Berlinale13.Feb 2019

So grün ist der rote Teppich

So grün ist der rote Teppich

Die Berlinale gilt als besonders politisches Filmfestival und nimmt Umweltschutz ernst – sowohl auf wie auch vor der Leinwand. Dennoch haben viele der im aktuellen Programm laufenden Filmen eine explizit positive Botschaft, das große Thema ist nicht Dystopie, sondern Hoffnung.

Mit dem Geld der Tabakmanager könnte Trywell Kamkwamba seine Familie erstmal satt bekommen. Und ist es nicht das, worum es geht? Lohnt es sich dafür nicht, ein paar Bäume zu opfern? Die großen Tabakplantagen brauchen Land, immer mehr, und die kleinen Getreidebauern des Dorfes Masitala in der südostafrikanischen Republik Malawi können das bieten – wenn sie ihre Wälder roden. Die Bäume sind zum Schutz da, vor den Fluten in der Regensaison, vor der Erosion in der Trockenheit. Und dieser Schutz ist eigentlich bitter nötig, denn die Felder werfen schon jetzt nicht viel ab. Der Dorfälteste warnt, doch fast niemand will hören. Die meisten wollen verkaufen. Trywell ist dagegen, er befürchtet das Schlimmste. Doch es kommt schlimmer.

Der Film „The Boy Who Harnessed the Wind“ des britischen Regisseurs Chiwetel Ejiofors erlebte am Dienstag auf dem alljährlich in Berlin stattfinden Filmfestival Berlinale seine Europapremiere und beschreibt eine humanitäre und ökologische Katastrophe beispiellosen Ausmaßes. Niemand weiß, wie viele Menschen in Malawi am Anfang dieses Jahrtausends verhungert sind, wahrscheinlich waren es Tausende. Der Grund: Zu viele Wälder wurden zu Wüsten gemacht.

Der vor allem als Schauspieler bekannte Ejiofor („12 Years a Slave“) erzählt diese Geschichte aus Sicht der Farmersfamilie Kamkwamba: Trywell und Agnes, die alles zusammensparen, um ihren Kindern Annie und William eine richtige Bildung zu ermöglichen, ihnen aber irgendwann nicht mal mehr als eine Mahlzeit am Tag garantieren können. Es ist eine Geschichte von Verzicht und Verderben. In erster Linie aber, und das ist der Punkt, ist es die Geschichte eines Triumphes.

Filmszene „The Boy Who Harnessed the Wind"

Der Film „The Boy Who Harnessed the Wind“ läuft im aktuellen Berlinale-Programm und erzählt von den Hoffnungsschimmern, die sich mitten in einer humanitären wie ökologischen Katastrophe zeigen. Foto: Ilze Kitshoff / Netflix

Denn in „The Boy Who Harnessed the Wind“, nach dem autobiografischen Bestseller von William Kamkwambe, steht die Hoffnung immer über dem Elend. Trywells Sohn William will eine Windmühle bauen, um damit Strom für eine Wasserpumpe zu gewinnen, eigenhändig und mit einem Know-How, das er sich in alten Schulbüchern zusammen gelesenen hat. Niemand glaubt, dass er es schafft. Abgesehen vom Publikum. Denn von der ersten Sekunde an ist dieser Film von der Überzeugung durchdrungen, dass es sich zu kämpfen lohnt, auch wenn die Lage aussichtslos scheint.

Damit passt der Film – der in Deutschland ab dem 1. März zu sehen ist, die Rechte hat sich der Streaming-Anbieter Netflix gesichert – in den Geist, den die Berlinale auch sonst aus umweltpolitischer Sicht verbreitet. Während sich das offizielle Wettbewerbsprogramm in diesem Jahr vor allem den Themen Geschlechter- und Klassenungleichheit widmet, kreisen viele Filme der anderen Sektionen um die Frage, wie wir mit unserem Planeten umgehen. Auffallend oft kommen sie zum Schluss, dass es noch nicht zu spät ist, so lange endlich gehandelt wird.

Das gilt sowohl auf wie auch vor der Leinwand. Der chronisch gut gelaunte Festivalleiter Dieter Kosslick betont in seinem letzten Jahr als Chef oft und gern, dass die roten Teppiche komplett aus Nylonabfällen recycelt wurden. Stars wie Juliette Binoche und Andie MacDowell schreiten im Grunde auf alten Fischereinetzen an den Fotografen und Fans vorbei. Im offiziellen Berlinale-Shop gibt es Taschen zu kaufen, die aus den Kinobannern des Vorjahres gefertigt sind. Seit zwei Jahren versucht man mit einem Pfandsystem die Herrschaft der Papp- und Plastikbecher zu brechen. Strohhalme sind nicht offiziell verboten, aber mindestens verpönt. Die Botschaft, ganz offensichtlich: Wenn wir was tun, könnt ihr es auch.

Juliette Binoche bei Berlinale 2019

Berlinale goes Nachhaltigkeit: Alte Kinobanner werden zu Taschen umgenäht, Pfandsysteme für Becher eingeführt und sogar die roten Teppiche, über die Stars wie Juliette Binoche schweben, sind aus recycelten Nylonabfällen hergestellt. Foto: picture alliance/Bernd von Jutrczenka/dpa

Ähnliches versucht auch der Dokumentarfilm „2040“ von Damon Gameau aus der Berlinale-Sektion Generation zu vermitteln: Nachdem der australische Filmemacher in seiner letzten Dokumentation „Voll verzuckert“ noch die üblen Folgen übermäßigen Zuckerkonsums beschrieben hat, versucht er in einem filmischen Brief an seine vierjährige Tochter nun zu ergründen, wie die Welt vielleicht doch noch zu retten ist – wenn wir eben jetzt damit anfangen.

Bemerkenswert daran ist vor allem, wie hartnäckig optimistisch „2040“ dabei bleibt, ohne den Ernst der Lage zu verharmlosen. Denn laut Gameau – und seinem Team von Visionären aus Forschung Wirtschaft und Politik – sind alle Mittel vorhanden, genau jetzt die Welt nachhaltig zu verändern. Der Film zeigt, wie schön die Erde in zwanzig Jahren aussehen könnte, wenn die Menschheit jetzt damit anfinge, die Städte grüner machen, die Gewässer vom Plastikmüll zu befreien, Quellen von erneuerbarer Energie zu erschließen und vor allem: zusammen an eine bessere Zukunft zu glauben.

An die Kraft der politischen Utopie glaubt auch der Film „Chão" von Camila Freitas aus der experimentalfilm-freundlichen Forum-Sektion: Über vier Jahre lang dokumentierte die Regisseurin den Kampf von landlosen Arbeiterinnen und Arbeitern in Brasilien, die eine alte Zuckerrohrfabrik besetzen und eine Umverteilung des Landes fordern. Es ist ein harter Kampf gegen unüberwindbar scheinende Gegner – gerade erst hat Brasiliens neuer Präsident Bolsonaro die Landlosen zu Feinden der Nation erklärt. Doch die Arbeiterschaft weigert sich beharrlich, die Hoffnung aufzugeben.

Doch natürlich gibt es sie auch auf der diesjährigen Berlinale, die Schreckensvisionen einer abgewirtschafteten Erde am Abgrund: Nikolaus Geyrhalters viel beachteter Dokumentarfilm „Erde“, ebenfalls aus der Forum-Reihe, zeigt in mehreren verstörend ruhigen Episoden, was von der Welt übrig bleiben kann, nachdem sie sich der Mensch Untertan gemacht hat: italienische Berge, die für den Marmorbau von innen zersägt werden, vergiftete Fracking-Landschaften in Kanada, das löchrige Atommüllager Asse in Niedersachsen. Große, schrecklich-schöne Bilder, die einem den Atem und manchmal den Glauben an die Zukunft nehmen. Ähnliches dürfte auch Jennifer Baichwals mit Spannung erwarteter Dokumentarfilm „Anthropocene“ bereit halten. Die Kanadierin und ihre Co-Regisseure Edward Burtynsky und Nick de Pencier dokumentieren seit vielen Jahren filmisch, was die Bewirtschaftung durch den Menschen für Auswirkungen auf Grund und Boden haben. Viele positive Seiten sind ihnen dabei noch nicht untergekommen.

Libby Hakaraias Film Vai

Im Episodenfilm „Vai“ aus der Native-Sektion der Berlinale geht es um Menschen, denen der Respekt vor der Natur heilig ist. Foto: New Zealand Film Commission

Wie man angesichts der drohenden Apokalypse die Hoffnung nicht aufgibt, weiß indes die neuseeländische Filmemacherin Libby Hakaraia zu erzählen. Sie arbeitet für die Sektion Native, die in diesem Jahr Filme von den Pazifikinseln in den Fokus rückt, etwa aus Tonga, Fiji, Vanuatu oder den Salomonen. „Für die Menschen dort ist der drohende Untergang buchstäblich jeden Tag sichtbar“, sagt sie. „Die steigenden Meeresspiegel sind eine reale Bedrohung.“ Deswegen seien die Filmemacher dort umso kämpferischer, was Filme wie „Vai“ zeigten, die keine direkte Anklage gegen den Raubbau an der Umwelt darstellten, aber Menschen zeigten, denen der Respekt vor der Natur heilig sei.

„Wir glauben fest daran, dass diese Welt zu retten ist“, sagt Hakaraia. „Alle können ihren Beitrag leisten, egal wo auf der Welt.“ Dass die Berlinale sich so nachhaltig präsentiere, halte sie daher für einen kleinen, aber wichtigen Schritt. Sie sei allerdings jedes Mal kurz davor, die Fassung zu verlieren, wenn ihr jemand in Berlin einen Plastikstrohhalm in den Pfandbecher stecke.

Daniel Sander

Aufmacherbild: dpa

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