Werbung11.Jun 2019

Weniger Plastik bei Rewe: Prahlen auf tiefem Niveau

Weniger Plastik bei Rewe: Prahlen auf tiefem Niveau

Alle wollen mitschwimmen auf der großen Ökowelle. Nun schaltet Rewe, Deutschlands zweitgrößter Lebensmitteleinzelhändler, Anzeigen mit dem Slogan „Endlich unverpackt“. Zu früh geworben, finden wir, und kontern mit einer Gegenanzeige.

Die Rewe-Anzeige, die in zahlreichen Zeitschriften erschien, zeigt drei Gemüsesorten der hauseigenen Bio-Linie, links in Plastik verschweißt, rechts unverhüllt auf rustikalem Packpapieruntergrund. Zu sehen sind zwei Fenchelknollen, „jetzt mit Banderole anstelle Plastikverpackung“, zwei Salatgurken, „jetzt mit Sticker anstelle Plastikverpackung“, zwei Süßkartoffen, „jetzt mit Natural Branding anstelle Plastikverpackung“. Wow! Juhu!

„Wow!“ und „Juhu!“ – diese Freudenausrufe stehen auf der Rewe-Website in grünen Sprechblasen neben dem Gemüse, das „die Hüllen fallen“ ließ. Damit es keine Missverständnisse gibt: Wir finden es natürlich toll, dass es bei Rewe Obst und Gemüse jetzt „mit immer weniger Plastik“ gibt. Wir finden aber auch: Zu früh geworben! Dem Kölner Konzern würde in punkto Umweltschutz etwas mehr Bescheidenheit gut anstehen, sonst riecht die Sache allzu sehr nach Greenwashing.

Denn beim Besuch eines Hamburger Rewe-Marktes fällt sofort ins Auge, dass der „Immer weniger Plastik“-Claim relativ zu sehen ist: Großflächig schillert und knistert dort die Obst- und Gemüseabteilung in Folie. Gleich am Eingang steht neben den frischen Erdbeeren ein Wühlkorb voller Sprühsahnedosen, dahinter eine offene Kühltruhe mit „Rewe To Go“-Produkten: vorgeschnittene Melonenhäppchen, Granatapfelkerne und Kokosnussstückchen in Kunststoffschalen mit Folienverschluss, teils mit Plastikgäbelchen in einem abgetrennten Fach. Außerdem gibt es geschälten eingeschweißten Spargel, Cherry-Tomaten von „Rewe Beste Wahl“ im stabilen Kunststoffeimerchen mit Tragegriff, „Amalfi-Zitronen“ im Zweierpack sowie Äpfel aus dem Alten Land vor den Toren Hamburgs in Plastiktüten. Und: Selbst in der Bio-Abteilung, für die die Anzeige wirbt, ändert sich das Bild nicht.

Konventionelle Supermärkte haben das Problem, dass unverpackte Bioprodukte an der Kasse als billigere Standardware durchgehen könnten. Weil weniger Bio- als konventionelle Ware verkauft werde, hieß es bisher zur Erklärung, sei es sinnvoller, das teurere Ökoobst und -gemüse durch Verpackung kenntlich zu machen. Für umweltbewusste Kunden ist es Ärgernis und Dilemma zugleich, dass ausgerechnet ökologische Ware oft so unökologisch verpackt daherkommt. Schon 2016 erklärte deshalb Daniela Büchel, im Rewe-Vorstand für Personal und Nachhaltigkeit zuständig, dem Greenpeace Magazin, man nehme die Sache „sehr, sehr ernst“ und ersetze etwa „das Gurkenkondom durch Banderolen“.

Seitdem sind drei Jahre vergangen, und tatsächlich: das Gurkenkondom ist bei Rewe Geschichte, der Gurkensticker ist da. Dass darüber hinaus aber nicht viel mehr als Bio-Fenchel und Bio-Süßkartoffeln innovativ gekennzeichnet sind, erscheint uns als Ergebnis etwas dürftig. Denn weiterhin gibt es in Plastik eingeschweißte Bio-Möhren, -Pastinaken, -Brokkoli, -Paprika, -Tomaten, -Champignons, -Salate und -Kiwis. Hinzu kommen Bio-Kartoffeln, -Zwiebeln und (einzeln verpackte) Bio-Knoblauchknollen, die in Kunstoffnetze mit bedruckten Plastikmanschetten und -Schildern gehüllt sind.

Stolz ist man bei Rewe auf die wasch- und wiederverwendbaren Kunststoffsäckchen (2016 sprach Frau Büchel noch von Biobaumwollsäckchen), die in der Obst- und Gemüseabteilung für 99 Cent erhältlich sind – obwohl unklar bleibt, wozu man sie braucht, wenn alles eh schon verpackt ist. Kurzum: Wer bei Rewe Frisches einkauft, braucht zu Hause noch mehr Plastik – nämlich viele Gelbe Säcke. In den anderen Abteilungen, ob Fleisch, Käse, Wurst oder Fertiggerichte, ist die Lage ja nicht besser.

Im Internet berichtet Rewe von einem Pilotversuch in 630 süddeutschen Rewe- und Nahkaufmärkten, wo umweltfreundlichere Kennzeichnungs- und Verpackungslösungen getestet werden. Und: Bis Ende 2030 sollen alle Eigenmarken umweltfreundlicher verpackt sein. Bis 2030? Solche Zeiträume erinnern an Atom- oder Kohleausstiege. Mag sein, dass es schwierig ist, in einem Konzern mit 3300 Filialen bundesweit Innovationen durchzusetzen. Aber muss man denn kleine Erfölgchen wie die Einführung eingebrannter Bio-Label bei Süßkartoffeln gleich so hinausposaunen?

Die Verbraucherzentralen veröffentlichten im Mai ernüchternde Zahlen, die sie durch Stichproben in 42 Filialen der wichtigsten acht Lebensmittelketten ermittelt haben. Beinahe zwei Drittel der angebotenen – konventionellen – Tomaten, Gurken, Möhren, Paprika und Äpfel waren in Kunststoff verpackt, und „häufig sind Waren ohne Plastik sogar teurer“. Besonders schlecht schnitten die Discounter ab, mit „Plastikquoten“ zwischen 81 Prozent (Penny) und 67 Prozent (Lidl). Aber auch bei Rewe waren noch 58 Prozent der Gemüseangebote in Folien gehüllt. Am besten stand in dieser Untersuchung die Konkurrenz von Edeka da, mit immer noch 48 Prozent verpackten Angeboten.

Übrigens gibt es in der Einkaufsstraße mit dem Rewe-Markt, in dem wir die Produkte für unsere neu fotografierte Rewe-„Keine Anzeige“ gekauft haben, auch zwei Bio-Supermärkte. Sie haben Frischeabteilungen, die zwar nicht komplett kunststofffrei sind, in denen Plastik aber eher die Ausnahme ist. Außerdem ist gleich um die Ecke dienstags und freitags Wochenmarkt. Dort gibt es alles unverpackt – geschützt nur durch die natürliche, zu hundert Prozent abbaubare Kartoffel-, Gurken- oder Paprikaschale. Schlaue Marktbesucher bringen Körbe und Taschen selbst mit. Es ist also nicht so, dass man als Kunde keine Wahl hätte.

Unser Vorschlag an Rewe: Luchst der Bio- und Wochenmarktkonkurrenz mit eurer Anzeigenmacht gern im Jahr 2030 ein paar Kunden ab, sofern ihr dann wirklich plastikfrei und umweltfreundlich seid. Oder stellt schneller um – dann gern auch früher!

In jedem Greenpeace Magazin zeigen wir auf der letzten Seite eine Fake-Werbeanzeige. Die neue Ausgabe „Neues Essen“ erhalten Sie ab sofort im Warenhaus, ab dem 14. Juni am Kiosk oder ab 32,50 Euro im Abo. Sie können das Greenpeace Magazin auch in unserer digitalen Version lesen: mit allen Inhalten der Print-Ausgabe, optimiert für Tablet und Smartphone. Viel Inspiration beim Schmökern, Schauen und Teilen!

Drucken
Klimaanpassung – 5.19
Das hat Sie interessiert?Dann sollten Sie erst mal unser Magazin sehen!
Das Greenpeace Magazin gibt es nicht nur im Netz, sondern auch gedruckt und auf dem Tablet für  iOS und  Android. Es erscheint alle zwei Monate und widmet sich den Nachrichten, die wirklich zählen: Das Thema heißt Zukunft und gesucht wird nach neuen Lösungen, kreativen Auswegen und positiven Signalen. Jetzt neu am Kiosk, im App Store und im Abo.

Wöchentlichen Newsletter bestellen?

Hier klicken! Jede Woche der ganz besondere Blick auf aktuelle Umweltereignisse – direkt ins Postfach