht aus, um die globale Erwärmung auf deutlich unter 2 Grad Celsius zu begrenzen. Deshalb sind zusätzliche Anstrengungen erforderlich.“

Um solche zusätzlichen Anstrengungen zu koordinieren – dafür haben sich seit diesem Sommer 15 US-Bundesstaaten in der „Klimaallianz der Vereinigten Staaten“ zusammengeschlossen. Sie wollen anders als der US-Präsident Donald Trump am Pariser Klimaabkommen festhalten und ihren CO2-Ausstoß bis zum Jahr 2015 um bis zu 2015 Prozent reduzieren, im Vergleich zu 2005. 

„Die Realität ist – der Klimawandel wird kommen“

Einer der Vorsitzenden ist der kalifornische Gouverneur Jerry Brown. Beim ersten öffentlichen Treffen der Bundesstaatengemeinschaft im September in New York sagte er: „Wir tuen etwas gegen die Untätigkeit. Wir werden weiter machen und vielleicht wird sich Washington (gemeint ist hier die nationale Regierung der USA, Anm. d. Red) anschließen. Denn man kann nicht für immer die Wissenschaft leugnen.“ Er fügte hinzu: „Und die Realität ist – der Klimawandel wird kommen.“ Um die motivierten Akteure an einen Tisch zu bekommen, wird Brown 2018 den „Climate Action Summit“ in Kalifornien veranstalten, bei dem Regierungschefs, Unternehmer, Nichtregierungsorganisationen und interessierte Bürger über die Zukunft der Erde diskutieren. Und ihre Aktionen für mehr Klimaschutz koordinieren.

Auch auf der UN-Klimakonferenz wird Bundesumweltministrin Barbara Hendricks am Sonntag einen „Klima-Gipfel der Kommunen und Regionen“ veranstalten. Jerry Brown nimmt auch an der COP teil. Für Klimaschützer gilt er als bedeutender Widersacher von US-Präsident Donald Trump im Kampf gegen die Erderwärmung. Im Vorfeld der Konferenz appelierte er im Landtag in Baden-Württemberg: „Wir müssen der Welt einen Weckruf schicken.“

Aufmacherbild: AP Photo/Eric Risberg

Hanna Gieffers

Wir zeigen in der aktuellen Ausgabe des Greenpeace Magazin 6.17, wie das 1,5-Grad-Ziel noch zu schaffen ist – zum Beispiel, wie Sie zu Hause den Klimaschutz voranbringen können. Oder was die Chefunterhändlerin der Fidschi sich von der UN-Klimakonferenz verspricht. Und wie die Biolandwirtschaft von Morgen aussehen kann.

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Weltklimakonferenz07.Nov 2017

„Aus dem Kampf gegen den Klimawandel ist eine globale Bewegung entstanden“

Die jährlichen UN-Klimakonferenzen sind nicht nur ein Gipfel von Regierungen. Auch tausende Vertreter der Zivilgesellschaft treffen und vernetzen sich. Daraus ist eine internationale Gemeinschaft zum Schutz der Umwelt hervorgegangen. Wir haben einige von ihnen gefragt, warum ihnen dieses Treffen Mut macht.   

Jan Kowalzig, Klimaexperte der Nichtregierungsorganisation Oxfam: „Die COP ist wie ein Raumschiff“

Kowalzig

Jan Kowalzig nimmt für die NGO Oxfam an der Klimakonferenz teil. Er weiß, dass er in den nächsten Tagen wenig Schlaf bekommen wird. Foto: Oxfam

„Die Klimakonferenz ist für mich wie eine Klassenfahrt. Ich werde im Zug von Berlin nach Bonn bereits bekannte Gesichter treffen. Mit den Jahren kennt man sich. Aus Journalisten, NGO-Vertretern und Mitgliedern von Regierungsdelegationen ist eine eingeschworene Gemeinschaft geworden.

Den meisten Austausch habe ich mit anderen NGO-Mitarbeitern. Das Gefühl, für ein großes Ziel zu arbeiten, schweißt uns besonders vor Ort zusammen. Jeden Morgen um sieben Uhr treffe ich mich mit meinen Kollegen von Oxfam, dann um neun Uhr mit anderen NGOs. Ich bin Mitglied einer Untergruppe von NGO-Vertretern, wo ich mich mit neun anderen Kollegen über die Klimafinanzierung austausche. Gemeinsam schmieden wir Strategien und teilen uns Gespräche mit Regierungsvertretern auf.

Um zehn Uhr fangen die eigentlichen Verhandlungen auf Regierungsebene an – wir NGO-Vertreter können bei den Plenarsitzungen und den Kontaktgruppen dabei sein. Bei anderen Treffen lungern wir oft vor den Konferenzräumen herum und versuchen, Sitzungsteilnehmern, die aus dem Saal kommen, Informationen zu entlocken. Zu wissen, welche Position eine Regierung hinter geschlossenen Türen vertritt, hilft mir sehr bei meiner Arbeit.   

Ich war die letzten zehn Jahre bei fast jeder Klimakonferenz dabei. Die Zeit dort fühlt sich oft an wie auf einem Raumschiff, abgeschnitten von der Realität. Ich muss mir immer wieder bewusst machen, dass die Verhandlungen einen Einfluss auf die konkrete Politik haben – wenn auch zeitversetzt und um drei Ecken.

Es hilft dabei, dass ich schon seit langem nicht mehr in Hotels schlafe, sondern bei Privatleuten. In Bonn übernachte ich bei einer befreundeten Lehrerin. Damit sprenge ich bewusst meine COP-Blase. So einnehmend die Veranstaltung auch ist: Es ist immer wichtig im Blick zu behalten, was die Entscheidungen für die Welt außerhalb des Konferenzzentrums bedeuten.“ 

Celia Wicher, 27, studiert Geschichte und Philosophie in Berlin: „Mit anderen Jugendlichen vor Ort zu sein, schweißt zusammen und macht Mut“

Celia

Celia Wicher interessiert sich besonders für die Themen Klimagerechtigkeit und Migration. Bei der Jugendklimakonferenz (Conference of Youth, COY) im Vorfeld der COP hat sie dazu einen Vortrag gehalten. Foto: Jörg Farys/DIE.PROJEKTOREN

„Ich engagiere mich in meiner Freizeit für den Klimaschutz, da mir klar geworden ist, dass der Klimawandel die zentrale Herausforderung für unsere Generation sein wird. Ich bin mittlerweile im Bundesvorstand bei der BUND Jugend. Klimaverhandlungen einmal live mitzuerleben – das wollte ich mir nicht entgehen lassen. Jetzt bin ich während der zweiten Woche als Beobachterin bei der COP vor Ort. Das bedeutet: Ich kann bei offiziellen Sitzungen dabei sein und vor allem andere junge Menschen aus der ganzen Welt, Mitgliedern von NGOs und Initiativen treffen.     

Vor Ort zu sein ist ziemlich überwältigend. Meinen ersten Tag werde ich brauchen, um mich zurechtzufinden. Vor zwei Jahren war ich bei den Zwischenverhandlungen in Bonn dabei, die auf dem COP-Gelände stattgefunden haben. Es ist schon ein Herausforderung, seinen Weg im Labyrinth der vielen Räume zu finden. Aber auch inhaltlich ist es spannend: Jeder dort wirft mit englischen Abkürzungen um sich. Ich fühle mich manchmal wie eine Übersetzerin. Ich versuche, den Dschungel der COP zu durchblicken, und will mit Facebook-Videos, Blogposts und Fotos anderen jungen Menschen ein besseres Bild davon geben, was dort vor Ort eigentlich passiert.  

Dass ich mich mit anderen Leuten während der COP austauschen kann, schweißt zusammen. Es zeigt mir, dass ich nicht alleine bin mit meinem Kampf gegen den Klimawandel – sondern ein Teil einer weltweiten Bewegung. Es ist ermutigend zu sehen, dass auf die globale Herausforderung des Klimawandels eine globale Bewegung von jungen Menschen entstanden ist, die dagegen ankämpfen will.“  

Stefan Wagner, 46, Leiter des Amtes für Internationales und globale Nachhaltigkeit der Stadt Bonn: „Die Vorlaufzeit für ein Event dieser Größe war mit elf Monaten enorm knapp“

Stefan Wagner, Stadt Bonn COP

Stefan Wagner hat die COP logistisch vorbereitet. Foto: Stadt Bonn

„Unsere Abteilung hatte zunächst die Aufgabe, die Gesamtkoordinierung und Absprachen zwischen der UN und der Bundesregierung zu steuern. Die Vorlaufzeit für ein Event dieser Größe war mit elf Monaten enorm knapp. Dazu besteht der logische Anspruch, die Konferenz und die vielen Veranstaltungen in der Stadt und auf den Rheinauen, wo zwischen den beiden Konferenzorten eine Zeltstadt auf 35.000 Quadratmetern entstanden ist, nachhaltig und umweltfreundlich zu organisieren – es war also viel zu tun.

Wir möchten den Anwohnern, die natürlich auch ein wenig unter den Verkehrsbehinderungen leiden, zeigen, wie wichtig diese Konferenz ist, dass es nicht nur um Verhandlungen hinter verschlossen Türen geht, dass sie mitwirken und sich informieren können. Wir haben daher aus zahlreichen Bewerbungen 145 Kunst- und Kulturprojekte ausgewählt, die während der Konferenz die Stadt bunt und informativ gestalten. Hinzu kommen diverse Vorträge, Workshops und Ausstellungen.

So laden wir die Bonner auf eine Klima-Tour ein, um ihnen zu vermitteln, was eigentlich bei einer Klimakonferenz passiert und was da verhandelt wird. Der Rundgang gibt Menschen und Organisationen aus Bonn Raum, ihr Engagement für das Klima zu präsentieren und zeigt auf, wo und wie sich die Bürgerinnen und Bürger selbst einbringen können. 

Außerdem bespielen wir den Climate Planet, einen riesigen Ballon, der auf den Rheinauen aufgebaut wurde. Da gehen 300 Leute rein und wir zeigen einen 360-Grad-Film über den Planeten und wie er sich derzeit verändert. Ich und meine vielen Kolleginnen und Kollegen, die an den Vorbereitungen beteiligt waren, sind nun sehr gespannt, ob alles funktioniert. Für uns ist es natürlich auch sehr wichtig, wie die Bonner die Konferenz annehmen, ob sie sich beteiligen und an den Stellen, wo es möglich ist, auch mitmachen.“

Komal Kumar, 25, Teilnehmerin der Jugendklimakonferenz COY13 aus Fidschi: „Einfach zusehen, wie unsere Inseln im Meer verschwinden, das kann ich nicht.“

Foto_Komal

Komal Kumar ist Mitglied einer sechzigköpfigen Jugenddelegation aus dem Inselstaat Fidschi. Sie ist zum ersten Mal in Deutschland und von der Atmosphäre während der Klimakonferenz begeistert. Foto: Komal Kumar

„Letzten Monat habe ich deutschen Jugendlichen meine Heimat gezeigt, jetzt bin ich in Bonn, um an der Jugendkonferenz COY13 im Vorfeld des Klimagipfels teilzunehmen. Diese Woche habe ich einen Workshop geleitet, bei der nach der Talanoa-Tradition Jugendliche aus den USA, Deutschland und Kambodscha und den Fidschi-Inseln über ihre Probleme mit dem Klimawandel und über mögliche Lösungen diskutiert haben. Talanoa heißt: Wir achten sehr darauf, allen zuzuhören und ein tiefes Verständnis für die Probleme der anderen zu entwickeln. Zuerst war der Workshop-Raum recht leer, doch nach und nach sind immer mehr Jugendliche gekommen, um über sich zu erzählen und zuzuhören. Es freut mich so, dass andere Leute sich auch für unser Schicksal auf den Fidschi-Inseln interessieren und wir uns austauschen können. Das war ein unbeschreibliches Gefühl.

Denn dass der Klimawandel real und gefährlich ist, habe ich letztes Jahr vor meiner Haustür erlebt. Im Februar 2016 hat ein Sturm die Fidschi-Inseln hart getroffen. Ich lebe in der Hauptstadt Suva, dort hatten wir zum Glück nur Stromausfälle und Wassermangel. Im Westen der Fidschis wurden aber ganze Häuser mitgerissen, Kinder in die Luft gewirbelt und Menschen verletzt. Wir leben schon immer mit Unwettern in der Hurrikan-Saison von November bis April. Aber dieser Sturm war besonders stark. Ich bin danach der Umwelt-NGO „Project Survival Pacific“ beigetreten. Einfach zusehen, wie unsere Inseln im Meer verschwinden, das kann ich nicht.

In der zweiten Woche der COP werde ich bei einigen Veranstaltungen über die Probleme auf den Fidschi-Inseln sprechen. Doch vorher werden uns unsere deutschen Freunde eine Kohlemine zeigen. Es wird spannend sein zu sehen, wie sie aussieht – immerhin ist die Kohleindustrie zu einem großen Teil verantwortlich für den Klimawandel, der unsere Inseln bedroht.“

Protokolle: Hanna Gieffers, Mitarbeit: Bastian Henrichs

Aufmacherfoto: In einer riesigen Zeltstadt treffen sich die Verhandler zur UN-Klimakonferenz. Foto: dpa/Ulrich Baumgarten

Die Hurrikan-Saison 2017 hat brutal illustriert, worum es beim 23. Klimagipfel in Bonn gehen wird: Um nichts weniger als die Rettung unseres Planeten als lebensfreundlichen Ort. Wir zeigen in der aktuellen Ausgabe des Greenpeace Magazin 6.17, wie das 1,5-Grad-Ziel noch zu schaffen ist – und stellen faszinierende Menschen vor, die vormachen, was nötig ist. 

Lesen Sie auch unseren Online-Artikel: Worum es diesmal geht: Fünf Antworten zum Weltklimagipfel in Bonn

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UN-Klimakonferenz05.Nov 2017

Rekord-Demo vor dem Weltklimagipfel in Bonn

25.000 Menschen haben am Samstag gegen Kohlekraft und für mehr Klimaschutz demonstriert. Aktivisten aus aller Welt setzten ein kraftvolles Zeichen für die Energiewende.  

Mit so vielen Teilnehmern hatten die Veranstalter der Demonstration nicht gerechnet. Immer mehr Menschen strömten zum Münsterplatz in Bonn, von wo die Demonstration startete. Die Prognose von rund 10.000 Teilnehmern musste nach oben korrigiert werden. Rund 25.000 Menschen haben den Veranstaltern zufolge am Samstag den Weg nach Bonn gefunden, um unter dem Motto „Klima schützen – Kohle stoppen“ zu demonstrieren. Ein Rekord: Nie zuvor sind in Deutschland so viele Menschen für Klimaschutz und Kohleausstieg auf die Straße gegangen.

Viele der größten Umweltschutzorganisationen waren mit Bannern und Fahnen dabei. Und auch die Grünen zeigten Präsenz. Während die Führungsriege der Partei in hitzigen Sondierungsgesprächen mit CDU, CSU und FDP aufpassen muss, nicht ihr Profil zu verwischen, bot sich der Partei auf der Klimademo in Bonn eine gute Gelegenheit, die Bedeutung ihrer Kernthemen Klimaschutz und Kohleausstieg zu betonen.

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Demonstrationsteilnehmer kritisierten auch die Politik des US-Präsidenten Donald Trump, der aus dem Pariser Klimaabkommen ausgestiegen ist. Foto: Simon Neumann

Hubert Weiger, Vorsitzender des BUND, nutzte die Bühne für ein deutliches Statement: „Wir fordern von den Grünen, dass der Kohleausstieg die rote Linie ist, die sie nicht überschreiten.“ Anton Hofreiter, Fraktionsvorsitzender der Grünen im Bundestag, dürfte diese Worte am Infostand seiner Partei gehört haben. Am Rande der Kundgebung versicherte er, seine Partei werde bei Koalitionsverhandlungen auf konsequente Maßnahmen zum Klimaschutz beharren. Noch schärfer als sein Vorredner formulierte Campact-Mitgründer Christoph Bautz seine Kritik an der Energiepolitik der CDU: „Kohleextremist Armin Laschet scheint als Cheflobbyist zu RWE schon übergelaufen zu sein." Er meinte damit den Ministerpräsidenten von Nordrhein-Westfalen, der den Industriestandort Deutschland ohne Kohleverstromung gefährdet sieht.

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Mit dem Fahrrad wollten einige Teilnehmer ein Zeichen setzen – manche kamen sogar aus Köln geradelt. Foto: Simon Neumann

Nach diesen Wortbeiträgen setzte sich der Tross bei strahlendem Sonnenschein tanzend und singend in Bewegung – angeführt von Aktivisten, die extra aus den pazifischen Inselstaaten Tuvalu, Fidschi und Vanuatu angereist waren. Immer wieder stimmten sie Sprechchöre an und forderten „climate justice“ – Klimagerechtigkeit. Nach wenigen hundert Metern gesellten sich zu den Fußgängern rund 3500 Radfahrer, die zum Teil bereits mit ihrer Anreise auf Drahteseln aus Köln ein Zeichen für eine grüne Verkehrswende setzten.

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Mehr als 100 Umweltschutzorganisationen und Bürgerrechtsbewegungen hatten gemeinsam zur Demo aufgerufen. Foto: Simon Neumann

Nach rund zweieinhalb Stunden Marsch fanden sich alle Demonstranten schließlich auf der Genscherallee zur Abschlusskundgebung ein. Umweltaktivisten von den Marshall-Inseln, aus Peru und dem Senegal appellierten mit glühenden Reden an die Bereitschaft der Industriestaaten, den Klimaschutz endlich konsequent voranzutreiben. Reden, deren Emotionalität sicher auch auf die Unterhändler der am Montag startenden Klimakonferenz Eindruck machen würden.

Die Rekorddemo sendet ein deutliches Signal für konsequenten Klimaschutz – sowohl an die Unterhändler des Klimagipfels, als auch an die Verhandlungsführer der Jamaika-Gespräche im Bund.

Wie es weitergeht:

Die Klimademo in Bonn bildete den Auftakt zu einer Reihe von Protest-Aktionen am Rande des Klimagipfels. Am Sonntag planen Klimaaktivisten der Bewegung „Ende Gelände“ im Braunkohlerevier Garzweiler eine Aktion des zivilen Ungehorsams. Der „People´s Climate Summit“ schafft vom 03.11. bis 07.11. einen Ort der Begegnung und des Austauschs für Delegierte und Klimaaktivisten aus aller Welt. Am 11.11. ist eine zweite Klimademo durch die Bonner Innenstadt geplant – dieses Mal zum Karneval-Start mit Verkleidungen. Hier gibt es einen Überblick zu den Protestaktionen während des Klimagipfels.

Simon Neumann

Die Hurrikan-Saison 2017 hat brutal illustriert, worum es beim 23. Klimagipfel in Bonn gehen wird: Um nichts weniger als die Rettung unseres Planeten als lebensfreundlichen Ort. Wir zeigen in der aktuellen Ausgabe des Greenpeace Magazin 6.17, wie das 1,5-Grad-Ziel noch zu schaffen ist – und stellen faszinierende Menschen vor, die vormachen, was nötig ist.

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Sondierungsgespräche03.Nov 2017

Politologe zu Jamaika-Gesprächen: „Es ist nicht die Zeit, medial groß aufzutreten“

Zwei Wochen haben die Unterhändler von Union, FDP und Grünen nun schon sondiert – mit eher mageren Ergebnissen. Man streitet sich, auch öffentlich. Politikwissenschaftler Uwe Jun kritisiert dabei besonders das Verhalten der Grünen.

Der Ton hat sich verschärft: „Schizophren“ nannte CSU-Generalsekterär Andreas Scheuer den schleswig-holsteinischen Umweltminister Robert Habeck (Grüne). Dieser hatte nach dem Sondierungsgespräch zum Thema Landwirtschaft am Donnerstag erklärt, die Partner im Bund seien auf dem Weg zu einer Wende in der Agrarpolitik.

Es ist nicht das einzige Thema, bei dem sich die möglichen Koalitionspartner dieser Tage öffentlich derart angehen und um die Deutungshoheit der gemeinsamen Arbeitspapiere rangeln. Ist das ein Vorgeschmack auf vier Regierungsjahre von Union, FDP und Grüne, fragt sich manch ein politischer Beobachter. Oder sind solche Äußerungen schon das Ende vom Anfang der Koalitionsgespräche? Sechs Wochen nach der Bundestagswahl drohen sich die Verhandlungspartner auf dem Weg nach Jamaika in diversen Streitthemen zu verheddern. Und nur noch sechs Wochen sind es, dann sollen bei Grünen und FDP die Mitglieder und bei CDU und CSU Parteitage über den möglichen Koalitionsvertrag eines ersten schwarz-gelb-grünen Bündnisses auf Bundesebene entscheiden. Derzeit sieht zumindest oberflächlich wenig danach aus, als werde es dazu kommen.

Nach zwei Wochen Sondierungsgesprächen haben die Verhandler in kleinen und großen Gruppen acht Papiere zu zwölf Themenblöcken beschlossen. Es sind gut 20 Seiten mit wenigen konkreten Leitlinien, aber voller Fragen. Die sollen in den nächsten Wochen nun weiter beackert werden. Es sind Dokumente, die belegen, was man schon vorher wusste: Das wird keine Liebesheirat, maximal eine Vernunfts- und wohl noch eher eine Pflichtehe. Denn nach der Absage der SPD an eine erneute Regierungsbeteiligung blieben sonst nur Neuwahlen. Und die wollen die Jamaikaner noch weniger.

Es fehlt eine klare Botschaft

Bei manchen in den Reihen der mehr als 50 Unterhändler von CDU, CSU, FDP und Grünen wachsen dennoch längst Zweifel, ob die Gemeinsamkeiten überhaupt für ein Zweckbündnis reichen. Wenn man weitermache wie im ersten Sondierungsdurchgang, werde man niemals rechtzeitig fertig, sagen manche am Rande der Gespräche in der noblen Parlamentarischen Gesellschaft am Reichstagsgebäude. Es fehle bisher eine Botschaft, mit der Schwarz-Gelb-Grün die eigenen Wähler ansprechen könne – und auch die Verunsicherten und Verärgerten von der AfD bis Pegida.

„Ich bin nach wie vor optimistisch, dass sich die Parteien auf eine Koalition einigen werden“, sagt hingegen Uwe Jun, Politikwissenschaftler an der Universität Trier, gegenüber dem Greenpeace Magazin. „Derzeit laufen erst die Sondierungsgespräche. Das Wesen solcher Gespräche ist es, Grenzen auszutesten“, sagt er. Jede Partei versuche dabei, ihre Position deutlich zu markieren, um Stärke zu demonstrieren. Besonders die Grünen vesuchten derzeit, ihre Maximalforderungen durchzusetzen. „Sie machen das, um die grüne Basis einzufangen“, sagt Jun. „Die könnte sonst ihr Veto bei einer möglichen Koalition einlegen.“

Am 25. November soll auf einem Grünen-Parteitag entschieden werden, ob überhaupt formelle Koalitionsverhandlungen aufgenommen werden. Der Parteitag gilt derzeit als größte Hürde auf dem Weg zur Jamaika-Koalition. Er ist auch der Grund, warum überhaupt Arbeitspapiere aus den Sondierungsgesprächen hervorgehen. „Das gab es bislang noch nie“, sagt Politikwissenschaftler Jun. „Die Papiere werden derzeit auf ausdrücklichen Wunsch der Grünen erstellt, um diese der grünen Basis zur Abstimmung vorzulegen.“

„Entscheidend ist derzeit, Vertrauen aufzubauen“

Doch besonders bei den grünen Kernthemen hakt es. Erst nach heftigen Streitereien hatten sich CDU, CSU, FDP und Grüne zu den deutschen und internationalen Klimazielen für 2020, 2030 und 2050 bekannt. Wie diese Ziele erreicht werden sollen, ist aber offen. Am Donnerstag wurden, wie nicht zuletzt das Wortgefecht zwischen Scheuer und Habeck zeigte, auch große Differenzen beim Thema Landwirtschaft deutlich. Die Parteien rangen sich zu einer gemeinsamen Erklärung durch, dass die wirtschaftlichen Interessen der Landwirte besser in Einklang mit dem Klima-, Boden- und Gewässerschutz gebracht werden sollen. Die genauen Instrumente sind offen. Die Kosten dürften aber nicht einseitig zu Lasten der Bauern gehen, heißt es. Und: Grundsätzlich sollen weniger Chemikalien zum Einsatz kommen. Eindeutige Kompromisse sehen anders aus.

Hoffnung durch Bildung

Der politische Geschäftsführer von Bündnis 90/Die Grünen, Michael Kellner, FDP-Generalsekretärin Nicola Beer, CDU-Generalsekretär Peter Tauber und CSU-Generalsekretär Andreas Scheuer (von links) treten während einer Verhandlungspause vor die Medien. Foto: Maurizio Gambarini/dpa

Konkrete Ergebnisse seien im aktuellen Stadium auch nicht wichtig, sagt Politikwissenschaftler Jun. „Bei den Sondierungsgesprächen geht es darum, Möglichkeiten und Grenzen der Einigung aufzuzeigen“, sagt er. „Anders ist es bei den tatsächlichen Koalitionsgesprächen. Hier stehen Kompromiss und Konsens stärker im Vordergrund.“

Entscheidend sei derzeit vielmehr, Vertrauen zwischen den möglichen Partnern aufzubauen. Das könnten jedoch die Grünen aufs Spiel setzen. „Ich beobachte, dass sich besonders die Grünen nach den Gesprächen vorschnell in den Medien äußern. Daraufhin ist der Frust der anderen groß“, sagt Jun. „Es ist aber nicht die Zeit, um medial groß aufzutreten. Es wäre sinnvoll, sich zurückzunehmen, um Vertrauen aufzubauen.“

Als kleinster Verhandlunsgpartner müssten die Grünen am meisten auf die anderen zugehen. „Das bedeutet auch, dass sie womöglich bei ihren Kernforderungen einige Punkte ausklammern müssen – zum Beispiel ein konkretes Ausstiegsdatum bei der Kohle oder beim Verbrennungsmotor“, sagt Jun. Sie sollten sich von der Idee der großen Trendwenden verabschieden.

Viel wird in den nächsten Wochen von Bundeskanzlerin Angela Merkel, CSU-Chef Horst Seehofer, dem FDP-Vorsitzenden Christian Lindner sowie den Grünen-Verhandlungsführern Katrin Göring-Eckardt und Cem Özdemir abhängen. Mehrmals sind sie schon zu Geheimtreffen zusammengekommen, etwa um darüber zu beraten, wie die größten Hürden in der Zuwanderungs-, Klima- oder Agrarpolitik aus dem Weg geräumt werden könnten.

„Bei den Koalitionsgesprächen müssen alle Beteiligten mehr Kompromissbereitschaft zeigen, als es derzeit der Fall zu sein scheint“, sagt Jun. „Hier geht es um Geben und Nehmen.“

lad, dpa

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UN-Klimakonferenz COP2303.Nov 2017

Worum es diesmal geht: Fünf Antworten zum Weltklimagipfel in Bonn

Am Montag startet die 23. UN-Klimakonferenz in Bonn. Über was zwei Jahre nach Paris verhandelt wird, fassen wir für Sie zusammen.

Zwei Wochen lang treffen sich Politiker in Bonn, um das Pariser Klimaabkommen mit Leben zu füllen. Wir begleiten die Konferenz auf unserer Webseite mit Hintergrundgeschichten und Interviews. Und liefern Antworten auf die spannendsten Fragen rund um das wichtige Treffen. 

1. Wie steht es um das weltweite Klima, wenn nächste Woche die COP beginnt?

Zuerst die gute Nachricht: Die CO2-Emissionen aus fossilen Energiequellen stagnieren weltweit seit dem Jahr 2014. Das liegt vor allem daran, dass die größten Klimasünder USA und China weniger Giftstoffe in die Luft blasen.

Doch die schlechte Nachricht ist leider die schwerwiegendere: Nach neusten Angaben der UN-Weltorganisation für Meteorologie (WMO) hat sich die Konzentration des Treibhausgases weltweit im letzten Jahr so schnell erhöht wie noch nie. Deshalb schlagen die Wissenschaftler jetzt Alarm. Um die Erderwärmung bis Ende des Jahrhunderts unter zwei Grad zu halten – das große Ziel des Pariser Abkommens –, muss der weltweite CO2-Ausstoß bis dahin bei unter 760 Gigatonnen liegen. Bislang haben die Staats- und Regierungschefs jedoch lediglich Zusagen gemacht, die dazu führen würden, dass sich die Erde sogar um etwa drei Grad erwärmt.

Auch der einstige Klima-Musterschüler Deutschland schwächelt. Ann-Kathrin Schneider, Leiterin der internationalen Klimapolitik bei der Nichtregierungsorganisation BUND, warnt, dass Deutschland kein eindeutiges Ziel zur CO2-Einsparung genannt hat, sondern nur einen Korridor von 80 bis 95 Prozent weniger Ausstoß bis zum Jahr 2050. Christoph Bals, Geschäftsführer der NGO Germanwatch, sagt: „Deutschland ist nicht auf der Zielerreichungslinie.“ Fazit: Die selbst gesteckten Klimaziele erreicht die Regierung mit den bisherigen Zusagen nicht. Das Land belegt im Register der internationalen Klimasünder sogar Platz sechs.

2. Was hat sich Fidschi als Gastgeberland der COP für ein Ziel gesetzt?

Zum ersten Mal ist mit Fidschi ein Land, das heute schon massiv die Auswirkungen des Klimawandels spürt, Gastgeber der COP. Weil aber der Inselstaat zu klein ist, um eine solche Konferenz auszurichten, findet sie am Sitz des Sekretariats der UN-Klimarahmenkonvention (UNFCCC) statt – in Bonn. Das pazifische Archipel ist vom Anstieg des Meeresspiegels selbst stark betroffen und ist Teil einer Koalition von Staaten – dem sogenannten Climate Vulnerable Forum –, die ein Maximum von 1,5 Grad Erderwärmung fordern. Sabine Minninger vom Hilfswerk der evangelischen Kirche Brot für die Welt hat vor kurzem Fidschi besucht und warnt: „Nicht alles ist finanziell wieder herzustellen. Es gehen Identitäten, Sprache, Kultur und Bräuche verloren.“

Nazhat Shameem Khan, Chefunterhändlerin von Fidschi bei der COP, erklärt im Interview in der aktuellen Ausgabe des Greenpeace Magazins, wie ihre Strategie für die Verhandlungsführung aussieht, die mit der Talanoa-Tradition aus ihrer Heimat zusammenhängt: „Es geht darum, Geschichten zu erzählen und dadurch Vertrauen und Empathie aufzubauen.“ Das sei besonders wichtig für den Dialog zwischen Entwicklungsländern und Industriestaaten. Sie appelliert: „Wir müssen mehr reden und zuhören, um Vertrauen und Verständnis aufzubauen.“ Es sei wichtig, keine voreiligen Schuldzuweisungen zu treffen, sondern zu diskutieren, ohne mit dem Finger auf jemanden zu zeigen und ohne anzuklagen. „Denn wir haben riesige Probleme auf unserem Planeten, für die wir Lösungen finden müssen, mit denen alle leben können“, sagt Nazhat Shameem Khan.

3. Was wird auf der Klimakonferenz verhandelt?

Nachdem bei der Konferenz in Frankreich 2015 mit der Unterzeichnung des Pariser Abkommens der politische Durchbruch gelungen ist, geht es dieses Jahr bei der COP um die konkrete Umsetzung des Klimaabkommens. Und das ist kleinteilig. Hauptziel ist es, ein erstes Regelbuch zu erarbeiten, das die in Paris beschlossenen Eckpunkte zum Klimaschutz mit Leben füllt. Hierbei soll es um konkrete Maßnahmen gehen, die zur Erreichung der Klimaziele nötig sind. Die Teilnehmerstaaten der COP planen, das Regelwerk anschließend bei der nächsten UN-Klimakonferenz 2018 im polnischen Kattowitz zu verabschieden.

Ein Beispiel für einen dieser Eckpunkte ist die Transparenz: Die Staaten wollen in Bonn festlegen, nach welchen Methoden der geleistete Klimaschutz gemessen wird. „Das ist besonders wichtig, da das Pariser Abkommen recht vage formuliert ist“, unterstreicht Jan Kowalzig, Klimaexperte der NGO Oxfam. Nur mit solchen unabhängig erhobenen Daten können alle Länder untereinander ihre Bemühungen vergleichen.        

Ein zweiter wichtiger Punkt, der in Bonn verhandelt wird: Die Beteiligung der Industrieländer an den Kosten des Klimawandels, an Schäden nach Extremwetterereignissen, für den Wiederaufbau oder für die Umsiedlung von durch Überflutungen bedrohte Dörfer. So muss geregelt werden, in welcher Höhe und von wem besonders stark getroffene Entwicklungsländer mit Kompensationszahlungen entschädigt werden. 

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Bei der UN-Klimakonferenz in Bonn kommen ab Montag für zwei Wochen über 25.000 Delegationsmitglieder, Politiker, Unternehmen, NGOs und Journalisten zusammen. Foto: picture alliance/Ulrich Baumgarten

4. Was ist die Hauptgefahr auf der Klimakonferenz?

Die größte Gefahr ist, dass das Regelbuch nicht rechtzeitig fertig wird. Bei einer Zwischenkonferenz im Mai haben Vertreter der einzelnen Staaten nur nationale Positionen ausgetauscht, so Kowalzig. „Bislang sind weder Struktur noch Headlines vorhanden“, sagt er. „Die Zeit könnte den Staaten davonlaufen.“

Dabei ist der Zeitplan eng getaktet: Bei der nächsten Klimakonferenz in Kattowitz wollen die Staaten das Regelwerk unterzeichnen. In der Vergangenheit ist bereits die Klimakonferenz 2010 in Den Haag an konkreten Zielen für den Klimaschutz gescheitert. Damals ging es um die Umsetzung des Klimaschutzprotokolls von Kyoto. Die Konferenz sollte eigentlich den Weg für seine Ratifizierung ebnen. Doch besonders die USA haben konkrete Festlegungen damals verhindert, da sie sich nicht auf nationale Energiesparprogramme festlegen wollten.

5. Welche Rolle werden die USA bei dieser Klimakonferenz spielen?

In Bonn treffen sich die Staats- und Regierungschefs nun zum ersten Mal wieder, nachdem US-Präsident Donald Trump im Sommer das Pariser Klimaabkommen aufgekündigt hatte. Da der Ausstieg der USA aber erst 2019 rechtskräftig wird, kann die US-Delegation so lange noch mitverhandeln. Niemand kann vorraussehen, wie sich die USA auf dem Treffen verhalten werden. Christoph Bals glaubt, dass die Delegation die Verhandlungen nicht blockieren werde. „Ich denke, sie werden eine Low-Profile-Position einnehmen“, sagt er. Er unterstreicht jedoch auch: „Ein Quäntchen Unsicherheit schwingt mit, in Regierungskreisen und auf NGO-Ebene muss man sich auf Szenarien vorbereiten, in denen es anders läuft.“ Zumindest beim G20-Treffen diesen Sommer in Hamburg hat sich keiner der übrigen Staaten vom Pariser Klimaabkommen abgewandt. Bals wertet das als gutes Zeichen für die kommenden Verhandlungen in Bonn.   

Hanna Gieffers

Lesen Sie aus dem aktuellen Greenpeace Magazin zum Thema Klima das ganze Interview mit Nazhat Shameem Khan, Chefunterhändlerin des Gastgeberlandes Fidschi. Sie erklärt, wie die Verhandlungsstrategie des Pazifikstaates aussieht. 

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Klimawandel27.Okt 2017

Fünf Jahre nach „Sandy“: New York versucht sich gegen Hochwasser zu schützen

Vor genau fünf Jahren wütete der Wirbelsturm „Sandy“ in New York. Damals erlebte die Stadt, was der Science-Fiction-Autor Kim Stanley Robinson in seinem neuen Roman „New York 2140“ für die US-Metropole voraussieht, wenn der Klimawandel den Meeresspiegel ansteigen lässt. Einen Auszug aus dem Buch lesen Sie in der aktuellen Ausgabe des Greenpeace Magazin.

Alles schien zusammenzukommen an jenem Montag im Oktober 2012. Ein Wintersturm aus dem Norden, eine Vollmond-Flut und Hurrikan „Sandy“, der zuvor schon über der Karibik gewütet hatte, trafen sich an der US-Ostküste und stürzten die Millionenmetropole New York in eine Naturkatastrophe: Mehr als 40 Menschen starben, dutzende wurden verletzt, zwei Millionen Einwohner der Metropole mussten tagelang ohne Strom auskommen. Der Sturm verursachte Schäden in Milliardenhöhe – von denen einige auch zum fünften Jahrestag an diesem Sonntag immer noch zu sehen sind.

„Sandy“ sei die schlimmste Naturkatastrophe in der Geschichte der Stadt gewesen, sagt Dan Zarrilli, der in der Stadtverwaltung für New Yorks Widerstandsfähigkeit zuständig ist. „Chief Resilience Officer“ lautet sein offizieller Titel. Der Hurrikan sei ein „wegweisender Moment“ gewesen, der wunde Punkte der Millionenmetropole deutlich gemacht habe. Stürme und ansteigende Meeresspiegel infolge des Klimawandels stünden seitdem besonders auf dem Radar der Stadtverwaltung.

Es sei schon viel geschehen seit „Sandy“, sagt Zarrilli, 200.000 Häuser wurden beispielsweise höhergelegt. Außerdem finanzieren Stadt und Land Leuchtturm-Projekte: den Boardwalk am Strand der Halbinsel Rockaway beispielsweise, den „Sandy“ fast komplett wegriss. Der Boardwalk steht inzwischen wieder, stabiler als zuvor, dazu Dünen und andere Befestigungsmaßnahmen. „Wir wollen sicherstellen, dass wir das Geld nutzen, um eine bessere, widerstandsfähigere Stadt zu bauen“, sagt Zarrilli.

Überflutungen nach Storm Snady in New York Manhattan

Ein überflutete Straße in Battery Park, Manhattan. Hurrikan Sandy verursachte vor fünf Jahren Schäden in Milliardenhöhe, mehrere Millionen Einwohner von Manhattan hatten keinen Strom mehr. Foto: picture alliance/dpa

New York schlägt damit einen Weg ein, der in Zukunft für viele Städte in Küstengegenden nötig werden könnte. Was Städten wir New York drohen könnte, wenn sie den Schutz vor dem steigenden Meeresspiegel vernachlässigen, das zeigt eine wachsenden Zahl von Climate-Fiction-Büchern. Kim Stanley Robinson beispielsweise entwirft in seinem neuen Roman „New York 2140“ das Bild einer vom Klimawandel und dem damit verbundenen Anstieg des Meeresspiegels geprägten Stadt. Die Straßen in weiten Teilen Manhattans stehen permanent unter Wasser, aufwendig werden die Wolkenkratzer gegen die Fluten verteidigt, auf fast allen Dächern gibt es Nutzgärten zur Selbstversorgung.

Für kurze Zeit war dieses Szenario vor fünf Jahren bereits Realität – und es hat besonders die Bewohner der niedrig liegenden Gebiete im Süden Manhattans geprägt. Viele Aktivisten und Politiker bemängeln trotz der Flutschutz-Fortschritte in einigen Bereichen seit „Sandy“, dass das alles noch nicht ausreiche. „Fünf Jahre sind vergangen und es gibt keinen Plan für den Süden Manhattans“, sagte die frühere Kommunalpolitikerin Catherine McVay Hughes der „New York Times“. „Es gibt noch so viel zu tun.“

Auch Jordan Salinger von der New Yorker Stadtverwaltung ist sich der Dringlichkeit bewusst: „Die Menschen sehen, was in Puerto Rico passiert, in Florida oder in Texas und sie sehen, dass es dringend ist. Jeden Tag bekommen wir deswegen Anrufe.“ Die Stadt müsse widerstandsfähiger werden und dabei dürfe nicht nur an Hurrikans gedacht werden, sondern an Probleme, Naturkatastrophen und Desaster aller Art, betont Michael Berkowitz vom Projekt „100 Resilient Cities“ der Rockefeller-Stiftung. „Das nächste große Ding, was in New York passieren wird, wird eben nicht die nächste „Sandy“ sein – und genau darum geht es bei der Widerstandsfähigkeit.“   

dpa/bh

Lesen Sie einen Auszug aus dem aktuellen Roman von Kim Stanley Robinson im aktuellen Greenpeace Magazin. Kim Stanley Robinson: New York 2140. Heyne Verlag, 752 Seiten,16,99 Euro. Aus dem Amerikanischen von Jakob Schmidt, erscheint am 9. Januar 2018.

Bitte bestellen Sie hier die gedruckte Ausgabe. Sie können das Greenpeace Magazin auch auf Ihrem Tablet und Smartphone lesen. Alle Vorteile finden Sie hier.

 

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