IPCC-Bericht25.Sep 2019

Weltklimarat: Im Meer ist die Klimakrise längst sichtbar

Weltklimarat: Im Meer ist die Klimakrise längst sichtbar

Am Mittwoch stellte der Weltklimarat in Monaco den „Sonderbericht über den Ozean und die Kryosphäre in einem sich wandelnden Klima“ vor. Darin zeichnet er beunruhigende Szenarien auf, sollte die Weltgemeinschaft nicht bald ihre Emissionen reduzieren. Wir sprachen Antje Boetius, Direktorin des Alfred-Wegener-Instituts für Polar- und Meeresforschung, über die Veränderungen unter Wasser und im nicht mehr ewigen Eis

Der Meeresspiegel steigt, das Wasser erwärmt sich und übersäuert, die Gletscher schmelzen, das Wetter wird extremer – und alles geht schneller, als wir bislang vermutet haben. So lässt sich der Mittwoch vom Weltklimarat vorgestellte „Sonderbericht über den Ozean und die Kryosphäre in einem sich wandelnden Klima“ in Kürze zusammenfassen (Unter Kyrosphäre versteht man die vereisten Schichten). Über hundert Wissenschaftler haben sich für den Bericht jahrelang durch rund 7000 Studien durchgearbeitet und so den aktuellen Forschungstand ermittelt. Die endgültige Version wurde schließlich in einer mehrtägigen Sitzung zwischen den Wissenschaftlern und internationalen Regierungsvertretern ausgehandelt. Zu den einzelnen Punkten:

Steigender Meeresspiegel

Bis heute stieg der Meeresspiegel durch vom Menschen verursachte Treibhausgase bereits um 16 Zentimeter, allein zwischen 2006 und 2015 um knapp vier Millimeter pro Jahr. Geht man von weiterhin hohen CO2-Emissionen aus, wird sich der Anstieg weiter beschleunigen. Im Jahr 2100 würde das Meer dann 15 Millimeter pro Jahr steigen – mehr als zehnmal so schnell wie im Durchschnitt des vergangenen Jahrhunderts. Für das Ende dieses Jahrhunderts prognostizieren die Forscher einen Meeresspiegel, der zwischen 84 bis 110 Zentimeter höher liegt als heute.

In seinem fünften Sachstandsbericht rechnete der Weltklimarat noch mit zehn Zentimetern weniger. Doch mittlerweile gehen die Wissenschaftler davon aus, dass der Antarktische Eisschild schneller schmilzt als bislang prognostiziert. Aber nicht nur das abschmelzende Eis lässt den Meeresspiegel steigen: Die Erwärmung der Atmosphäre heizt auch die Meere selbst auf und das wärmere Wasser dehnt sich aus. Ohne Emissionsreduktionen wird der Pegel bis zum Jahr 2300 immer schneller steigen. Und zwar um bis zu 5,4 Meter, warnen die Forscher. Ringt sich die internationale Staatengemeinschaft aber zu schnellen Reduktionen beim Ausstoß von Treibhausgasen durch, ließe sich der Meeresspiegelanstieg schon innerhalb dieses Jahrhunderts um die Hälfte drosseln.

Egal wie drastisch die Maßnahmen zur Minderung der Erderwärmung sein werden, aufzuhalten sind die Folgen längst nicht mehr. Detlef Stammer, Direktor des Centrums für Erdsystemforschung und Nachhaltigkeit der Universität Hamburg und Leiter des Weltklimaforschungsprogramms, warnte bereits vor Erscheinen des Sonderberichts: „Es ist wichtig zu wissen, dass der Meeresspiegel selbst nach dem Stopp der Erderwärmung für mehrere Jahrhunderte weiter steigen wird, was an der Trägheit des Klimasystems liegt. Unser heutiges Handeln hat also sogar weit in der Zukunft noch Folgen.“ Millionen Menschen werden das zu spüren bekommen, besonders an sogenannten Hotspots wie den Tropen oder an der Ostküste der USA, an denen das Wasser stärker steigt als im globalen Durchschnitt. Welche Teile Deutschlands bei einem Meter Meeresspiegelanstieg unter Wasser lägen – sollten keine Dämme erhöht werden – zeigt diese Karte Karte.

Schmelzendes Eis

Bis zum Ende dieses Jahrhunderts werden die Gletscher weltweit durchschnittlich um ein Drittel schrumpfen, wenn die Emissionen nicht gesenkt werden. Viele Gletscher würden sogar vollständig verschwinden. Ihr Verlust dürfte weitreichende Folgen für die Wasserversorgung in den Regionen haben – auch für die Alpenanrainer wie Deutschland. Die Alpen speisen den Rhein mit einem Drittel seines jährlichen Wasservolumens. Versiegt diese Quelle, kann das zu Wasserknappheit führen und auch die Schifffahrt erheblich einschränken.

Steigen die Temperaturen weiter, brächten sie die Antarktis an einen gefährlichen Kipp-Punkt. Die Eismassen werden instabil und fließen ins Meer, ein sehr komplexer Prozess, bei dem Vorhersagen über den konkreten Zeitpunkt schwer zu treffen sind. Klar ist aber: Sollte es dazu kommen, könnte der Meeresspiegel um bis zu drei Meter steigen. Zwischen 2006 und 2015 verlor die Antarktis bereits 155 Gigatonnen – pro Jahr. Noch schneller schmilzt das Eisschild Grönlands, weil die Temperaturen dort doppelt so stark zunehmen.

Gleichzeitig taut an Land der Permafrost. Das befeuert die globale Erwärmung zusätzlich, denn in ihm sind große Mengen Methan und Kohlendioxid gespeichert. Taut er, gelangen die Treibhausgase in die Atmosphäre.

Wärmeres Wasser

Nicht nur die Luft wird wärmer, sondern auch das Wasser. Schon jetzt, da die globalen Temperaturen um ein Grad im Vergleich zur vorindustriellen Zeit gestiegen sind, hat das Folgen: „Der Ozean ist wärmer, säurehaltiger und weniger produktiv“, schreibt der Weltklimarat. 84 bis 90 Prozent aller Hitzewellen in den Ozeanen führen die Klimaforscher auf die globale Erwärmung zurück. Für die Meeresbewohner hat das fatale Folgen: Ihr Bestand könnte sich ohne Senkung der Emissionen bis zum Ende des Jahrhunderts um 15 Prozent reduzieren. Das liegt daran, dass sich durch die wärmeren Temperaturen der pH-Wert senkt – ohne Emissionsreduktion um 0,3 Punkte bis 2100, der Säuregehalt würde dann um rund 150 Prozent ansteigen. Seit den achtziger Jahren haben die Weltmeere zwanzig bis dreißig Prozent der vom Menschen verursachten CO2-Emissionen aufgenommen, was ebenfalls zur Versauerung beigetragen hat. Eine weitere Folge der Erwärmung: Die oberen Ozeanschichten verlieren massiv an Sauerstoff. Besonders hart treffen die Veränderungen unter Wasser die Korallen: Die Hitzewellen verursachen schon jetzt eine großflächige Korallenbleiche. Selbst bei einer Erwärmung um nur 1,5 Grad wird ein Großteil von ihnen absterben.

Extremeres Wetter

Wirbelstürme ziehen ihre Energie aus der Temperatur des Ozeans. Je wärmer er ist, desto stärker kann der Sturm werden. Das zeigt sich schon heute. Vor kurzem erst wütete Hurrikan Dorian. Damit wurde erstmals seit Beginn der Satellitenaufzeichnungen vier Jahre in Folge ein Sturm der Stärke fünf im Atlantik verzeichnet. Durch den steigenden Meeresspiegel werden Sturmfluten stärker und zerstörerischer. Die Wetterphänomene El Niño und La Niña, die weltweit Dürren und Starkregen zur Folge haben, werden häufiger auftreten, weil sie durch ungewöhnlich hohe Oberflächentemperaturen im Pazifischen Ozean begünstigt werden. Außerdem wird sich das Netz der Meeresströmungen verändern, das könnte zu häufigeren Stürmen in Nordeuropa und weniger Niederschlägen in der Sahelzone und in Südasien führen.

Wo lassen sich die Veränderungen schon beobachten, vor denen der Weltklimarat warnt? Und was bedeuten sie für das ökologische Gleichgewicht und für uns selbst? Wir sprachen mit Antje Boetius, der Direktorin des Alfred-Wegener-Instituts für Polar- und Meeresforschung:

Ihre Expeditionen führten Sie bereits viele Male unter die Meeresoberflächeund an die Polarregionen. Welche Veränderungen beobachten Sie dort schon jetzt?

Im Arktischen Ozean ist vor allem der schnelle Rückgang des Meereises auffällig. Der Meereisschwund wirkt sich nicht nur auf physikalische Prozesse aus wie die Reflektion von Sonnenlicht, sondern bringt auch eine Veränderung des Lebensraums und des Nahrungsnetzes vieler arktischer Arten mit sich. Und nicht zuletzt wirkt der Meereis-Rückgang auch auf den Zugang zur Arktis. So konnten wir in all diesen Bereichen in den letzten Jahren erhebliche Veränderungen beobachten, die bis hinunter in die Tiefsee wirken.

Die Veränderungen im Meer haben ernste Auswirkungen für uns Menschen, aber auch für die Meeresbewohner selbst. Die Tiefsee ist der größte Teil des belebten Raums der Erde, über den wir noch immer sehr wenig wissen. Wie gefährlich ist es, ihn aus dem Gleichgewicht zu bringen?

Der aktuelle Bericht zu den Ozeanen und der Kryosphäre zeigt wie die Veränderungen einerseits zu Bedrohungen von Arten führen, andererseits aber auch von vielen Menschen, deren Lebensgrundlage das Meer, die Küsten und Polarregionen sind. Die Tiefsee scheint da weit weg, aber auch hier können wir eine direkte Wechselwirkung mit den schnellen Kreisläufen der Oberfläche feststellen. Für gefährlich halte ich, dassimmer klarer wird dass die Folgen des Klimawandels von künftigen Generationen auszubaden sind und dass einige Veränderungen dann nicht umkehrbar sind, wie bei dem Verlust von Arten und Naturraum.

Die Autoren des Sonderberichts rufen dringlich zu drastischen Emissionsreduktionen auf, um das Schlimmste abzuwenden. Auf wem ruhen Ihre Hoffnungen?

Ich hoffe, dass der Wissenschaft wie auch der weltweiten Bewegung für Klima- und Umweltschutz zugehört wird, damitjetzt die richtigen Schritte getan werdenumdie Klimaziele zu erreichen. Das Verrückte ist, es gibt eine Vielfalt von Lösungsoptionen – es gibt aber eigentlich keinen Grund zu verharren und die Verluste hinzunehmen, die uns drohen.

 

Aufmacherbild: Mit einer Projektion in der Hamburger Speicherstadt zeigt die Umweltorganisation Greenpeace an, wie hoch das Wasser bis Ende des Jahrhunderts steigen könnte. Foto: Daniel Müller / Greenpeace

 

Svenja Beller

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